Patrick_Bauer 13.06.2007, 16:33 Uhr 0 1

»Ich will sterben«

Nach einem Naziüberfall verlässt Noël Martin der Lebensmut – ein Abschiedsbesuch

.»Immer mehr spricht dafür, dass der Anschlag auf das Auto dreier schwarzer britischer Bauarbeiter im Juni im brandenburgischen Mahlow von Jugendlichen einer dorfbekannten Clique verübt wurde. Sie traktieren seit Jahren und mit schweigender Zustimmung der Bevölkerung Ausländer. Am 16. Juni warfen die Insassen eines Golfs, der hinter dem Jaguar der gebürtigen Jamaikaner herfuhr, einen Feldstein in deren Wagen. Daraufhin verlor der Fahrer die Kontrolle und überschlug sich mehrmals. Der 36-Jährige liegt seitdem vom Nacken ab gelähmt im Krankenhaus.« die tageszeitung, 18. Juli 1996

»Noël Martin hat in Birmingham angekündigt, am 23. Juli 2007, seinem 48. Geburtstag, freiwillig aus dem Leben scheiden zu wollen. Er wolle – vermutlich in der Schweiz – mit Unterstützung einer Sterbehilfeorganisation in Würde sterben und nicht elendig verrecken, ließ er mitteilen.« Berliner Zeitung, 17. Juni 2006

Bald ist alles vorbei. Noël Martin lässt den Rollstuhl über das schwere Parkett seines Wohnzimmers ruckeln. Er ruft nach einer der Pflegerinnen, »Cigarette!« Er sagt nicht »please«, er klingt wütend, er ist wütend, weil er sich ärgert, immer wieder, dass er für jeden Wunsch, jedes Bedürfnis Hilfe braucht. Die junge Frau zündet eine »Benson & Hedges« an, hält sie Martin zwischen die Lippen, und angestrengt inhaliert der Mann mit den gesenkten Schultern, der einmal groß und kräftig war. Jetzt ist sein Bauch eine Kugel, die Beine zwei Striche, nur die rechte Hand kann Martin bewegen. »Ich möchte das nicht mehr«, sagt er.

Bald ist alles vorbei. Ortwin Baier, SPD, seit 2003 Bürgermeister der Gemein de Blankenfelde-Mahlow, »ländliche Beschaulichkeit inmitten der märkischen Landschaft«, öffnet die Gardinen, Licht fällt in sein Plattenbaubüro, der Blick auf den Supermarkt. Baier sagt: »Schreiben Sie, dass Mahlow kein Nazidorf ist!« Es beginnt ein halbstündiger Monolog, in dessen Folge Baier, den manche nur »Wessi« nennen, zweimal betont, mit einer Griechin verheiratet zu sein, dreimal auf das geplante »Kulti-Multi-Fest« hinweist, auf die Nörgler von der Antifa schimpft und diverse Pamphlete herauskramt. Sehen Sie hier! In der Grünen Passage gibt es jetzt regelmäßig einen Bürgertreff. Eine Notrufaktionskette wurde gebildet. »Rechte sind unerwünscht.«

Am Abend zuvor war Noël Martin bei Johannes B. Kerner zu sehen, im Fernsehen. Martin erzählte von seinem Leben, das er nicht mehr leben will. Verona Pooth saß im Studio und hatte Tränen in den Augen. Noël Martin hat in den vergangenen elf Jahren viele Interviews gegeben, er wollte kein anonymes Opfer sein. Er hat sich von Beckmann und Müller-Westernhagen begleiten lassen und er hat eine Autobiografie veröffentlicht. Noël Martin wollte, dass die Leute verstehen. Deswegen hat er gesprochen, auch, um es selber zu verstehen. Bloß, sagt Noël Martin, ein Beckmann steigt schnell wieder in seinen Jet. Noël Martin ist alleine.

