nadeshiko 05.12.2008, 00:13 Uhr 49 12

Ich, Kanake

Ich bin eine Ausländerin, aufgewachsen zwischen Türken, Itakern, Yugos, Polen, Marroks....

."Ich lese und gucke so einen Schund nicht", sagt sie. "Man sieht ja, was aus denen wird, die den ganzen Tag vor der Kiste hängen und Unterschichten-Fernsehen gucken. Die sind fast so schlimm wie die ganzen jugendlichen Kanaken, die den ganzen Tag in der Innenstadt oder auf Spielplätzen rumlungern, Krach machen, sich nicht artikulieren können. Es ist furchtbar, kaum geht man an ihnen vorbei, rufen sie einem unflätige Worte hinterher und benehmen sich ungehörig. Boah, und dann noch diese Ghetto-Bitches..."

Ungehörig? Unflätig? Sie ist 22. Ab und zu liest sie die Zeit und die Emma und kennt Wörter wie "diskursiv" und "Kompromissformel". Sie setzt sich für die Rechte der Frauen ein. Sie ist echt hoch oben in den Wolken. Könnte es sein, dass sie sich auf ihr wahllos zusammen gekratztes Allgemeinwissen, das sie aus dem Deutsch-LK hat, was einbildet? Könnte es sein, dass sie sich aufgrund ihrer guten Noten als was Besseres versteht? Sagt sie gleich vielleicht, dass Ausländer ihr ihre Arbeit wegnehmen?

In mir brodelt's. Ich bin ein Kanake. Ich bin eine Ausländerin, aufgewachsen zwischen Türken, Itakern, Yugos, Polen, Marroks, mitten im sozialen Brennpunkt, sozusagen im Ghetto.
Und ich liebe es. Ich liebe Gülden, die die dumme Pute von meinem Gymnasium für mich verkloppt hat. Ich liebe Patrizio, der mich in der 10. Klasse immer angebaggert hat. Ich liebe Magda und Jystina und unsere Billo-Shoppingtouren bei Deichmann. Diese jungen Leute, mit denen ich aufgewachsen bin, die hübschen Mädels, die jetzt in der Bank arbeiten, die Jungs, die Autos verchecken. Manche haben schon geheiratet, manche arbeiten am Fließband. Einige sind noch da, andere sind fort. Sie alle haben meine Seele geprägt, haben mich zu dem gemacht, was ich heute bin, zu einer Frau, die zwei Mal hinschaut, bevor sie urteilt. Sie haben mir den Rücken gestärkt und sich darum gekümmert, dass ich nicht in Schwierigkeiten gerate. Wenn es doch soweit war, haben sie mir geholfen. Gelegentlich hab ich auch ein paar aufs Maul gekriegt, aber so ungesund war das ja auch nicht. Und nein, ich war nicht im Knast und hab auch nicht geklaut. Im Gegensatz zur feinen Alexandra vom "Gymmi". Ob man's glaubt oder nicht, im "Ghetto" ist man sozialer also sonstwo. Heute kann ich sagen, dass meine Jugend nicht von Konkurrenzkämpfen und gymnasialer Arroganz geprägt war und ich trotzdem alles erreicht habe, was ich erreichen wollte. Es lebe das Ghetto, Alta!

"Watt biss du denn für eine, eyyy? Halt mal den Babbel. Du hass echt kein' Plan. Das erste Mal in deinem Leben, dass du n Wort mit 'na "Ghetto-Bitch" gewechselt hass, war, als du mich kennen gelernt hass. Also halt mal die Füße still und hör auf son Kack zu labern," sprudelt es nur so aus mir raus und ich fange an laut zu lachen. "Da, wo ich herkomme, und du weiss genau wo das iss, da nennt man solche wie dich behindat. Und noch etwas, das nächste Mal, wenn du zur Sparkasse gehst, um 100 Euro deinem Bankberater anzuvertrauen, guck dir die kleine Türkin an, die kann sich nämlich genau so toll artikulieren wie ich, wenn sie Lust hat."

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49 Antworten

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    Alda, du musst nicht zwangsläufig "Kanake" sein um im sozialen Brennpunkt aufgewachsen zu sein...

