remydesilva 19.05.2019, 14:26 Uhr 0 1

In Münster essen sie ...

... keine Hunde, aber konservative Bratkartoffeln.

Münster ist die ideale Musterstadt der Privilegierten – zugleich die Paradestadt für Deutschlands Konservative. Unter 5% haben bei der letzten Bundestagswahl die AfD gewählt - kein Wunder: Wenn man samstags durch Münster spaziert, über den Markt schlendert, sieht man in zwei Minuten mehr gebleachte Zahnpastalächeln als Obdachlose in der ganzen Stadt. In Münster geht es allen gut. It tastes like prosperity and capitalism – Yummy! Noch besser schmecken nur die berühmten Bratkartoffeln mit saurer Gurke – immer samstags auf dem Marktplatz – da werden auch die Privilegierten ihr Kleingeld los, wenn mal keine Spendenbüchse oder Bettler in der Nähe sind.

Auf dem Weg zum LWL Museum für Kunst und Kultur, wo ich lediglich die Toilette benutzen will, schreite ich durch eine makellose Gasse auf einen kleinen Platz, bei der sich eine Café & Cocktailbar mit dem Namen Fyal befindet. Es ist rappelvoll. Bei 23 Grad, blauem Himmel und Sonnenschein lässt sich kein freier Platz mehr erblicken, weshalb der gefühlt einzige Obdachlose der Stadt nun stehend um Geld betteln muss. Niemand gibt ihm beim Vorbeigehen Geld. Wäre mein Portemonnaie nicht leerer als sein Magen, ich hätte ihm welches gegeben - Safe Call! In farbenprächtigen Tops und weißen Hosen sitzt das gut aussehende blonde Bürgertum mit strahlenden Lächeln und Kleidungswerten von über zwei Monatsmieten im Liegestuhl und versucht statt Geld gutmütige Sympathie im Becherherzen des Obdachlosen zu versenken. Davon kann er sich dann etwas Schönes kaufen! Ein Lächeln ist doch das wertvollste Geschenk, was man einem - Bettler - machen kann. Die reichhaltige Sympathie tropft wie Schweiß von der Stirn des Straßenfreunds hinab. Weder ein Lächeln noch ein Cent bleiben. So wie ihm der Hunger vertraut ist, haben sie sich an das Völlegefühl der zweiten Nachspeise gewöhnt.

Auf der Promenade findet an diesem sonnigen Tag der bekannte Stadtflohmarkt statt. Auf der Suche nach günstiger fescher Secondhand-Kleidung entdeckt man hauptsächlich konservative Kleidungsstücke, d.h. ohne jedweden Bezug zur Straße und mit der man in jeder katholischen Kirche als Trendsetter triumphieren würde - Il n’y a pas de mode si elle descend pas dans la rue. Die Geschmacklosigkeit der Privilegierten zeigt sich ebenfalls am besten in dieser Stadt. Wenn man aussieht, als sei man mitsamt seiner Kleidung einem Modekatalog entsprungen, bedeutet das noch lange nicht, dass man etwas von Stil, Mode oder Geschmack versteht. Es bedeutet ferner nichts anderes, als dass man das Geld besitzt, um ein vollständiges Outfit

dieser neuen Popliteratur zu shoppen - alles ohne Plot und Erzähler. Sie lesen mehr Bilderbücher als Werke, in denen ab und an ein Fremdwort erscheint. Und wenn sie dann doch mal ein Buch lesen und nach 3 Monaten endlich mit „Ein Café am Rande der Welt“ fertig sind, spüren sie die Erleuchtung! Sie schenken es all ihren gleichgesinnten Freunden mit den Worten, es sei das beste Buch, was sie je gelesen hätten. Überschwänglich „verstauben“ die Lektüren im klinisch-reinen Ikearegal, bis sie es schlussendlich doch lesen und zur gleichen Feststellung kommen wie alle anderen: „Dieses Buch ist der absolute Hammer!“, „Es hat mein Leben verändert!“, „Jetzt weiß ich, wer ich bin und was ich will!“ - dabei hätten sie sich in 23 Jahren nur einmal zehn Minuten Zeit nehmen müssen, um sich selbst zu reflektieren - es hätte den gleichen Effekt gehabt. Privilegierte lernen weniger schnell aus ihren Fehlern, weil sie keine Zeit haben, ihr Handeln Revue passieren zu lassen - toujours sur la route.

An einem Stehtisch probieren wir mal diese angeblichen Haute-Couture-Bratkartoffeln. Hinter mir rempelt mich immer wieder ein männliches Abercrombie-&-Fitch-Model an. Er probiert während des Essens beim Halten seiner Gabel, mit seinem Bizeps den Ärmel seines T-Shirts zu sprengen. Nebenbei erklärt er seinem Kollegen, wie er abends mit dem Taxi bei ihnen vorbeifährt, um ordentlich den Gin zu preisen und den Henessey zu killen. Danach wieder ins Taxi, von Club A zu Club B - jedenfalls alles kein Problem, Bam! Mein Dispo und ich schlucken - Ich hätte nicht gedacht, dass er ein Taxifahrer ist - ich schmunzle.

