ananda 27.05.2019, 17:46 Uhr 1 1

Ich bin keine Lehrerin mehr, sondern BFZ-Kraft...

Meine Erfahrungen mit der Inklusion...

Vor 12 Jahren beendete ich mein Referendariat als Förderschullehrerin und übernahm kurz darauf meine erste Stelle an einer Schule für Lern- und Erziehungshilfe. Es handelte sich um eine kleine Schule mit kaum mehr als 120 Schüler und ca. 25 Lehrer. Meine erste, gemeinsam mit einer Kollegin geführte, Klasse in der Hauptstufe bestand aus 15 Jungen und Mädchen. Die Kollegin und ich berieten uns gegenseitig bei Fragen rund um das Verhalten der Schüler oder bei Lernproblemen derselben und trugen die Verantwortung gemeinsam. Kurz bevor ich an dieser Schule zu unterrichten begann, war der (qualifizierte) Hauptschulabschluss eingeführt worden. Die wenigen Schüler, deren Lernprobleme zu gravierend waren, beendeten ihre Schullaufbahn mit einem Praxisabschluss und kamen anschließend in einer Werkstatt für Behinderte unter. Neben einem qualifizierten Hauptschulabschluss waren die guten schulischen Kontakte zu den (handwerklichen) Betrieben in der Umgebung ausschlaggebend bei der Verfolgung des Ziels, die Schüler gesellschaftlich zu integrieren. Dort sammelten unsere Schüler in Blockpraktika und an einem Praxistag in der Woche wertvolle praktische Erfahrungen und entwickelten so wichtige Tugenden wie Pünktlichkeit, Ordnung, Loyalität u. Ä.. Umgekehrt konnten die potentiellen Arbeitgeber aus der Umgebung den Schülern über einen längeren Zeitraum „auf den Zahn fühlen“.

Bis zum Abschluss der Schulzeit wurde das Klassenlehrerprinzip gelebt: die Schüler wurden in den Hauptfächern und in vielen Nebenfächern von einem Lehrerteam geführt, das eine Klasse bis zu 10 Stunden in der Woche begleitete. Lernen und Zeit für Gespräche waren so auch in vielen informellen Situationen möglich. Dies war der Erkenntnis geschuldet, dass Schüler mit Lernproblemen und auffälligem Verhalten meist unsichere Bindungserfahrungen in ihrer Kindheit gemacht hatten und daher kontinuierliche und sichere Beziehungserfahrungen mit ihren Lehrern benötigen, um ohne Angst und Stress lernen zu können.

Die Erfahrungen bestätigten uns. Unsere Schüler besuchten uns auch nach ihrem Schulabschluss zu den jährlich stattfindenden Sommerfesten und präsentierten gerne, was aus ihnen geworden war: zum Teil gefestigte Persönlichkeiten, die verinnerlicht hatten, dass ein gutes Leben auf zwei Säulen fußt: auf einer Arbeit, die ihnen Sinn und Lohn gibt und eine Familie, die sie zufrieden macht. Ich erinnere mich gerne an einen Jungen, der mir in einem Restaurant mit festem Blick in die Augen die Hand drückte und berichtete, dass er eine feste Stelle als Veranstaltungstechniker gefunden habe und hier sei, um mit seiner Freundin essen zu gehen. War er tatsächlich jener Schüler, der lange das Lesen und Schreiben vermieden hatte und nur mit Extra-Deutschstunden und großem Zuspruch zu einem Hauptschulabschluss gelangt war?

Seit ca. 3 Jahren bin ich keine Klassenlehrerin mehr, sondern ausschließlich BFZ-Kraft an einer Grundschule. Die Abkürzung steht für den Begriff Beratungs- und Förderzentrum, zu dem die meisten Förderschulen umfunktioniert worden. Die Förderschüler werden nicht mehr an der Förderschule unterrichtet, sondern an den Regelschulen im Umkreis. Es geht um die Umsetzung der UN-Konvention von 2009: „Die Kinder sollen nicht aufgrund von Behinderung vom unentgeltlichen und obligatorischen Grundschulunterricht oder vom Besuch weiterführender Schulen ausgeschlossen werden” (Artikel 24, Abs. 2a). Das allgemeine Bildungssystem soll jedem zugänglich sein“.

Die Förderschulkollegen sind ebenfalls auf die verschiedenen Regelschulen verteilt worden und je nach personellem Engpass rotieren sie von Regelschule zu Regelschule oder sind teilweise an mehreren Regelschulen eingesetzt. Die Leitungsfunktion über die Förderschulkollegen verblieb beim Rektor des BFZs, wo sich die Kollegen weiterhin einmal in der Woche treffen, um über die Verhaltensauffälligkeiten oder Lernschwächen der Schüler und die pädagogischen Interventionsmöglichkeiten an der Regelschule zu sprechen. Je nach Größe der Regelschule werden im Schnitt zwei Förderschulkollegen eingesetzt. Die Tendenz ist sinkend.  

Im Unterschied zu meiner früheren Arbeit an der Förderschule bin ich nun für ca. 22 Kinder zuständig, die in den verschiedenen Klassen unterrichtet werden. Meine Zeit für das einzelne Kind ist somit deutlich beschränkt auf ca. 1-2 Stunden pro Woche. Wenn es möglich ist, arbeite ich mit Kleingruppen, bei sozial-emotionalem Förderbedarf des Schülers auch in Einzelkontakt und selten mit der gesamten Klasse, wenn ich z.B. ein soziales Projekt anbiete. Als am wenigsten gewinnbringend sehe ich es an, im Unterricht „mit dabei zu sein“ und das Förderschulkind dort zu unterstützen. Die Gründe liegen auf der Hand: da ich zum Teil zwischen acht verschiedenen Klassen „pendle“, kann keine echte Teamarbeit entstehen, die aus der gemeinsamen Planung und Durchführung von Unterricht zwischen Regelschulkollegen und Förderschulkollegen bestehen würde. Wenn ich aktuell „mit dabei“ bin, muss ich mit dem entsprechendem Kind im Flüsterton sprechen, um den Regelschulkollegen nicht zu stören. Die Klassen sind auch räumlich nicht darauf ausgelegt, dass zwei Lehrer gleichzeitig mit den verschiedenen Kindern sprechen und diese pädagogisch anleiten.

Es sollte deutlich geworden sein, dass die BFZ-Arbeit sonderpädagogische Ressourcen untergräbt. Die Regelschulkollegen wiederum fühlen sich nicht begleitet und haben das Gefühl mit den alltäglichen Sorgen um die Kinder, die lernschwach oder sozial auffällig sind, allein dazustehen.

Die unbefriedigende Situation für die Schüler mit Lernschwächen und sozial-emotionalen Problemen wiegt ungleich schwerer: sie sitzen in großen Klassen und sollen ihren Bedürfnissen gemäß unterrichtet und unterstützt werden. Doch wie kann ich als Förderschullehrerin eine tragfähige Beziehung zu einem Kind aufbauen, das ich nur ein bis zweimal in der Woche sehe? Wie kann ich so den Lern- und Leistungsstand eines Kindes kontinuierlich verfolgen? Wie fühlen sich die Kinder in einer Regelschulklasse ohne die Möglichkeit, sich mit anderen Kindern mit denselben Problemen auszutauschen?

Meine Förderschulkollegin und ich, die wir an der gleichen Grundschule eingesetzt sind, überlegten daher angestrengt, wie man Inklusion an der Regelschule ohne die Möglichkeit, die Rahmenbedingungen zu verändern, besser organisieren könnte. Unser Hauptgedanke war der, Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in einer Klasse zu bündeln, um mehr Zeit für diese zu haben und eine für das Lernen grundlegende sichere Bindung mit ihnen eingehen zu können.

Tatsächlich befinden sich in einer Regelschulklasse zufällig fünf Kinder mit Förderbedarf in den verschiedenen Bereichen Lernen und Soziales. Über diese stehen die Regelschullehrerin und ich in einem engeren Austausch als in anderen Klassen und je länger wir zusammen arbeiten, umfasst unser Austausch auch Kinder, die zwar keinen sonderpädagogischen Förderbedarf aufweisen, aber auch vielfältige pädagogische Unterstützung benötigen.

Es bleibt trotz einzelner guter Erfahrungen nüchtern zu konstatieren, dass auch die „Bündelungsidee“ nicht ohne Veränderung der Rahmenbedingungen gut umzusetzen ist. Nur mit einer ausreichend guten personellen Ausstattung an Förderschulkollegen in einer Regelschule kann Inklusion erfolgreich werden. Dieser Gedanke ist nicht neu, sogar banal und harrt trotz allem seiner Umsetzung.

 

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Kommentare

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    Unser Hauptgedanke war der, Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in einer Klasse zu bündeln
    ihr wollt sie also isolieren. weg mit dem dummen fußvolk, damit die elite mehr raum und zeit hat.

    gemischte ausgeglichene klassen wären der schlüssel, aaaaaber...zu wenig personal. ich weiß ich weiß…

    28.05.2019, 14:51 von Sir_Tobi
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