King-Lube-III 24.09.2009, 09:55 Uhr 36 26

Ich mag keine Partys

Michaela Schaffrath, Sibylle Rauch und Jana Bach

> Es ist Freitagabend und ich bin eingeladen. Den Anlass habe ich schon wieder vergessen. Ich mag keine Partys. Ich komme bewusst drei Stunden zu spät, das gibt mir das Gefühl schon drei Stunden glücklich überstanden zu haben. Außerdem kann ich sicher sein, dass ein eventuell vorhandenes Buffet schon eröffnet ist. Wobei es um diese Uhrzeit auch schon geplündert sein könnte.
Die Türe steht offen, ich trete ein. Kurzer Blick über die Menschenmenge, aber vom Gastgeber nichts zu sehen. Egal. Erst mal was essen. Essen ist ein Pluspunkt für Partys. Ich habe gerade zwei Teller randvoll mit Leckereien angehäuft und suche nach einer aschenbecherfreien Ablage (ich mag es nicht so gerne, wenn Raucher gedankenverloren auf mein Essen aschen), da stellt sich mir ein blondgelocktes 1,50m Wesen in den Weg, grinst breit, streckt mir eine Hand entgegen und quietscht: „Hey, ich bin die Michaela.“
Verzweifelt schaue ich nach links und rechts, um meine Teller abzustellen, geht aber nicht. „Michaela Schaffrath?“, frage ich. „Wer?“ - „Egal.“

Ich steuer die Terrasse an, in der Hoffnung auf ein stilles Plätzchen zum Schlemmen. Unterwegs glaube ich den Gastgeber zu sehen, aber als ich die Hand zum Gruß hebe, rollen die ersten Fleischbällchen vom Teller und ich lasse es bleiben. Die Terrasse ist vollständig in Raucherhand. Ich biege rechts ab und lasse mich auf der Wiese nieder, links und rechts die Köstlichkeiten. „Darf ich mich zu dir setzen?“ Erschrocken zucke ich zusammen und ehe ich eine Antwort gebe, sitzt Michaela bereits neben mir, haarscharf an meinen Tellern vorbei. Sie hat sich auch etwas zu Essen mitgebracht: Ein bisschen Rohkost. Während sie knabbert und ich schlinge und stopfe, beginnt sie zu erzählen. „Ich kenne hier auch keinen.“ Ich sehe sie kurz fragend an und esse weiter. „Naja, das sind wohl alles Leute aus der Uni. Bei mir hat es damals einfach nicht gereicht. Aber jetzt mach ich Einzelhandel und ich will mir eine Wohnung kaufen, in der Molkestraße. Kennste die?“ Ich schüttle den Kopf.
„Die ist in der Nähe vom Polizeipräsidium.“
„Na super.“, presse ich zwischen meinen vollen Backen heraus.
„Für eine alleinstehende Frau ist es gefährlich nachts.“
„Hm, ja, interessant.“
Ich sehe sie mir nochmal an und gebe ihr sechs von zehn Punkten, drücke ihr die leergefressenen Teller in die Hand: „Kannste die gleich mitnehmen? Ich geh was trinken.“
Sie lächelt. „Bringste mir ein Wasser mit?“
Aber da bin ich schon weg. Wasser gibt’s auch im Teich.

Ich brauche eine Weile, bis ich hinter der Theke bin. Irgendjemand macht auf Obermackermixer und ist beleidigt, weil ich mir selbst was zusammenschütte. Ich sehe, wie es in seinem Kopf rattert, wie er mich auf schnellstem Wege wieder los wird, aber ich gehe von selbst, mit drei ultracoolen Cocktails, Hauptsache es knallt. Im Gedränge komme ich kaum vorwärts und plötzlich falle ich mit meinen Getränken in einen Ausschnitt.
„Hey, danke.“, ruft es von oben und eine Hand grabscht nach einem meiner Gläser. Ich gucke zur Decke und sehe Kinn und Nase und schulterlange blonde Haare.
„Tschuldigung.“, murmel ich und versuche meine drei Gläser zu sichern, aber Nase hat die bessere Position und kann mir eins abzwacken.
„Uh, was ist das denn für ein Gebräu?“, tönt es von oben.
Hinter mir tut sich eine Lücke auf und ich weiche zurück. Dass es auf Partys was zu saufen gibt, finde ich gut. Ein Pluspunkt für Partys.
Die zwei Meter Frau stößt mit mir an: „Na egal. Sibylle.“
Egal gefällt mir: „Sibylle Rauch?“ – „Wie? Rauchen? Nee, hab ich mit aufgehört. Vor drei Wochen. Ich war auf so einem Kurs zur Raucherentwöhnung. Voll cool und die Kasse zahlt. Voll krass.“ Voll krass, finde ich auch. „Akkupunktur, verstehste?“ Nee, tue ich nicht. Ich gebe ihr vier von zehn Punkten, ziehe aber noch mal zwei Punkte ab, weil Sibylle in Wirklichkeit Erika Roswitha heißt, dann drücke ich ihr die anderen Gläser in die Hand: „Halt mal, ich hol was zu trinken.“
„Wie? Trinken?“

