Splinter 23.06.2005, 08:39 Uhr 11 0

Ich fühle, also bin ich

Von Dogmen und der Unmöglichkeit, Recht zu behalten

Ich wollte schon seit längerer Zeit einen Artikel zu diesem Thema schreiben, letztendlich animiert hat mich dazu jedoch der zuvor zu lesende Artikel „Ich leugne die Existenz eines Gesprächspartners und unterhalte mich mit ihm“ von Silence of Sorrow.

Die Frage, ob es eine Außenwelt gibt oder ob gar alles, einschließlich der uns äußerlich erscheinenden Individuen in Wahrheit tatsächlich nur unserem Kopf entstammt, beschäftigte nicht nur Descartes. Aber weil sie ihn beschäftigte, ist die Beschäftigung mit ihm für viele heute der Einstieg in die Philosophie. Sein „Cogito“-Argument weiß durchaus zu gefallen, wenn, ja, wenn man Philosophie betreibt, um sichere Erkenntnis zu erlangen. Das war sein Ziel, aber sollte es auch heute noch das Ziel sein? Um diese Frage soll es im Folgenden gehen.

Der Artikel trägt den Titel „Ich fühle, also bin ich“, weil damit die einzige tatsächliche Gewissheit verdeutlicht werden soll, mit deren Erkenntnis – zumindest ähnlich – auch Descartes (für sich selbst gesprochen) Recht hatte. Es ist die reflexive Selbsterkenntnis, die uns als einzige die Möglichkeit gibt, mit Gewissheit Aussagen auf ihren Wahrheitswert zu überprüfen. Und das Wort „fühlen“ eignet sich dafür besser, als das Wort denken, weil – lassen wir die Sprachkritik mal außen vor – der Schmerz, den ich „fühle“, von dem Schmerz, den ich an anderen zu sehen meine, von ganz entscheidend anderer Herkunft ist: an mir selbst fühle ich ihn, kenne ihn, weiß ihn zuzuordnen, bei anderen bin ich zur Einschätzung von verschiedensten Kriterien abhängig. Und wer von uns würde sagen, er hätte keine Schmerzen, bis er „sieht“, dass ihm ein Arm abgerissen wurde?

Diese kleine Einleitung war nötig, um auf den Kern zu sprechen zu kommen: Gewiss bin ich – und das kann natürlich, vorausgesetzt, ihr existiert, jeder von euch von sich mit Gewissheit sagen – und sonst gar nichts. Das ist keineswegs eine solipsistische These, denn ich zweifle faktisch weder an der Außenwelt, noch an anderen Individuen. Es ist lediglich eine Feststellung darüber, von welchen Bereichen wir zu sagen befugt sind, wir hätten mit Sicherheit Recht!

Der Naturwissenschaftler, der den freien Willen contra Energieerhaltungssatz und Kausalgesetz längst ad acta gelegt hat, wird mir gern zustimmen und sagen: Sicher, das ist eine feine Erkenntnisse, aber machen kannste nix daraus! Ich stimme ihm gern zu, frage ihn jedoch, was das Ergebnis wäre, zöge er sich in sich selbst zurück: Fände er dort nicht über sich die gleiche Gewissheit? Ich wage das zu vermuten. Dass er jedoch sonst keine Gewissheit hat bzw. haben kann, wird ihn möglicherweise stutzig machen. Nicht zuletzt, seit Hume das Induktionsprinzip beschrieben hat, sollte uns allen klar sein, dass auch, und gerade die empirischen Wissenschaften niemals gewisse Antworten zu geben imstande sind. Was mir der Neurophysiologe zeigt, wenn er mein Gehirn an den Tomographen anschließt, werden niemals meine Gedanken sein, denn wären sie es, müsste ich – egal wie präzise und „echt“ mir auch das Bild erscheint – immer wieder etwas neues denken, um zu sagen, ob es das ist, was ich wirklich denke. Und voila, da ist er, der modellistische Fehlschluss. Mensch macht sich ein Bild von Natur und schließt vom Bild wieder zurück auf Natur. Das Gravitationsgesetz, das Keppler’sche Gesetz, das Newton’sche Atommodell; all das ist nirgends in der Natur tatsächlich nachweisbar. Wie Kant geschrieben hat: Wir ringen der Natur mithilfe unserer Instrumente Antworten ab. Das bedeutet vor allen Dingen, dass wir selbst es sind, die dort ringen. Wer daran zweifelt, mag mir zeigen, wo in der Natur ich „den Meter“ finde. Oder warum gerade physikalistische Theorien stets mit „Ausnahmen bestätigen die Regel“ arbeiten? Was wir aus der Beobachtung der Welt lesen, haben wir zuvor selbst hineingesteckt und wir gründen uns in empirischer Erkenntnis allein auf die – zugegebenermaßen praktische – Angewohnheit, aus einer bestimmten Anzahl von Beobachtungen auf eine Gesetzmäßigkeit zu schließen. Pragmatisch durchaus sinnvoll, ist dieser Schluss jedoch ein logischer Fehlschluss, denn was sind schon 1000 Beobachtungen gegen unendlich mögliche? Was sind schon zig Milliarden Tage, die die Welt gesehen hat, gegen die Unendlichkeit der Zeit?
Man kann den Menschen den alltäglichen Gebrauch dieses Fehlschlusses kaum vorwerfen, denn jeder ist ständig bemüht, Regelmäßigkeit ins eigene und auch ins Leben drum herum hineinzuwünschen. Kommt man allerdings zu der Erkenntnis, dass auch die als äußerst verlässlich geltende Naturwissenschaft sich auf eine unbegründbare Hypothese, auf ein Dogma stützt, könnte einiges ins Wanken geraten. Ich sage bewusst „könnte“, denn es gerät nur dann einiges ins Wanken, wenn die Sicherheit, die man sich erwünscht hat, sich auf dieses Dogma gestützt hat.

