acunaMatata 07.10.2006, 12:09 Uhr 66 7

Jesus, Pimp My Life!

Man ist blitzschnell dabei, es läuft ab wie eine Klassenparty, das Gefühl danach ist mulmig. Von der Aufforderung, sein Leben Gott zu widmen

Kathrin. Wir trafen uns zufällig im Zug, fünf Jahre hatten wir uns nicht mehr gesehen. Es gab viel zu sagen, an einem wolkenverhangenen Tag trafen wir uns in einem Café und redeten, befreiten alten Bilder von Staub, übermalten und fügten Neues hinzu.

Kathrin erzählte gerne von sich. Wie ein roter Faden hatte sich ihr Glaube an Gott durch ihr Leben gezogen, von der frühen Kindheit bis Heute, und nie war sie sich ihrer Sache so sicher gewesen wie jetzt.
"Die Bibel setzt Massstäbe von gut und böse, schenkt Hoffnung und gibt dem Leben einen Sinn."

Ist es nicht gefährlich, blind in ein Schriftstück zu vertrauen? Gibt man nicht irgendwie sich selbst auf, wenn man sich dem Glaube hingibt? Und was wäre Kathrins Leben heute ohne Religion?

Je länger wir diskutierten, desto weniger verstand ich sie. Meinte sie alles ernst, was sie sagte? Ihre Worte klangen, als hätte ihr eine SouffleuseText eingeflüstert. Weltfremd irgendwie. Ich nahm die Einladung für den Gottesdienst am Freitagabend an. Ich hatte nichts besseres vor, und ich war neugierig geworden. Fast unheimlich war mir ihre Hingabe, mit der sie von Gott sprach. Als wäre es wahre Liebe.

Evangelisch-Methodistische Freikirche.
Ich sehe nur Leute unter 20, die jüngsten sind um die 15 jahre alt. Um die 30 Personen stehen im Eingang des Reihenhauses, das von aussen alles vermuten lässt, aber sicherlich nicht einen improvisierten Kirchensaal. Rechts oben klebt eine riesige Orgel an der Wand, hölzerne Stühle reihen sich vor der Bühne, es gibt eine improvisierte Bar in der Ecke.
"Pimp My Life" steht auf kleinen Visitenkarten, angelehnt an die Show auf MTV, "Pimp My Ride". Musik, die jeder kennt, dröhnt aus Lautsprechern.

Eine junge Frau, die ich noch nie zuvor gesehen habe, drückt meine Hand und schaut mir lachend in die Augen. Ello steht nahe, ihr Parfüm ist süss. Sie arbeitet hinter der Bar, "ich hätte gerne noch locker mit euch gequatscht, fühlt euch aufgenommen". Es will mir nicht so recht gelingen.

Es beginnt, ein junger Mann hüpft lächelnd auf die Bühne und begrüsst uns. Er spricht in der "du" Form. "Hey, genial, dass du da bist! öffne dein Herz und lass dich von Gott berühren".
Die Band spielt einen rockig angehauchten Song, der Text ist eintach und eindeutig, alle singen mit. "You are my hero / I am so proud to believe in you / I`ll never deny it, no"
Der Sänger hebt seine Arme, der Ärmel rutscht nach hinten und entblösst eine verschnörkelte Tätowierung auf seinem Unterarm: "Jesus"

Überhapt erinnert die Veranstaltung eher an eine Party als an einen Gottesdienst, die Leute bewegen sich zur Musik. Viele heben ihre Hände Richtung Decke, ich wippe mit dem Schuh und fühle mich angestarrt. Genauso beim anschliessenden Gebet. Jeder soll sein eigenes sprechen für all jene, die ungläubig sind, oder neu hier. Ich werfe einen flüchtigen Blick nach hinten und kann es nicht glauben, als ich jede und jeden inbrünstig beten sehe, die Augen geschlossen und ein Lächeln auf den Lippen.
Wortfetzen: "Mein Held, rette sie...öffne ihre Herzen...der grösste...du bist immer da".

