Orang 27.10.2006, 09:30 Uhr 10 2

Indische Indifferenz

Viele Probleme gehen erst dann richtig los, wenn Deutschland verteidigt werden soll.

Ich war in Bombay. Die Stadt leidet an Überbevölkerung. Dort leben 16 Millionen Menschen. Es ist sehr heiß, laut und hektisch. An einem Tag wurde ich 27 Mal gefragt, ob ich ein Taxi haben möchte, 19 Mal, ob ich Haschisch kaufen möchte, 12 Mal, ob ich fünf Rupies habe und acht Mal, ob ich einen gigantischen Luftballon kaufen will. Wobei ich am wenigstens wusste, was ich mit einem gigantischen Luftballon in einem 16-Millionen-Moloch anstellen solle.

Auch in Goa war ich. In Goa sind nicht ganz so viele Menschen, dafür umso interessantere. Ich habe einen Holländer kennengelernt, der seit zehn Jahren in einem Baum im Dschungel lebt. Ihm war alles egal. Bloß fotografiert wollte er nicht. Er sagte, dass Kameras nicht wachsen, wenn man sie im Boden eingräbt. So etwas wolle er nicht unterstützen. Ich habe einen Israeli getroffen, der versuchte, seine Augeninfektion mit Stromsstößen zu kurieren und eine 18-jährige Französin, die die Schule abgebrochen hatte. Die Französin war vom Hinduismus ganz begeistert. Sie meinte, die Inder seien zwar sehr arm, aber viel glücklicher als Europäer. Sie sagte, die Inder würden eben ihr Schicksal annehmen und nicht ständig versuchen, alles zu verändern.

Die Hindus glauben an Shiva, Rama, Brahma und Ganesh. Dazu kommen noch eine ganze Menge von Reinkarnationen dieser Götter, die auch angebetet werden. Mir ist der Hinduismus zu kompliziert. Ich habe schon Probleme, das christliche Konzept der Dreifaltigkeit zu verstehen. Noch mehr Götter würden mich vollends verwirren.

Im Internet habe ich gelesen, dass sich deutsche Soldaten mit afghanischen Totenschädeln haben fotografieren lassen. Nun sind alle sauer: die deutsche Regierung, die Menschen in Mittenwald und die Afghanen. Vielleicht gibt es Deutschland bald Terroranschläge wegen dieser Fotos.
Der frühere Verteidigungsminister Struck sagte einmal: “Deutschland wird am Hindukush verteidigt!”
Das sagte er, damit jeder verstehe, weshalb deutsche Soldaten unbedingt nach Afghanistan müssen. Dabei hat das kaum jemand verstanden, weil kaum jemand weiß, was und wo der Hindukush ist. Außerdem wird Deutschland noch verteidigt in: Bosnien-Herzegovina, Kosovo, Mazedonien, Georgien, Djibouti, Bahrain, Usbekistan, Indonesien, im Mittelmeer und an der Küste Libanons.

Die Inder halten von dieser Welt nicht so viel. Sie sagen, diese Welt ist nur “Maya”, eine große Illusion. Das wirklich Wesentliche ist für uns gar nicht sichtbar. Vielleicht haben sie Recht. Vielleicht ist alles irgendwie egal. Die Französin in Goa meinte so etwas ähnliches.
In Indien muss einem vieles egal sein, sonst wird man verrückt: die Bettler, die Kühe, der Lärm, die Hitze, der Dreck, die Fragen und die Freaks. Wenn man in Indien anfangen würde, Deutschland zu verteidigen, dann gingen die Probleme erst richtig los.

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    Eventuell ist ein Grund, warum es dem Durchschnittsdeutschen (vordergründig) besser geht als dem Durchschnittsinder, dass die Deutschen vieles nicht so gelassen sehen wie die Inder.

    Was nun unterm Stich ein "besseres" Leben bedeutet weiß ich allerdings nicht.

