Ni.Wayan 11.12.2007, 13:09 Uhr 11 5

In einem Land zu unserer Zeit

Es ist kurz vor sechs, die ersten Sonnenstrahlen brechen sich ihren Weg durch den Morgenhimmel hinab auf die Straßen, auf denen bereits um diese Zeit geschäftiges Treiben herrscht. Der Duft der Räucherstäbchen aus den Tempeln und von den Opfergaben auf dem Boden durchzieht die Luft, Hähne krähen, Hunde bellen: Der Tag hat begonnen.

Ein Stück weiter die Straße hinab spielen Kinder. Sie jagen den Hühnern hinterher, während neben ihnen ein großes qualmendes Feuer brennt: schwelende Plastikflaschen und sonstiger Müll werden wie jeden Morgen verbrannt. Der Rauch zieht auf die Straße und mischt sich dort mit dem Smog der Motorräder.

Schemenhaft zeichnet sich eine Gestalt ab in der vom Rauch durchtränkten Luft: Eine alte Frau läuft langsam und gebückt die Straße entlang. Auf dem Rücken ihres ausgemergelten Körpers trägt sie einen schweren Sack, der ihren kleinen Körper noch weiter in die Knie treibt als er ohnehin nach jahrelanger Arbeit auf den Feldern schon ist. Sie bleibt kurz stehen und hustet. Ihr Gesicht verzerrt sich. Sie spuckt den dreckigen Schleim aus und läuft weiter. Es ist schon beinahe sieben Uhr und sie muss noch viele Kilo Reis ernten, dreschen und zum Trocknen auslegen. Denn bald beginnt die Regenzeit. Hat sie bis dahin nicht ihren Reis geerntet und getrocknet, so beginnt er zu Schimmeln. Und dann muss die Frau hungern. Kein Reis, kein Essen. Kein Reis, kein Geld.

Ein Stückchen weiter die Straße entlang schiebt ein junger Mann sein Wägelchen vor sich her und klopft mit der Gabel gegen seinen Topf: Suppe! Doch niemand scheint ihn zu hören und so schiebt er sein Wägelchen weiter. Unermüdlich. Die Berge hinauf und wieder hinab. Bis zum Abend, wenn er hoffentlich genügend Geld verdient hat, um die Ware für den nächsten Tag zu kaufen. Ab und an bleibt er stehen und genehmigt sich selber ein wenig der kostbaren Suppe, denn der Weg ist anstrengend, die Sonne brennt heiß und zehrt an dem hageren Körper des jungen Mannes.

Einige Straßen weiter hat sich ein Mann als „Zugtier“ vor seinen Wagen gespannt und kämpft sich nun die Schnellstraße entlang. Motorräder hupen, wenn sie an ihm vorbeifahren. Doch der Mann stört sich nicht daran. Er trottet weiter die versmogte Straße entlang. Vielleicht hat ja noch jemand Eisen zu verkaufen? Oder vielleicht hat jemand Alteisen in den Müll geworfen? Der Mann bleibt stehen und durchsucht einen Müllcontainer. Doch er hat kein Glück, und so läuft er weiter die Straße entlang.

Mittlerweile ist es zwölf Uhr.

Die Sonne brennt unbarmherzig heiß auf die gegerbte Haut der Menschen hinab. Doch die alte Frau drischt weiter ihren Reis. Unermüdlich schlägt sie die Ähren gegen ein Holzgestell, damit die Körner zu Boden rollen. Ihr Strohhut gibt ihr nur wenig Schutz vor der Sonne, doch die Zeit drängt.

Der junge Mann schiebt noch immer seinen Wagen durch die Straßen. Vereinzelt bleibt er stehen und verkauft einen Teller Suppe. Auch die vier kleinen Kinder rennen ihm entgegen. Es ist Zeit, Mittag zu essen, bevor sie sich auf den Weg zur Schule machen. Zwei Teller Suppe teilen sie sich. Mehr Geld konnte ihnen die Mutter nicht geben. Seit sie ihr Augenlicht durch eine Erkrankung verloren hat kann sie nicht mehr auf den Feldern arbeiten. Der Vater verdient jeden Monat fast fünfzig Euro. Doch nachdem das Schulgeld für die Kinder bezahlt ist, bleibt davon nicht mehr viel übrig.

