lavish 27.12.2010, 11:11 Uhr 12 14

Katenkamp

Hoch die Tassen, wir trinken auf's Christkind.

Schwerfällig schlurft die Straßenbahn durch den Schnee. Binnenseen aus salzigem und getautem Modder schwappen je nach Kurvenlage durch die Bahn und umspülen die Füße der Fahrgäste, die gerade aus der Kirche kommen oder zur Bescherung fahren oder schon damit durch sind. Wir verlassen den plötzlich wie ausgestorben wirkenden Innenstadtbereich und nähern uns dem "sozialen Brennpunkt", wo sich die Klinik befindet, in der mir am "Heiligen Abend" und der darauf folgenden Nacht turbulente Schichten winken.
Wir rumpeln vorbei an illuminierten Fenstern, hinter denen die klassischen drei "F's" der Weihnacht die Vorherrschaft übernommen haben: Familienzwist, Fett und Feuer.
Zwei Löschzüge rasen vorbei.

An der nächsten Haltestelle steigt eine dreiköpfige Familie nebst großem puscheligen Schäferhund ein. Der Mann ist rotgesichtig, deutlich angetrunken und offenkundig bester Stimmung. Strahlend wankt er Richtung Sitzplatz, seine Jeans ist speckig, die Schuhe für diese Jahreszeit deutlich ungeeignet und dementsprechend durchtränkt. Die Frau wirkt eher geduckt und weniger gut gelaunt, sie nimmt sofort Platz und der Hund tut es ihr gleich.
Der pubertierende Sohn steckt in einem etwas zu großen Anzug und einem blütenweißen Hemd und spielt sich mit seiner blondierten Rockstar-Frisur auf wie ein zugekokster Robbie Williams. Beeindruckend ist die Gangart und überhaupt sämtliche Bewegungsabläufe des Jungen - sie gleichen 1:1 denen des Vaters, etwas schlenkernd und unkoordiniert.
Der Fahrkartenautomat zieht den Heranwachsenden sofort in seinen Bann. Mittels Touchscreen kann der zahlungswillige Fahrgast die benötigte Anzahl Fahrkarten aus dem großen Sortiment anwählen und in bar oder per Karte zahlen und der Junge simuliert einen Großkauf an Tickets für das Gesamtnetz und amüsiert sich gröhlend über den zustandegekommenen Preis von sage und schreibe vierundfünfzig Euro und vierzig Cent, "ey, geil, guck ma!"
Und gleich nochmal, hui, das darf nicht wahr sein, sage und schreibe die gleiche Summe wie eben, geil! Graf Zahl ist völlig aus dem Häuschen.
Da will Vati nicht zurück stecken. Er und sein Sohn sind offenbar die besten Kumpels, die es gibt, Vati springt torkelnd auf, hält sich an der Sitzlehne fest und spielt glasigen Blickes mit. Das ist ja immer das Schönste an Weihnachten, wenn die Eltern mitspielen, weil sie endlich mal Zeit dafür haben, herrlich.
Skeptischen Blickes guckt sich die Frau die enthusiastischen Männer an, der Hund legt die Schnauze auf ihren Knien ab. Er guckt, als würde er sich fremdschämen, als wüsste er, dass es jetzt gleich furchtbar peinlich wird.