    14.07.2009, 11:35 von ZaphodBeeblebrox
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    Ich hatte den Artikel zwar im Oktober auch schon gelesen, nun komm ich aber recht frisch aus Nepal - und da ist das ja ganz genauso! Am Anfang des Artikels dachte ich, ich lese in meinem Reisetagebuch *g* nur dass statt der Riesenluftballons überall knallrosane Zuckerwatte in Plastikbeuteln verhökert wurden.
    Und im Hinduismus wird ja für alles und jeden stets und ständig geopfert. Es gibt 33 Mio Götter, also für jedes noch so kleinste Problemchen ist gleich der richtige Gott zur Stelle (wenn man sich denn auskennt). Es wird geopfert was das Zeug hält und Schlange gestanden dafür. Mir war das nach zwei Wochen sehr suspekt, und ich hab doch gemerkt wie verwurzelt ich meine eigene Kultur bin.
    Und diese entspannte Gelassenheit des Leben-so-nehmen-wie-es-ist hat mich anfangs beeindruckt, lernt man doch Geduld. Aber nach zwei Wochen war mir klar, man kann sich zwar daran gewöhnen - ich wollte aber nicht.
    In diesem Sinne: Namasté :)

    20.05.2007, 22:43 von Lene077
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    Hm, zugegeben, es wäre eine schöne Illusion, wenn alles, was auf der Welt so passiert, Illusion wäre. Manchmal wünscht man sich das. Und ein wenig mehr Gleichmut und Gelassenheit wäre vielleicht gar nicht mal so schlecht, um die Dinge klarer zu sehen. Vor Allem aber, um sich nicht verrückt machen zu lassen, denn Verrücktheit in unterschiedlicher Form gibt es sowieso schon genug. Davon brauchen wir nicht noch mehr.
    Aber egal? Wäre das nicht ein wenig ZU einfach? Sich einfach so aus der Verantwortung zu stehlen, indem man immer nur cool mit den Schultern zuckt? Dabei würde sich doch auch nichts ändern.
    Und überhaupt: Wie könnte uns das alles EGAL sein, wo es doch ganz offenbar ein Teil des menschlichen Lebens ist? Sollte uns das LEBEN (und alles, was damit zu tun hat) egal sein??? Wo wäre da der Sinn?
    Meiner Ansicht nach gäbe es keinen. Denn wie sollten wir all diese Erfahrungen machen, aus denen wir weise werden und die Zusammenhänge in der Welt besser verstehen können, wenn nicht im LEBEN?

    05.11.2006, 22:41 von Individualistin
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    Ich war gerade für 3 Wochen auf Studienfahrt in Süd-Indien und kann insbesondere den letzten Absatz bestätigen. Entspannen kann man als Europäer in diesem hoch interessanten Land fast nirgens - außer in einem italienischen Café in Chennai ... guter Espresso kann nach drei Wochen viel Milch viel Zucker Tee oder Kaffe (was dann geschmaclich fast keinen Unterschied mehr macht) eine solche Wohltat sein ...

    03.11.2006, 13:10 von JackB
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    das gehoert zwar nicht so richtig zum thema, aber ich finde es gar nicht so schwer deutschland in indien zu verteidigen. im allgemeinen und was das leben hier und dort angeht. bin momentan in indien und muss sagen, dass mir noch nicht klar geworden ist, was viele leute hier so fasziniert. die inder die ich kennengelernt habe, sind unterschwellig sehr fremdenfeindlich und fuer mein gefuehl zu sehr auf indien alleine fixiert. frauen werden noch immer systematisch unterdrueckt und die freizeitbeschaeftigung und interesse beschraenken sich auf bollywood.

    27.10.2006, 16:36 von k.
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    Schöner Text - erinnert mich an einen Witz den ich mal gehört habe: In Deutschland ist alles verboten, was nicht ausdrücklich erlaubt ist. In den USA ist alles erlaubt was nicht verboten ist und in Peru (alternativ Indien) ist ALLES erlaub auch was verboten ist.
    Der Witz gibt auch ein wenig von der entspannteren atmosphäre in anderen Ländern wieder, in denen die Leute sonst am Rad drehen würden.

    27.10.2006, 12:38 von Don-negro
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    Am Ende kapiert man sogar den Spruch. Schöne Wendung; bringt die Relax-(aber nicht Party-)Stimmung als Deutschland-Kontrast gut rüber.

    27.10.2006, 11:26 von LudwigMartin
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    Der Totschlagspruch des Ex-VM Struck, Deutschland werde am Hindukusch verteidigt, lässt im Gegenzug nur eine Antwort zu: Der Hindukusch verteidigt sich bei Bedarf auch gegen Deutschland...
    zz.

    27.10.2006, 11:13 von zzebra
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