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Fellow Creature, Berlin
Bürgerlicher Name: Alister Peter Whitehead
Dort trifft man ihn: Helmholtzplatz, Prenzlauer Berg
In Prenzlauer Berg kennen ihn alle: den Mann mit dem Turban, der immer so nett grüßt und ganz Berlin schon gefragt hat: »How are you, darling?« »Fellow Creature« nennt er sich: Kumpel und Kreatur. Gespräche mit Creature sind, äh, anstrengend: Er springt gedanklich gern, verwendet ein lustiges deutsch-englisches Kauderwelsch und gibt Antworten auf Fragen, die nie gestellt wurden. Was man in so einem Gespräch erfährt: Creature kam vor zwanzig Jahren aus England nach Berlin. Er cremt sich jeden Tag das Gesicht ein. Deswegen sieht Creature so jung aus, obwohl er schon 62 ist. Creature raucht, trinkt und kifft, aber Drogen hasst er. Creature wohnt zur Zeit mit seinem Adoptivsohn Sunshine zusammen. Natürlich hat er Sunshine nicht richtig adoptiert, nur emotional, versteht sich. Die beiden machen Musik zusammen. Was Creature sonst den lieben langen Tag so treibt? Hallo sagen, Leute ansprechen, reden. Lieblingsgrüßgebiet: Berlin, Prenzlauer Berg, Helmholtzplatz. Creatures Mission: »Die Leute brauchen Liebe - und ich bringe ihnen Liebe. Nicht wie du aussiehst, zählt, sondern was du fühlst. Gefühle sind wichtig. Ohne Gefühle bist du nichts.« Einmal haben Skinheads Creature verprügelt. Creature sagt: »Ich hasse sie. Aber tolerance is my art.« Und Creature kämpft für die Rechte der Frauen - »wenn die das wollen.« Am Ende des Gesprächs sagt Creature den unglaublichen Satz: »The women love me, but they hate me.« Selten hat jemand das Frauen- Männer-Ding so welterfahren-weise auf den Punkt gebracht. Juliane Gringer

Crazy Chong, Frankfurt
Bürgerlicher Name: Lert Trakuldit
Dort trifft man ihn: Flohmarkt am Mainufer
Chong nennt es »Freestyle Rock 'n' Roll«. Der geht so: Man stöpselt eine alte E-Gitarre in einen billigen Kaufhausverstärker. Mit schrillen Yeehaa- Lauten schreit man sich mehrere Minuten lang in Ekstase. Dann der komplizierte Höhepunkt: ein elastischer Sprung auf die Knie, während das Instrument in die Höhe gerissen, »Wild Thing« gebrüllt und ein wahlloser Akkord gezerrt werden muss. Wahlweise geht auch ein inbrünstig gekrächztes »Aiaiaiaiai I like that deppodu yööho everybody «. Gekonnter Gesang und versiertes Gitarrenspiel sind beim Freestyle Rock ?n? Roll eher hinderlich. Crazy Chong ist Thailänder und hat den »Freestyle Rock ?n? Roll« nach eigener Angabe in den 70er Jahren erfunden. Er macht das gerne noch mal vor: Er springt in die Luft. Er jault »Hey Joe« zu den Takten von »Hey Jude«. Er kreischt »I can?t get no satisfaction like a rolling stone«. Nichts passt zusammen. »Sonst«, sagt Chong, »wäre es ja keine Kunst.« Das Wichtigste beim »Freestyle Rock ?n? Roll« sei die Energie, die vom Interpreten auf den Zuschauer übertragen werde, erklärt der Thailänder. Er ist Buddhist. Das mit der Energieübertragung hat er drauf: Das Publikum ist euphorisch. Vorsichtshalber hält es einen Sicherheitsabstand ein. Als Chong vor dreißig Jahren per Anhalter nach Frankfurt kam, wollte er Abenteuer erleben. Dann entdeckte er den Flohmarkt als ideale Plattform. Fast jede Woche tritt er hier auf. Lieber spielt er nur auf Hochzeiten. Sandra Danicke