Soll ich mich jetzt betroffen fühlen, dankbar sein ?

Der Pfarrer ist 21, heisst Manuel und beginnt seinen Teil mit "Hey, meine Message heute ist...". Er spickt seine Sätze mit englischen Ausdrücken. Der Beamer zeigt ein Bild von einer Hauswand, die übermalt wurde, um die Sprayereien zum verschwinden zu bringen. Die weisse Fläche ist schon nicht mehr makellos, jemand hat fett einen Satz hingeschmiert, die Hand mit dem Tagmarker setzt zum Zeitpunkt der Aufnahme gerade das Ausrufezeichen:
Nur Jesus macht wirklich rein!
"wir sind eine Gruppe von Spinnern, wir ziehen unser Ding durch und sind als einzige fähig, diese Stadt zu verändern! Ich fordere euch auf, textet eure besten Messages, scheiss aufs Gesetz, die gehören an jede Hauswand, denn Jesus ist überall!" Gelächter, Beifall.

Manuel zitiert Verse aus der Bibel. Ab und zu zustimmendes Gemurmel, jemand schreit "ayeah". Kurzes Gebet folgt, er beendet es -"Ameeen"- wie ein MC, der seine Rhymes abschliesst.

Das Thema heute ist die Sündigkeit des Menschen. Am schluss wissen alle: Wir werden nie so sein, wie Gott es will. Das tut uns weh aber wir sind demütig und verstecken unsere Angst nicht vor Gott - "wir werden nicht den geilen Typen markieren vor Gott, denn er sieht in unsere Herzen" - und sollen auf die Knie fallen, wenn uns Gott berührt hat.
Saxophon und Klavier. Bin ich die Einzige, die nicht auf die Knie gefallen ist?
Nein, ganz hinten sitzen einige noch auf ihren Stühlen. Nebeneinander, als würden sie es alleine nicht aushalten.

7

Diesen Text mochten auch

66 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    ich bin auch eine der gestörten oder wie man sie nennen mag. es gab zeiten da war meine bezihung zu jesus nicht so toll, aber mittlerweile weiß ich einfach ohne ihn geht nix, ohne ihn bin ich nicht. ich les nciht täglich bibel oder geh jeden sonntag in den gottesdienst, aber in gedanken red ich immer öfter mit gott, ob jetzt beim zähne putzen, im bus, in der schule oder beim putzen. aber nciht gezwungen sondern einfach so als würde er neben mir stehen und ich was tut er auch, weil er mich liebt so sehr wie niemand anderes es tut. ich hab schon wunder erlebt, zeichen bei denen ich mir sicher bin dass sie von gott sind und trotzdem ist mein leben nicht immer toll. aber wenn es mir schlehct geht dann weiß ich dass ich nciht alleine bin und das da jemand ist der mcih trägt. vll mag es für ausenstehnde lächerlich sein, aber ich liebe jesus, er ist mein bester freund, mein retter und mein ewiger zuhörer und so vieles mehr!! :)

    danke für den artikel, er ist echt gut!

    28.04.2009, 21:14 von bleuet
    • Kommentar schreiben
  • 0

    hihi ich find den text großartig, kommt beinah ironisch daher, wie das da abläuft.. dummerweise steckt dahinter ne menge psychologische rhetorische fähigkeit, die in gewisser weise auch gefährlich sein kann, weil man mit dieser jugendlichen art ne menge menschen gewinnen kann, und über glaube und emotionen ne menge manipuliert werden kann..

    29.01.2008, 17:12 von samoainsel.
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Liebe Respect,
    offensichtlich bist du schon dermaßen verblendet, dass du nicht einmal mehr wahrnimmst, was ich geschrieben habe. Ich habe sehr ausführlich begründet, warum man den Aberglaube nicht einfach gewähren lassen darf. Er zerstört die Fundamente unserer Gesellschaft!