Birmingham, Stadtteil Edgbaston. Backsteinhäuser, viel Grün. Im Erdgeschoss seines großen, verwinkelten Hauses, mit Blick auf den gemähten Rasen, sitzt Noël Martin vor dem Fernseher. Ohne Ton läuft ein Walter-Matthau-Film, Nazis in Wehrmachtsuniform stehen vor Gericht. Könnte Noël Martin lachen, er würde lachen über diesen Anfang, aber er sagt es gleich: »Ich spüre gar nichts mehr.« Keine Freude, keinen Schmerz, keinen Hunger. »Wir schläfern Hunde ein, und ich soll leiden«, sagt Martin. Er glaubt an einen Gott, auch an ein Leben nach dem Tod. Er freut sich, als Musiker wiedergeboren zu werden, sagt er, als einer wie Jimmy Cliff. Er freut sich auf den Tod.

Martin wirkt in seinem Rollstuhl verloren zwischen dem viktorianischen Prunk seines Wohnzimmers, den er einst aufwendig restaurierte. Es ist, als lebe er in einem Museum. Inmitten von Relikten besserer Tage. Draußen im Garten, dort, wo er auch bald ruhen möchte, liegt das Grab seiner Frau. Auf dem Grabstein steht ihr Kosename: »Pudds«. Dazu zwei Gedichte, die Martin verfasst hat. Jacqueline, Jacqui, die Liebe seines Lebens, pflegte Noël Martin vom ersten Tag nach dem Überfall an, unermüdlich. Sie erkrankte an Krebs. »Meine Querschnittslähmung war zu viel für sie«, sagt Martin und: »Wäre doch ich an ihrer Stelle gegangen.« Jacqueline starb im Jahr 2000, zwei Tage vor ihrem Tod heiratete das Paar.

Immer wieder will man Noël Martin heute davon überzeugen zu bleiben. Geistliche besuchen ihn, Fremde schreiben ihm. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck flehte in London: »Wir brauchen Sie! Sie geben Hoffnung!« Doch wer gibt Noël Martin Hoffnung? Sein Vater sitzt im Altersheim, die Verwandten aus Jamaika, dem ersehnten Jamaika, das er nicht mehr besuchen kann, können die ganze Tragödie nicht verstehen. Noël Martins Sohn Negus, 29, entstanden aus einer frühen Beziehung, der erst seit kurzem in Birmingham lebt, sagt, er sei für den Vater da. Aber Martin meint, der Junior komme ganz nach ihm, hat nur Frauen im Kopf. Wo ist er denn jeden Morgen, während der vier Stunden, die es braucht, um ihn für den Tag fertig zu machen? Wo ist er, wenn das Blut aus dem großen Loch rinnt, das sich an seinem Rücken auftut, oder er tagelang nicht aufstehen kann, den Geruch seines verwesenden Körpers in der Nase. »Drink«, sagt Noël Martin, und die Pflegerin kommt wortlos mit einem Glas Eiswasser.

Das geplante Sterbedatum, den 23. Juli, so merkwürdig das klingt, wird Noël Martin nicht einhalten können, sein Anwalt hat geschlampt, Martin muss regeln, dass sein Besitz tatsächlich seiner Stiftung zugutekommt. Aber danach, spätestens im September, wird er in die Schweiz fliegen. Dignitas-Helfer werden ihn in einer Wohnung empfangen, 3500 Euro wird Martin ihnen geben, dann sollen sie Frank Sinatras »My Way« spielen, Martin wird etwas essen, ein Glas Wein trinken, dazu Antibrechmittel nehmen. Dreißig Minuten danach wird er 15 Gramm in Wasser aufgelöstes Natrium- Pentobarbital bekommen. Innerhalb von fünf Minuten wird Noël Martin einschlafen.

Das Leben, das dann beendet wird, durfte nie ohne Rassismus sein und war trotzdem ein erfülltes. Als Noël Martin mit zehn Jahren von Jamaika seinen Eltern nach England folgte, in das angeblich zivilisierte Europa, merkte er schnell, dass er anders war – und dass man hier lieber nicht anders ist. »Monkey, monkey«, riefen die Jungs auf dem Schulhof und wollten sich prügeln. »Ich musste es ihnen zeigen«, sagt Noël Martin. Als erster Schwarzer zog er in das gutbürgerliche Edgbaston, mit Jacqui, der weißen Börsenmaklerin, die den dummen Sprüchen trotzte. Als erster Schwarzer gewann Noël Martin im letzten Jahr als Eigentümer des Pferdes Baddam das ehrwürdige Rennen »Royal Ascot«. Auf einem Foto trägt Martin dunkelgrauen Frack und Zylinder. »Da haben die Aristokraten geguckt«, sagt er, »ein Affe im Rollstuhl.« Noël Martin hat sich in seinem Leben viele Träume erfüllt. Er nahm Flugstunden und machte seine frühe Leidenschaft für alte Häuser zum lohnenden Beruf: gründete eine Firma, kaufte heruntergekommene Immobilien, renovierte sie, verkaufte sie wieder.

