Ich bin Stolz
Bekenntnisse eines falsch Verstandenen
Ich lebe in dem größten Land der Erde. Diese herrlichen Weiten, die gastfreundlichen wie trinkfreudigen Menschen hier sind mir die Liebsten. Der Kartoffelschnaps und der Kommunismus haben bei uns eine wichtige Tradition. Man braucht sich keine Gedanken zu machen, was in der Zukunft so geschieht und auch viele Entscheidungen werden einem hier freundlicher Weise abgenommen. Jeder ist hier gleich, bis auf die Millionäre und die Parteispitze. Aber das ist nicht schlimm, denn es ist meine Heimat, mein Leben, mein Stolz!
Ich lebe in einem Gebiet, das in der Antike eine Weltmacht war. Überall, wo man hinguckt, sieht man antike Dinge. Dies verleiht der Landschaft einen romantischen Hauch. Selbst der kleinste Stein hat hier einen großen Wert. Ich trinke gerne erfrischenden Ayran und esse gerne Döner. Dieses Land ist so wundervoll mit seinen Geheimnissen und Mythen. Von der tiefen Unergründlichkeit der Wüste bis zur ebenso unergründlichen Großstadt. Mir geht es gut. Der Tradition nach trägt meine Frau ein Kopftuch, aber das ist mir gleichgültig, sie wurde mir sowieso aufgezwungen. Dennoch ist mir die Familie heilig. Auch, wenn ich darauf achten muss, das ich nicht so viele Töchter bekomme. Das ist keine Diskriminierung, das ist meine Kultur und ich habe sie gerne, denn sie ist es, die mich zu dem macht, was ich bin. Ich bin ein friedliebender und ausgeglichener Mensch, solange keiner das Ansehen oder die Ehre meiner Familie beschmutzt, dann bringe ich auch schon mal jemanden zum Schweigen. Ich lebe nach bestem Wissen, Gewissen und dem Koran. Und ich bin Stolz darauf!
Ich lebe im bevölkerungsreichsten Land der Erde. Mein Leben dient der Gemeinschaft und tue alles, um ihr zu dienen. Religion ist ein Hindernis sagt der Vorsitzende und ich glaube ihm. Er ist schließlich mein Führer und will nur das Beste für mich, für uns, das Volk. Meine Ahnen haben die Nudeln erfunden und das Schwarzpulver entwickelt. Bei uns steht eine Mauer, die so lang ist, dass man sie noch aus dem Weltall erkennen kann und wir machen die Beste Seide der Welt. Solange man hier Arbeit hat, geht es einem gut. Ich persönlich arbeite in einer Stadt fern ab von meiner Heimat und meiner Familie. Jeden Monat schicke ich meiner Frau und meinem Kind einen Teil meines verschwindend kleinen Gehaltes. Ich bin Stolz darauf, mir dies leisten zu können.
Ich lebe im Geburtsland der Demokratie und der freien Meinung. Es gibt nichts, das unmöglich hier erscheint. Wer nur kräftig mit anpackt, kann alles mögliche erreichen. Ich kaue gern Kaugummi und liebe fettige Sachen. Zwar musste mein Volk die Einheimischen hier vertreiben, aber das nimmt hier sowieso keiner so ernst. Ich hisse jeden Morgen die Flagge und putze meine Waffe, die ich brauche, denn der Nachbar hat ja auch eine. Ab und Zu führt mein Land Krieg gegen Länder, die ich nicht kenne. Dann wird immer demonstriert, dann sterben wieder ein paar Soldaten und dann ist es meistens auch schon wieder vorbei. Das ist mir im Grunde egal, den Präsident habe ich eh nicht gewählt, wie die meisten anderen auch. Manchmal habe ich das Gefühl, dass alle Menschen uns hassen, ich weiß nicht warum. Ich liebe mein Land, notfalls auch bis in den Tod, ich bin stolz darauf!
