themarsvoltaire 11.08.2010, 17:50 Uhr 1 1

Im Namen des Herren

Eva Herman findet es gerecht, dass 21 Menschen bei der Loveparade starben. Denn dies sei ja der Wille Gottes - Sünden müssen bestraft werden. Amen!

21 Tote, mittlerweile 511 oder mehr Verletzte, viele davon schwerverletzt. So lautet die traurige Bilanz der diesjährigen Loveparade. An diesem Samstag sollte in Duisburg die „größte Party der Welt“ steigen. Hunderttausende Besucher waren angereist, um die jüngste Ausgabe der mittlerweile zwanzig Jahre alten Technosause mit zu erleben. Es endete in einer tödlichen Massenpanik.

Wie sich jetzt herausstellt, war das Gelände, der alte Güterbahnhof in Duisburg, nur für rund 250.000 Besucher geeignet – es kamen jedoch weit mehr. Die Schätzzahlen pendeln zwischen 500.000 und 1,4 Millionen Menschen. Welche Zahl auch immer stimmt, es waren auf jeden Fall zu viele. Diese Menschenmasse sollte durch einen einzigen Zugang auf das Gelände geführt werden – ein Tunnel – 16 Meter breit und rund 400 Meter lang. Im Nachhinein ist es einfach zu sagen, es sei vorhersehbar gewesen, dass es dort zu einer extremen Enge und einer unüberschaubaren Situation kommen musste. Kritikpunkte gibt es ohnehin zu genüge: Sicherheitskonzept, Reaktion, Ersthilfe, Pressekonferenz – die Mängelliste ist lang.

Doch all das scheint für Eva Herman irrelevant zu sein. Ihr Kritikpunkt: Die Besucher. Nur einen Tag danach schrieb die ehemalige Moderatorin der „Tagesschau“ auf der Internetseite ihres Verlages einen Artikel zur Katastrophe bei der „Loveparade“ mit dem schönen Titel: „Sex- und Drogenorgie Loveparade: Zahlreiche Tote bei Sodom und Gomorrha in Duisburg“. Schauen wir uns die biblische Geschichte doch noch mal ganz kurz an: „Die Städte sind Gegenstand einer Erzählung im Alten Testament, der zufolge sie durch Gott unter einem Regen aus Feuer und Schwefel begraben wurden, weil sie der Sünde anheimgefallen waren“, so lautet die Kurzbeschreibung der Sage bei Wikipedia.

Die Massenpanik bei der Loveparade ist laut Herman also offenbar eine verdiente göttliche Strafe. Denn immerhin beschreibt Herman die Loveparade und ihre Besucher mit diesen drastischen Worten: „Wer sich die Bilder der Loveparade aus den zurückliegenden Jahren ansieht, glaubt, in der Verfilmung der letzten Tage gelandet zu sein, wie sie in der Bibel beschrieben werden. Viele der Partygäste wirken auch in diesem Jahr bereits lange vor dem Unglück wie ferngesteuert. Betrunken oder vollgekifft, mit glasigen Blicken, wiegen sich die dünn bekleideten Körper in rhythmischem Zucken wie in Trance.“ Und um diese Einschätzung und Ferncharakterisierung der Partygäste zu untermauern, stellt Herman direkt noch einen diabolischen Bezug her: „ Die jungen Menschen wirken, als hätten sie jegliche Selbstkontrolle abgegeben, ekstatisch und wie im Sog folgen sie dem finsteren Meister der sichtbaren Verführung.“ Die feierlustigen Menschen, die am Samstag nach Duisburg kamen, sind also offenbar dem Teufel verfallen.

Doch damit nicht genug: auch der Name der Party darf eigentlich nicht sein: „Selten wurde ein Begriff mehr durch den Dreck gezogen als bei der Loveparade“, schreibt Herman und fügt hinzu, dass wer sich „betrunken und vollgedröhnt, die Kleider vom Leib reißt, wer die letzten Anstandsnormen feiernd und tanzend einstürzen lässt, und wer dafür auch noch von den Trägern der Gesellschaft unterstützt wird“ nicht weit vom „Abgrund“ entfernt sei. Doch wer ist denn nun verantwortlich für diese sozialmoralische Misere? Auch auf diese Frage hat Herman eine Antwort: „Die Achtundsechziger haben ganze Arbeit geleistet!“ – irgendeinen Schuldigen muss es ja geben.

Und etwas Gutes hat das Ganze ja dann doch – zumindest für Herman – denn immerhin sei das Ende der Loveparade ja nun besiegelt. „Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen. Was das angeht, kann man nur erleichtert aufatmen!“, schreibt sie in ihrem letzten Absatz. Die Sünder haben also ihre göttliche Strafe bekommen. Aber sagt man nicht eigentlich, dass „die Wege des Herrn“ unergründlich seien?

Unergründlich sind die Wege der Eva Herman jedenfalls nicht, es ist unschwer zu erkennen, dass die Katastrophe bei der 21 junge Menschen starben – die von Herman als Sünder abgestempelt werden – bei ihr eher kleingeistige Erleichterung statt ehrlicher Erschütterung und Anteilnahme auslöst. Immerhin hat das bunte Treiben bei der Loveparade mit so skandalösen und natürlich erst seit den 68ern in Mode gekommen Dingen wie „Sex“ und „Drogen“ nun ein Ende, und kann somit Hermans antiquiertes Weltbild nicht mehr erschüttern. Wenn Frauen dann noch wieder an den Herd, statt zur Arbeit gehen, ja dann ist für Hermann die Welt wieder in Ordnung. Hauptsache die bösen 68er konnten ihre „reife Arbeit“ nicht beenden und die Sünder dieser Welt, die ihren täglichen Frevel einmal im Jahr auf einer Massenveranstaltung abgefeiert haben, haben ihre gerechte Strafe bekommen. Im Namen des Herrn.

Frau Herman fällt es offenbar schwer sachlich und ohne vorgestanzte Klischees an die Sache heranzugehen. Es bleibt der ihr typische dogmatische und engstirnige Tunnelblick. Doch dabei übersieht sie anscheinend einen theologischen Haken, der ihr wohl nicht bewusst ist: Wenn Herman doch schon das Bildnis von Sodom und Gomorrha bemüht, dürft einer so treuen Dienerin Gottes, wie sie es zu sein glaubt, auch das zweite der zehn Gebote bekannt sein. Es lautet: „Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren!“ – nicht, um ein bestimmtes Weltbild anzuklagen, auch nicht, um auf dem Rücken einer Tragödie, die eigenen verqueren Vorstellungen von Moral und Anstand zu propagieren, und im Vorbeigehen rund eine Millionen Menschen zu verurteilen, und erst recht nicht, um die eigene Person in den Vordergrund zu stellen. Denn schon Matthäus wusste: „Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet.“ Denn auch das ist Sünde. Und Frau Herman, die wahrhaften Sünder bekommen ja nun mal ihre gerechte Strafe – im Namen des Herrn. Amen!"Wichtige Links zu diesem Text"
Meine Website: david-schmitz.net

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1 Antworten

Kommentare

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    Schockierend!!! Guter Text!

    19.09.2010, 21:11 von cumuluswolke
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