schriftstehler 06.09.2012, 10:29 Uhr 13 9

Inga und Gemüse

Als ich einmal dabei war, schrie sie zum Beispiel mitten in die Predigt hinein: »Jesus? Deine Mudda ist Gott!«

Ich treffe meine beste Freundin Inga immer am Sonntagmorgen. Ich bin dann immer auf der Suche nach einem Bäcker, der noch Brötchen hat, sie ist dann immer gerade auf den Weg zu irgendeiner Kirche, die sie noch nicht kennt. Sie hat sich einmal als Kirchenterroristin bezeichnet, weil sie die Gottesdienste gern durch mehr oder minder intelligente Zwischenrufe unterbricht. Als ich einmal dabei war, schrie sie zum Beispiel mitten in die Predigt hinein: »Jesus? Deine Mudda ist Gott!« Bestimmt nicht verkehrt, es passte allerdings nicht so recht in den Kontext, zumal sie kurz darauf zum Stichwort »Ich bin der Herr, dein Gott« sofort lautstark intonierte: »Gott ist auch nur so was wie'n Bakterium« - frei nach der Melodie von »Wir fahren in den Puff nach Barcelona«.

Ich treffe also Inga wie immer am Sonntagmorgen und statt einer Begrüßung reißt sie den Arm nach oben und zeigt auf die gegenüberliegende Straßenseite, wo ein war katholischer Geistlicher vorbeischreitet. Ohne Vorwarnung schreit sie: »Wenn das jüngste Gericht kommt, bist du wieder Messdiener!« Als das Gesicht des Pfarrers aschfahl wird, schiebt sie schnell nach: »Auf deiner Haut könnte ich die zwölf Gebote in Blut schreiben.« Ich weise sie zurecht, dass es nur zehn Gebote sind.

»Pah,« sagt sie, »da fällt mir noch etwas ein. Irgendetwas wie: 'Du sollst deinen Zaster an Inga geben'. Geld kann ich immer gebrauchen.«

Gut, sage ich, Geld ist aber auch nicht alles, schließlich geht es bei der Religion um Glauben.

»Bitte?« Inga rauft sich die Haare: »Religion ist eine Angstbremse, sie verhindert, dass man den Tod fürchtet und macht kleinen Kinder Angst. Dafür braucht man keinen Glauben an Gott, da geht auch Gemüse.«

Was hat denn Religion mit Gemüse zu tun, frage ich.

»Stell dich nicht dümmer als die Jungfrau Maria«, raunzt sie mich an. »Die ist ja auch so eine Erfindung für Schwachsinnige: von wegen unbefleckte Empfängnis. Wenn das heute noch mal passieren würde, dann würde der Josef seine Maria live auf RTL rasant durch die Wohnung prügeln. Weil sie ja nicht weiß, wer sie geschwängert hat. Muss man sich mal vorstellen: Gott gab es ja damals noch gar nicht und Josef hat das alles einfach abgenickt.«

Ja, meinetwegen, sage ich, aber was hat das mit Gemüse zu tun?

»Statt an Gott kannst du doch auch an Brokkoli glauben.«

Das ergibt ja nun überhaupt keinen Sinn, sage ich, warum denn gerade Brokkoli?

»Brokkoli hat einen Nährwert, Gott nicht. Und Brokkoli kann man anfassen. Gott hingegen...«

Ja, sage ich, Gott kann man nicht anfassen, aber deswegen glaubt doch niemand an Gemüse? Glaube ist ja auch gerade etwas, bei dem du Stärke zeigen sollst.

»Ach, bitte, du kannst an Fußpilz glauben, den du auch nicht wirklich sehen kannst. Oder an HIV.«

Das ist doch nun kompletter Schwachsinn, sage ich fassungslos.

»Pfft, einige Menschen glauben an Geld, andere glauben an Astrologie und wieder andere glauben an den Papst.«

Naja, entgegne ich, der Papst ist ja auch Gottes Stellvertreter, das hat ja auch wieder einen Hintergrund.

»Alter, du kannst doch nicht Gottes Stellvertreter von Menschen wählen lassen. In Italien ist Berlusconi auf diese Weise...«

Ja-ja, schon gut, murmele ich.

»Man könnte auch Paviane abstimmen lassen und statt dieses blöden weißen Rauchs können die seinen Namen in den Schnee pinkeln...«

Bitte, das wird aber alles jetzt sehr abgehoben, sage ich, wo gibt es denn Paviane und Schnee?

»Ist doch egal? Du kannst auch Zucchinis und Gurken zählen und wer gewinnt, wird Papst.«

Weltweit? Frage ich.

