ira.gold 30.04.2008, 17:33 Uhr 7 11

In der großen Stadt

Heute bin ich zum Alex und den Fernsehturm hinaufgefahren. Wollte mal wieder sehen, wie alles von oben aussieht.

Ein ziemlich kräftiger Wind fährt mir durch’s Haar, und ich muss ein bisschen aufpassen, dass keine Haarsträhne mir eine Kontaktlinse aus dem Auge fegt. Es dämmert schon, und unten, auf der Erde, ist ein seltsam statisches Gewusel zu erblicken; viele Bewegungen sieht man nicht aus dieser Höhe, aber man weiß, dass sie da sind – einige sichtbar, die meisten im Verborgenen.
Stadt, soweit man blicken kann. Stadt bis zum Horizont. Die Hauptstadt. Die top-angesagte Metropole, sogar mit einem neuen Motto ausgestattet: „Be Berlin!“ Wie cool, denke ich. Wie geil, dass ich hier wohne. Was ich in dieser Stadt innerhalb der nächsten zwei , drei Stunden alles erleben könnte…, geht es mir durch den Kopf.

Ich könnte innerhalb von sechzig Minuten in zwölf Kneipen zwölf Biere trinken. Ich könnte innerhalb von neunzig Minuten in einer Kneipe zwölf VERSCHIEDENE Biere trinken. Ich könnte in sechs Kneipen sechs verschiedene Biersorten mit sechs verschiedenen Sorten Tequila kombinieren. Danach könnte ich an 87.312 verschiedene Straßenecken kotzen.

Ich könnte mir jede x-beliebige Droge besorgen, eine für zuckende Tänze, eine für psychedelische Reisen, eine zum Ficken und eine zum Streicheln und eine für wildes, ungehemmtes Kichern, sobald jemand „Wurst“ sagt. Dazu passend könnte ich mir den gewünschten Soundtrack aussuchen, im elften Stock Techno, im Keller Grunge und Hardcore, in irgendeiner Wohnhöhle sanfte Sitar-Klänge. Ich könnte es sieben Tage am Stück krachen lassen. Dann könnte ich kiffen, wenn ich noch könnte, und mich auf einem Schiff in die Sauna hocken.

Ich könnte chinesisch, mexikanisch, ceylonesisch, aserbaidschanisch oder pygmäisch essen gehen, und dazu Tom, Paul, Klaus, Susi, Lea, Hannah, Robert, Sandra, Jochen, Til, Mandy, Stefan, Jupp, Alex, Katrin mit K, Catrin mit C oder Kathrin mit K und th mitnehmen.

Ich könnte Sex mit einem fremden Mann haben, oder mit zwei Frauen, oder mit fünf Männern und drei Frauen. Vermutlich sogar mit dreizehn Männern, sieben Frauen und einem Esel, wenn mir danach wäre. (Danach ist mir gerade nicht. Aber ich könnte. Wenn ich wollte.)

Ich könnte Adrenalinkicks ohne Ende bekommen, ich könnte meine Knochen auf einer Kartbahn demolieren, eine Kletterwand erklimmen, mich an einem Gummiseil in die Tiefe stürzen oder einfach mit dem Fahrrad die Torstraße entlang radeln.

Ich könnte mir an der Friedrichstraße ein Chanel-Kostüm klauen und dann eine Lamborghini-Probefahrt machen. Ich könnte mich auf Pump halb zu Tode shoppen, mich dann ins KDW schleppen und in der Feinkostabteilung Austern auf mein neues Kostüm kleckern.

*

Ich schließe die Augen, und eine Böe streift mir um die Nase.

Unterhalb des Hügels, auf dem ich stehe, ziehen Schafe über die saftiggrüne Wiese; ab und zu hört man im Rauschen des Windes ein Glöckchen klingen. Ein leises, monotones, auf- und abebbendes „Mäh“ echot über die Weide. Was kann ich tun, geht es mir durch den Kopf. Ein ruhiges, gemütliches NICHTS erscheint vor meinem geistigen Auge.

Ich kann NICHTS tun, außer zu beobachten, wie die Sonne sich gemächlich dem Gebirgszug am Horizont nähert, wie sie beinahe unmerklich sinkt, den Grat berührt und ihn für einige kostbare Sekunden in ein irisierendes orange-rosa taucht, bevor sie langsam, ganz langsam hinter den Felsen verschwindet.

Ich kann nichts weiter tun. Ich muss nichts weiter tun. Welch ein Glück.

11

Diesen Text mochten auch

7 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    gut in worte gefasst.

    27.06.2008, 10:35 von laala
    • Kommentar schreiben
  • 0

    wow, das ist geil! das ist wirklich geil!
    gleiches geht mir auch oft durch den kopf, wenn ich in der großstadt unterwegs bin.
    allerdings aus einer anderen perspektive. wen's interessiert: http://www.neon.de/kat/fuehlen/sex/236261.html

    29.05.2008, 10:59 von pilatus
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich finde den Artikel echt schön! Er ist witzig geschrieben und es macht richtig Spaß ihn zu lesen! Und generell finde ich, dass hier in viele Artikel immer viel zu viel hineininterpretiert wird und alles bis ins kleinste analysiert wird. Einen Artikel wie diesen sollte man meiner Meinung nach einfach lesen und genießen....und vielleicht ein bisschen schmunzeln. Aber nicht ins Detail zerpflücken. (auch wenn ich bei der Stelle mit dem Esel besonders grinsen musste!) Kompliment! wirklich schön!

    28.05.2008, 16:33 von BeatrixKiddo
    • 0

      @BeatrixKiddo danke! ein grinsen ist das, was ich die meiste zeit im gesicht hatte, als ich ihn geschrieben hab. (obwohl natürlich schon zweifelnde, nachdenkliche und durchaus existentielle gedanken dahinterstecken... aber lassen wir das.)

      29.05.2008, 11:03 von ira.gold
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ira,das hast Du schön gasagt-)
    Superjudy

    13.05.2008, 23:25 von Superjudy
    • Kommentar schreiben
  • 0

    "Es ist ein Zunder in jedem der den Funken sucht."

    Ohne Konjunktiv keine Phantasie,
    ohne Tat würde sie es bleiben.

    01.05.2008, 05:17 von schauby
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ...Esel?

    ...mmmppppffft.
    ;-)

    30.04.2008, 20:28 von Kiyan
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] was für leute?

      01.05.2008, 19:58 von ira.gold
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare