LillyIdol 02.12.2012, 10:07 Uhr 3 2

In dubio pro reo

Und ist die Runde noch so klein: Einer muss das Miststück sein.

Ein Freund erzählte mir vor kurzem einen Schwank aus seinem Liebesleben. Er hatte am Arbeitsplatz eine hübsche junge Frau kennengelernt, und beide fanden wohl die Idee nicht schlecht, eine Beziehung miteinander anzubahnen. Das Problem bei Menschen über 30 ist allerdings, dass man bis dahin gewisse Prinzipien sein eigen nennt, die erst mal zusammenpassen müssten... und das ist mitunter gar nicht so einfach.
Er wäre ja damit klargekommen, dass sie ihn nie anrief, von ihm aber verlangte, dass er sich regelmäßig bei ihr meldet. Er wäre wohl auch damit klargekommen, dass sie sexuell so ganz anders drauf war, als er es bis dahin kannte. Muss sich ja alles schrittweise aufeinander einspielen, das hat ihm schon eingeleuchtet. Und vielleicht wäre er sogar damit klargekommen, dass sie nicht wenig Spaß daran hatte, das Sagen zu haben. Aber ALLES wollte er sich nun auch wieder nicht sagen lassen... schon gar nicht, mit wem er weiterhin befreundet sein durfte und mit wem nicht.
Der Showdown kam dann bei einem Sonntagsausflug. Sie forderte von ihm nach wenigen Wochen Beziehung ein, dass er ihr jetzt sofort und unwiderruflich die ewige Treue schwören möge, wenn das mit ihnen auf Dauer was werden soll. Er lehnte ab. Nicht, weil er daran interessiert war, alles zu poppen, was nicht bei 3 auf dem Baum ist. Im Gegenteil: Treue ist ihm selbst sehr wichtig. Aber ein solcher Schwur wollte ihm nicht auf Kommando über die Lippen kommen. Und das sagte er ihr auch so.
Wenn sie sich heute begegnen, kommt von ihr nur ein knappes "Tach!" Mehr will sie nicht mehr mit ihm zu tun haben, weil er ihre Erwartungen damals nicht erfüllen wollte. Damit ist er zufrieden, denn für ihn steht fest, dass sie die falsche Frau für den Rest des Lebens gewesen wäre. Sie sieht das wohl nicht so entspannt... das tut ihm leid, aber selbst nicht weh. Irgendwann ist halt Schluss mit brav und niedlich, und dann gehört nun mal ein Haken dran.  

Abgrenzung heißt das Zauberwort, und damit tut man in allererster Linie sich selbst einen Gefallen. Gegenliebe, Einsicht der anderen Beteiligten, ja vielleicht sogar Verständnis sollte man lieber gar nicht erst erwarten, aber das schlechte Gewissen darf auch getrost im Keller bleiben. Dafür gibt es keinen Grund. Wenn man sich nicht frei entscheiden darf, was man tut und was man lieber lässt, ist eine zwischenmenschliche Beziehung hochgradig ungesund und darum überflüssig. So sehen wir das gern, wenn wir diejenigen sind, die "Nein!" sagen, und das mit Recht. Aber sehen wir das auch genauso, wenn wir "Nein!" hören?  
 
Ich hatte mal einen Chef, der das Paradebeispiel für die Spezies "sympathisches Arschloch" ist. Seine Geschichten waren köstlich anzuhören, so von weitem, aber er war nichts, was Frau zu Hause haben möchte.
Seine Partnerin hatte ihn mal gebeten, den Müll rauszubringen. Lust dazu hatte er zwar keine, aber um des lieben Friedens willen schnappte er den Eimer und setzte sich in Gang. Tja, und prompt erwies sich dieser Gefallen für ihn als sehr spannend. Er war nämlich unten im Innenhof einem Kumpel begegnet, der gerade sein neues Auto spazieren fuhr und ihn kurzerhand zu einer Probefahrt einlud. Als seine Freundin etwas später aus dem Fenster schaute, sah sie den randvollen Mülleimer vor dem Container stehen... von ihm aber keine Spur. Daraufhin rief sie ihn an und erfuhr, dass er und sein Kumpel beschlossen hatten, mal eben runter an den Gardasee zu fahren... er wisse noch nicht, wann er wieder nach Hause käme. Punkt.
Als wir fragten, wie lange der Ausflug denn insgesamt gedauert hätte, bekamen wir grinsend zur Antwort: "Och, nur 10 Tage."
Und das ohne Reisevorbereitungen, wunderten wir uns?
"Klar, kein Problem. Wir haben alles unterwegs besorgt. Ich hatte ja Silkes Kreditkarte dabei."
Wir Weiber schauten uns irritiert an und wollten dann doch noch wissen, was denn seine Freundin zu alldem gesagt hat, als er irgendwann wieder daheim auftauchte.
"Nix... ich hab auch nicht gefragt."
"Und das hat sie sich echt bieten lassen?", hakten wir nach.
"Ja logo", sagte er wie selbstverständlich, "warum auch nicht?"

