Im Waschsalon wird alles sauber
Nur die Gedanken bleiben schwarz.
Von oben flackert es. Vor ihm dreht es sich. Unter ihm fährt eine Metro. 21, 22, 23, 24... Schleudern. Spülen. Pumpen. Der Stuhl, auf dem er sitzt, ist hart, wie immer. Es riecht nach Sauberkeit und Bleiche. Kacheln an den Wänden, Kacheln an den Füßen, Kacheln in seinem Kopf, mit Fugen, die brechen und sich verstreuen. Ausgekrümelt werden sie sich in die Sohlen derjenigen eintreten, die versuchen, ihren Schmutz hier zu lassen. Im Waschsalon ist alles sauber – hinterher und drumherum. Und das Dazwischen stinkt. Münzen im Tausch gegen weißes Pulver. Blutspritzer auf anonymen Hemden im Tausch gegen weiße Kragen. Schwarze Erinnerungen im Tausch gegen weiße Gedanken.
Wahllos stopft er alles in eine Tasche, dreckige Socken, ausgeleierte Hosen, beschmierte Hemden, zerrissene Haut. Waschtag. Im Hausflur stehen Räder. Am Himmel stehen Wolken. Am Handgelenk steht seine Uhr. Sie hat es aufgegeben, gegen die Trägheit der Zeit zu rebellieren. Jetzt ist sie schmucklose Zierde, ein Relikt – keines, an dem Nostalgie klebt, einfach nur eines, das stumm nach Gewohnheit klingt. Die Schritte sind die gleichen wie jede Woche, 21, 22, 23, 24... Schleudern. Schwanken. Auffangen. Der Boden, auf dem er geht, ist hart, wie immer. Es riecht nach Winter und Salz. In der Häuserzeile vor ihm lockt ein Neonlicht. Es flackert. Weit aufgerissene Fensteraugen klimpern. Zu hektisch, Wärme schenkt andere Blicke. Die lässt sich besser trinken, füllt den Magen, stillt den Kopf.
Die Trommel schluckt, füllt sich, will sich fast erbrechen. Er füttert weiter. Von oben flackert es. Vor ihm dreht es sich. Neben ihm der Stuhl ist leer... 25, 26, 27, 28, 45 Minuten später ist alles sauber, gespült, gestärkt. Die Trommel spuckt, er atmet Chlor. Unter ihm fährt eine Metro. 46, 47, 48... Wochen ist es her, dass ihre Tür sich schloss. Im Hausflur standen Nachbarn. Am Himmel stand eine Sonne. In seinem Magen stand seine ganze Welt. Stille im Tausch gegen laute Worte. Gefühle im Tausch gegen Blei. Ein Karton voller Bücher im Tausch gegen leere Wände. Auf einem Zettel starben Worte ... 34, 35, 36, 37
Wir
verlieren uns
Ganz still, ganz leise
In der Zeit, die wir
Nicht teilen
Wir
entfernen uns
Rasend langsam
In
dem Raum, der uns
Nicht bleibt
Wir
vergessen uns
Werden
blasser
Und
verschwinden
Wie
Bleistift auf Papier





Kommentare
Der Text ist wirklich sehr leise und irgendwie langsam. Dennoch reißt er einen voll mit und vermittelt eine tiefe Stimmung. Sehr schön!
06.02.2013, 23:33 von sellardorewas ist die Abwesenheit von Liebe anderes als das Nichts:
03.02.2013, 19:46 von schaubySchwarz.
Das Herz für die 37!
02.02.2013, 08:24 von Mrs.McHIch könnt heut morgen nochmal herzen ... seufz.
01.02.2013, 10:46 von SommerscheinDas Gedicht am Ende find ich toll. Du bist ne Poetin!
01.02.2013, 09:40 von Taneadas dachte ich auch eben..dieser untere teil volkommen poetisch.sehr schön.so nah dran.
02.02.2013, 16:54 von pur_purSpäter lesen!
01.02.2013, 09:13 von Taneaproper
01.02.2013, 01:26 von Bhoy"rasend langsam" macht es irgendwie ein bisschen kaputt; da sieht man das handwerk durchschimmern.
31.01.2013, 22:50 von libidoDas sind die Sasali-Texte, die ich liebe! Mein Herz dafür!
31.01.2013, 22:38 von topfbluemchenEin ganz wunderbarer Text!
31.01.2013, 18:49 von Sultanine