Alceste 22.11.2013, 16:56 Uhr 29 49

In der Legebatterie oder Die Angst vor dem fehlenden Ei

Jeden Tag ein Ei. Das war die Parole, die frohe Botschaft.

Ein betäubendes Gackern weckte mich. Benommen blickte ich umher, mit zuckenden Muskeln und entzündeten Augen: Ich erwachte in einem kleinen Käfig, einem unter unzählbaren und hoch aufgetürmten: durch die Gitterstäbe konnte ich nur andere Gitter sehen; bis zu meinem in Stücke gerissenen Horizont erstreckten sich nur Käfige und darin: Millionen Namenloser, beziffert, etikettiert, gleichgeschaltet und einander gleichend wie ein Ei dem anderen. Es stank nach Verwesung und durch die bleierne Luft schwebten manchmal rötlich-weiße Federn, die mitunter sanft wie Schneeflocken in den Dreck niedersanken, ganz so, als sei es Winter und natürlich.

Ich konnte mich nicht bewegen, keine Richtung stand mir frei: Der Boden gab nicht nach und die Decke war nur ein andrer Boden. Auch oben nur Käfige. Die Gitterstäbe, durch die mein Blick gesiebt wurde, bohrten sich in ihrer stumpfen passiven Gewalt in mein Denken: Sie brachen mir die Knochen, noch ehe ich sie bersten hörte. Ich schlug mir den Schädel wund, aber ich konnte nicht entkommen, obgleich ich entkommen musste, auch wenn ich nicht wusste, wohin: Denn überall waren nur Käfige und in ihnen schrien die Züchtungen. Überall diese Züchtungen. Ich fragte mich noch, wie all das hatte passieren können und wie ich hierher gekommen sei, als ein Mann vor mich trat.

Er behandelte mich wie eine Züchtung. Er verlangte ein Ei, aber ich hatte keins. Er beschimpfte mich, nannte meine Existenz unwürdig und drohte mir. Bevor ich überhaupt begriff, ging er zum nächsten Käfig und der Insasse gab ihm ein Ei. Sofort kam er wieder, wies mich auf die Leistung meines Mitgefangenen hin, zeigte mir dessen Ei und strafte mich verächtlich ab. Ich begriff überhaupt nicht, worum es ging oder was ich falsch gemacht hatte - auch nicht an den folgenden Tagen, da sich dieser Vorgang wiederholte: Der Mann kam und behandelte mich wie eine Züchtung. Ich schrie ihn an, warum er mir das antäte. Was ich hier zu suchen habe und warum er ein Ei wollte. Verächtlich blickte er auf mich herab und fragte gleichgültig: Sie wurden doch geboren? - Natürlich, entgegnete ich. - Dann ist es doch ihre Schuld, erwiderte er. Sehen Sie sich um: Den Anderen ergeht es nicht anders. Sie sind hier, weil sie geboren wurden. Sie haben hier nichts zu suchen, Sie haben die Aufgabe, mich finden zu lassen: Sie schulden mir ein Ei. Jeden Tag. So war es immer und so wird es immer sein.

Und so war es dann auch. Jeden Tag kam der Mann und behandelte mich wie eine Züchtung, bis ich einsah, dass auch ich eine Züchtung sein musste, ja, so musste es sein. Ich fügte mich also wie alle anderen, dennoch versagte ich. Mir gelang es nicht, ein Ei zu produzieren, wie sehr ich es auch versuchte. Dabei wollte ich. Ich wollte den Mann wirklich zufrieden sehen, ich wollte ihn glücklich machen, aber es misslang. Alle anderen übertrafen sich in der Eierproduktion, legten mitunter zwei, sogar drei am Tag, bevor sie pflichtbewusst einschliefen, allein ich verfehlte meinen Daseinszweck. Der Mann beschimpfte mich dementsprechend immer wieder und bedachte mich solange mit Verachtung, bis ich mich selbst verachtete. Warum war ich nicht fähig? Warum war ich nicht so fähig wie alle anderen? Warum konnte ich ihm nicht meinen Wert beweisen? Ich war eine schlechte Züchtung, so musste es sein: ich war wertlos.

Jeden Tag ein Ei. Das war die Parole, die frohe Botschaft. Ich wurde wie einige andere meiner Konkurrenten, die von meiner Unfähigkeit, Eier zu produzieren, anscheinend angesteckt worden waren, inzwischen zwangsernährt, um die Produktion anzukurbeln: Wir wurden mit Drähten, Schläuchen und Kabeln im Käfig fixiert und vollgestopft. Dabei wollte ich gar nicht, ich hatte gar keinen Hunger. Dennoch wurde ich mit einer grauen Pampe vollgepumpt, bis ich die Besinnung verlor und in all dem einschlief, was ich nicht hatte schlucken können.