Ich lebe in einem Land, das eigentlich gar kein Land ist, mehr ein Bund aus 16 kleinen Ländern. Bis vor kurzem waren es sogar noch zwei Bunde. Uns trennte einst eine Mauer, die das ganze Land spaltete. Als sie dann endlich viel, waren alle erstmal froh. Doch kurze Zeit später haben es schon wieder viele bereut. In vielen Köpfen steht die Mauer noch immer. Es gibt mittlerweile wieder manche, die sagen, sie wären stolz auf unseren Bund. Doch bei der Äußerung begegnet denen dann meistens Kopfschütteln und Empörung. Dieses Denken ist hier verpönt. Es wurde irgendwann einfach abgeschafft. Mein Opa nennt es die Entnazifizierung. Ich glaube es ist eine schreckliche Vergangenheit, doch kaum einer nimmt wahr, dass es kluge Köpfe lebten. Menschen, die unserem Bund zu weltweitem Ansehen verholfen haben. Dichter, Denker, Komponisten, Maler und nicht zuletzt das vortreffliche Handwerk. Heute werden wir als Tennissockeninschlappenträger, die ihr Handtuch auf jede Liege legen müssen belächelt und wir würden aus Angst, entdeckt zu werden, am liebsten nur noch englisch reden und ein T-Shirt mit der Aufschrift tragen: „Ich gehöre nicht dazu!“. Sorry, ich meinte:“ Iam not of them!“. Trotzdem ist es schwer, sich nicht in das Land, den Bund, wie auch immer man es nennt, zu verlieben. Und ich drücke meinen Stolz auf die einzig gesellschaftsfähige Variante aus. Ich bin stolz auf unsere Fußballmannschaft!!! Dabei mag ich nicht einmal Fußball…






Kommentare
Ich finde den Text wirklich gut und er hat eine Empfehlung verdient, außerdem: Wir leben von Klischees, und wenn man mal darauf achtet fällt einem oft auch auf wie sehr man sie erfüllt. Wirklich: Ich lobe!
22.12.2009, 18:20 von BuecherdiebinWahnsinnig viele Klischees...
15.10.2009, 21:35 von b.merker.inaber grad beim 3. Absatz bin ich mir ziemlich sicher, dass es irgendwo im mittleren Westen einen farmer gibt, der das genau so unterschreiben würde!
Die Idee mit dem Perspektivenwechsel gefällt mir gut, genauso wie die Tatsache, dass das Ganze trotz der Wechsel eine Art roten Faden hat. Klar springen einen die Klischees fast schon an, aber das würde ich nicht als Qualitätsmanko werten.
08.09.2009, 02:46 von child_insideTja, jeder hat seine Sicht der Dinge ... ob nun im Gebiet der ehemaligen UDSSR, oder in der Türkei oder in China oder in den USA. Worauf es dem Autor wohl ankommt, ist die Tatsache, dass sich (vermeintlich) alle anderen mit ihrem Land identifizieren, Stolz auf ihr Land sind.
17.07.2009, 10:26 von CyroNur mit Deutschland kann man sich, so wohl die Meinung des Autors, nicht identifizieren.
Dieser Ansicht bin ich keineswegs, denn Stolz ist für mich etwas, das es in Frage zu stellen gilt, Stolz kann sehr leicht dazu verwendet werden um sich von anderen abzugrenzen und, darin liegt die Gefahr, sich als etwas besseres zu fühlen.
Und trotzdem gibt es etwas, worauf man auch in Deutschland stolz sein kann. Nun bin ich etwas alter das der Durchschnitt bei Neon, aber mir fällt die Nahost-Friedenspolitik der 70er Jahre ein, die Abrüstung, das Motto „Diplomatie statt Gewalt“. Mir fällt ein, dass wir deutsche nach der Gründung der BRD mehr als 40 Jahre an keinem Krieg teilgenommen haben. Mir fällt ein, dass wir eine funktionierende soziale Marktwirtschaft hatten, eine weitgehende Chancengleichheit für alle. Ein damals funktionierendes Gesundheits- und Bildungssystem und lange Zeit auch sichere Renten.
Alles, wie man heute sieht, keine Selbstverständlichkeit.
Gut, in den letzten 20 – 30 Jahren gibt es keinen Politiker, keine wirkliche gesellschaftliche Errungenschaft, auf die ich wirklich stolz sein kann. Froh bin ich natürlich über den Rest der funktionierenden sozialen Systeme, aber für das was wir immer wieder wählen mag ich mich eher schämen.
Stimmt, ich bin auch kein Fussballfan, meine Identifizierung mit Fussball geht gegen Null.
Also, was bleibt, um Stolz zu sein ? Wenig bis nichts ?
Na und wenn schon, ich will gar nicht stolz sein.
Ein zweites Thema wäre eine andere Politik, doch die ist vergebens , bekanntlich steht ja schon heute fest dass Schwarz-Gelb im Grunde die Wahl im September schon gewonnen hat. Die immergleichen Betonköpfe, die das Land herunterwirtschaften bleiben scheinbar auf Lebenszeit, und aus irgendwelchen mir schleierhaften Gründen werden sie immer, immer und immer wieder gewählt.