In Mahlow gab es viele alte Häuser. Die Stille über Brandenburgs Feldern erinnerte Noël Martin an Jamaika, auch das Meer in Mecklenburg, der Spreewald, den er mit Jacqui besuchte. Noël Martin war glücklich. In Deutschland wurde er nicht wie zu Hause von der Polizei kontrolliert, nur weil er Dreadlocks trug. Kurz vor seiner Rückkehr nach Großbritannien, stand er eines Abends am Mahlower Bahnhof, rief von einer Telefonzelle aus Jacqui an. Den Bahnhofsplatz nannten Martin und seine Kollegen »Dangerous Zone«, wegen der pöbelnden Glatzköpfe. Plötzlich hörte Martin Rufe: »Nigger! Nigger!«

Die beiden Täter Sandro R., damals 17 Jahre, und Mario P., sieben Jahre älter, wurden im Dezember 1996 wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und schwerer Körperverletzung zu acht beziehungsweise fünf Jahren Haft verurteilt. Heute leben beide wieder in Mahlow und schweigen. Entschuldigt haben sie sich nie. Nach öffentlichem Druck ließ Sandro R. über seinen Anwalt mitteilen, er hoffe, dass für Noël Martin ein »ganz normales Leben« möglich sei. Mario P. sagte mal, er sei eigentlich nicht schuldig. Den Haftraum des Potsdamer Landgerichts hatte er mit der Parole »Juden und Nigger an die Wand« beschmiert. Noël Martin hat nie Wut verspürt oder Rachegelüste. Er pflegt zu sagen: »Das Leben wird es den Jungs zurückzahlen.« Und: »Fremdenhass ist eine schlimme Krankheit. Schwer zu heilen.« Trotzdem lud er Tanja, eine Szeneaussteigerin aus Brandenburg, zum Weihnachtsfest ein. »Wenn die armen Nazis aus Mahlow mehr von der Welt sehen würden, hätten sie auch nichts gegen diese Welt«, glaubt Noël Martin. Sein »Noël- und Jacqueline-Martin- Fonds« ermöglicht seit Jahren einen Austausch zwischen Jugendlichen aus Birmingham und Mahlow. Und Noël Martin kehrte vor sechs Jahren nach Mahlow zurück, ein großer logistischer Aufwand, ein großer Medientermin. Er führte eine Demonstration an, vorbei an jenem Gedenkstein, auf dem bis jetzt nie sein Name stand, weil die Verwaltung rechte Schmierereien befürchtete. Am Tag nach der Veranstaltung gab es Auseinandersetzungen zwischen angereisten Linken und einheimischen Rechten. Martin erhielt nach seinem Besuch ein anonymes Schreiben: Wenn du dich hier wieder blicken lässt, töten wir dich! »Ob die wissen, dass sie mir damit heute einen Gefallen tun würden«, sagt Martin – und tatsächlich: Er lächelt.

Der Mahlower Bürgermeister Baier wusste nichts von Martins Geschichte als er von der schönen Insel Rügen nach Brandenburg kam. Er hat die Last geerbt, von Vorgänger Werner La Haine, bei dessen Erwähnung Noël Martin noch heute den Kopf schüttelt. La Haine hatte immer einen rechtsradikalen Hintergrund verneint. Das seien arme Jungs. Arbeitslos. Über fordert. In einem seiner verirrten Nebensätze verrät Ortwin Baier, dass es Menschen in Mahlow gäbe, also: sehr wenige, die genervt reagierten auf den Namen Noël Martin. Er sagt nicht: Bis heute gibt es in Mahlow Stimmen, die davon sprechen, der Schwarze habe provoziert – mit Drogen gehandelt. Selbstverständlich stehe jeder zu dieser schrecklichen Geschichte, sagt Baier. Nur: Man müsse verstehen, dass die Leute ihr familienfreundliches Naturidyll nicht als braunes Nest dargestellt sehen wollen.

