Morgenrot 13.06.2008, 16:04 Uhr 4 6

"JEIN"

Ein unglückliches Wort.

"Jein" ist ein undankbares Wort. Es hängt wie ein schrumpfender Luftballon nach einer vergangenen Party im Raum. Zu hässlich um richtig weiter zu existieren und doch noch zu sehr "Ja" um einfach durch einen Kopfschuss eliminiert zu werden. Nur das "J" trennt es vom nicht dasein, sonst wäre es ein langweiliges "Ein" und alles wäre gut, wahrscheinlich.

Doch es ist gut, dass das "Jein" so jammerig ist und festhält an seinem dasein. Trotzig und unerzogen. Launisch wie ein kleines Kind das einen Lutscher will und nicht bekommt. Es ist unsicher, dieses kleine Wort, weil es kein ganzes ist. Manchmal sitzt es deshalb lange in den Gedanken der Menschen auf einer Schaukel und baumelt mit den Beinen. Dann überlegt es sich, wie gerne es doch ein richtiges "Ja" oder "Nein" wäre. Es ärgert sich in solchen Momenten, dass es immer Hand in Hand mit der Verwirrung auftaucht und so jede Party durcheinander bringt. Es weiß, das es nicht so richtig beliebt ist. Immer ein bisschen falsch angezogen, nicht richtig hübsch, nicht hässlich. Außergewöhlich ist es, immerhin.
Es kann nicht gut alleine sein das "Jein". Deshalb spaziert es immer mit einem Anhang von Erklärungen durch die Gegend. Wie eine Jugend Gang in Neukölln. Das "Jein" ist so stark wie ein Bär und doch gleichzeitig so einsam, wie ein Adler der allein am blauen Himmel seine Kreise zieht. Manche halten das "Jein" für Halbherzig. Aber das ist es nicht, wirklich. Es ist der große Bruder von "Ja" und "Nein" der immer dann auftaucht, wenn die Beiden um Hilfe schreien und nicht mehr weiter wissen. In solchen brenzligen Situationen betritt dann das "Jein" ein wenig genervt die Bühne und rettet seine leichtsinnigen Geschwister.

Im geheimen ist das "Jein" etwas viel größeres, besondereres.
Dieses kleine, unscheinbare Wort ist der kleine Schritt der einen davor bewahrt eine entgültige Entscheidung zu treffen. Es ist der Fallschirm der im Notfall aufgeht wenn man aus einem Flugzeug fällt. Einmal vor langer Zeit, da war das "Jein" berühmt. 1996 war das. Es hatte ein Engagement bei Fettes Brot. Die Tourneezeit damals war die schönste Zeit in seinem Leben. Manchmal träumt es noch von dieser Vergangenheit, heimlich.

Das "Jein" ist aber auch gefährlich, sehr sogar. Es ist unberechenbar, jähzornig, gemein. Es ist Dr. Jekyll und Mr.Hyde. Erst freundlich, dann Bestie. Vielleicht liegt das aber auch einfach in seiner Natur. Wenn man ständig etwas halbes sein muss und nichts ganzes sein darf. Immerhin hat das "Jein" gute Manieren. Es versteht es Konversation zu machen. Dinge nett zu umschreiben. Um den heißen Brei herum reden kann es meisterhaft. Es wickelt jeden um den Finger, irgendwie mit einem gekonnten Augenaufschlag. Es ist ein unglückliches Wort, mit gutem Charakter.

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4 Antworten

Kommentare

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    "wie eine Jugendgang in Köln..."

    geil!

    28.06.2008, 12:57 von SchorF_273
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    ein jein-mensch kann definitiv reife gebrauchen, vielen dank für die recht nette ausführung mit den spitzen darin, sehr schön, ein guter text.

    28.06.2008, 11:32 von limes.
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    was für kleine zauberhafte Gedanken in Textform hier doch zu EINEM Wort entstehen;)...

    ich versuchs trotzdem zu vermeiden.

    15.06.2008, 14:57 von touchthesky
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