Weil Graf Zahl nun schon zum Zuge gekommen war, verlassen sie die aufregende Welt der Ziffern und wenden sich dem geschriebenen Wort zu.
Die Sprachauswahl des Fahrkartenautomaten bietet neben deutsch auch noch englisch und französisch an. Weil die Herren das offensichtlich schon können, probieren sie heute mal etwas ganz Exotisches aus und drücken auf "türkisch".
Die Fahrkartenauswahl nebst Preisen erscheint nun auf türkisch. Gröhlendes Gelächter. Und weil sie diese Sprache nicht verstehen, darf der Sohn nochmal auf die vermeintlich richtige Taste drücken, um die Anzahl der benötigten Fahrkarten zu bestimmen und pling! wieder vierundfünfzig Euro und vierzig Cent!
Das gibts doch gar nicht! Und das auf türkisch! Geil!
Die alkoholbedingte Gangunsicherheit zwingt Vati vorerst wieder zurück auf seinen Sitzplatz und in der zurückgewonnenen Sicherheit fängt er an, in "Kanakster"-Sprache auf Graf Zahl einzureden, "hassu gesehn, Alda, dem scheißteure Ticket, Alda?" Der Sohn guckt sich beifallheischend um - kriegt jeder mit, was Vati für ein geiler Typ ist? Was der drauf hat? Wie voll lustig der ist? Es befeuert den Mann in der Annahme, dass die lautstarke Show auch für alle anderen Fahrgäste ein tierischer Spaß ist und in seinem einnehmenden Wesen quakt er einer älteren Dame "dassis dem korrekde Fahrpreis, hassdu gesehn?" inklusive Spritatem ins Gesicht und erntet dafür ein gequältes Lächeln und Fluchttendendenz. Sie steht auf, "ey, willstu schon raus, isdoch korrekt schön hier!" lädt Vati sie zum Bleiben ein, doch da geht auch schon die Tür auf und die Dame ist im Schneegestöber verschwunden.
Graf Zahl heult fast vor lachen, "korrekt schön, geil!" Der Hund fiept und schließt gequält die Augen. Vati droht einzunicken. Der Sohn spielt nochmal Fahrkartenlotto, der Enthusiasmus hat jedoch deutlich abgenommen. Es kommen ja eh immer nur vierundfünfzig Euro und vierzig Cent dabei raus, weil dieser Amöbenaugust auch stets dieselben Tasten bedient. Voll langweilig. Also setzt sich der Sohn auf seine vier Buchstaben und schafft es tatsächlich sitzen zu bleiben. Vati kämpft mit dem Schlaf und kippt fast vornüber. Die Frau schickt Stoßgebete los, "lieber Gott, wenn es dich gibt, mach, dass der in der nächsten Kurve nicht wieder vom Sitz in den Matsch fällt, Amen." Sie krault dem Hund die Ohren. Es sieht so aus, als hätte sich das bewahrheitet, was sie schon die gesamte Vorweihnachtszeit befürchtet hat - Heilig Abend wird sich der Mann anständig einen auf die Lampe gießen und entweder in der Bahn herumnerven oder Zoff anfangen. Zuhause dann betrunkene Reue, Schwüre, gelallte Liebeserklärungen, immer das gleiche.
Sie sieht ihren Sohn an. Er sieht sie an und lächelt.

Oh, die Klinik, ich muss raus, die Sozialstudie ist beendet. Vor mir gehen zwei Männer, sie schlingern auf das Mehrfamilienhaus neben dem Krankenhaus zu, in dem viele Junkies und Alkoholiker in Einzimmerappartements leben. Der eine ist so dermaßen bleich, der hat bestimmt keine einzige Erythrozyte mehr an Bord. Was an gesunder Röte fehlt, wird durch ein dezentes gelb ersetzt. Es ist wohl die Leber, denke ich.
"Darf ich mal vorbei?" frage ich die beiden und sie gehen einen Schritt zur Seite und sagen freundlich, "frohe Weihnachten!" "Oh, das wünsche ich Ihnen auch", sage ich, wir nicken uns grinsend zu und dann setzen die beiden ihr Gespräch fort. "Katenkamp hat gestern von Lehmkuhl eins in die Fresse gekriegt!" sagt der Bleiche. "Und ich hab zu Katenkamp gesagt, 'Katenkamp', sag ich ' Katenkamp, das haste aber auch verdient!' Dabei mag ich Katenkamp, obwohlern Arsch ist."

Das ist ja wohl Nächstenliebe.
Das ist Weihnachten.

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12 Antworten

Kommentare

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    In manchen Familien ist der Hund am meisten sympathisch.

    29.12.2010, 17:56 von Freydis
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    He he he...hat was vom Zwiebelzug ;)

    28.12.2010, 19:55 von topfbluemchen
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    Irgendwie bin ich gerade froh, in öffentliche Verkehrmittel erst nächstes Jahr wieder einsteigen zu müssen und geniesse gerade ein paar freie Tage. So egoistisch das auch sein mag... manche unfreiwillige miterlebte Sozialstudie mag man sich ersparen, doch wie immer schreibt Du gut und anschaulich .... ich kann mir die Szenerie lebhaft vorstellen, als ob ich dabei wäre. Wie gut, dass per Computer noch keine Gerüche übertragen werden .. ich meine die Fahne der Männer schon so zu riechen ...

    28.12.2010, 18:29 von Cyro
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    besonders wenn's auf die fresse gibt und dann auch noch jemand sagt, "das haste aber jetzt auch verdient."

    28.12.2010, 17:53 von lavish
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    Wie immer Eins-a geschrieben.
    Trotzdem: ich lass mir Weihnachten auch von dir nich vermiesen. ;-)

    28.12.2010, 14:32 von Lenulitschka
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    der autor scheint nicht oft mit der straßenbahn zu fahren. das ist business as usual.

    28.12.2010, 14:10 von Sumaikas_Erben
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      @Sumaikas_Erben ich habe vor allem grundsätzlich solche nasen mit an bord, wenn ich straßenbahn fahre.

      28.12.2010, 18:09 von lavish
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    anscheinend ist irgendeine verschissene firma mit den "amöbenaugusten" in serie gegegangen.
    arschlöcher.

    28.12.2010, 12:34 von YOLK
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