FrankFrangible 08.05.2015, 00:36 Uhr 0 1

Intekratzion

(aus persönlichem, aktuellem Anlass)


 

 

Aylin, die Frau eines Arbeitskollegen, hat mich angerufen, ich soll dringend mit ihrem Mann und meinem Freund Adnan sprechen. Ich klingle, streife im Flur meine Schuhe ab, lasse mich von Adnan ins Wohnzimmer führen, Aylin serviert schwarzen Tee.

 

Adnan: Steve, was führt dich zu mir?

Steve: Ich war in der Nähe und dachte, ich schaue mal vorbei. (erleichtert zwinkert mir Aylin zu) Das hat dich heute gewurmt?

Adnan: Heute Morgen, das mit Solomon?

Steve: Ja, das mit deinem Freund Solomon.

Adnan: Weißt du, ich kenne unseren Capo Wolfgang schon seit drei Jahren, aber ich kann mich an seinen Rassismus nicht gewöhnen.

Steve: Wolfgang ist doch kein Rassist.

Adnan: Sicher ist er ein Rassist, wenn er darauf besteht, dass ein Schwarzer nicht in unserer Firma arbeiten darf.

Steve: Er meint es nicht so.

A: Sicher, das waren doch klare Worte?

Steve: Ja, schon, … aber

A: (wütend) Kein Aber! Solomon spricht besser Deutsch als Wolfgang, Solomon ist genauso Deutscher wie Wolfgang und trotzdem behandelt er ihn wie einen Untermenschen?

Steve: Du weißt doch wie er ist? Ein Bauerntrampel, ein Typ mit einem sehr begrenzten Horizont.

A: Das ist keine Entschuldigung einen Menschen mit einer anderen Hautfarbe so zu behandeln! Du weißt ja nicht wie das ist, wegen seiner Hautfarbe schlecht behandelt zu werden.

Steve: Aber du.

A: Ja! Ja, ich und Millionen von Türken die hier in Deutschland leben und obwohl viele die deutsche Nationalität angenommen haben, werden wir immer noch wie Menschen zweiter Klasse behandelt.

Steve: Jetzt übertreibst du aber.

A: Du weißt es doch am besten? Du hast es doch miterlebt, als mich der Chef der Belegschaft vorgestellt hat und Wolfgang abging wie ein Knallfrosch. Vor allen Gesellen hat er dem Chef laut zugezischelt, dass man einen Türken der Kundschaft nicht zumuten könnte.

S: Der Chef hat dich doch behalten, ich weiß gar nicht warum du dich so aufregst?

A: Aber nur weil er dringend einen Mann für den Gerüstbau und für die Fassadenarbeit benötigte. Bis heute darf ich nicht zu Privatkundschaft, nur Fassaden und Treppenhäuser und Baustellen, auf denen sich nur Bauleiter und Architekten herumtreiben.

S: Ist doch super? So hast du keinen Stress mit nerviger pingeliger Kundschaft? 

A: Kapierst du denn gar nichts? Es geht darum, dass ich nicht wie jeder andere behandelt werde.

S: Aber wir behandeln dich doch völlig normal?

A: Das ist das Problem! Für euch ist das völlig normal. Drecksarbeit macht Adnan, schleifen macht Adnan, Säcke und Eimer schleppen macht Adnan. Schau dich um, ich hab das alles tapeziert und lackiert und diese Marmortechnik, ist die Scheiße? (zeigt auf zwei Wände die durch Marmortechnik aussehen als wären sie aus echtem Marmor)

S: Nee, das ist super.

A: Und trotzdem darf ich nicht zu Privatkundschaft? Weil ich braune Haut habe, schwarze Haare und schwarze Augen?

S: Hm (mir fällt nichts ein)

A: Im Kindergarten habe ich versucht mir die Haut herunter zu schrubben weil die anderen Kinder sagten, ich wäre dreckig. Als das meine Mutter gesehen hat, hat sie geweint. Meine Mutter hat geweint wegen eurem Rassismus.

S: Ach, das ist doch lange her.

A: Glaubst du meine Kinder erleben keine solchen Sprüche? Da schweigst du. Weißt du, dabei ist mir Wolfgang noch lieber.

S: Als was?

A: Bei Wolfgang weiß ich woran ich bin, aber bei diesen vielen tollen toleranten Deutschen, die uns exotisch finden und unsere Gewürze interessant. Die sich so toll für die doppelte Staatsbürgerschaft aussprechen, (böse) Hauptsache wir bleiben Türken.

Sogar du.

S: Ich?

A: Ja du, du bist so bemüht um mich. Aber du musst dich nicht um mich bemühen, sei einfach so wie du zu allen anderen auch bist.

S: Wie bin ich denn zu allen anderen?

A: Normal, bei mir versuchst du verständnisvoll, rücksichtsvoll und einfühlsam zu sein. Dabei bin ich weder behindert, noch doof oder so, dass du mich an die Hand nehmen musst.

Dabei weiß ich selber nicht wie ich das schaffen soll?

S: Was schaffen?