Aber da bin ich auch schon weg. Ich habe im Auto noch ein Sixpack. Auf dem Weg zum Ausgang sehe ich nochmal den Gastgeber und will ihm winken. Ich reiße also meinen Arm hoch und boxe dabei eine stark angetrunkene, gediegen korpulente, dafür übertrieben geschminkte und nicht mehr ganz frisch aussehende Köchin.
„Scheiße.“, sagt sie und lässt provokativ ihr Glas fallen. „Kannste mich nach Hause bringen?“, säuselt sie augenaufschlagend.
In meinem Gesicht stehen Fragezeichen. Ich kenne die Frau überhaupt nicht. Der Gastgeber ist schon wieder verschwunden. „Achso, ja, Jana.“, lallt sie. „Jana Bach?“, frage ich. „Jaja, okay.“, sagt sie. Jana Bach finde ich gut. Jana Bach auf einer Party gefällt mir. Noch ein Pluspunkt für Partys. Klar fahre ich sie nach Hause.
Im Auto mache ich erst mal drei Dosen Bier auf. Zwei für mich und eine für Jana. Ihr dicker Bauch presst sich gegen meine Konsole. Was soll‘s, denke ich, dann kotzt sie wenigstens nicht auf meinen frischgesaugten Teppich. Jana hat die japanischen Schriftzeichen „yagi“ (Bergziege) auf dem Bauch tätowiert und ich versuche mir so eine fette Ziege auf dem Akaishi-dake vorzustellen.
„Was machsten so, ich mein beruflich?“, fragt sie und ich verschlucke mich und pruste einen Schwall Bier gegen die frischgeputzte Windschutzscheibe. Ich steige aus, gehe ums Auto, mache die Beifahrertüre auf und nicke, sie soll aussteigen.
„Hä?“, lallt Jana und versucht sich rauszurollen.
„Was solln das?“
Smalltalk ist scheiße. Ich könnte Jana erzählen, dass ich keine Menschen mag, nicht, dass ich sie hassen würde, aber ich mag sie einfach nicht. Vor Jahren hatte ich sogar richtig Angst vor Menschen, aber heute sind sie mir nur noch egal. Und am meisten mag ich Menschen nicht, wegen ihres Smalltalks, das ist mir so richtig zu wider, wie die Pest. Aber warum sollte ich ihr das erzählen, sie ist mir doch sowieso egal. Smalltalk gibt fünfzig Minuspunkte für Partys und Jana gebe ich nur einen von zehn. Es geht bergab. Zeit, nach Hause zu fahren, aber da ist sie auch schon weg.

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36 Antworten

Kommentare

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    wenig originell diese pubertäre misanthropen-tour.
    hättest du nicht auch noch die schwachen tiere von der herde getrennt (und gefressen?), sondern würdige gegner gesucht, hätte ich geschmunzelt. mit worten kannst du umgehen keine frage.

    27.11.2009, 14:48 von PerverserPerser
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    hm, schade, leider gibt's auf NEON ja schon
    talentierte Schreiber. Ich dachte ich avanciere hier zu einer echten Marktlücke.
    Übrigens, du bist ja ein ganz Fieser, dass du die Frauen alle so benotest. Die Leistungsgesellschaft kann einem aber auch jeden Spaß versauen.

    06.10.2009, 21:55 von Rei.Elle
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    du sympathischer kleiner motherfucker. cooler text.

    01.10.2009, 04:50 von Federico
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      @Federico Lecker Mettbällchen und Cocktails --> Das Beste von der Party mitgenommen! Nur die Bergziege hätteste auch mal gleich da lassen sollen. Aber das weißte ja jetzt für's nächste Mal... ;-)

      06.10.2009, 21:39 von Abenteuerlady
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    Zeilen eines Misanthropen :)
    Allgemein mag ich die Schreibart und den Stil. Und der Hauptcharakter zeugt von so einer charakterlichen Hässlichkeit, dass er beinahe wieder sympathisch wirkt. Die Frage, die ich mir stelle, ist jedoch, was er von der "Bergziege" nun erwartet hat?
    Abgesehen von ihrem Zustand und das man sich garnicht kennt, wäre ein spontanes Gespräch über Episches Theater oder Kafkaeske Philosophien doch auch nicht das richtige Thema gewesen...oder doch?

    Ich gehe jedenfalls davon aus, dass der Text nicht unbedingt die Meinung des Autors wiedergibt, sondern verstehe es eher als kurzweilige Unterhaltung und vielleicht auch als kleine Kritik an diejenigen, die sich die Freude am Leben durch Angst und Unzufriedenheit selbst beschneiden und dafür anderen die Schuld geben...

    29.09.2009, 17:48 von MadActor
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    Das Leben wie es sein sollte .... ;-)

    28.09.2009, 18:03 von Catweasel
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    ich finde Parties auch zum kotzen deshalb gehe ich auch auf keine

    28.09.2009, 16:15 von Perdurabo
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    Grandios!!! Bitte mehr....





























    28.09.2009, 13:17 von sec-man
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    Jau, nen schoenen Schreibstil haste ja
    aber schade das ich nach dem Inhalt weinen musste.
    weil, naja..wenn das jetzt Autobiografisch ist solltest Du vielleicht einfach nicht alleine auf Partys gehen oder zumindest irgendwas tun um da nicht so masochistisch zu enden und dich selbst zu bemitleiden.

    Cool Down altaa ;)
    lg
    Flo

    27.09.2009, 20:05 von ToTheHeart
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