Jeden Morgen
Plötzlich hört die Welt kurz auf, sich zu drehen.
Jeden Tag sitzen die gleichen Menschen in diesem Bus. Jeden Morgen, Montag bis Freitag, um halb 9, sie fahren zur Arbeit, zur Schule, in die Uni. Sie kennen und grüßen sich nicht, obwohl sie sich jeden Morgen sehen. Häufiger als ihre besten Freunde. Manchmal sogar häufiger als ihre/n Partner/in.
Da ist der junge Typ, der jeden Morgen den Bus in der letzten Minute erreicht. Er setzt sich nie hin, auch wenn es fast leer ist. Vielleicht hat er Angst einzuschlafen, denn er sieht immer aus, als käme er gerade aus dem Bett. Seine grünen Augen sind ganz klein und geschwollen, seine dunkelblonden Haare strubbelig. Im Bus starrt er aus dem Fester und hört Musik. Wenn man ganz nah an ihm vorbei geht, kann man ein paar Töne hören.
Ob er wohl bemerkt, dass die Geschäftsfrau ihn immer genervt anguckt, wenn der Busfahrer die Türen für ihn erneut öffnen muss? Sie blickt alle paar Minuten auf ihre silberne Uhr, streicht ihre Haare glatt, entfernt unsichtbare Fussel von ihrem grauen Hosenanzug. Hält der Bus ein paar Sekunden länger als üblich und erwischt viele rote Ampeln, reckt sie ihren Hals, was da vorne los ist. Schaut wieder auf ihre Uhr. „Shit“, murmelt sie dann manchmal. Wieso sie keinen früheren Bus nimmt, weiß keiner.
„Mamaa, Susa hat gesagt, dass sie besser singt,“ nörgelt ein kleines Mädchen mit blonden Locken. Sie muss wahrscheinlich in den Kindergarten. Ihre Mutter schweigt, sieht genervt aus. Sie hat die Haare zu einem Zopf gebunden, trägt Jeans, Brille und einen Blazer, der ziemlich abgetragen wirkt. Manchmal blickt sie neidisch zu der genervten Geschäftsfrau. Vielleicht wünscht sie sich etwas mehr Glamour im Leben. Mehr Geld. Weniger Stress. Doch sie weiß, dass daraus in den nächsten Jahren nichts wird. Und danach wird sie zu alt sein.
Dann sind da noch ein paar andere.
Quasselnde Schulmädchen, die gerade Pause haben. Die beiden sind nicht immer da. Sie kichern, reden über nervige Lehrer, schwere Hausaufgaben und süße Jungs. Manchmal singen sie und bekommen dann wieder Kicherkrämpfe.
Ein Ehepaar, Rentner, die meistens schweigen und beobachten. Sie lächeln das blond gelockte Mädchen an und hin und wieder sagt sie ein paar Worte zu ihrem Mann. „Ach sieh mal, der Chinese hat zugemacht.“ – „Mhmh.“ – „Dabei war der immer so gut besucht.“ – Schweigen. Trotz der kargen Kommunikation wirken sie glücklich. Manchmal schaut der Mann seine Frau von der Seite an, nimmt ihr Hand und drückt sie kurz. Dann lächelt sie, kaum merklich. Wo die beiden wohl jeden Morgen hin fahren?
Im Gerichtsviertel steigen immer ein paar Männer in Anzügen ein, hin und wieder ist eine Frau unter ihnen. Sie telefonieren, haben Tüten vom Bäcker und Coffee-to-go Becher dabei. Ihre Anzüge sind schwarz, ihre Hemden hellblau, weiß und manchmal blassrosa.
„Nein, vergesse ich nicht. Ja, bis glei... ja, mach ich. Was? Ach so, ja, kein Problem, klar. Bis glei... ja, bis gleich!“ Ein braunhaariger Anzugmann mit Brille versucht sein Handy wieder in seine Hosentasche gleiten zu lassen. Als der Bus wackelt, kleckert etwas Kaffee aus seinem Becher auf sein Hemd. „Scheiße,“ murmelt er, und hält dann plötzlich inne.
Es war ganz still geworden.
Das blonde Mädchen hat den Mund halb offen und schaut von einem zum anderen. Die blonde Geschäftsfrau scheint eingefroren zu sein. Die Anzugmänner schauen versonnen aus dem Fenster. Der Bus bleibt an einer Ampel stehen. Unwirklich ist die Stille, wo es doch sonst immer laut und hektisch ist. Ein müdes Lächeln umspielt die Mundwinkel der alten Dame. Die Mutter des blonden Mädchens schließt kurz die Augen. Atmet überhaupt jemand? Es ist so ruhig.
Schweigen.
Ob der junge Kerl mit den Kopfhörern diesen merkwürdigen Moment überhaupt mitkriegt? Er hört doch Musik. Trotzdem blickt er sich gerade um. Als beobachte ihn jemand.
Die zwei Schulmädchen sehen auf ihre im Schoß zusammengefalteten Hände und wirken plötzlich ganz klein und brav.
Mitten in der Großstadt schweigt ein ganzer Bus voller Menschen für ein paar Sekunden. Als hätte die Welt kurz angehalten. Die Fremden sind sich plötzlich ganz nah.
Ein leises Zischen verrät, dass die Bremsen gelöst wurden, der Bus fährt weiter. Unter das Motorenbrummen mischt sich ein Klingelton. „Herr Schmidt meinte heute, dass er mir mündlich ’ne Vier geben will!“, plappert eins der beiden Mädchen. Die Geschäftsfrau streicht sich über die Haare.
Die Welt dreht sich wieder.
Und doch ist ein bisschen hängen geblieben. Der alte Mann lächelt aus dem Fenster, das Mädchen, das in den Kindergarten muss, schmiegt sich ans Bein ihrer Mama. Sie streicht ihr über den Kopf. Einer der Anzugmänner lockert seine Krawatte.
Es wird ein guter Tag.






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