tones 30.05.2012, 15:33 Uhr 1 3

Kai-Uwe.

... oder auch alle anderen Kopfgeschüttelten, die zum Dauerkopfschütteln verleiten.

„Da wo sich's leben lässt“, proustete er mir entgegen. Und keiner wusste so recht, was er mir damit sagen wollte.

Er saß auf einem der Barhocker und hatte sich zu mir umgedreht, glotzte und stierte mich treibend erwartungsvoll an, mit einem Hasenzahnlächeln, das ihn in meinem Kopf sofort zum Kinderschänder mutieren ließ. Schweiß pullerte sintflutartig über seine Stirn und tropfte laut flatschend zu Boden, als er zu mir herübergewankt kam. Knallte sich auf den Stuhl, der lauter ächzte als er, und bohrte seine Augen erneut in die meinen.

„Irdisches Glück.“ brabbelte er, und erhob mein Bierglas. „Das einzig Wahre.“ Und ich dachte mir nur: Gibt es nicht und sagte: „Trink es nicht.“ Doch anscheinend fehlte darin jegliche Schärfe, denn er setzte an und schluckste und gluckste, sich die goldene Brühe in die Kehle. Ich machte eines meiner finsteren und bitterbösen Gesichter. Wollte ihn nicht nur mit meinem Blick an die vergilbte Toilettenzwischenwand nageln, sondern am liebsten mit Hammer, Meißel und Holzpflock, so ganz vampirokkultistisch, trivial real.

Er grinste mich zufrieden faltig an, entblößte seine Nagezähne und förderte mit einmal ein dunkel riechendes Bäuerchen hervor, so dass es mir meine Nasenhaare bis zu den Schleimhäuten zurück ätzte. Ich kam mir vor wie in einer sadistisch schlecht erzählten Erzählung von Bernemann, oder wie ein aufgespießter blauer Punkt, auf einem unbekannten Kandinsky. Wie ein drei viertel Takt in einem Death-Post-Hardcore-Trash-Gothic-Metal-Remake von 1729, das einer meiner unzähligen Lieblingsmusiker neulich bei ITunes unter der Rubrik „Mein größter Fehler“ gelistet hatte, ganz unter dem Motto: „Ich bereue nichts“. Unhörbar. Unzumutbar. Doch wissen wir doch alle: kein Mensch ist perfekt. Und das übel duftende Ungeheuer mir gegenüber erst recht nicht. Sein halbkurzes, seitengescheiteltes, blondes Haar und sein unsauber rasierter Schnäuzer, ließen ihn zu einer Mischung aus Harry Hole und einer präpopulären rassistisch menschenverachtenden geschichtlichen Gestalt fusionieren, der ich einfach nur noch ganz tugendlich in die Fresse schlagen wollte.

Und das tat ich dann auch. Wie ein Adler, von Schwingen getragen, entfernte sich Spucke aus seinem Mund und flog zeitlupenelegant davon. Eine zweite Fuhre landete auf seinem lieblingsfarbenen, grün-schwarz-schwarz-grün-kariertem Hemd, was für ihn, neben einem verlorenen Backenzahn, wohl das größte Unglück für den Abend bedeutete. Seine unerschütterliche Geistesverfassung katapultierte sich selbst von besoffen arrogant zu nachdenklich. Zu besoffen arrogant. Er schwafelte und palaverte über seinen Traum vom Glück, dass er ja total bescheiden wäre und gerne schmerzlos sterben würde. Ich vervollständigte seine Lebensliste mit: Lieblingsbeschäftigung: dumm sein und der (un)natürlichen Gabe, einen tierisch auf den Sack zu gehen! Und wünschte ihm einen Tod à la Saw an den Hals. Dem:

Kai-Uwe also. Das stellte sich heraus, als er nach dem Nachbarstischbier gegriffen, und jenes dem gelackten Anzugträger ins Gesicht geschüttet hatte. Mit Anlauf und volles Rohr. Jimmy hatte gerufen: „Kai-Uwe! Freundchen! So kenn ich dich gar nicht! Halt endlich die Fresse und geh mal lieber kräftig kacken.“ Und Kai-Uwe hatte sich umgedreht. Jimmy, den tierisch irischen Barkeeper ganz verdattert angestarrt und nur noch parkinsonverschnittig genickt. Geknickt schlurfte er in Richtung Toilette. Und dann brachte er doch noch eine konfundiert-intellektuelle Denkwürdigkeit über seine Zunge, lallte und spuckte etwas zu recht, das klang wie: „Man selbst kennt sich immer am besten, doch kennt man sich selbst nie gut genug.“

Genau, dachte ich. Genau. Und dann kotzte Kai-Uwe mir vor die Füße.

 

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Kommentare

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    Applaus & Prost :)

    31.05.2012, 07:10 von Mrs.McH
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  • Auffällig unauffällig

    Spezielle Schminktechniken sollen Gesichtserkennungssoftwares überlisten. Doch wie unsichtbar macht dieses sichtbare Make-Up wirklich?

  • Wie siehst du das, Heinrich Holtgreve?

    Jeden Mittwoch interviewen wir NEON-Fotografen. Auf unsere 10 Fragen dürfen sie uns nur mit Bildern antworten.

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    Und, wie war dein Wochenende so? Jede Woche fotografiert ein NEON-Redakteur sein Wochenende mit dem Handy. Diesmal: Online-Redakteurin Miriam.

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