nina.anin 14.03.2012, 10:23 Uhr 0 0

Ketten der Heimat

Ich sehe sie heute noch in der Zollkabine stehen. Ihre Stimme zittert, als der Mann nach mir greift, mir meine Jacke abstreift.

Naher Osten. Später wird meine Mutter sagen, ich sei zu jung gewesen, um zu verstehen, was uns trieb. Sie wird sagen, die Fassung zu wahren, war alles, was ihr blieb. Damit ich wenigstens etwas in Händen hielt, band sie alles, was sie empfand an eine Kette. Eine feine, goldene Kette, verziert mit einem Brillanten in einer Ecke. Sie war es, die mich an diese Kette band, während der Brillant für den Tag meiner Geburt stand. Für jenen schwülen, heißen Julitag, an dem ich zum ersten Mal auf ihrer Brust lag und eine sanfte Brise uns bedeckte und mir damit meinen Namen schenkte.

Es war die Nacht, bevor es uns aus unserer Heimat trieb. Ich wünschte, ich hätte sie klarer in Erinnerung, jene Nacht, die ich einfach verschlief. Doch trotz ihres Gewichts wirft sie nur Schatten ungeachtet des fehlenden Lichts.

Rot. Auch das Verschwinden meines Vaters zuvor wirft mehr Schatten als Licht, kam für mich aus dem Nichts. Zumindest erinnere ich mich nicht. Für mich schien alles ganz alltäglich. Bis er mich eines morgens nicht mehr weckte. Ich wußte nicht, was dahintersteckte. Meine Familie schwieg, während mein Vater mit meinem Bruder über Berge stieg. Ich verlor über Nacht alles, was mich hielt, weil man mich von allem fernhielt, aus Angst, dass man mich festhielt. Es war meine Mutter, die uns versteckte, während der Rest der Familie uns deckte. Da war kein Band mehr, das hielt. Ich wurde ein unruhiges Kind.

Zum ersten Mal erlebte ich, wie es ist, wenn das Leben einem schlagartig alles nimmt, nur einen Haufen Fragen bringt, und dass es selten nach Abschieden sinnt.

Ich höre heute noch den Hall. Lausche dem Schall. Gleich kommt der nächste Tritt im Gleichschritt. Wieder nur Schritte, Tritte. Dazwischen eine leise gewimmerte Bitte. Mein Herz pocht, als es an der Tür klopft. Ein kurzer Blick auf ein scheinbar schlafendes Kind. Die Tür schließt sich, Dunkelheit legt sich. Ich weiß nicht, was geschehen ist. Mama, ich rief nicht. Aber ich schlief nicht.

Zwischenstück. Keiner erklärte mir, was mit mir und meiner Mutter geschah. Der Morgen trug noch die Farben der tiefschwarzen Nacht. Ich war ein kleines, sechsjähriges Mädchen, das alles mit ansah. Nichts begriff, nichts verstand, die Mutter mit dem Koffer in der Hand. Sie hatte mich gewarnt, ermahnt. Redete am Morgen, als sie mich unsanft weckte, mich umringt von der Familie in das Auto steckte, auf mich ein. Achtsam sollte ich sein. Im Auto blieb ich stumm. Blickte mich nur einmal um. Warf einen letzten Blick auf meine einstige Zuflucht, unterwegs in irgendeine Zukunft. Der Blick blieb kleben, ich ließ ihn liegen.

Ich fühlte nur noch die Hitze, die sich durch meinen Pullover schwitzte.

Ich sehe sie heute noch in der Zollkabine stehen. Ihre Stimme zittert, als der Mann nach mir greift, mir meine Jacke abstreift. Sie nimmt ihren Ring vom Finger, ergreift meine und treibt mich dann zur Eile. Es ist spät, der Flieger steht. Ich will nicht hinein. Flugzeuge sind nicht winzig klein.

Weiß. Ich fiel im Flieger in tiefen Schlaf. Suchte in ihm Trost, den ich nicht fand, bis mein Vater wieder vor mir stand.

Im Westen. Ich schaue MTV. Wie gefesselt starre ich auf den Mann in der roten Lederjacke, der scheinbar mühelos seinen Weg von der Billiardhalle zum Kampf nimmt. Einen Kampf im ungestümen Es-Moll Beat, Tapping im Anschlag, überrascht die Harmonien, lässt sie erzittern unter jedem neuen, klaren Hieb.

Plötzlich erkenne ich, wonach meine Eltern strebten, was sie trieb. Das bewusste Entscheiden, wie die eigene Zukunft aussieht. Die Freiheit, die in meinen Händen liegt.

Grün. Ich starre auf meine Hände hinab. Da liegt alles, was mir von meiner Heimat blieb.

Ich weiß, es ist die Zukunft, die zählt.

Aber der Brillant im Anhänger fehlt.


Tags: Flucht, Ketten
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