Natürlich haben wir zumindest versucht, ihm zu erklären, dass man so eine Nummer eigentlich nicht bringen kann. Betonung liegt auf "eigentlich", denn er konnte sowas ja offensichtlich bringen. Sein Grinsen wurde daraufhin noch breiter. Am Ende unserer Ausführungen über Rücksicht innerhalb einer Partnerschaft zuckte er mit den Schultern und murmelte: "Verstehe gar nicht, was ihr meint. Sie hätte ja ausziehen können. Zeit genug hatte sie, und Reisende soll man nicht aufhalten."

Und irgendwie stimmt das auch. Es war seine freie Entscheidung, diese Spritztour nach Italien zu unternehmen und es war ihre freie Entscheidung, ihn dieser Respektlosigkeit zu verlassen. Wollte sie anscheinend nicht, ihr Bier. Ich wäre jedenfalls weg gewesen. Nach dieser Mittagspause verstanden wir umso besser, warum der Lieblingsspruch unseres Chefs folgender war: "Und ist die Runde noch so klein, einer muss der Dumme sein."
Passte wie die Faust aufs Auge. Er fühlte sich wohl in seiner Position als fleischgewordenes Arschloch, zwang aber niemanden dazu, seine Mätzchen mitzumachen. Und wenn das eintraf, reagierte er nicht beleidigt oder gar cholerisch, sondern orientierte sich neu. Dieser Mann war einer der arrogantesten und gleichzeitig gelassensten Menschen, die mir je über den Weg gelaufen sind. Ihm ging es nicht um Macht... er wollte einfach nur sein Ding durchziehen und die eigenen Prinzipien beibehalten. Es lebe die Selbstbestimmung... auf wessen Kosten auch immer.

Diese Sache liegt schon mehr als 10 Jahre zurück, und noch immer mangelt es mir an Interesse, einfach mal so zum Badeurlaub nach Südeuropa aufzubrechen. Ich habe sowieso erst spät mit diesem Wunderding "Abgrenzung" angefangen. Mein Altruismus war so legendär, dass es wirklich jeder Idiot mit Leichtigkeit schaffte, mich um den Finger zu wickeln. Aber habe ich auch mal das getan, was ICH hätte tun WOLLEN? Selten, sehr selten, und das waren meine schönsten Momente. Meistens jedoch habe ich mich dafür zuständig machen lassen, dass andere ihre Ziele erreichten, die mir selbst gar nicht wichtig waren, und darum blieb auch meine eigene Befriedigung aus. Irgendwie hielten mich wohl alle für ein Kassengestell... Nützlichkeit zum Nulltarif. Es hat sehr lange gedauert, bevor ich verinnerlicht hatte, dass es nicht unwesentlich zur Lebensfreude beiträgt, ab und zu mal das Arschloch zu sein, von dem andere Menschen dann eben auch mal enttäuscht sind. So isses nunmal, und daran ist weder was zu ändern noch etwas auszusetzen. Und wer deshalb gehen will, der hat meinen Segen. Wie sagte mein Ex-Chef nämlich ganz richtig?

Reisende soll man nicht aufhalten.    

Nein! sagen ist zu einem meiner liebsten Hobbys geworden. Ich sage auch nach wie vor gern Ja!, so ist es nicht. Aber nur noch dann, wenn ich das möchte. Es war recht kompliziert für mein Umfeld, dies auf einmal zur Kenntnis zu nehmen und sich auch noch danach zu richten. Und wenn ich es mir gut überlege, ist von den Zwischenmenschen, die ich zu Beginn der Abgrenzung um mich hatte, auch kaum noch jemand übriggeblieben. Das macht aber nichts. Im Loslassland fühle ich mich nämlich inzwischen sehr zu Hause, und eine Rückreise per Everybodies-Darling-Express ist ganz bestimmt nichts, was ich in diesem Leben noch erledigt haben will... als Gelegenheits-Miststück lebt es sich nämlich viel entspannter.          





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3 Antworten

Kommentare

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    Basta.
    Ne, du hast ja recht.

    02.12.2012, 18:07 von EliasRafael
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    Das Problem bei Menschen über 30 ist allerdings, dass man bis dahin
    gewisse Prinzipien sein eigen nennt, die erst mal zusammenpassen
    müssten... und das ist mitunter gar nicht so einfach.

    Ich finde, das Problem daran ist, es als Problem zu bezeichnen und sich es dadurch erst recht schwer zu machen.

    Ansonsten interessanter Text, der bestätigt, das "Erwachsen werden" niemals aufhört.

    02.12.2012, 16:21 von Mrs.McH
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    gefällt mir gut. abgrenzung ist ein lernprozess, den du schön beschreibst.

    "dass es nicht unwesentlich zur Lebensfreude beiträgt, ab und zu mal das Arschloch zu sein..."

    02.12.2012, 11:15 von breitscheidt
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