Also, wir haben es offenbar nicht anders verdient, die Verarmung der Bevölkerung muss vorangetrieben werden, die vornehmlichsten Aufgaben der Banken bestehen darin Vermögen der Anleger zu vernichten statt zu vermehren, die Bundeswehr muss im Inneren gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt werden (laut Plänen von Herrn Schäuble) und sämtliche Daten (Finanzen, Gesundheit, und auch alle sonstigen Bereiche des Lebens) müssen lückenlos zentral gespeichert werden. Der Staat darf keine Einnahmen haben, außer Steuern, alles andere wird privatisiert, denn Gewinne gehören in private Hände, von einer Handvoll Milliardären. Die finanzielle Lage der Masse aber muss dringend verschlechtert werden zugunsten einiger Milliardäre, die immer mehr staatliche Subventionen verlangen, anderenfalls mit Massenentlassungen drohen. Aufgaben, wie die flächendeckende Versorgung mit Transportmitteln (Bahn, Bus) und Kommunikation (Post, Telefon ... ) sind privatisiert, und somit zählt nur der Gewinn. Die Klauseln, die eine flächendeckende Versorgung gewährleisten, laufen irgendwann aus, so dass die Anbindung an öffentlichen Verkehr oder auch der Briefverkehr für alle (und andere Leistungen der Post, wie Telefonanschluss, Internetanschluss) künftig in Frage zu stellen sind. Zumindest für alle die in kleinen Dörfern wohnen, wo ein Anschluss für die beauftragten Unternehmen zu unrentabel ist.
Na ja, und da wäre noch die ganze Reformerei, aber das wird jetzt zu lang ...
Ja, wir sind dabei Deutschland zur Bananenrepublik zu verunstalten.
Stolz ?
Nein, stolz bin ich nicht, aber ich glaube eine Menge der Wähler, ja sogar die Masse, ist stolz auf unsere Politiker, denn jedes mal wählt sie (wir) inhaltlich die gleiche Politik wieder und wieder (ob nun in schwarzer, gelber oder mit leicht rötlichen Farbtupfern angemalter Verpackung, hin und wieder meinetwegen auch mit einem grünen Farbklecks).
Ja, ich denke viele Deutsche müssen stolz sein. Oder würde man etwas wählen, für das man sich schämen muss ?
Ich bin stolz.
17.07.2009, 08:52 von frl_smillaDarauf, dass ich mich da jetzt durchgelesen habe.
Ich lese da nix Neues und flache Klischees.
Der leichte "Sendung mit der Maus"-Touch/Ton greift hinten und vorne nicht.
Den Schnitzer mit dem Geburtsland der Demokratie solltest du vielleicht nach einer kurzen Recherche nochmal überarbeiten.
Liest sich im Großen und Ganzen wie:
"Ich bin ein Apfel. Der ist meist rund, mal mehr, mal weniger. Manche sind eher grün, manche eher rot. Es gibt auch beide Farben. Ich bin stolz, dass ich so knackig bin. Über die Jahre hinweg betrachtet haben wir uns nicht großartig weiterentwickelt. Hm, vielleicht in unserer Vielfalt ein bisschen. Ich mag meinen Träger, den Baum. Er hält mich, immer. Treu und ergeben. Ich bin stolz, mit den anderen Äpfeln an diesem Baum zu hängen."
Know what i mean?
@frl_smilla Das wäre dann die Fortsetzung ;)
17.07.2009, 14:44 von RexNoctuArgh, soviele Vorurteile auf einem Haufen. Und dann noch sowas:
17.07.2009, 08:10 von quatzatVon der tiefen Unergründlichkeit der Wüste bis zur ebenso unergründlichen Großstadt.
USA Geburtsland der Demokratie? Mein Güte...
Nä.
@quatzat Mensch quatze, er meint sicher Frankreich "Vive la revolution !!"
17.07.2009, 08:27 von TaneaKomisch, dass gerade dein echtes Geburtsland (davon gehe ich mal aus) so merkwürdig blass bleibt und voller Klisches.
Aber vielleicht fällt es auch nur dort besonders auf, weil alles, was wir über Länder zu wissen glauben, in denen wir nicht selbst waren sind Klisches in Reinform.
@Tanea Neenee. Anpacken und Kaugummi kauen ist nicht der Franzacken Ding. Und auch Frankreich ist nicht das Geburtsland der Demokratie. Wie schon der Name erkennen lässt.
17.07.2009, 08:37 von quatzat@quatzat seit wann sind die griechen für kaugummi und fettiges essen bekannt und haben waffen? mir wär auch neu, dass die viele kriege führen...
17.07.2009, 16:19 von nutellaSchön geschrieben :-)
17.02.2008, 20:45 von eslisa