Als Sandra die Leitung des Mahlower Jugendhauses »Oase« übernahm, dachte sie noch, man müsse die Jungs mit den Londsdale-Jacken aus der Einrichtung bekommen. Heute weiß sie: Gut, dass man den rechten Nachwuchs wenigstens be obachten kann. Sandra, die aussieht wie die junge Nena, ist eine direkte Frau, es fiel ihr nicht schwer, sich Respekt zu verschaffen. Obwohl jeden Nachmittag die, wie sie sagt, Rechtsdenkenden zwischen dreizehn und Ende zwanzig genauso selbstverständlich im kargen Billardraum sitzen wie die Hip-Hopper. Sandra stammt aus Blankenfelde, sie sagt, Anfang der Neunziger sei alles schlimmer gewesen. Da sei sie nie am Bahnhof Mahlow ausgestiegen. Doch die alte Clique, zu der einst Mario P. und Sandro R. gehörten, träfe sich wieder. Gealtert, aber noch immer gelangweilt. Die Jüngeren eiferten den Älteren nach, sagt Sandra, klebten sogenannte »Spuckis«, säßen bei Grillfesten dabei und lauschten dem Gelaber. Wenn Sandra sagt, gut fünfzig Prozent ihrer Gäste sei rechtsdenkend, so wirkt Bürgermeister Baiers Annahme, in Mahlow gäbe es nur noch fünf bis sechs Unbelehrbare, plötzlich sehr optimistisch.

Mahlow ist ein sehr schönes Dorf, die Straßen aus Kopfsteinpflaster, die Häuser rausgeputzt von wohlhabenden Berlinern, die Stadtnähe und Landluft suchen. Die Gemeinde ist kräftig gewachsen. Es gibt ein neues Mahlow. Es gibt Bürgerinitiativen und engagierte Menschen wie Mehmet Özbek, Trainee bei einer Bank, der sagt: »Kein Vergleich zu früher!« Er muss es wissen, seine türkischstämmige Familie wurde von Rechten schikaniert, nachdem sie Ende der Neunziger ahnungslos das große Grundstück im Dorfzentrum erworben hatte. Die Empörung – zwei Jahre nach dem Fall Martin – war groß: Öffentlichkeitswirksam machte man Özbek zum ehrenamtlichen Ausländerbeauftragten. Aber, so Özbek: »Viele Gemeindevertreter zeigen nur an Jahrestagen Aktionismus.«

Selten, aber regelmäßig kommen aus dem Landkreis Meldungen von tätlichen Übergriffen am S-Bahnhof, von gesprühten Hakenkreuzen, von Kameradschaftstreffen. Das meiste davon sei linke Propaganda, sagt Ortwin Baier. Im letzten Dezember wurde eine ARD-Reporterin angegriffen, als sie eine Großversammlung in einer Blankenfelder Kneipe filmte. Ortwin Baier findet das »entsetzlich«, aber: »Der Wirt ist nicht schuld. Der wollte seine Schnitzel verkaufen. Soll er zweihundert Gäste rauswerfen? Dem Mittelstand geht es nicht gut!« In Mahlow gibt es viele Rechtfertigungen zu hören: soziale Probleme, Strukturprobleme und schließlich, als wäre das beruhigend: Es hätte ja überall anders passieren können.

Es ist Nachmittag in Birmingham, Noël Martin fällt das Reden schwer. Da sagt er noch: »Man wird mich nicht vergessen, keine Sorge. Es ist wie mit meinem Haus. Ich weiß, wie die Dame hieß, die hier zuerst gelebt hat, ich kenne die Geschichte des Gebäudes. Warum? Weil ich mich dafür interessiert habe, weil ich Grundbücher durchstöbert habe.« Es muss nur Leute geben, die nach der Vergangenheit suchen. History, sagt Martin, käme von his story: seine Geschichte.

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