misspringle 04.09.2008, 12:32 Uhr 13 4

It's complicated

Beziehungsarbeit ist tot. Es lebe die Fickfreundschaft!

Ich mag dieses Facebook nicht. Nicht, dass ich die Idee an und für sich schlecht finden würde. Es ist die Umsetzung, die mir nicht recht einleuchten will. Muss eine Seite, die dem "social networking" dient, so unübersichtlich und langweilig gestaltet sein? Und was sollen diese ganzen überflüssigen Aktionen, die man durchführen kann, wenn man zu faul oder zu doof ist, seinen "Freunden" ein paar Zeilen zu schreiben? Ob ich dich mit Schafen bewerfe, ein virtuelles Bier ausgebe oder wild um mich "poke": das alles bedeutet doch nur, dass du keiner noch so kurzen Unterhaltung würdig bist und ich lediglich für die Dauer eines Mausklicks an dich denke.

Meine Lieblingsspalte: "Relationship Status". Hier kann man unter einer Vielzahl von Möglichkeiten auswählen: Single, In a Relationship, Engaged, Married, It's Complicated, In an Open Relationship. Während die ersten vier Auswahlmöglichkeiten ziemlich klar die gefühlsmäßige Situation des Profilinhabers beschreiben, sind die letzten beiden Optionen der Brüller. Wer in einer offenen Beziehung lebt, hängt dies meist nicht an die große Glocke bzw. in die Inforubrik von facebook. Wer es trotzdem tut, ist ganz offensichtlich auf der Suche nach sexuellen Abenteuern. So offensichtlich, dass es schon etwas peinlich und verzweifelt wirkt.

Und dann das mit dem Kompliziertsein. "It's Complicated". Der Satz, der das Beziehungsverhalten einer ganzen Generation widerspiegelt. Nichts muss, alles kann. Wir befinden uns in der Grauzone der unerwünschten Verpflichtungen, zwischen einsamen Wölfen, überselbständigen Egozentrikern und unentschlossenen Idealisten. Eingepfercht zwischen immer höheren Erwartungen, die uns den Blick auf das Wesentliche versperren: nämlich, dass eine Beziehung zwischen Mann und Frau immer auch nach Kompromissen verlangt. Nach dem hässlichen B-Wort.

"It's Complicated" in der Beziehungsstatus-Zeile von facebook kann vieles bedeuten: der User ist unglücklich verliebt, wird geliebt und erwidert die Gefühle nicht, wäre gern verliebt, liebt überhaupt nicht, hat aber Frau und Kinder, ist in einer unglücklichen Beziehung und schafft es nicht, diese zu beenden, und und und. Meistens wird diese Beschreibung allerdings hergenommen, um ein ganz bestimmtes Phänomen unserer Zeit zu beschreiben. Früher gab es Seitensprünge, freie Liebe, Affären, glückliche und unglückliche Ehen. Heute ist die am weitesten verbreitete Beziehungsform die Fickfreundschaft.

Der moderne Single verbringt die Abende nicht mehr (zumindest nicht immer) unter der Decke auf der Couch und sieht fern, während er die Katze streichelt und seufzend von Märchenprinzen und Traumfrauen fantasiert. Die heutigen Singles sind zufrieden mit ihrem Leben. Und nicht unbedingt auf der Suche. Trotzdem sehnen auch sie sich nach Zuwendung, Wärme und Sex. Keine One-Night-Stands, aber so Geschichten mit ein bisschen Gefühl. Und ich rede hier nicht nur von Frauen.

So entsteht das Phänomen der "Fickfreundschaften", wahlweise auch "Fickschaften", "Fickfreunde", "Halbpension" oder "Bed&Breakfast" genannt. Diese Pärchen, sofern man sie so nennen kann, sind ganz klar "nicht zusammen", wie sie auch immer wieder gerne betonen, teilen aber nicht nur Bett, sondern oft auch Tisch, Wochenenden und Couch. Sogar die Katze hat sich schon an den Fickfreund gewöhnt. Es handelt sich hierbei nicht um Beziehungen, zu denen der einzige Unterschied allerdings darin besteht, dass nicht offiziell zugegeben wird, dass es sich nur um eine Fickfreundschaft handelt. Auch wenn der gesamte Freundeskreis die Augen verdreht, weil bestens im Bilde, und sich Fickfreund und Fickfreundin auch vor den Augen Anderer manchmal verhalten wie ein altes Ehepaar. Man will sich ein Hintertürchen offenlassen, mag den Partner zwar, ist aber nicht sooo sehr verliebt oder stellt höhere Ansprüche oder oder oder. Und sperrt sich damit trotzdem gegen eventuelle Traummänner und -frauen, die ja plötzlich auftauchen könnten. Das ist nämlich das Seltsame an diesen Pseudo-Beziehungen: die Beteiligten sind einander meistens treu. Aus Bequemlichkeit? Aus Respekt? Aus nicht eingestandener Liebe?