Funky Taurus, Hannover
Bürgerlicher Name: keine Angabe
Dort trifft man sie: Hannover-Zentrum
Sie schillert neonbunt im tristen Grau Hannovers, obwohl sie eigentlich unentdeckt bleiben will. Funky Taurus bewegt sich durch die Stadt wie eine Geheimagentin, die Karneval feiert. Überall trifft man sie: am Airport, am Bahnhof, beim Essen, Funky überall. »Die Leute fragen mich immer: ?Funky, was treibst du eigentlich??« Ja, was eigentlich? Gar nicht so leicht, den Menschen das zu erklären. Musik ist ihr Ding. Mode auch. Fernsehen, logisch, und das ganze Business drum herum. Für die Scorpions hat sie mal gejobbt. Klar, Hannover-Connection. Heute stünden ihr aber eher »funkige Pimps wie der Musiker George Clinton« nahe. Business nennt Funky das, nicht Arbeit. Funky reißt auch keine Witze, sie »crackt jokes«. Sie landet nicht am Flughafen, sondern am Air port. Die Frau ist international aufgestellt. Wenn sie vom Business abschalten will, geht sie ins »3Raum«, der Bar am Theater. Dort sieht man sie zwei Dinge tun: Wasser trinken und tanzen. Überhaupt tanzt Funky auf jeder Hochzeit. Ihre Hüte entwirft sie zum Beispiel selbst. Die Kollektion erschien in Paris, der Diskretion wegen unter anderem Namen. Von ihrem eigenen Musiklabel will Funky später leben, aber jetzt stünde erst mal ein Projekt für die chinesische Regierung an. Und regelmäßig schwimmen geht sie. Das funktioniere trotz der sperrigen Fingernägel. Die bedürfen übrigens besonderer Pflege. Drei Tage braucht sie zum Lackieren. So lange muss das Business warten. Jonas Grashey

Hotpants-Boys, München
Bürgerlicher Name: Stefan und Christian Öhlschläger.
Dort trifft man sie: in Bus und Tram, in Schwabing
München ist ja die Stadt der Nackerten, und dass da im Sommer zwei Typen mit ultrakurzen Hotpants zu blonden Rauschgoldlocken durch die Gegend spazieren - ja mei. Auch die Kuhlederpumps auf der Maximilianstraße - jeder, wie er?s mag. Wenn diese beiden Jungs dann aber ein paar Monate später, im tief verschneiten bayerischen Dezember, immer noch in kurzen Neon-Höschen an der Bushaltestelle stehen, da fragt man sich schon. Warum ist denen nicht kalt? Und was soll eigentlich das Pink? Und wieso streiten die immer, wenn man sie trifft? Und warum in Herrgotts Namen trifft man diese Typen überhaupt andauernd? Wir haben mal nachgefragt. Bei Christian und Stefan, so heißen die Boys. Also: Kalt ist ihnen nicht, weil sie schon immer kurze Hosen tragen, damit jeder ihre hübschen Beine sehen kann. Pink ist ihnen genauso lieb wie Neongrün, Hauptsache im Doppelpack, schließlich sind sie eineiige Zwillinge, und grelle Farben fallen auf. Und Streiten? Nee. Stimmt doch gar nicht. Nur der Christian, der hat halt oft schlechte Laune. Nee, der Stefan ist ein Grantler. Nee, der Christian, der organisiert die Tage immer falsch. Tage organisieren heißt für Stefan und Christian, mit Bus und Tram durch die Gegend zu fahren und zu genießen, dass die Leute gucken - und sie jeder andauernd trifft. Schließlich haben sie schöne Beine zu präsentieren. Nicht so dicke wie die Nackerten im Englischen Garten. Da hört sogar ihre Toleranz auf. Vera Schroeder

Schrotti, Köln
Bürgerlicher Name: Udo Scharnitzki
Dort trifft man ihn: am Rheinufer, Nähe Hohenzollernbrücke
»Wenn du nur Gitarre spielst, interessiert das keinen«, wusste Udo Scharnitzki schon vor 25 Jahren und baute: die Musikmaschine, jenes Instrumentenmonstrum, das sein Leben verändern sollte: ein riesiger, an Lego-Technik erinnernder Apparat aus Kabel, Holz und Draht, in dem aus dem Kölner Udo Scharnitzki am Wochenende Schrotti, der Schlagerkönig, wird. Scharnitzki hat eine LED-Leiste montiert, über der sein Künstlername blinkt. Aus einem Opel Manta hat er einen Scheibenwischermotor ausgebaut, der einen Esslöffel metronomartig über Metall treibt. Er hat die Stoffpuppe »Sir Jens« auf eine drehende Scheibe gesetzt, wo sie rotiert, wenn Schrotti »Sieben Fässer Wein« von Roland Kaiser oder »Adelheid, schenk mir einen Gartenzwerg« singt. Die Touristen am Rheinufer machen dann Fotos und werfen Münzen in die Kiste, die mit einem Tonband verkabelt ist: Bei jedem Geldstück macht es Bumm, Klirr oder Rums. Schrotti tritt den Orgelbass hart und kalauert, bis die Leute lachen. Dafür macht er die Show, sagt er, für die positiven Menschen um ihn herum. Wenn es Zeit für den Feierabend wird, baut er die Maschine zusammen und tuckert mit gerade mal sechs Kilometern pro Stunde nach Hause - genau so langsam, dass der TÜV das Gefährt nicht stilllegt. Daheim, ohne das Publikum vom Rheinufer, setzt Schrotti sich oft noch mal an die Maschine in der Garage und hämmert die Hits durch: »Bis die Power auf null geht.« Philip Faigle