„Weißt du was, Muna? Ich stelle mir immer vor, wie ich doch Karriere mache, viel Geld besitze, alles in mich investiere, aussehe wie sie und dann kommen diese ganzen Mädels auf mich zu, baggern mich an und ich freue mich darüber, dass ich jede von ihnen korben kann!“ Muna schüttelt den Kopf. Ich sei ja wie sie. Sie versteht mich nicht. Ich nenne sie liebevoll Biokind, aber eigentlich ist sie eine Öko-Kapitalistin. Sie konsumiert in einer Woche mehr Bio-Produkte als ich „Normale“ in einem Monat. Ihre Familie habe nicht viel Geld, aber sie kaufen nur im Bio-Supermarkt ein, nur Fairtrade und nachhaltige Produkte wie Kleidung, Seife usw. - dafür geben sie bis zu tausend Euro pro Monat aus. Je grüner ein Mensch, desto kapitalistischer ist er. Das Medianeinkommen von Grünenwähler liegt auf dem zweiten Platz der etablierten Parteien bei circa 3100€ und das obwohl sie im Vergleich mit 41,8 Stunden am wenigsten pro Woche arbeiten - 100% privilegiert. Das Kapital liegt in der Familie. Münster ist voll von diesen Menschen. Reiche Anzugsträger aus der Wirtschaft laufen Händchen haltend mit privilegierten Bio-Müttern rum - zusammen die perfekten Helikoptereltern. Früher waren die Grünen links, heute werden sie konservativ - das erklärt auch den Erfolg der Grünen in Baden-Württemberg – Winfried Kretschmann, erster grüner Ministerpräsident, hochprivilegiert, konservativ. Die Grünen werden die SPD als Volkspartei in den kommenden Jahren ablösen. Wer glaubt, die Grünen seien links, der irrt. Maximal in der Flüchtlingsfrage. Sie sind Pro-Flüchtlinge – wenn ich mir aber vorstelle, die Stadt würde veranlassen, ein großes Flüchtlingsheim mit hunderten Flüchtlingen im Osnabrücker Katharinenviertel zu bauen, einer Hochburg der Grünen, ich zweifle, ob die Bewohner es gutheißen würden. Solidarität bis zur Grenze des Sichtfelds. In Münster wählten bei der Bundestagswahl 2017 bereits 14,59% die Grünen. Die CDU erhielt mit 32,76% die meisten Stimmen – beides verwundert kaum. Münsteraner sind mehrheitlich privilegiert.

Viele würden sagen: „Du bist doch nur neidisch“ oder fragen sich: „Warum willst du überhaupt dazugehören?“ Wie Bitteschön kann man nicht neidisch darauf sein, von jeher das Geld für ein strahlend weißes Lächeln zu besitzen? Professionelle Zahnreinigung - für viele Privilegierte Standard. „Cheeeeese“ - auf Fotos zu lächeln statt nur zu grinsen - für Unprivilegierte Alltag. Vielen Gutgestellten ist gar nicht bewusst, wie viel ein schönes Lächeln innerhalb der Gesellschaft und für den Erfolg der Karriere bedeutet - sie kennen nur diesen Ist-Zustand, sie wissen nicht, wie es ist, kein schönes Lächeln zu haben, sie haben es seit jeher und das ist das, was mich wütend macht - ihr fehlendes Bewusstsein, die Ungerechtigkeit. Als hätten sie es nicht schon in allen anderen Bereichen einfacher - ein schönes Lächeln öffnet dir jede Tür. Sie hatten Glück. Es ist nicht ihre Schuld, sondern die der Politik. Sie handelt nicht. Münster bleibt konservativ.

Wie kann man nicht darauf neidisch zu sein, an Wochenenden auf dem Münsteraner Marktplatz essen und einkaufen zu können, ohne weiter in den Dispo zu rutschen und zu hoffen, diese Rutschpartie hat auch ein Ende? Mir bleibt nichts anderes übrig, als mich in ihrer Anwesenheit unwohl zu fühlen und gleichzeitig nach ihrem Lebensstandard zu streben, ohne ein Arschloch zu werden. Strebsamkeit führt bekanntlich zum Erfolg, Reflexion und Rücksicht zu Bodenständigkeit. Man will es nach oben schaffen und die Türen für alle offen lassen - das bedeutet: linksliberal/sozioliberal – viel zu wenige denken so.

Ich will nicht sein wie sie. Das kann und werde ich auch nicht, denn egal wie viel Geld ich in Zukunft vielleicht verdienen werde, egal in welchen höher gestellten Kreisen ich aufsteige - ich hätte niemals diesen privilegierten Background, käme trotzdem nicht aus wohlhabenden oder Mittelstandsverhältnissen - ich wäre nicht wie sie. Ich wäre ein Neureicher, also weiterhin Abschaum für den herablassenden Teil der gutbürgerlichen Gemeinschaft. Sie erkennen den Unterschied bereits in Mimik und Gestik.

Als ein typischer Münsteraner hinter mir einem Mädel von seinen wirtschaftlichen Ambitionen berichtet und mit einer Sache nach der anderen angibt, unterdrücke ich meine Erziehungsschelle und schmeiße mich schließlich - strahlend mit gelbem Lächeln - vor den nächsten Bus. Münster, du gefällst mir nicht.

(19.05.2019)


Tags: Münster, Gesellschaftskritik
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