Coogar 16.02.2007, 19:15 Uhr 27 12

Immer mitten in die Fresse rein

Das waren noch Zeiten, als die Idee eines fehlenden Schlüpfers die Kinogänger bewegte und einen mittelprächtigen Skandal auslöste.

Ich liebe Kino. Ich liebe Filme. Ich liebe es, mich in einem bequemen plüschigen Stuhl zurückzulehnen und für zwei Stunden von der Außenwelt abgeschnitten zu sein, in Bilder einzutauchen und in Stimmen und in Geschichten zu versinken, gerne in Geschichten, die mich für lange Zeit beschäftigen werden.

Es war für mich ein Schlag in die Magengrube, als im Kino immer weniger Filme gezeigt wurden, die durch Inhalt bestechen, als Filme, die unsere Generation zum Lachen bringen sollten und zwar durch das beliebte Stilmittel Fäkalhumor. Allerdings war es kein größeres Problem, den anhaltenden Spermaschleudern und möchtegernwitzigen Selbstbefriedigungsszenen auszuweichen, da diese Filme genau mit diesen Szenen werben und so leicht zu identifizieren sind.

Was mich in letzter Zeit irritiert, ist die Tatsache, dass neuerdings in ernsthaften Filmen mit Inhalt, mit Anliegen, mit Anspruch ebenfalls nicht mehr haltgemacht wird vor Rotz und Kotze. Und natürlich vor Sex. Viel Sex, weil Sex sich gut verkauft oder so.

Ich war kurz davor, Purzelbäume zu schlagen, als "Babel" in unserem Kino anlief, ein Film, auf den ich mich seit der ersten Vorschau wochenlang gefreut hatte. Ein guter Film, keine Frage, aber ist es wirklich absolut notwendig, dass eine der Protagonistinnen ihre Beine öffnet, um einigen Typen am Nebentisch ihre Schambehaarung zu zeigen und die Kamera direkt draufhält? Und das gleich zweimal? Und muss sie ihren Rock noch ein drittes Mal anheben, um ihrer Freundin zu zeigen, dass sie nichts drunter trägt, ihre Freundin genauso, und wieder hält die Kamera voll drauf. Hätte eine Andeutung nicht gereicht?

Und muss dem heulenden Vater wirklich die Spucke aus dem Mund laufen? Und ist Kate Winslet nicht auch eine gute Schauspielerin, ohne in Little Children permanent ihre Brüste in die Kamera zu schwenken? Und reicht in "Hard Candy" nicht die Mischung von Blut und Schweiß, nein, auch eine gute Prise Rotz mischt sich darunter, schön detailliert von der Kamera eingefangen. Was kommt als nächstes? Nahaufnahmen von urinierenden Leuten oder dem Klopapier, mit dem sie sich den Hintern abgewischt haben?

Mir haben schon immer Filme gefallen, die Dinge zeigen koennen, ohne sie tatsächlich zu zeigen. Weil ich mir im Kino eine Geschichte ansehen will, die nicht abgelenkt wird durch Dinge, die mich im Alltag ablenken und weil ich nicht will, dass mich jemand am Hinterkopf packt und meine Nase in die Fäkalien und Geschlechtsteile anderer Leute steckt, in Bereiche, die ich als intim erachte und deren Darstellung mich vom Zuschauer zum Voyeur machen will.

Nur bin ich eben kein Voyeur.

Wenn ich mir den Sex anderer Leute ansehen will, leihe ich mir einen Porno aus. Dazu sind Pornos schließlich da. Ganz allein scheine ich mit meiner Meinung, was diese Sparte angeht, nicht zu sein, oder warum sonst verließ mehr als die Hälfte der Zuschauer in Dublin den Kinosaal während der Vorstellung von "9 Songs", der als Kunstfilm angepriesen wurde, aber im Grunde nichts als Echtzeitsex zeigt? Vorbei die Zeiten der Liebesszenen, die vor allem Liebe zeigen, wie damals in "True Romance" zwischen Christian Slater und der wunderschönen Patricia Arquette, als sie ihre erste Nacht miteinander verbringen.

Und was Fäkalien angeht: Ich hab mein eigenes Klo zuhause, da kann ich so viel Faekalien gucken wie ich will, ohne störende Geschichte dazu, mal ganz abgesehen von meiner aushilfsweisen Arbeit im Kindergarten, wo Nasen putzen und Windeln wechseln den Alltag bestimmte.

In Wahrheit lenken doch all diese Dinge nur von dem ab, was der Film tatsächlich zu erzählen hat und das kann beizeiten eine Schande sein.