    Erstens: Ja, wir sind alle gleich.
    Zweitens: Yeah! Im Zug Hauptschülerin getroffen und mich mit ihr über die Klischees ausgetauscht... Sie kann sich leider nicht artikulieren. Und wenn ich als arroganter? Gymnasiast das sagen darf- dumm.
    Mein bester Kumpel, ebenfalls Hauptschüler, ist intelligenter als die meisten aus meiner Klasse und kann sich auch besser artikulieren.
    Schmeißen wir sie in einen Topf, weil sie dieselbe Schule besuchen.


    Aber die Grundaussage des Textes ist natürlich wahr.

    29.04.2009, 15:47 von kekskrumen
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    Ja, ist ja was Wahres dran! Aber so, wie du über die Gymnasiasten urteilst gehörst du auch vielleicht nicht zu den Leuten, die zweimal hinsehen... aber ich kenne dich nicht und werde deshalb ja nicht über dich urteilen... ICH sehe nämlich wirklich zweimal hin ;-) Aber die Problematik ist deutlich geworden... ich mag deinen Text.

    16.01.2009, 00:02 von UliRohde
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    Schade... man kann auch alles kaputtreden.
    Gut und abwechslungsreich geschrieben,
    interessante Aspekte,
    pro: für mehr Völkerverständigung und Verständnis
    contra: Gymnasiasten müssen nicht immer arrogant sein, genauso wie "Ghetto"-Kinder nicht immer die größten Volldeppen sind

    06.01.2009, 12:18 von Mienigkeit
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    Provokation is sowieso das Beste. Klasse Text.

    25.12.2008, 15:52 von zweckoptimist
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    DANKE ^^
    Ich komm zwar ned aus dem Raum wo einem erklärt wird: "Halt ma' deinen Babbel." (Norddeutsche haben nicht so nette 'Umschreibungen')... aber aufgewachsen bin ich genau zwischen diesem 'Gesocks' (und das gerade mit einem sehr ironischen Zwinkern ^^)
    Ein 'Gesocks' das ich nicht missen will.
    Du Kanack - und einen globalen Mittelfinger an all die Idioten die immer noch nicht begriffen haben, dass "integration" wesentlich mehr heißt, als alle Bundesländer aufzählen

    21.12.2008, 01:20 von Kabukichan
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    grandios.

    14.12.2008, 19:10 von cidade.de.deus
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    es heisst ja "reisen ist die beste schule". warum? weil man da viele verschiedene menschen = vielfalt kennenlernt. so aufzuwachsen ist glaub ich das gleiche.
    die kommentare im sinne von "ja du bist ja aber auch nich tolerant, wenn du die deutschLKlerin anmachst" zählen nich. man kann garnicht komplett tolerant sein. zum glück! sonst hätte man ja keine meinung...

    12.12.2008, 16:50 von keksprinzessin
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    ..nach den ganzen kommentaren hab ich den text schon fast vergessen: schade, denn ich mag ihn, er hat mich an vieles schönes erinnert, ich musste n bisl kichern und glaub, dass du das ganz gut getroffen hast. so. (und auf ne diskussion ob der (nicht)existenten ghettos und den anderen krempel muss ich mich hier nicht einlassen, oder?)

    11.12.2008, 15:17 von grandietropvite
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    alta! :-)

    09.12.2008, 10:58 von Klingenfeder
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      @Klingenfeder dicken respekt ;)))

      11.12.2008, 07:58 von Spice
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    bla bla bla, blub blub blub... alle jahre, monate, tage wieder diese diskussion. ich freue mich auf den moment, wenn wir die nächste stufe erreichen und eben die "aufsteiger-kanaken" in banken o.a. als objekt empirischer feststellungen miteinbeziehen. Denn: Sie haben das Beschriebene im text "überwunden" - in zukunft werden sie zeigen müssen, was danach geschieht und können sich nicht hinter leeren floskeln verstecken wie, ums mit Deinen worten zu sagen, das spannungsfeld "arroganz" und "ghetto" gerne tut.

    09.12.2008, 10:57 von Klingenfeder
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