kerstin_kullmann 17.01.2008, 15:33 Uhr 0 6

Jung, weiblich, erfolglos

Frauen haben die besseren Abschlüsse und studieren schneller als Männer. Trotzdem sind nur 8% der Positionen im oberen Management mit Frauen besetzt.

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rau Anton, wie kann das sein? Die wenigsten Frauen setzen sich berufliche Ziele. Sie ruhen sich zu lange darauf aus, einen Job ergattert zu haben. Ihnen ist wichtig, dass eine nette Arbeitsatmosphäre herrscht und die Kollegen nett sind. Und natürlich, dass sie sich mit ihrem Job identifizieren können.

Karrieretechnisch ist das zu wenig? Ja, das sind softe Gründe. Wichtig ist, dass man sich immer wieder überlegt: Was habe ich in einem, was in fünf Jahren erreicht? Wo will ich in zehn Jahren sein?

Und darin sind Männer besser? Ja. Intelligenz mit Fleiß zu verbinden, ist dagegen ganz klar eine Fraueneigenschaft. Das muss man in den ersten Berufsjahren paaren mit Zielstrebigkeit, mit dem Wunsch voranzukommen. Klar kann man sagen: »So bin ich nicht, ich will keine Ellen bogen ausfahren.« Männer tun das aber in genau diesen Jahren.

Angeblich gibt es doch immer mehr »Alphamädchen «, die einen neuen Feminismus ausrufen ? einen, der von Pragmatismus und nicht von Ideologie geprägt ist. Das neue Selbstbewusstsein dieser Alphamädchen, von denen man in letzter Zeit liest, finde ich gut. Nur wird dabei nie über die kritischen Jahre der Karrierebiografie von Frauen gesprochen. Über den Knick, der ein paar Jahre nach dem Berufseinstieg kommt. Man muss die Alphamädchen warnen: Verlasst euch nicht darauf, dass heute alles gleichberechtigt funktioniert. Anzunehmen, dass man aufgrund eines besseren Studienabschlusses bessere Chancen hat als ein Mann, ist naiv.

Wahrscheinlich geht es Frauen seltener ums bloße Vorankommen als Männern. Bloßes Machtstreben gilt als hirnlos. Wenn eine Frau nach genauem Überlegen entscheidet, mir gefällt es gut, wo ich gerade bin, ich will keine Karriere machen, dann ist das ja in Ordnung. Aber dass es Frauen nicht ums Vorankommen geht, würde ich abstreiten. In Wahrheit ärgert es jeden, wenn andere an einem vorbeiziehen. Nur ist Machtstreben unter vielen Frauen tatsächlich noch immer ein schlimmes Wort.

Was sind die Kardinalfehler von Frauen in den ersten Berufsjahren? Sie schleppen in die Arbeit immer noch zu viel Mädchenhaftes. Sie wollen belohnt werden und warten, bis jemand auf ihre Leistungen aufmerksam wird. Am Ende bekommen aber die Jungs mit der besseren Eigen-PR den Job. Man merkt das nicht in den ersten Berufstagen, -wochen und -monaten. Aber wenn man mal fünf Jahre später schaut, sieht man den Unterschied.

Wie war es bei Ihnen selbst? Ich habe die ersten zehn Jahre meines Berufslebens mit sinnlosem Gerödel verbracht. Ich war immer diejenige, die alles hinkriegt ? die unmöglichsten Termine, die schwierigsten Projekte. Währenddessen sind rechts und links die Kollegen an mir vorbeimarschiert. Aus dieser ersten Fleißphase sollte man schnell herauskommen und früh eine Perspektive entwickeln.

Soziologen verwenden gern das Bild von der gläsernen Decke, um zu beschreiben, dass für Frauen auf dem Weg nach oben irgendwann Schluss ist. Wann spürt man diese Decke? Je nach Dynamik der Branche. Im Schnitt würde ich sagen, nach fünf Jahren. Oder wenn man vom ersten Job in den zweiten wechselt. Dann erfährt man seinen Marktwert: Der neue Personalreferent stuft einen ein und bietet einem ein Gehalt. Meistens möchte man ja den Job wechseln, um weiterzukommen. Wenn man dann merkt, dass das gar nicht die Fremdwahrnehmung ist, ist das ganz bitter.

