"Jeder sieht was du scheinst, wenige fühlen was du bist"
sagte schon der Gelehrte Italiener Niccolo Macciavelli vor 500 Jahren. Ein Thema, das heute im Zeitalter des Web 2.0 voller neuer Brisanz steckt.
Macciavelli zeigte zu Zeiten der Medici Dynastie dass er die Wirklichkeit hinter der Politik der Mächtigsten im Land perfekt durchschaute. Damals war unter den Gelehrten viel von "Lebenstheater" die Rede und davon ob dies überhaupt legitim sei.
Ohne Zweifel, unser Leben erinnert in vielerlei Hinsicht an ein inszeniertes Theaterstück, bei dem wir wir meist brav unsere Rollen spielen, als wollten wir unseren Regisseur nicht erzürnen, doch wer mag das sein? Unsere Eltern, der Präsident, Gott?
Zusätzlich müssen wir noch unsere vielen extra Identitäten verwalten, beispielsweise auf Myspace, Facebook, Youtube und privaten Blogs, denn wer hier heute nicht präsent ist „ist“ gar nicht, zumindest in der Welt des World Wide Web, die für viele von uns sprichwörtlich zum Second Life mutiert ist.
Der neue Computer, das passende Accessoire zum Hund; es sind hauptsächlich materielle Dinge die maßgeblich bestimmen wie wir von anderen gesehen werden. Und wer in Sachen Statussymbolen im Real Life nicht mithalten kann hat ja immer noch das Internet, wo sich jeder im Handumdrehen viel klüger, schöner und interessanter darstellen kann.
Wer das schafft wird dafür reich belohnt, mit Sternchen, oder vielleicht sogar bewundernden Kommentaren, kurzerhand Aufmerksamkeit; eine Art von Aufmerksamkeit die enge Grenzen hat und im Jungle des virtuellen gerade dadurch schnell zum kostbarsten Gut wird.
Das erkennen auch schon seit langem viele Unternehmen, und greifen daher überzeugt zu den ausgeklügeltste Werbestrategien. Die gratis Portale Facebook und Wikipedia, öffnen bereitwillig ihre Tore für die Werbewelt, unsere Daten sind dabei Millionen wert. Steht das Internet im Dienst von wirtschaftlichen und politischen Interessen ist es ohne Zweifel eines der mächtigsten Manipulationsinstrumente der Zukunft.
Das World Wide Web, ein unendlicher Sumpf von Daten; über welche wir hier stolpern und welche untergehen entscheidet dabei der Mainstream und schlussendlich das das System selbst.
Weit weg erklingen die Mahnungen von George Orwells 1984, oder Aldous Huxley's Brave New World.
Für uns, die gewöhnlichen User und Surfer bietet der Open Access eine neue Form der Demokratie, die wir in der Realität unseres Alltags oft vermissen. Nun hat auch jemand dem nie zugehört wird mit ein bisschen Glück die Chance zu Wort zu kommen. Alles kann dabei unbeschwert digital ausgedrückt werden, sogar Gefühle (*lol*, * g *, ;P ) während es uns im echten Leben oft schon schwer fällt nur einen einfachen Satz zu formulieren.
So werden virtuelle Welten für viele einfach zur besseren Realität.
Doch auch online werden wir über unsere Konsumentscheidungen und schließlich nach oberflächlichen Kriterien beurteilt; ein aktives Profil auf Facebook, eine Einladung zum angesagtesten Event. Gebloggt wird in erster Linie um Aufmerksamkeit zu erlangen, und nicht um die Welt zu verändern. Man nennt sich kreativ, weltoffen, tolerant, individuell, gibt sich dabei aber meist nur so wie es alle tun. Normen und Werte der Gesellschaft verschieben sich im Internet nicht, sie werden nur umformatiert. Die neue Wirklichkeit, ein Schritt von der Wahrheit ins Nichts? Denn Wahrgenommen werden wird hier zur neuen Wahrheit; Ich denke also bin versus ich blogge also bin ich.
Was Platon bereits mit seinem Höhlengleichnis beschrieb, dass unsere Realität eigentlich nur Schatten sind hinter denen sich eine übergeordnete Welt verbirgt, können wir heute umformulieren in virtuelle Multimedia Welten. Was es schon immer gab erhält eine neue Diskrepanz in einer Zeit in der virtuelle Welten von Realen nahezu nicht mehr auseinander zu halten sind. Die Technik beginnt die Wirklichkeit nach und nach in einer Weise zu verändern dass diese für uns schließlich undurchschaubar wird, und so vergessen viele auch hin und wieder Authentizität kritisch zu hinterfragen. Wir können uns nicht mehr sicher sein – Wer steht wirklich für seine Meinung und wer wird nur dafür bezahlt?
Früher stellten sich einige neugierige Leute vor wie es wohl wäre den Schauspielern auf der Bühne die Masken vom Gesicht zu reißen. Die heutigen Masken lassen sich schwer abziehen, noch schwerer fällt sich auszumalen was sich wohl darunter verbirgt. Viele von uns behaupten, dass sie das ohnehin gar nichts anginge und überhaupt, es interessiere sie nicht. Wir maßen uns ein Wissen an das im Großen und Ganzen auf dem basiert was ohnehin jeder sieht, und das ist vor allem nichts als Schein, der Glanz an der Oberfläche. Dabei verlockt der virtuelle Raum dazu, sich besonders schnell mit dem zufrieden zu geben was an der Oberfläche schwimmt. Wer weiß, vielleicht wird er uns eines Tages in eine merkwürdige Leere führen, denn er mag vielleicht keine Grenzen kennen, aber er kennt auch keine greifbare Substanz.






Kommentare
@[Benutzer gelöscht] Ich kann deinem Kommentar im wesentlichen nur zustimmen, finde aber dass die Kommunikationsbasis einfach in einem persönlichen Gespräch eine völlig andere ist als online. Schon allein die Ebene von Authentizität, die schließlich zu Vertrauen führt. Der Film, das Fernsehen, und schließlich auch Internet gibt immer schon viel Anlass zur Kritik hierzu. In einem Gespräch im Café sitzt mir jemand gegenüber, der zwar Dinge von sich behaupten kann, die nicht stimmen, aber ich habe vielleicht die Möglichkeit dahinter zu kommen in dem ich direkt nachfrage, oder diesen Menschen einfach besser kennenlerne. Im Internet (besonders in den Social Media Plattformen) gibt es meist nicht die Möglichkeit zu überprüfen, was nun gewissermaßen "wahr" ist. Ich vermute dass viele von uns durch dieses Wissen automatisch ein bestimmtes Misstrauen gegenüber online Informationen haben. Ich sehe aber auch, dass man sich mit der Zeit mehr und mehr damit abfindet und daher unvorsichtig wird.
18.03.2010, 18:04 von wondering_daughterOhne Zweifel glaube ich, dass für uns nicht nur eine Realität besteht, die wir quasi auf der Straße finden. Heute gibt es nicht mehr so sehr das Bedürfnis „Originale“ zu sehen – Filme sind Realität, ein Katalog ist Realität, und auch eben das Internet. Eine Realität die ab und zu hinterfragt werden muss ...