»Nein, nur in der Vatikanstadt. Oder im Himmel. Oder stell dir mal vor, das wäre alles so, wie im alten Rom...

Du meinst, Senatoren und Brutus schlitzen die Zucchini auf?

»Quatsch, das ist doch albern. Die hatten damals noch mehrere Götter, für jeden Anlass gab es einen. Und Brokkoli ist dann der Gott der Pflanzen, Karotte ist der Gott der Fruchtbarkeit, Aubergine ist der Gott der Mode und, bitte, dann haben wir Blumenkohl als Papstersatz, der ist auch immerhin so cremefarben.«

Du spinnst, sage ich.

Inga schüttelt den Kopf. »Nein«, sagt sie, »mir geht nur die Kirche auf meinen heiligen Geist. Und mich nervt so unglaublich die Suche nach irgendeiner außerirdischen Lösung, damit die Welt gerettet wird oder zumindest nicht einfach untergeht. Jeder Mensch glaubt an irgendetwas, aber es muss ja nicht gleich so ein Schwachsinn sein.«

Aha, murmele ich, und woran glaubst du?

»Ich«, sagt Inga lächelnd und küsst mich auf die Stirn, »ich glaube an die Liebe.«

Dann dreht sie sich plötzlich um und bölkt zwei Nonnen hinterher: »Ihr könnt euch das Kruzifix anal einführen und zur Hölle fahren!«

Und da gibt es manchmal auch Sonntage, an denen ich es vermisse, Inga morgens zu treffen.

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13 Antworten

Kommentare

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  • 1

    hahahaha! du bist ein Genie und deine Freundin auch!
    der erste Text heute bei dem ich mich kaputtlache =)
    super! weiter so!

    11.09.2012, 10:54 von Johannesv2xi
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  • 1

    ich finds klasse. 

    07.09.2012, 12:08 von Ozelotte
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  • 1

    Jaein ... also ... ja und nein...
    Abgesehen davon, das Inga mir als Person, mit ihren Aktionen sehr unsympathisch ist ... gilt für mich immer noch:

    Glaube ist, was du draus machst ;)

    07.09.2012, 11:23 von Philantrop
    • 0

      Das sagt ja auch Inga. Ob nun Brokkoli oder Kruzifix, jeder glaubt an etwas. 

      Und. 
      Inga ist eben Inga. 

      07.09.2012, 12:06 von schriftstehler
    • 1

      Was Inga aber nicht verstanden zu haben scheint:

      Glauben - und glauben lassen!

      oder

      Wer andern seinem Glauben gräbt, der braucht ein Glaubensgrabgerät!

      07.09.2012, 12:08 von Philantrop
    • 0

      Ich denke, Inga macht einen Unterschied zwischen Kirche und Glauben. 

      07.09.2012, 12:20 von schriftstehler
    • 0

      Oh ja ja ... da ist Inga ne schlaue ...
      Religion und Glaube ... da unterscheide ich.
      Denn Religion impiziert für mich auch die zugehörige Kirche.

      07.09.2012, 12:23 von Philantrop
    • 1

      Es gibt auch Religionen, die keine Kirche brauchen. Und Glauben braucht ganz sicher keine Kirche, keine Kreuze und keinen Teufel.

      07.09.2012, 12:40 von schriftstehler
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  • 2

    zumal
    sie kurz darauf zum Stichwort »Ich bin der Herr, dein Gott« sofort
    lautstark intonierte: »Gott ist auch nur so was wie'n Bakterium« -
    frei nach der Melodie von »Wir fahren in den Puff nach Barcelona«.


    Ich habs versucht, in besagter Melodie zu singen - wie hat sie das hinbekommen?!

    06.09.2012, 19:58 von topfbluemchen
    • 0

      Ich glaube, sie hat noch ein "Olé" eingebaut, aber ich habe es mir nicht genau gemerkt. 

      06.09.2012, 20:47 von schriftstehler
    • 1

      Ich versuch mich nochmal.

      06.09.2012, 20:47 von topfbluemchen
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  • 1

    Allein für den Absatz

    »Religion ist eine Angstbremse, sie verhindert, dass man den Tod
    fürchtet und macht kleinen Kinder Angst. Dafür braucht man keinen
    Glauben an Gott, da geht auch Gemüse.«
    bekommt dieser Text ein <3

    06.09.2012, 10:58 von St_Yerdawan
    • 0

      genau die Stelle finde ich widersprüchlich... :D

      was denn nun, verhindert sie Angst oder macht sie Angst?

      06.09.2012, 11:12 von halbkindmf
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