Warum haben Frauen solche Schwierigkeiten, nach den ersten Berufsjahren durchzustarten? Erstens haben sie keine Vorbilder. Die Führungsebenen sind fast durchgehend von Männern besetzt. Nach wie vor sind wirklich nur acht Prozent im gehobenen Management Frauen. Was sollen sie machen? Sie orientieren sich nach unten. Betreiben Bonding mit Rangniederen, mit Sekretärinnen, Assistentinnen. Zweitens, das weiß man, bilden Männer sehr geschickte Seilschaften und Netzwerke. Jenseits davon, ob sie sich in Sitzungen streiten, ob sie sich in Konferenzen bekriegen: Sie helfen einander weiter.

Aber unter Männern gibt es doch auch Alphatiergerangel. Carly Fiorina, die ehemalige Hewlett- Packard-Chefin, hat das sehr schön beschrieben: Männer knüpfen Bündnisse ? und auch Feindschaften. Da wird mal ein Kollege drei Tage an die Wand gestellt, dann ist alles wieder gut. Mal abgesehen davon, ob das sinnlose Jungsspiele sind oder nicht: Frauen sind nach Angriffen häufig nachhaltig beleidigt. In Berufssituationen echte Konflikte auszutragen, ohne zu finden, dass das etwas mit ihnen persönlich zu tun hat, das können meiner Meinung nach viele Frauen nicht.

In Ihrem Buch benutzen Sie oft die Worte »cool« und »uncool«. Fehlt Frauen im Berufsalltag die nötige Arroganz? Ja, auch eine gewisse Coolness im Beruf ist sehr wichtig. Uncool ist es, sich schnell aus der Fassung bringen zu lassen, seine Überforderung zum Ausdruck zu bringen. Ich beobachte das oft bei Volontärinnen, die ihre Emsigkeit durch schnelles Gehen auf dem Flur demonstrieren. Diese Frauen flitzen hektisch zum Kopierer, haben?s wahnsinnig eilig zu ihrem Postfach und schon fast gar keine Zeit mehr, auf die Toilette zu gehen.

Und Männer machen das nicht? Nein, bei ihnen stelle ich das nie fest, die haben einen normalen Schritt. Frauen entwickeln oft eine unbotmäßige Hektik, die lächerlich wirkt. In Sitzungen puscheln sie sich in den Haaren, zupfen am Jackett, fuchteln herum. Ich selbst mache das auch noch hin und wieder, meine männlichen Kollegen sind da subtiler. Eine sonore Stimme, kleinere Handbewegungen. Die haben das instinktiv drauf.

Wie sind Sie selbst der Mädchenfalle entkommen? Wie haben Sie sich dieses Verhalten abtrainiert? Selbsterziehung. Ein paar Bücher gelesen, mir von guten Leuten was abgeguckt. Früher war ich viel emotionaler in Sitzungen, saß zappelnd drin und dachte: »Hoffentlich ist der bald fertig, damit ich endlich was sagen kann!« Es hilft, sich zu fragen: »Wie wirke ich? Wie komme ich rüber, wenn ich so rumzappel?«

Viele junge Frauen im Beruf eint ja der Hass auf ihren Chef. Ihr Wissen, dass sie es in Wahrheit besser könnten. Genau, und weil sie es nicht zeigen können, schalten sie auf ironische Distanz. Oder gehen in die innere Emigration. Sie verschränken im Geist die Arme und fragen sich, wie diese Idioten so weit kommen konnten. Die beliebteste Erklärung für ihr Verhalten: »Wenn man so sein muss, um an die Spitze zu kommen, dann will ich das nicht.«