Alles an solchen Beziehungen ist nicht kompliziert, sondern einfach nur lauwarm. Nicht schwarz, nicht weiß. Nicht himmelhoch jauchzend, nicht zu Tode betrübt. Eine fade Suppe, in der das Salz fehlt, das erst durch ein Minimum an Verbindlichkeit entstehen kann. Der Vorteil: Es tut dementsprechend weniger weh, wenn man irgendwann beschließt, getrennte Wege zu gehen.

Der Nachteil: das dumpfe Gefühl, sich nicht gerade eine Ausbund an Charakterfestigkeit erwiesen zu haben.

So, jetzt muss ich diesen Text einordnen. Auf Neon kommen 3 Rubriken in Frage: Liebe, Freundschaft, Single-Leben. Wär schön, wenn es immer so einfach wäre, möchte man denken. Und vergisst dabei, dass es oft an einem selbst liegt.

Wir müssen uns ja nicht mit dem Komplizierten abfinden. Wir können es immer vereinfachen.

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13 Antworten

Kommentare

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    Hmm, ich muss sagen, ich kenne gar keine Leute, die sowas (also eine sogenannte "Fickfreundschaft") betreiben. Liegt es daran, dass ich zu jung bin? Oder mich mit den falschen (bzw richtigen) nicht hippen Leuten umgebe? Die Leute die ich kenne, sind entweder Single oder in einer Beziehung, aber nicht beides gleichzeitig. Ich finde aber ansonsten eine Fickfreundschaft (lustiges Wort irgendwie) eigentlich nicht schlimm, obwohl es natürlich unlogisch ist, wenn sie außer des Names alles Merkmale einer richtigen Beziehung aufweist. Aber solange keinem geschadet wird, sollen sie doch miteinander ins Bett hüpfen, und sonst auch alles teilen, aber es nicht Beziehung nennen. Für mich wärs nichts ;o)

    24.10.2008, 22:18 von FrauMueller_XIV
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    Im groben stimme ich deinem Text zu, meins wäre es auch nicht.
    Mir drängt sich der Vergleich vom türkischem Kaffee auf. Am Anfang ist alles gut lecker, doch je näher man dem Kaffeesatz kommt, desto mehr verzieht man das Gesicht. Und weil man das weiß, trinken manche den Kaffee eben nur halb aus.

    Alles in allem scheinen mir diese lauwarmen Sachen eine Flucht zu sein, denn allein zu sein ertragen scheinbar einige Menschen nicht, und bevor sie das Stigma des Singles tragen müssen, lassen sie sich auf solche Geschichten ein.
    Sollte besagter Fickfreund aber unbequem werden, weil man vllt. jemanden gefunden hat, für den man tieferes empfindet, kann man ihn/sie schnell und einfach loswerden "wieso, du wusstest doch von Anfang an was los war".

    Ich habe für so etwas auch nichts übrig, kann es aber auch irgendwie nachvollziehen, denn allein sein ist so verdammt schwer.

    Mir gefällt dein Text, gibt nen Daumen.

    22.10.2008, 09:24 von cocoa
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    Das haste wohl recht...

    Kenn ich nur zu gut ;-)

    29.09.2008, 13:11 von kleinesbiest
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    also inhaltlich und sprachlich gefällt mir der text sehr, sehr gut. du beschreibst ja eine art von beziehung, von der ich auch den eindruck habe, das es sie leider oder auch nicht leider anscheinend immer häufiger gibt.
    auch die argumentation ist gut und richtig. aber vielleicht wärs noch besser, wenn du den text anders aufgebaut und nicht mit der facebook-geschichte angefangen hättest, sondern das als beleg für deine argumentation genommen. weil so denkt man am anfang, dass es nur darum geht, dass du facebook doof findest. aber dann schreibst du ja über eine bestimmte beziehungsform. also anders rum hätte mir der text noch viel besser gefallen :-)

    15.09.2008, 17:02 von nanablume
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    Sehr schön hergeleitet aus der Facebook-Rubrik und meinerseits auch zustimmungspflichtig. Es geht ja nicht um Familie gründen oder nicht, sondern um Verbindlichkeit.

    Das Leben wird doch dann zur Heimat, wenn man dran baut und sich daran abgearbeitet hat - so ist es dann auch mit Freundschaften und v.a. auch mit Liebespartnern. Nur das ist wirklich eigen, wo auch eigene (Beziehungs-)Arbeit drinsteckt.