Alejandro Gonzalez Iñarritu, der Regisseur von "Babel", hat in demselben Film eine Szene geschaffen, die mir noch lange in Erinnerung bleiben wird: Der Amerikaner wacht an der Seite seiner sterbenden Frau in einer kleinen Hütte in Marokko, als sie ihm flüsternd gesteht, sie hätte sich in die Hose gemacht und dass sie schon wieder muss. Sie ist zu schwach, sich zu bewegen, und erbittet von seinem marokkanischen Freund eine Pfanne und einige Minuten allein mit seiner Frau. Er zieht ihre Hose aus unter den Kleidern, schiebt ihr die Pfanne unter und hilft ihr hoch, hält sie über der Pfanne und in ihrem schmerzverzerrten Gesicht zeichnet sich ein Anflug von Erleichterung. Man sieht nichts in dieser Szene, keine Vagina, keinen Urin, aber konzentriert ganz viel Liebe. Und darum geht es in dieser Szene, um Liebe. Vielleicht hätte das niemand bemerkt, hätte die Kamera nicht heimlich still und leise diese Szene eingefangen, ohne das Gesicht des Zuschauers in die Pfanne zu drücken.

Und darum frage ich mich, wenn es doch geht, warum gibt es immer weniger solcher Szenen? Vielleicht, weil das Publikum für die anderen Szenen einfach zu groß geworden ist?

12

Diesen Text mochten auch

27 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Ganz Deiner Meinung und wenn man sich modernes Theater anschaut, bzw. das was ich zugegebenerweise als Laie davon mitbekomme, dann wird einem nochmal schlecht...

    12.03.2007, 20:59 von calvin123
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich überlege gerade...

    Kann das sein, daß es gewollt war, daß genau in diesem Film beide Varianten zum Zuge kommen?
    (ich kenne ihn nicht)

    Um genau bei der Schamhaarschau ein anderes Gefühl zu erzeugen als bei der Situation, die Du als liebes-voll erlebtest?

    Ich denk schon, daß das Spiel mit der Pornographie Einzug halten kann in die Filmkunst. Vielleicht weil Pornographie ein Teil des Lebens ist?

    Film- und andere Kunst schwebt ja zwischen Idealismus und Realismus. Und puren Idealismus nimmt einem heute keiner mehr ab.
    Bleiben die Abstufungen dazwischen.
    Ein Film, der pornographisch-realistisch beginnt und
    idealistisch endet, könnte mich evt. überzeugen.

    11.03.2007, 00:50 von LudwigMartin
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Und wieder einmal bin an dem Punkt, an meinem Kunstverständnis zu zweifeln.
    Mag sein, dass ich in der Hinsicht altmodisch bin, aber hat die Darstellung von Pissen, Kacken und Kotzen etwas mit Kunst zu tun. Klar, alles Interpretationssache...blabla.
    Mit der Realitätsdarstellung -schon klar, gehört zum Alltag, macht ja jeder...
    Wenn meine Freundin zuviel getrunken hat, stell ich mich doch auch nicht daneben und sag:
    "Aha, das ist also das wahre Leben, Realtiät pur. Oder fühlt sich hier jemand der Realität näher, wenn er/sie anderen beim Pinkeln zusieht?
    Es ist im Film eben einfacher, die Kamera in die Kloschüssel zu halten, als Gefühle und zwischenmenschliche Beziehungen einzufangen. Die Realtiät, gesellschaftliche Entwicklungen, Kritik und Ideen, die Dinge, die nicht sichtbar und greifbar sind künstlerisch umzusetzen, sichtbar zu machen, ist doch die Herausforderung. Etwas nicht zu zeigen und genau dadurch deutlich zu machen- das ist Kunst.

    Ein Dankeschön an den Autor! Ich möchte auch nicht im Kino darüber aufgeklärt werden, welche
    Schamhaarfrisur die Protagonisten tragen und ich welcher Stellung und Dauer sie ihren Akt vollziehen. Das macht den Inhalt einer Geschichte nicht deutlicher, sondern bewirkt das Gegenteil. Aber vielleicht ist genau das der Effekt, der erzielt werden soll?!

    10.03.2007, 16:34 von clarice
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Ich gebe dir eigentlich Recht. Aber gerade in Babel finde ich diese Stelle gut. Mit dem Maedchen in der Bar. Diese Stelle tat mehr weh als all das Geschiesse und Geheule und Blut. Weil genau das, wenn auch nicht so extrem und so offen, so oft passiert. Menschen müssen sich zur Schau stellen, um beachtet zu werden Traurig, aber wahr.
    Ein sehr guter Text und ja, an vielen Stellen konnte ich nur mit dem Kopf nicken.

    08.03.2007, 21:27 von lilko
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Tja. Was bei John Waters noch skandalös war ist nun mit American Pie 3 salonfähig geworden. Eine Schande einerseits, diese Abstumpfung.
    Andererseits auch ganz angenehm wenn man das breite Publikum nichtmehr allzu leicht schocken kann, denn damit spart man sich die sinnlosen Diskussionen die noch vor 30 Jahren jeder Szene folgten in denen irgendwer nix anhatte.
    Und sabbernde, schwitzende Leute sind eigentlich nur realistisch.
    Aber im Großen und Ganzen stimme ich dir zu. Zu wenig gute Filme, zu wenig Filme die durch ihre Handlung faszinieren oder durch ihre Bilder.
    Der Film ist ein wunderbares Medium, das weit vielseitiger sein könnte als es gerade ist.
    Es lebe nicht nur die Andeutung, sondern auch die Abwechslung!

    08.03.2007, 09:41 von ZoZe
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
Seite: 1 2 3

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare