Ein.Enthusiast 01.10.2017, 16:05 Uhr 11 4

Ich pumpe. Also bin ich. Ein Erlebnisbericht.

Mein Beitrag zur empirischen Erforschung des Phänomens "Fitnesstudio". Ungeschönt. Ungefiltert. Unverblümt. Hautnah. Packend.

Ein Geständnis vorneweg: Ja, auch ich besuche in sehr regelmäßigen Abständen ein Fitnessstudio. Und nein, der Abstand verdient sich seine Regelmäßigkeit nicht durch das alljährliche wiederkommende Fest zu Ehren unseres Religionsstifters.

Eine Vorwarnung vorneweg: Der nachfolgende Text bedient jedes üble und furchtbare Klischee. Wer also noch mit dem Gedanken spielt jemals eine Fitnessstudiomitgliedschaft zu erwerben. Lies nicht weiter!

Eine Entschuldigung vorneweg: Der nachfolgende Text bedient jedes üble und furchtbare Klischee. Das tut mir leid. Sie sind alle wahr. Auch das tut mir leid.

Willkommen in einem einzigartigen Mikrokosmos. Zwischen Spandex, Schweiß und Stöhnen. Zwischen Muskelschwellung und Möchtegernsportler. Zwischen Schnappatmung und Instagram-Shootings. 
Willkommen im Fitnessstudio. 

Zugegeben, im Fitnessstudio werden eher selten anregende Diskussionen über die Erhöhung von Ertragssteuern aus Dividendengewinnen geführt, die Einführung der Ehe für Alle, der Maut und des Dosenpfands wird hier mit schweißtropfender Gleichgültigkeit hingenommen und die Errodierung gesellschaftlicher Konventionen durch rechtspopulistische Dünnbrettbohrer von AfD und Konsorten ist hier auch weniger ein Thema, das als Aufreger dient. Das Hirn wird in diesen Hallen also eher weniger umfangreich trainiert. Trotzdem kam ich hier her.
Schon auf der Treppe ins Fitnessstudio werden Diskussionen über Proteingehalt von Shakes, Müsliriegeln, Abendessen und Frühstück geführt und bereits die Musik, die bis vor die Türe hinausschallt, vermittelt mit jeder erklingenden Note „Hier drinnen geht’s ab! Komm rein und schwitz dich aus!“
Kein Wunder, dass mein Schweinehund sich schon vor der Eingangstüre mit aller Kraft dagegen stemmte und ich jahrelang keinen Fuß in ein Fitnessstudio gesetzt habe. Wozu auch, wenn man doch auch in freier Natur joggen und radfahren kann? Und vor allem wozu soll ich mich in irgendwelche Geräte quetschen, um auf hocheffiziente Weise Oberschenkel, Rücken, Bauch, Bizeps, Trizeps, Quadrizeps, Arschizeps - und welche Izepse halt sonst noch so existieren - zu trainieren. Erstens kann ich nichts Würdevolles daran erkennen, sich selbst durch den aussichtslosen Kampf gegen die Schwerkraft zu erniedriegen. Hallo? Wir reden hier von einer Naturgewalt. Diesen ewigen Kampf, der darin besteht, Gewichte entgegen ihrer natürlichen Bewegungsrichtung - nämlich nach, also, ähm, runter, Richtung, naja unten halt - wirst du niemals gewinnen. Die Schwerkraft ist ein harter Bastard. Die kriegst du nicht klein. Und wenn uns Homer Simpson eines gelehrt hat, dann das: Trying is the first step towards failure.
Zweitens erachte ich es nicht als würdevoll sich in ein atmungsaktives Synthetikganzkörperkondom hineinzupellen, das danach schreit, lieber sofort einen Eimer Sangria zu exen und auf das nächstbeste Festival zu torkeln.
Und drittens. Drittens… Also drittens… Drittens seh ich auch so schon gut aus. Pah! Ich brauch kein Fitnessstudio. So. End of story.

Fitnessstudios. Fitnessstudios, das sind die Geissens und "Manta Manta“, Fitnessstudios sind die Bachelor-Kandidatinnen und Heidi-Klums-pseudo-Model-Anwärterinnen, das sind die Instagram-Detox-Tee-Werbe-Püppchen und Tank Top Typen mit obligatorischen Nippelblitzern. Das ist der Ort, wo all diese erbamungslos schönen Menschen, vielleicht nicht die große Liebe finden, aber definitv ihre Körper schonmal in erfolgsversprechender Absicht für die ebenfalls erbarmungslose Suche vorbereiten.
Ich könnte den ganzen Tag darüber lamentieren. Könnte tagelang darüber berichten, warum Fitnessstudios die Pickel am Arsch unserer Gesellschaft sind. Warum sie für den schönheits-und perfektionierungswahnwütigen Wutwahn stehen, der dafür sorgt, dass Menschen sich nicht mehr trauen ein Foto von sich zu zeigen, auf dem nicht mindestens 23 Fotofilter zur Anwendung kamen. Aber dann. Dann hatten das Fitnessstudio ein supersonderangebot und zum Preis von drieben Euro und dröfl Cent kann ich nun 24 Jahre lang trainieren. Also bin ich eben doch hingegangen. Einfach so. 
Ich bin schließlich Optimist. Das heißt zwar nicht, dass ich mehr gebacken kriege als andere. Ich laufe halt nur meistens fröhlich pfeifend in die Kreissäge.
In diesem Fall jedoch konnte ich ja nicht wissen, dass die Realität viel schlimmer ist als alles, was ich mir über die Jahre zusammengereimt hatte. 

