Down_Under 03.10.2008, 02:28 Uhr 0 0

Immer noch in Kassel

Eine Ode an die Stadt. Oder auch nicht. Dann lieber: Eine These über die Stadt.

Als ich nach einer überdurchschnittlich langen Nacht wieder aufwache und mir die Körner aus den Augen pule, schaue ich zum Fenster hinaus. Während zu Beginn das Bild noch verschwommen scheint, weil die Augen sich an das helle Tageslicht gewöhnen müssen, wird es innerhalb weniger Sekunden immer klarer und deutlicher und mit gespieltem Entsetzen stelle ich fest, dass ich noch immer in Kassel bin. Kein Filmriss der Welt kann mir diesen Umstand aus meinen Erinnerungen reißen, obgleich ich den größten Teil des gestrigen Abends glatt vergessen habe.

Es gehört zur Tagespraxis. Menschen, die jahrelang in einer Stadt wohnen, beginnen nach einiger Zeit, sich über ihr eigenes trauriges Dasein liebevoll lustig zu machen und die ganze Schuld der Stadt zuzuschreiben. Ist sie es doch, die wir bevölkern und begehen, mit unserem Leben füllen und somit zum Leben erwecken, der wir etwas hineinschütten in die leere Hülle, die bei all der Pracht relativ doof sich selbst beschauen müsste, wären die Menschen nicht da. Die Stadt ist es, die uns Gelegenheiten bietet, „im Menschentrichter Millionen Gesichter“ (Tucholsky) zu entdecken, vielleicht das Lebensglück, vielleicht auch nur einen flüchtigen Impuls. Eine Kritik an der Stadt ist also gleichzeitig eine Kritik an uns.

Das ist eine äußerst verzwickte Situation, denn so bleibt wenig Spielraum, um sich zynisch und ironisch auszudrücken. Wenn ich also durch Kassel laufe und am Königsplatz diese monströsen „Kunstwerke“ in Form von primären männlichen Geschlechtsteilen sehe, so rege ich mich ganz furchtbar auf, nur um im nächsten Augenblick festzustellen, dass die Stadt nur sein kann, was ich daraus mache. Das dämpft meine angriffslustige Natur ungemein und nichts mehr in meinen Augen ist einfach nur deplatziert, sondern ein Produkt dessen, was mein hitziges Gemüt glaubt, sehen zu müssen.

So ist das riesige Einkaufszentrum, der „City Point“, nicht mehr einfach nur ein Versuch der „Stadt“, möglichst viel Kapital möglichst zentral aus den Taschen der Bürger zu ziehen, sondern ein Zugeständnis der Menschen, endgültig im Kapitalismus angekommen zu sein. Die Kifferwiese in der Nähe der Orangerie ist nicht mehr einfach nur ein Insider-Scherz, den nur stadtkundige Kasseler Bürger kennen, sondern traurige Wahrheit, um die selbst geschaffene Realität zu betäuben. Und der Herkules, das berühmteste Denkmal Kassels, ist nicht mehr einfach nur eine große Statue, zu der man alle Jubeljahre wieder pilgert, sondern ein dringend benötigtes Objekt in einer Zeit, in der alles immer globaler wird und in der Lokalpatrioten angestarrt werden, als hätten sie sich eine verwerfliche Frechheit geleistet.

„Die Stadt“ gibt es also nicht, schon gar nicht als handelndes Subjekt. Sie ist das, was inzwischen unzählige Autoren auch festgestellt haben: Der Körper. Wir sind das Blut, die Straßen sind die Adern und das Eine kann nicht funktionieren, wenn das Andere nicht da ist. Es ist eine Zweckgemeinschaft, jeder vollbringt eine Dienstleistung für die anderen Komponenten, es ist ein Geben und ein Nehmen, ein Vergessen und Erinnern.

Nun gilt das alles zwar vielleicht für die Einwohner dieser Stadt, jedoch nicht für die Besucher, die alle paar Jahre sich in Kassel verirren, weil sie glauben, es sei wieder documenta-Zeit und sich ärgern, weil es dann doch nur die Museumsnacht ist. Die Besucher dürfen sich jedes Urteil erlauben und Impressionen sammeln und sind somit die einzigen, die diese Stadt als etwas Ganzes sehen. Sie reden von den Menschen, reden von den Sehenswürdigkeiten, reden vom Charakter und vom Wetter, erzählen daheim über die erlebten Ereignisse, schießen Fotos, nehmen Videos auf und ärgern sich das eine oder andere Mal über das eine oder andere. Das alles gehört zum natürlichen Kreislauf, es gibt Venen und es gibt Adern und die Touristen sind es, die mit ihren lauten Kindern und ihrer beinahe ansteckenden Fröhlichkeit alle fünf Jahre zur documenta die Stadt wiederbeleben. Straßenmusikanten spielen Musik, die schon längst vergesse Nerven reaktivieren und Engländer und Franzosen haben uns für zumindest kurze Zeit ein wenig mehr lieb als sonst, während Amerikaner mit offenen Augen und Mündern feststellen, dass Colin Powell wohl tatsächlich ein Idiot gewesen ist und Europa gar nicht so alt wie behauptet.

So passiert es also, dass ich nach einer überdurchschnittlich langen Nacht aufwache und mir die Körner aus den Augen pule und als ich aus dem Fenster schaue und meine Augen verschwommen die Welt da draußen wahrnehmen und nachzeichnen, rechne ich eins und eins zusammen: Wenn die Stadt nur das ist, was ich daraus mache und ich mich dafür bedauere, in Kassel zu leben, muss der gestrige Abend – bei aller Liebe – ein ganz schön beschissener gewesen sein.

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