    Im Übrigen habe ich sehr wohl Augen im Kopf und kann beobachten. Natürlich hat das Gefühl der Fremdbestimmtheit psychologisch erstmal eine befreiende Wirkung, was die Leute ja in die Arme der religiösen Ausbeuter treibt. Aber es hindert die Religiösen eben auch daran Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Ist ja alles Gottes Schuld. Oder: Gott wird es schon richten. Oder: Gott wird die Bösen schon bestrafen. Oder: Weil ich mich nach "seinen" Worten richte komme ich in den Himmel, die anderen nicht. Und noch einige Varianten mehr. All das verhindert das Reifen der eigenen Psyche und schadet damit dem Religösen massiv selbst.

    Und nicht zuletzt hindert Religion die Menschen daran ihr Leben wirklich zu leben. Um angeblich in ein besseres Nachleben zu kommen, sollen sie ihr reales Leben nicht leben. Dies bedeutet einen massiven Verlust an Freude und Lebensqualität für die Religiösen!

    Religion ist Heroin für die verblödete Masse und wie reales Heroin zerstört es jedes Individuum, wie auch jede Gesellschaft von Innen heraus und schleichend.

    Toleranz gegenüber Religionen existiert ausschließlich aus der Erkenntnis, dass die meisten Religiösen derart verblendet sind, dass man ihnen schon den Kopf abhacken müsste, um eine Änderung zu erreichen. Und da sie dies in der Vergangenheit leider auch schon ausgiebig gegenseitig taten, hat man sich am Ende des 30jährigen Krieges darauf verständig jeden halt in sein eigenes Unglück rennen zu lassen. Nichts ist eben so unüberwindlich wie die Dummheit der Menschen. Versuchen kann man es aber zumindest trotzdem. Man ist schließlich Optimist. ;-)

    Gruß
    TST

    26.03.2007, 18:40 von TST
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Paulekn schrieb: "ist es nicht ziehmlich egal ob man an gott glaubt oder nicht? entweder man tuts oder man lässt es bleiben. manchen geht es mit glauben einfach besser - warum sollte man ihnen die stütze dann ausreden wollen?"

    Das ist eine Frage, welche mehrere Dimensionen hat. Geht es nur darum, dass es dem Einzelnen gut geht? Egal, welche Konsequenzen dies für ihn und die Gesellschaft hat? Warum legalisieren wir dann nicht einfach alle Drogen? Die Leute würden permanent ganz relaxt auf Wolke 7. schweben. Warum gönnen wir den Leuten das nicht?
    1. Weil wir wissen, dass Drogen langfristig die Person physisch wie psychisch zerstören.
    2. Weil eine Gesellschaft aus Junkies niemals funktionieren wird.

    Beide Antworten gelten genauso für Religionsjunkies. Unbeschadet der Wolke 7. auf denen einige Religionsjunkies gerade schweben, langfristig zerstört es sie psychisch und nicht wenige kommen auf den Horrortrip. Religionen verhindern einfach die Entwicklung einer eigenständigen, unabhängigen und gefestigten Psyche. Religiöse empfinden sich permanent als fremdbestimmt. Und dabei werden sie zwar nicht von einer übernatürlichen Macht fremdbestimmt, sondern von religiösen Führern jedweder Art. Ihnen werden bronzezeitlich Moralvorstellungen eingeimpft, welche diese Menschen in den modernen Gesellschaften schlicht scheitern läßt. Das macht NICHT glücklich!

    Zum anderen steht der Glaube an übernatürliche Kräfte in fundamentalem Widerspruch zu einer wissensbasierten und technisch-wissenschaftlichen Gesellschaft. Religion richtet sich also direkt gegen die Fundamente unserer modernen westlichen Gesellschaften. Gewinnt die anti-wissenschaftiche Haltung die Oberhand, dann ist es nicht nur mit unserem ganzen Wohlstand vorbei, sondern dann sind wir wieder direkt im Mittelalter, inkl. Inquisition und Hexenverbrennungen.
    Die USA braucht man sich nur anschauen. Religiöser Fanatismus an allen Ecken inkl. moderner Kreuzzüge. Religion war nämlich schon immer vorallem eines: ein Machtinstrument zur Steuerung der verblödeten Massen.

    Wer in einer liberalen Gesellschaft mit modernem Komfort und wirtschaftlichem Wohlstand leben möchte, der MUSS anti-religiös sein! Der MUSS das Denken fördern und den Aberglauben bekämpfen!

    Religion funktioniert ganz primitiv ausschließlich dadurch, dass Kleinkindern von den Erwachsenen, irgendwelche Geschichten erzählt werden und als Wahr hingestellt. Vom Weihnachtsmann, vom Osterhasen, von Gott. Kleine Kinder glauben einfach alles was ihnen von Erwachsenen erzählt wird. Sie sind Kritikunfähig. Als Erwachsene sehen sie dann zwar, dass die Geschenke die Mutter eingepackt hat und nicht der Weihnachtsmann. Aber da die Existenz eines Gottes sowieso niemals physisch erfahrbar sein soll, so glauben die Indoktrinierten einfach weiter daran. Vollkommen primitiv! Und keiner von denen fragt sich, warum er an einen Gott glaubt, aber nicht an das Flying Spaghetti Monster. Dabei kann diese "Kirche" sogar nachweisen, dass die globale Erwärmung mit dem verschwinden der Piraten zu tun hat. Ein unschlagbarer Beweis, dass Gott ein Pirat ist. ;-) Und jetzt soll hier jemand mal das Gegenteil beweisen!

    23.03.2007, 10:00 von TST
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ist es nicht ziehmlich egal ob man an gott glaubt oder nicht? entweder man tuts oder man lässt es bleiben. manchen geht es mit glauben einfach besser - warum sollte man ihnen die stütze dann ausreden wollen? manchmal bin ich echt neidisch auf diese stütze.

    und als fan von herrn k kann ich mir nicht verkneifen ihn hier zu wort kommen zu lassen:

    Die Frage, ob es einen Gott gibt
    Einer fragte Herrn K., ob es einen Gott gäbe. Herr K. sagte: "Ich rate dir, nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde. Würde es sich nichtändern, dann können wir die Frage fallenlassen. Würde es sichändern, dann kann ich dir wenigstens noch so weit behilflich sein, daß ich dir sage, du hast dich schon entschieden: Du brauchst einen Gott."

    12.01.2007, 19:20 von Paulekn
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Hey ich finde diese ganzen Jesus-Freaks auch ein bisschen beängstigend.
    Meine Bekannte war kürzlich in so einer Bibelschule, danach erzählte sie mir von Wunderheilungen usw. und sie hat alles gesehen, sie war dabei, also muss es doch wahr sein!
    Hmmm sowas macht mir Angst.
    Wenn jemand mal nette Bilder sehen möchte von solchen Gottesdiensten, Wunderheilungen und ähnlichem sollte er mal auf www.cci.org.mx gehen.

    29.12.2006, 12:59 von Arissa
    • Kommentar schreiben
  • 0

    was die da machen ist Polemik ... pure Polemik ... man sagt den Leuten was sie hören wollen, so wie sie es gern hören wollen. Und da durch die dogmatische Erziehung die so mancher "genoss" manch einer wirklich an Gott glaubt ... aber durch die kontroverse zur heutigen Gesellschaft eben doch daran zweifelt ... kommt das für manche genau richtig. Wer eben Probleme hat ob psychische oder "weltliche" und
    nicht "gefestigt" genug mit ihnen klar zu kommen, der nimmt dann gern an das es eine macht gibt die für Misslingen usw. verantwortlich ist und das natürlich auch wieder richtet.

    29.12.2006, 12:49 von jack_prince
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3 4 5 ... 7

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
13. Februar 2012

Neueste Artikel-Kommentare