Die erste Enttäuschung folgte auf dem Fuße. Bereits am Eingang wurde ich darauf hingewiesen, dass ich „mit diesem Ding da auf Ihrem Kopf“ nicht trainieren könne. Das ginge auf gar keinen Fall und nein, sie hätten auch keinen Alkohol am Servicetresen. Nur Protein-Shakes. Mein Schweinehund fing bei dem Wort „Protein-Shake“ sofort an im Quadrat zu kotzen. Und ich genauso. Da bucht man extra die Getränke-Flatrate im Fitnessstudio dazu und dann gibt es da gar keinen Alkohol. Den Bierhelm wieder umsonst eingepackt. Drecksladen. Meine Laune war schon vor dem ersten Kontakt mit GEwichtsscheiben am Boden.

Vom Eingangsbereich ging es weiter in die Umkleidekabine. Diese Umkleidekabinen wären nur dann noch klischeehafter, wenn sie mit Bräunungslampen statt Glühbirnen ausgestattet wären. Im Übrigen jedoch erfüllt sich hier so ziemlich jedes üble Vorurteil über männliche Fitnessstudioumkleidekabinen. Ein männlicher Mensch - ein Mann - stand in der Umkleide. Ich glaube es war ein Mann, denn bei den vielen unförmigen Dellen, Beulen und Ausformungen auf seinem Oberkörper war ich mir nicht ganz sicher, ob sich unter dieser Fassade tatsächlich ein männliches Exemplar der Gattung Homo Sapiens befand. Diese Mann auf jeden Fall stand halbnackt mit einer neongrünen Boxershort bekleidet vor dem Spiegel. 
Und er tat mit einer Nonchalance das, was alle halbnackten Männer tun, die wie ein Eisberg aussehen und neongrüne Boxershorts tragen. Er tat etwas, was nach den Gesetzen der Genfer Konvention verboten werden sollte: Er machte ein Selfie! 

Falls sich die hier mitlesende Damenwelt schon immer gefragt haben sollte, woher diese Bilder auf Tinder stammen, auf die jede Frau, deren Säfte noch halbwegs im Ausgleich sind, irgendwie zwischen Lachen und Weinen reagiert: genau daher. Aus Fitnessstudios.  
Und jetzt wünschte ich, kämen wir an die Stelle, an der ich sagen würde: Dieser Herr war die Ausnahme. Aber Pustekuchen, Fehlanzeige. Er war keine Ausnahme.In den nächsten Wochen begegnete ich diversen eigenartigen Auswüchsen männlichen Optimierungsdrangs. 
Typen, die Aussehen wie ein Vorfahrt-Gewähren-Schild stehen im Adamskostüm nebeneinander in der Dusche und führen einen Dialog der folgenden Struktur: Erst kommt ein Kompliment für irgendein Körperteil, dann fragt der Bewunderer, wie der Gestählte zu trainieren pflegt, der Gestählte antwortet und bietet an das bewundernswerte Körperteil anzufassen. „Massiver Bizeps.“ - „Danke! Trainiere täglich. Willst mal anfassen?“ - „Auf jeden.“ 
An der Stelle unterbrech ich meine Schreiberei und greife kurz zur Flasche Gin. Das alles nimmt mich einfach sehr mit.

Und trotzdem ging und gehe ich weiter fleißig ins Fitnessstudio. Denn es gibt natürlich auch normale Menschen dort. Menschen, die noch auf allen Zylindern laufen. Die nicht wie ein Stop- oder Vorfahrt-Gewähren-Schild aussehen und die einfach beeindruckend sportlich sind. Am unterhaltsamsten sind und bleiben aber die anderen Typen. Und entgegen jedem Genderwahn meine ich in diesem Fall mit Typen auch weibliche Typen. Ja, liebe Damen, wir wollen uns nicht falsch verstehen. Das angeblich schwache Geschlecht ist durchaus nicht minder begabt darin, sich beim Gewichteheben zum Trottel zu machen. Mit dem was ich an einem Abend im Fitnessstudio erlebe, könnte ich ganze Partyabende füllen.