Der Kommunist, Dresden
Bürgerlicher Name: Hans-Jürgen Westphal
Dort trifft man ihn: Prager Straße, Fußgängerzone
Seine Zone liegt ausgerechnet vor den Türen von Karstadt. Tütenträger eilen stumm vorbei. Kein guter Ort für Konsumkritik. Doch genau hier auf Dresdens Prager Straße, mitten im deutschen Fußgängerzoneneinheitsbrei, behauptet Hans-Jürgen Westphal sein letztes Fleckchen DDR. Weil früher nämlich doch alles besser war. Und das mit dem Mauerfall ein Riesenirrtum. Jeden Tag zwischen 10 und 14 Uhr steht Dresdens Langzeitkommunist in der Fußgängerzone und will die Menschen vom Geldausgeben abhalten - seit dem 3. Oktober 1990, »dem Tag, als mein Vaterland geraubt wurde«, sagt Westphal. Sein Gegner: der Staat. Seine Waffe: kommunistische Literatur, die er hartnäckig an preist. Die Abhandlungen über die Vorzüge des Kommunismus garniert Westphal mit weltläufigem Intellekt: Er zitiert Marx, die Bibel oder Goethe, was gerade passt. Reiseführer erwähnen den Genossen mit der Hammer und- Sichel-Fahne, die Passanten grüßen ihn, und wer stehen bleibt, bekommt das Manifest aufs Ohr. »Welcher Klasse gehören Sie an?«, will Westphal wissen. Weniger als dreißig Sekunden braucht er dann, um jemanden, der sich gerade eine High-End-Espressomaschine gekauft hat, zum unterdrückten Proletarier zu machen. Noch ein, zwei Zettel mit Texten und Karikaturen in die Hand, und die Revolution ist nicht mehr weit. Vorher kurz die Espresso maschine heimtragen und dann geht?s los. »Hasta la victoria siempre!« Martin Machowecz

Der Schotte, Hamburg
Bürgerlicher Name: Fred Suelflow.
Dort trifft man ihn: St.Georg
Er sagt, seine Finger kennen alle. Sie waren schon auf dem Cover des »Stern«, hielten Füller auf Plakaten oder drückten Zahnpastatuben aus. Er sei »Deutschlands bekanntestes Handmodel«, sagt Fred über Fred. Doch nur die Hamburger kommen in den Genuss seiner Galauniform, wenn er in die Oper, ins Theater oder zu einer Fetischparty geht: Springerstiefel, Kilt, Orden an der Brust und eine russische Offiziersmütze auf dem Kopf. Betritt er die S-Bahn, herrscht augenblicklich Totenstille. »Herrlich!«, seufzt Fred dann. Manchmal hört er sie tuscheln, die Leute: »Gestern trug er noch den venezianischen Gehrock, heute also Armylook. « Nachdem sein Lebenspartner an Aids gestorben ist und er selbst eine Zeit lang glaubte, die Krankheit zu haben, sei er ein Narzisst und Selbstdarsteller geworden. Die Mütze hat er kurz nach der Wende von einem sowjetischen General geschenkt bekommen, den er kennen lernte, als er im Berliner KDW als Moderator an einem Kosmetikstand gearbeitet hat. Fred und der General - das ist die Geschichte einer Affäre, an deren Ende diese Mütze stand, das Abschiedsgeschenk des Generals. Den Kilt (Muster des Stewart-Clans, sagt Fred), angefertigt von Prinz Charles Schneider, hat er beim Preisausschreiben gewonnen. Fred Suelflow ist nämlich auch der Preisausschreiben-König Deutschlands. 737 habe er schon gewonnen. Sein Geheimnis: Er benutzt immer denselben Briefkasten in St. Georg, seinem Kiez. Zum Dank für die vielen Gewinne wäscht er ihn ein paarmal im Jahr. Benjamin Prüfer

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