Jeden Tag ein Ei, jeder leistet seinen Beitrag zum Gemeinwohl, sonst wurde man fortgeschafft; es musste fortgeschritten werden und es wurde fortgeschritten, ob man wollte oder nicht. Und es war gerecht: Diejenigen, die sich weigerten und auch trotz einer Zwangsernährung keine Eier produzierten oder produzierten wollten, lebten parasitär von der Arbeit der Anderen. Sie fraßen den Anderen das Futter weg. Warum hätte man das dulden sollen. Es war gerecht, das sagte der Mann, und das sagten alle Anderen und so sagte das auch ich. Denn ich hatte allen Grund: Endlich konnte auch ich Eier produzieren. Meine Inkompetenz war überwunden, ich hatte mir meinen Wert erarbeitet. Ich konzentrierte mich nur noch darauf und leistete meinen Beitrag. Die Schläuche, Drähte und Kabel unterstützten mich sanft und spornten mich zu immer mehr Eiern an: ich war stolz, denn ich machte meinem Herren alle Ehre.

Es ging soweit, dass ich eine Angst vor der Abwesenheit des Eies entwickelte. Wenn ich beispielsweise am Vortag unter den größten Anstrengungen zwei oder drei Eier hatte produzieren können, so fürchtete ich nichts mehr, als am Folgetag nicht zumindest dieselbe Leistung zu erreichen. Kein Ei durfte fehlen. Der Mann wollte, dass wir uns verbessern, dass wir dem Gemeinwohl noch nützlicher sein können, und diese Absicht ehrte ihn so sehr als sie uns motivierte. Eines Tages produzierte ich vier Eier und war die glücklichste Züchtung, die sich denken lässt - doch dann entfernte man die Drähte, Schläuche und Kabel. Sie wurden mir genommen, weil andere sie angeblich brauchten. Ich verachtete sie - diese Schwächlinge neideten mir meine Eierproduktion und den großartigen Käfig, in den ich versetzt worden war, als ich das erste Mal drei überdurchschnittlich große Eier produziert hatte. Aber die Sehnsucht nach meinen Drähten, Schläuchen und Kabeln war nicht das Schlimmste: Die Angst vor dem fehlenden Ei stellte sich wieder ein und peinigte mich ohne Unterlass: Sie raubte mir zuerst den Schlaf, dann meinen Daseinszweck: Wenn nun die anderen mehr produzierten? Größere, robustere, schönere Eier? War ich nicht die produktivste Züchtung im ganzen Käfig?

Die Qualen meiner Angst wurden nur von dem Gefühl meiner Nutzlosigkeit übertroffen, als ich nach nur zwei Tagen ohne Drähte, Schläuche und Kabel kein einziges Ei mehr produzieren konnte. Ich gab mein Möglichstes: Pausenlos fraß ich, wie man es verlangte und pausenlos bemühte ich mich, doch vergebens: Was ich auch versuchte, ich konnte kein Ei produzieren. Ich nahm an, dass mich das permanente Geschrei der Millionen Anderen ablenkte, und schlug mir die Ohren blutig. Aber das half nicht. Ich schlussfolgerte, dass mich der Anblick der unzählbaren Käfige der Konkurrenten und die mitunter umherschwirrenden rötlich-weißen Federn ablenken mussten, und stach mir mit einem hervorstehenden Draht aus dem Nachbarkäfig die Augen aus. Das war nur ein kleiner Preis, den ich gern zu zahlen bereit war: Jeden Tag ein Ei, so hieß es, und dem musste ich gerecht werden. Zwei Augen für ein Ei - das war gerecht. Doch auch als ich mich taub und blind in der dunkelsten Stille auf die Produktion eines Eies konzentrierte - verfehlte ich meinen Zweck und versagte endgültig.


Die Anwesenheit des Herren spürte ich an meiner Kehle. In meinen Ohren rauschte das Blut, aber irgendwann - wie aus weiter Ferne hallend - vernahm ich dennoch sein Gebrüll: Wo ... du ...Züchtung... Ei? fragte er. ...Parasit...Schläuche...Versagen, schrie er und drückte mir die Kehle zu, ohne dass ich etwas entgegnen konnte. Ich hätte ohnehin nichts zu meiner Entschuldigung vorbringen können. Er verlangte das Ei und ich hatte keins, so einfach war das. Ich hatte hier nichts mehr zu suchen und er hatte nichts zu finden: Ich hatte mein Möglichstes versucht, aber es war nicht gut genug, ja, ich hatte alles gegeben, um im Fressen und Produzieren meine volle Größe zu erreichen, aber trotzdem wollte er mich vor meiner Zeit abschlachten und packte mich dazu so fest an der Kehle, dass ich nur noch röchelnd in die Dunkelheit fragen konnte: Warum? - Woraufhin er mir zur Antwort gab: Aus Prinzip und -.

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29 Antworten

Kommentare

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    Ach, du dickes Ei...

    18.12.2013, 11:32 von sailor
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        Ja

    30.11.2013, 17:39 von mirror87
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    chapeau, chabo!

    28.11.2013, 14:52 von to_the_sea
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    Oh. Passend zum Thema! Stern TV. Jetzt!

    27.11.2013, 23:08 von execratedworld
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    Hier bin ich Huhn, hier darf ich's sein.

    27.11.2013, 13:23 von Freulein_Taktlos
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    Perfekt.

    27.11.2013, 10:01 von Talismere
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