Da wäre zum Einen die sportwissenschaftliche absolut überraschende Erkenntnis, dass Menschen die exzessiv mit Gewichten trainieren, niemals an den Ausdauergeräten zu finden sind. Das ist auch absolut richtig so. Die Muskeln könnten sonst ins Schwitzen geraten. Und das ist nicht gut. Denn. Also. Na, die gehen davon kaputt. Von Salat schrumpft bekanntlich der Bizeps. Von Cardio verreckt der Bizeps komplett.

Zum Anderen gibts da Männer, denen es wohl unbekannt geblieben ist, dass man vor etwa 3000 Jahren den Flaschenzug erfunden hat. Und daher halten es diese Kerle für ernsthaft sinnvoll Gewichte in die Luft zu stemmen für die jeder andere Mensch, einschließlich eines 3000 Jahre alten Ägypters, einfach einen Flaschenzug bemühen würde, oder neuerdings einen Gabelstapler oder auch einen Baukran. Ich denke es ist einfacher einen Baukran zu stehlen, als zu erlernen hundert Kilo schwere Hanteln zu stemmen. Aber ich will hier niemanden zu Straftaten anstiften.
Wenn dann auch noch das Gesicht vor literweise gestautem Blut rot anläuft und die Augen mit lautem Plop einen Zentimeter aus der Augenhöhle hervorrutschen, sagt mir zumindest mein Verstand - selbst ohne sportspezifische Fachkenntnisse zu Trainingslehre - „Hey mein Junge, das ist wohl zu schwer.“ Genauso wenn die Jungs zu viel Gewicht auflegen und der Seilzug den Typen zieht, anstatt umgekehrt. Meine Güte, dafür hat doch der Ägypter den Gabelstapler erfunden! Aber in Geschichte hat hier eben keiner aufgepasst.

Weiter gehts: Beim Trainieren muss man sich im Spiegel ansehen. Um zu kontrollieren, ob die Übungen richtig ausgeführt werden. Immer schön im Spiegel kontrollieren, ob man alles richtig macht. Aus dem gleichen Grund habe ich ja auch einen Spiegel überm Bett. Und im Büro vorm Schreibtisch. 

Apropos Schlafzimmer. Liebe Damen, ja es ist eine unumstößliche Wahrheit, dass sich Männer beim Sex bekanntlich mit dem Stöhnen zieren. Das ist aber nicht etwa biologisch bedingt. Seien Sie versichert. Denn beim Gewichtheben zieren sich die zweibeinigen Vorfahrtsschilder keineswegs. Da wird gestöhnt, dass es einen brünftigen Elch in die Flucht treibt. 
Und auch das Küssen haben Männer aus dem Fitnessstudio drauf. Wie dieser eine Kerl. Er stand ganz hinten in der Ecke. Ein Mann wie eine Schrankwand. Der Verstand passte ins Handgepäck. Er stand dort, weil in der Ecke zwei Spiegelwände aufeinander treffen. Das ergibt vor allem eines: maximale Sichtbarkeit. Mit schmerzverzerrtem Gesicht. Stöhn. Wuchtete er die Hanteln nach oben. Stöhn. Und küsste bei jeder vollbrachten Übung seinen Oberarm. Wirklich! Ich schwöre! Also, zumindest sah es so aus. Ich habe mich nicht getraut nachzufragen. Ich hatte Angst, dass er mir danach seinen Oberkörper in der Dusche zeigen möchte. 
Stattdessen drehte ich mich wortlos um. Und lief schreiend aus dem Studio. Aus dem Spaß war bitterer Ernst geworden. Seitdem trage ich Kopfhörer sobald ich die Muskelhöhle betrete. Das funktioniert erstaunlich gut und so stellte sich nach einiger Zeit tatsächlich so etwas wie Spaß ein. Ich komm gern hier her. 

Doch jedes Mal, wenn mich ein Vorfahrt-Gewähren Schild in der Dusche anspricht, wenn neben mir eine Schrankwand Balzgeräusche von sich gibt, wenn mich ungefragt zwei Nippel bei den Freihanteln begrüßen, stelle ich mich rasch vor den Spiegel, stöhne und küsse mich selbst auf den Bizeps. 
Das hilft.

Bussi!


Tags: Spaß, Unterhaltung
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11 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Hat mich bestens unterhalten :D ich stimme zu! 

    26.05.2019, 21:40 von Mireeey
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Ich glaube an eine historische konstanze zwischen den folterkellern der spanischen Inquisition und einem zeitgenössischen Fitnessstudio. 

    02.10.2017, 09:07 von sailor
    • 2

      Ich muss dieser Aussage auf Grundlage meiner bisherigen Forschungsergebnisse vollumfänglich... zustimmen.

      02.10.2017, 11:09 von Ein.Enthusiast
    • 0

      Endlich mal jemand...
      :D

      02.10.2017, 12:12 von sailor
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Das wird die Forschung noch beantworten werden... Oder so...

      02.10.2017, 13:09 von sailor
    • 0

      Bestimmt ist es die kosmologische Konstanze.

      05.10.2017, 11:06 von Freyr
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