    12.09.2008, 11:15 von LudwigMartin
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    ach ja.
    also mal ganz ehrlich. haben wir alle immer die große liebe gelebt in der vergangenheit? he, ich gehe mal davon aus, dass die meisten unter uns (ich auf jeden fall) auch mal phasenweise kräftig durch die gegend gevögelt haben. außerhalb von beziehungen, in halb-beziehungen und wie auch immer. ich weiss es aus eigener anschauung und erfahrung, das alles hat es schon immer gegeben, nur den begriff "fuckbuddy" oder sowas gabs nicht. und? haben wir ein neues etikett. ist doch i.o.

    ob man lauwarme kisten mag oder nicht, ist ne persönliche frage, für viele ist es auch ein ausprobieren vor dem ernstfall.
    ich betrachte das mit gelassenheit und ein teil von mir amüsiert sich über die empörung, die das thema hier bei den aufrechten verfechtern von "tiefen" und "aufrechten" liebesgeschichten auslöst.

    wenns nicht gefällt, dann werden die leutchen schon alleine "auf den trichter" kommen.

    und nach einigen beziehungskisten wird man rückblickend bemerken, dass auch nicht immer alle mit der gleichen intensität gelebt wurden. mal war es ne ganz große sache, dann auch wieder nicht so.. aber das ergibt sich dann erst in der rückschau und in der relation.

    :D

    05.09.2008, 13:50 von RedSonja
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      @RedSonja Wer immer nur einen Menschen lieben kann und ihn dann wegwirft, wenn der Alltag und schlechte Angewohnheiten ihn unangenehm erscheinen lassen, dann das Single Leben geniesst, bis er sich allein fühlt und dann wieder von vorne beginnt, lebt das Ideal unserer ach so treuen Gesellschaft und geniesst Anerkennung auch in NEON-Kreisen für seine Ehrllichkeit und Integrität ! TOLL ;-)

      Wer in der Lage ist, komplizierte zwischenmenschliche Beziehungsgeflechte zu händeln, seine eigenen Ansprüche mal zurückzuschrauben, aber sie vielleicht an anderer Stelle höher zu priorisieren wird angeklagt, weil er sich etwas gönnt, was Alle gerne hätten, sich auch nehmen, wenn sie die Gelegenheit mal kriegen könnten, aber beinah die Hälfte kriegt sie nicht und wettert über den Rest, der geniesst und schweigt :-)

      Dieser Anzug muss nicht jedem passen, aber manche leben auch nicht perfekte Beziehungen weiter - aus diesem oder jenem Grund und bekommen dort vielleicht nicht Alles, was nach landläufiger Meinung zu einer perfekten Beziehung gehören soll !

      06.09.2008, 01:31 von g-cat
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      @g-cat zum ersten absatz: so war mein text bestimmt nicht gemeint, tut mir leid, wenn er so verstanden wird. es soll kein lobgesang auf treue und monogamie sein, sondern ein plädoyer für mehr verbindlichkeit. mehr aufrichtigkeit und rückgrat. für die fähigkeit, zurückzustecken und rücksicht zu nehmen. das alles gehört nämlich zur liebe dazu.

      und sei mir nicht böse aber "komplizierte zwischenmenschliche beziehungsgeflechte zu händeln" ist ein euphemismus für "auf allen hochzeiten gleichzeitig tanzen zu wollen", wie oma es formuliert hätte. auf sex reduziert, herumficken.

      es geht auch nicht um in-der-beziehung-verharren bis man erstarrt, sondern darum, dass man sich mit diesem ach so unverbindlichen nicht-beziehungsgebandel selbst im weg ist. und verlernt, was es heißt, eine richtige beziehung zu führen.

      08.09.2008, 19:51 von misspringle
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      @misspringle Frau Kringel Pringel, eines der sympathischsten Plädoyers, die ich bisher von ihnen gelesen habe.

      Und ich bin sicher, nicht der einzige zu sein, der das unterschreibt.



      08.09.2008, 20:15 von schauby
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    Lauwarmer Kaffee und lauwarme Suppe sind mir ein Greuel, so ist es auch mit entsprechenden Beziehungen.
    Was Generationen anbelangt: zu allen Zeiten gab es schon alle Varianten von Beziehungskisten.
    Was aber, wenn aus einer F..beziehung tiefe Gefühle erwachsen ?! It's complicated then, too...

    04.09.2008, 13:20 von tie.he
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    "alles kann, nichts muss" ist eigentlich ein wahlspruch in der swinger-szene

    hmm. ja, was soll ich sagen. eigentlich mag ich den text. mir fallen aber auf deine kritik an den mitmenschen so viele "abers" ein.. die krieg ich in der kürze der zeit gar nicht unter.

    mal überlegen, ok?

    ich versuchs mal später!

    :D

    ach so: eines: risikominimierung ist .. verständlich. oder?
    ;)

    04.09.2008, 13:00 von RedSonja
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      @RedSonja mir ist nicht klar, worauf sich die risikominimierung bezieht? wenn man sich verliebt, geht man immer ein risiko ein. wenn man eine fickbeziehung anfängt, bevor man überhaupt gelegenheit hat, sich zu verlieben, wirds schon, äh, complicated.

      04.09.2008, 14:23 von misspringle
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      @misspringle risikominimierung:
      je mehr verletzungen ein mensch erlebt hat, desto vorsichtiger wird er oder sie in der regel.

      heilen die wunden schmerzen die narben.

      ansonsten ist der text schon ok. auch wenn meine denkmaschine immer wieder zwischendrin rummosert. lass dich net stören davon!

      :D

      04.09.2008, 20:06 von RedSonja
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