Religion, Esoterik, Astrologie, Physik, Psychologie, Mathematik (?, aber der Logizismus ist gescheitert)… und so weiter und so fort. Das sind die Türme, die sich, jeder auf sein eigenes Dogma gründend, um mich herum, der ich mir über meine Existenz sicher bin, aufstellen. Alles, was ich tue, ist: Ich bilde mich, lerne möglichst viel über möglichst viele dieser Wissenstürme. Und ich komme zu dem Punkt, da ich feststelle, dass ich zum einen mehr tendiere als zum andern. Auch das tun vermutlich die meisten, denn sonst hätten – besonders die Naturwissenschaften – keine so zahlreiche und nicht selten exklusive Klientel. Mit exklusiv meine ich nicht besonders in irgendeinem Sinne, sondern leider häufig „auf das eigene Dogma beschränkt“.
Es ist mir ein Rätsel, wie man den Papst als konservativ kritisieren kann, indem man ihn mit Messmethoden beurteilt, die beispielsweise die heute konventionell gefundenen ethischen Grundlagen der westlichen Welt sind. Diese Kritik ist ein Kategorienfehler, denn der Papst stützt sich auf kein gesellschaftspolitisch anerkanntes Dogma, sondern auf seinen Glauben. Ihn zu kritisieren und das außen vor zu lassen, würde bedeuten, ihn nicht mehr den Papst zu nennen, aber worüber redete man dann? Das sage ich, obwohl auch mir bitter aufstößt, was er oder sein Vorgänger zu Fragen der Verhütung sagen würden. Diese Abneigung kann jedoch in keinster Weise hinreichender Grund für ein ziehendes Argument sein. Denn äußere ich mich öffentlich in dieser Art und Weise, dann schare ich nur – meine Meinung als Filter vorschaltend – Gleichgesinnte um mich und die Fronten verhärten sich! Aber haben wir nicht mehr Freude am Dialog, denn am Dogmenkrieg?!

Ich denke, die haben wir und deswegen verlange ich von mir mehr Toleranz. Aber die verlange ich dann selbstverständlich auch vom Papst und das ist eine rational vorgetragene Methodenkritik, die sich darauf gründet, dass die Kirche leider diejenige Instanz ist, die die eigene Meinung stets als Filter vorgeschaltet hat. Glücklicherweise ist sie damit gegen den intellektuellen Fortschritt der Jahrhunderte und Jahrtausende dem Untergang geweiht. Wir dürfen nur nicht den Fehler machen, die Naturwissenschaften an ihrer statt auf den Sockel der Gewissheitswissenschaft zu erheben!

Denn Recht behalten werden wir alle nur über uns und darüber, dass jeder sich sein Dogma sucht. Hat man diese Erkenntnis erreicht, kann man es aber auch wieder verlassen und das ist ein Fortschritt, den ich mir für mehr Toleranz und gegen Missverständnisse und wenig zielführende Dialoge wünsche. Denn an diesem Punkt können weder solipsistische Fantasien mich beunruhigen, noch die Scheinerkenntnis, der freie Wille sei unmöglich. Entspannt euch!

11 Antworten

Kommentare

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    Danke für das Kompliment, wenn es denn eines ist.:)

    Die Frage ist wohl, welche Vorstellung man vom Zweck des Nachdenkens hat.

    07.11.2005, 01:09 von Splinter
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    Ich hatte schon befürchtet, das dies einer von den Texten wird, die als Essenz ihrer Gedanken sagen: Außer unseres eigenen Seins kann uns eh nichts gewiss sein, also braucht man keinen Gedanken mehr über irgendwas zu verschwenden.

    Diese Befürchtung hast Du aber sehr gut zerstreut!
    Kompliment.

    16.10.2005, 20:13 von Gluecksschwein
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    War auch so nicht formuliert; schon die Beschäftigung mit anspruchsvoller Thematik impliziert m. E. das Gegenteil von „Gleichgültigkeit“.
    [Ein weiteres Beispiel für Begriff mit „weitem Geltungsbereich“: entspannt.]