A: Wie soll ich so sein, dass ich normal behandelt werde? Wie soll ich ein Deutscher sein? Ich habe einen deutschen Pass, spreche Deutsch, träume in Deutsch, aber das genügt euch nicht, ich müsste auch blond und blauäugig sein.

S: Du übertreibst.

A: Nein, so ist es doch! Meine Kinder sind hier aufgewachsen, haben alle die deutsche Staatsbürgerschaft, sprechen perfekt Deutsch, aber für euch sind sie Türken.

S: Hm (weiß nicht was ich sagen soll)

A: Ihr seht nur unsere Haut- Augen- und Haar-Farbe. Wenn ihr mit uns sprecht, erzählt ihr nicht wie toll es in Aachen oder Augsburg ist, ihr schwärmt von Antalya.

S: Aber du sprichst doch auch von ihr und wir?

A: Weil ich aus der Schublade nicht rauskomme in die ihr uns reinsteckt, kapier das doch endlich mal!

S: Schublade?

A: Ja, so Scheiße wie: Einmal ein Türke, immer ein Türke.

S: Ich hab aber den Eindruck, dass die meisten Türken, ganz stolz sind Türken zu sein?

A: Was bleibt uns denn anderes übrig? Ihr zwängt uns in die Rolle, ihr sagt nicht: So jetzt hast du einen deutschen Pass, jetzt bist du Deutscher. Nein, wie schon gesagt, wir bleiben für euch Türken, da können wir uns Lederhosen oder irgendwelche Trachten anziehen, in Vereine gehen und Sauerkraut mit Blutwurst futtern. Wir können nicht aus unserer Haut und nicht aus eurem Klischee. Die meisten sagen sich: Okay, wenn ihr uns unbedingt als Türken haben wollt, dann bleiben wir Türken, unsere Frauen tragen zum Trotz Kopftuch, wir wählen Erdogan und feiern alle türkische Festtage, feiern jeden Sieg von Fernabahce Istanbul und hängen uns Bilder von der Hagia Sophia und vom Bosporus ins Wohnzimmer. Zum Beispiel, nimm meinen Sohn Tuncay...

S: Deinen Ältesten.

A: Ja, meinen Ältesten. War im Verein der Stürmerstar, hat Tore geschossen ohne Ende, aber sonst? Im Vereinsleben? Da war er nur der Türkenbub. Bis er die Schnauze voll hatte und ausgestiegen ist und dann hieß es nicht: Oh, Sorry, wir hätten dich mit mehr Respekt behandeln sollen. Wir hätten dich mehr in unser Vereinsleben aufnehmen müssen. Nein, da hieß es: So sind sie, die Türken, lassen einem im Stich.

S: Ich kann verstehen, dass du sauer bist.

A: Nichts kannst du. Weißt du wo mein Tuncay jetzt ist?

S: (Schulterzucken) Nee, wo?

A: In Syrien, kämpft für die IS, bringt Leute um.

S: (betroffen) das ist schrecklich.

A: (wütend) Ihr, die Deutschen, habt ihn dazu gebracht.

S: Blödsinn!

A: Ihr habt ihn immer als Menschen zweiter Klasse behandelt, als Ausländer, als (sagt es so abfällig, wie es ihm gegenüber viele Deutsche abfällig sagten) ‚Türke‘. Bei den Salafisten hat er Leute getroffen die ihm sagten, hier kannst du besser sein als die Deutschen. Hier bei uns bist du etwas Besonderes, hier stehst du über dieser selbstgerechten deutschen Gesellschaft. Ihr habt ihm sein Selbstwertgefühl genommen, bei diesen Spinnern hat er ein Selbstwertgefühl bekommen. Jetzt ist er ein ‚Gotteskrieger‘, jetzt ist er ‚was Besonderes‘. Eure Gesellschaft hat aus meinem lieben Jungen einen Mörder gemacht.

S: Was hätten wir tun sollen?

A: Ich weiß es nicht. Vielleicht uns mehr in euer Leben einbinden? (böse ironisch) Integrieren?

S: Wir integrieren ja nicht einmal die Italiener oder Griechen richtig, wie soll dann die Integration mit Muslimen funktionieren?

A: Ja, mein Freund, wie soll das funktionieren? Früher oder später müsst ihr das sowieso.

S: Wie meinst du das?

A: Wir haben im Durchschnitt 2,2 Kinder, mit Mitte Zwanzig, ihr habt …, na?

S: (sie haben oft genug darüber gesprochen) 1,1 Kinder, mit Anfang Dreißig.

A: Aber ich möchte nicht, dass diese Integration blutig erzwungen wird, so wie die IS-Spinner ihre Gesellschaft blutig erzwingen wollen oder so Typen wie die NSU-Mörder. Ihr müsst schon vorher lernen und umdenken, dass auch wir inzwischen nicht nur ein Teil Deutschlands sind, sondern, dass wir auch Deutsche sind.  

 





Tags: Ursache, Wirkung, Rassismus, Integration, Radikalisierung, Gesellschaftsentwicklung
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