Der gute Rat für Frauen lautet oft: »Mach?s genauso. Geh mit Bier trinken, fang an, die Sekretärinnen rumzuscheuchen.« Es wäre falsch, Frauen zu raten, dass sie wie Männer werden sollen. Das genaue Imitieren geht nicht. Sie sollen sich lieber abschauen, was Erfolg bringt. Ich bin überzeugt, dass man Strategien entwickeln kann, wie man Männer überholt und sie auch hinter sich lässt. Man muss nur seine guten Eigenschaften bündeln. Und die schlechten über Bord werfen. Und nie sagen: »So bin ich. Ich bin halt emotional.« Damit bringt man es zu nichts.

Was kann man sich von Männern abschauen? Das Delegieren zum Beispiel. Das machen Männer grundsätzlich besser als Frauen. Ich habe mühsam lernen müssen, meine Arbeit aus der Hand zu geben. Ich war immer der Überzeugung, dass ich es selbst am besten mache. Auf die Weise häuft man aber nur Arbeit an, die einen so erdrückt, dass man selbst die nicht mehr gut erledigen kann.

Was können Frauen besser? Sie sind besser in der Analyse. Männer denken, das sei ihre Stärke, ich glaube aber, dass das nicht so ist. Alle Frauen, mit denen ich je zusammengearbeitet habe, waren in der Analyse ? sei es von Prozessen oder der Auswertung von Gesprächen ? besser als Männer. Männer entwickeln sehr schnell einen Tunnelblick, richten den Fokus auf ein Ding und bohren dann darin rum.

Frauen sind heute, auch was ihre Karriere an - geht, wieder sehr pragmatisch. Braucht man überhaupt noch ein theoretisches Programm: den Feminismus? Auf jeden Fall. Es bringt nichts, wenn jede Frau in ihrem eigenen Universum wurschtelt. Man wirft dem Feminismus gerne Männerfeindlichkeit vor, vor allem seiner Vorreiterin Alice Schwarzer. Ich entdecke das nirgends bei ihr. Sicher ist sie der Feind bestimmter Männer. Aber das sind wir alle. Weil uns Jungsseilschaften oder Altherrenclubs auf die Nerven gehen. Völlig zu Recht. Das finden übrigens auch 22-Jährige.

Können nicht mehr Frauen endlich mal an den Punkt kommen, an dem sie sagen: »Ab jetzt alle mir nach! So, wie ich das mache, ist es richtig.« Wie utopisch ist das? Gar nicht. Aber man verändert nur etwas, wenn man auch an den entsprechenden Rädern dreht. Man kann zu Hause als freie Übersetzerin arbeiten und all seine Überzeugungen leben, aber damit verändert sich nichts in der Arbeitswelt. Nur wenn man in den großen Unternehmen und in der Politik Einfluss nimmt, dann kann man gesellschaftlich etwas verändern.

Was würden Sie heute anders machen? Was meinen Werdegang angeht, hätte ich mir die ersten zehn Jahre sparen können. Die ganze Zeit habe ich damit verbracht, mich abzurackern, und mich gefreut, immer schön gelobt zu werden. Als der Groschen fiel, war ich 38. Ich kündigte und arbeitete anschließend als Literaturagentin. Das war richtig.

Heute sind Sie selbst Programmchefin in einem Verlag. Rödeln Sie noch? Nein, ich nehme mir die Wochenenden frei. Familienväter machen das schließlich auch. Heute arbeite ich ungefähr sechzig Stunden pro Woche.

Annette Anton, 44, ist Programmleiterin des Campus Verlags. Sie steht an der Spitze in einem Berufsfeld, in dem es viele Frauen schaffen möchten. Sie sagt: »Die ersten zehn Jahre hätte ich mir sparen können.« Im vergangenen Jahr erschien ihr Buch »Raus aus der Mädchenfalle«, in dem sie erklärt, weshalb sich Frauen mit Talent und Fleiß trotzdem nicht durchsetzen.

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