    14.07.2005, 11:05 von rybak
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    Ich meinte mit Entspannung auch keineswegs Gleichgültigkeit.

    13.07.2005, 16:29 von Splinter
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    Nicht umsonst wird bei wissenschaftlichen Arbeiten am Anfang i.d.R. Klarheit über verwendete Begriffe geschaffen, werden Geltungsbereiche definiert, Randbedingungen festgelegt, Zitatquellen benannt. In jeder Sprache gibt es Begriffe, die relativ vieldeutig sind, z. Bsp. denken, das Denken, das Wissen, wissen u.a. So setzen einfache, prägnante Aussprüche voraus, dass man den Kontext bzw. die konkrete Situation kennt. Sokrates hat sein „ich weiß, dass ich nichts weiß“ dazu verwendet, andere auf Irrtümer hinzuweisen (Eironea) und nicht sich entspannt zurückzulehnen und auf weitere geistige Aktivitäten zu verzichten (nach Überlieferung, da ich nicht dabei war).Es ist ein Phänomen, dass bei annähernd gleicher Ausgangssituation/Faktenlage unterschiedliche Personen ganz unterschiedlich Beurteilungen treffen und Schlussfolgerungen ziehen. Der Dialektiker würde wohl sagen, diese Differenzierung ist eine Quelle der Weiterentwick-lung. Ein Grund mehr, die geistige Normierung des Individuums und der Gesellschaft (Erziehung, Ideologien, Medien) immer kritisch zu hinterfragen.

    Übrigens kann man, wenn man nur abstrakt genug formuliert oder in Gleichnissen, Metaphern schreibt nicht allzu viel falsch machen; ich versuche es wenigstens, aber bei Klausuren nützt das nichts!

    13.07.2005, 10:27 von rybak
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    Danke für's Lob und die Zustimmung. Und Entspannung kann selten schaden.;)

    12.07.2005, 19:40 von Splinter
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Guter Beitrag. Allerdings meinte ich, mit meinem Text genau das ausdrücken zu wollen. Man weiß eben nie, wer der Farbenblinde ist. :) Und deswegen muss man mit normativen Aussagen, die das behaupten, auch sehr vorsichtig sein.

    01.07.2005, 14:23 von Splinter
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    ohh und noch ein kleine Ergänzung:
    Wenn alle Dinge noch Perfektion streben, ist der Sinn aller Dinge Fortschritt. Doch in welche Richtung fortschreiten? Nun ja, da kommt wieder die Sache mit der Überzeugung daher. Was für die Pflanzen die Sonne, ist für uns die innere Überzeugung. Dem Zwangslauf der Evolution zu Folge, dass die Überzeugung von der gesellschaftlichen Umgebung äußerst abhängt (Der Mensch ist eine Reproduktion seiner Gesellschaft)
    gibt es verschiedene Richtungen in die sich die Menschen entwickelt haben bzw. entwickeln. Hier möcht ich noch sagen, dass das lustige an der Revolution ist, dass trotz jahrtausender Isolation gewisser Menschengruppen von anderen Menschengruppen, alle Menschengruppen (oder Rassen, wie man will) sich sehr,sehr,sehr,sehr,sehr,sehr,sehr,sehr,sehr,sehr,sehr,sehr,sehr,sehr,sehr,sehr,sehr,sehr,sehr,sehr ähneln. Egal ob "schwarz", "weiß" oder "gelb".

    01.07.2005, 11:17 von Raaaayyyyy
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    Zunächst ein fröhliches Hallo,

    Leider konnte ich nicht den gesamten Text lesen, da ich hier in der Schule sitze und nur wenig Zeit habe. Aber zum Thema der Existenz kann dir vielleicht folgender Gedanke weiterhelfen:"Wissen ist Überzeugung." Vielleicht auch der hier:"Da Entwicklung nur ein Stadium des Zeitverlaufs(=Zeit) ist, ist Zeit auch nur eine Frage der Energie: Zeit = Energie.
    Nun zur Erläuterung des ersten Gedankens, was sogar sehr simpel ist. Sage ich, ich glaube, ich bin mir nicht sicher, dass die Wand weiß ist, sage ich, dass ich nicht weiß ob die Wand weiß ist. Sage ich, hingegen ich bin mir sicher, ich bin überzeugt, dass die Wand weiß ist, sage ich, dass ich weiß, dass die Wand weiß ist. Hierbei ist es egal ob andere sagen "ey, altler haste se noch alle?". Schließlcih kann man sich ja auch die Frage stellen wer farbenblind ist. Die "Farbenblinden" oder doch die "Anderen".
    Also wie gesagt ich konnte nicht deinen gesamten Text lesen, also bitte nicht übel nehmen wenn ich einige Aspekte deines Textes links liegen gelassen hab.

    Einen schönen Tag noch mit ganz viel Sonne aber auch ein bisschen wunderschönem Regenschauer.

    01.07.2005, 11:07 von Raaaayyyyy
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