Langsam bricht die Nacht herein.

Die alte Frau kehrt von den Feldern heim: Sie muss noch die Opfergaben zum Schutz vor den Geistern der Dunkelheit verteilen, bevor die Sonne hinter den Bergen verschwindet.

Der junge Mann läuft noch zwei Stunden mit seinem Wagen durch die Straßen: Ungefähr einen Euro fünfzig hat er eingenommen, gerade eben genug, um die Zutaten für die Suppe für den morgigen Tag zu besorgen.

Der Mann mit dem Wagen auf der Schnellstraße hatte weniger Glück: Er hat heute nicht viel Eisen erstehen können und deswegen nur wenig Geld für seine Ware bekommen können.

Die vier Kinder kommen aus der Schule nach Hause. Es gibt Reis zu essen. Vor dem Schlafen gehen sollen sie sich waschen, doch es gibt kein Wasser. Wieder einmal ist die Wasserversorgung gestört: es kommt kein Wasser aus der Leitung.

Einige Stunden später geht auch der junge Mann nach Hause, denn um diese Zeit wird niemand mehr Suppe kaufen. Er ist müde. Mit der Schöpfkelle schöpft er Wasser aus dem Zuber und lässt es sich über seinen Körper rinnen um den Dreck des Tages, den Staub der Straße von seiner Haut zu spülen. Das Wasser ist dreckig, seit Tagen schon gibt es in seiner Gegend kein sauberes Wasser mehr…

Am nächsten Tag fragt er mich: „Stimmt es, dass man in Europa überall Wasser trinken kann?“. Ich stutze. „Ja“, sagt er, „überall. In der Küche, im Bad… Überall soll dort sauberes Wasser aus der Leitung kommen. Wasser, das man sogar trinken kann. Ist das wirklich wahr?“

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11 Antworten

Kommentare

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    Von welcher Gegend redest du genau?
    ch meine Indonesien ist sooo riesig und Facettenreich.
    Ich wohne schon seit ein paar Monaten in Zentral-Java und dort ist die Entwicklung, wuerde ich mal sagen schon eher fortgeschritten, Aber ich kann mir die in dem Text beschriebene Situation in anderen Staedten sehr gut vorstellen.
    Auch hier in Yogyakarta ist Armut noch present, wenn auch nicht so stark wie vielleicht in anderen Gegenden.
    Das Wasser ist dafuer ok ;-b Ich wuerde es zwar nicht unbedingt ungekocht trinken aber zum Waschen passt's auf jeden Fall. :-)

    13.03.2009, 13:58 von mini-miri
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    Beim Lesen hatte ich richtige Bilder vor Augen. Also wirklich gut beschrieben.
    Grausam,dass es immer noch allen Menschen so gut geht,sauberes Wasser trinken zu können,wann und wo sie wollen.

    23.12.2007, 16:55 von EnteOhneOhren
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    Es sind eben gerade keine Klischees. Das wollte ich eigentlich mit diesem Text noch einmal aufzeigen. Schade, wenn es mir nicht gelungen ist. Aber glaub mir: Es ist wirklich so.

    17.12.2007, 06:14 von Ni.Wayan
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    Vielleicht einmal als allgemeine Anmerkung: Der Teaser stammt nicht von mir. Mir gefällt der Teaser so nicht, weil ich denke, dass er nicht zum Text passt. Aber da kann ich wie gesagt auch nichts für. Ich wollte das Land auch eigentlich offen lassen...

    17.12.2007, 06:10 von Ni.Wayan
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    Ja schöner Text, wenn auch schrecklich klischeé - beladen...

    13.12.2007, 20:40 von Bebban
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    Danke für diesen Einblick, da sieht man sein eigenes Leben auch mit anderen Augen.

    12.12.2007, 22:25 von Freydis
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    Sehr schöne, metaphorische sprache.

    12.12.2007, 17:39 von Mewkew
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      @[Benutzer gelöscht] Wir wäre es mit Energieübungen, taekwon?

      17.12.2007, 06:12 von Ni.Wayan
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