greentongue 21.05.2019, 23:19 Uhr 4 0

Ich bau' mir meine Kultur

schwarz. rot. gold. nein. danke.

Schon als Kind habe ich mich manchmal gefragt, ob ich meiner Nationalität und ihrer Kultur nur angehöre, weil ich in dem Land geboren und aufgewachsen bin. Weil ich in dem Land zur Schule gegangen bin, dort eine Ausbildung abgeschlossen habe und studiere. Weil ich einer “Kultur” angehöre, in die ich hineingeboren wurde, ob ich sie nun auslebe oder nicht.

Kann ich als in Deutschland geborene nicht auch einfach sagen, “ja ich bin hier geboren, aber ich identifiziere mich nicht als Deutsche, fühle mich nicht deutsch”? Viele würden mir entgegen kommen und sich brüskieren: “Das kannst du doch nicht sagen; du bist doch hier geboren; du sprichst die deutsche Sprache also bist du auch deutsch.” Hm. Ja und nein irgendwie. Wo fängt denn Identität an und wo eine, meine Kultur? Und verdammt, gibt es diese überhaupt? Ich glaube nicht. Ich glaube es gibt sie in der Form nicht, dass es eine “deutsche” oder “indische” oder “türkische” Kultur gibt. Es gibt Traditionen, die vielleicht eher chinesisch oder mexikanisch sind. Es gibt durch ein Land geprägte Praktiken, Rituale, sowie Nationalgerichte und Sprachen.


Aber es bedarf vielleicht erst einmal eine Definition von Kultur. Also was ist eine Kultur? Ganz oberflächlich gesagt, für mich entsteht eine Kultur durch eben Riten oder Traditionen, die immer an einem gesellschaftlichen Wandel geknüpft sind. Sie entstehen durch gesellschaftliches Handeln, durch ihre gemeinsame Sprache, also Kommunikation. Kulturen entstehen durch Religionen, Gemeinschaft und ihre Pflege über vielleicht hunderte Dekaden hinweg. Kultur ist also etwas, was der Mensch, beziehungsweise ein gesellschaftliches Kollektiv, daraus formt, in dem ihr ein Name gegeben wird, sie benennt, sie ausschmückt und am Leben erhält. Etwas, was über Jahrzehnte- und hunderte eben immer wieder neu geformt und definiert wird.

Wenn ich also bei dem Wort Kultur als ein oberflächliches bleiben darf, setzt sie sich doch aus vielen verschiedenen vorangegangenen Kulturen zusammen, ob sie nun deutsch, englisch oder südafrikanisch sind. Identifizierung mit einer Kultur geschieht mit oder ohne Zwang. Ohne Zwang, also warum sich nicht ein kleines Stück von jedem Kuchen gönnen? Oder es sich wie so einen großer Baukasten von Lego vorstellen, mit diesen vielen kleinen, großen, kurzen, langen und das wichtigste, den bunten Steinen. Vielleicht eine naive Vorstellung von mir, aber kann sich nicht einfach jeder Mensch auf dieser Welt seine Bausteine alleine aussuchen, mit denen er sich identifiziert? Ich bin doch nicht gezwungen meine schwarz, rot und goldenen Bausteine aus meiner Kiste zu nehmen, nur weil sie mir als erstes geschenkt wurden. Ich wäre dazu gezwungen, wenn man mir nur diese Auswahl vorhalten würde. Aber das tut die Welt doch nicht. Zum Glück. Wie langweilig sehe denn mein Bauwerk aus? Und erst das von den anderen mit nur zwei Farben… Da wird es immer ein Kind geben, welches das andere deswegen hänseln wird. Durch die Historie war es lange ein mehr oder weniger  ungeschriebenes Gesetz nicht mit der Hand in die Kiste eines anderen Kindes zu greifen, die eigenen Steine lassen sich ja auch viel besser verbauen, nach dem Motto “die kenne ich schon”. Das kann ich in mancher Hinsicht vielleicht verstehen. Wenn man fünf oder sechs Jahrzehnte mit denselben Sachen gespielt hat, kommt der weiße oder grüne Stein unter Umständen skeptisch daher. “Lässt der sich mit meinen Steinen verbauen? Passen die Farben zusammen?” Aber Leute, die Welt hat doch gelernt zu teilen und das in den letzten Jahren in einem rasanten Tempo. Für viele zu schnell. Ok, da können Streitigkeiten, Angst und Unzufriedenheit aufkommen. Aber bei diesem rasanten Tempo wird oft vergessen, dass die Welt offener geworden ist. Sie hat Grenzen überwunden. Sind hat Menschen zusammen gebracht. Sie hat vorher nicht passend gedachte Farben vereint. Sie hat Möglichkeiten eröffnet, die zum Großteil, eigentlich nur, nicht alle negativ sind. Vereinen kann nur positiv sein. Noch nie gab es so viele verschiedene Länder, die die unterschiedlichsten Nationen als Bürger “ihres Landes” verzeichnen durften. Wie wahnsinnig toll ist das denn bitte? Stellt euch nur zehn verschiedene Baukästen vor, was daraus wohl für ein eindrucksvolles Kunstwerk entstehen würde? Gewiss sind nicht alle Baukästen frei für jeden zugänglich, aber die Kästen, die in den letzten zwanzig, dreißig, vierzig Jahren geöffnet und geteilt wurden, waren der Beginn eines großen und wunderbaren Bauprojekts. Und für die leichtsinnigen Schmunzler unter uns, dieses Projekt wirkt doch erst einmal einfacher zu bewältigen als die in Stuttgart, Berlin oder Hamburg…


Den Kindern, denen der Zugriff auf die vielen anderen Steine noch verwehrt ist, sollte so gut es geht Unterstützung angeboten werden. Aber wer kann nicht ein Lied davon singen, wie lange es dauern kann, sich gegen seine ignoranten und egoistischen Eltern durchzusetzen? Aber dafür teilt man. Dafür entstehen Freundschaften. Dafür entsteht eine Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die für die geduldigen Kinder kämpft, die ebenfalls teilen wollen. Eine Gemeinschaft, die kämpft, hartnäckig bleibt und sich für diese willensstarken Kinder einsetzt, die auch bunte Türme und Häuser bauen wollen. Man versucht so lange mit diesen Kindern zu teilen und tauschen, bis der Schwächere nachgibt. Und wir müssen lernen, begreifen und verinnerlichen, dass das die Eltern der Nationen sind, die nicht teilen können. Hier gilt gewiss nicht das Motto, der Klügere gibt nach. Nein, hier gilt das Motto der Solidarität und ein Verständnis von einer Weltgesellschaft, die die Vorteile und Vorzüge eines jeden Einzelnen in den Vordergrund stellt. Die den Menschen als Individuum schätzt. Mit all seinen selbst ausgewählten Bausteinen, die man auf dieser Welt finden kann. Egal aus welchem Land und dessen Kulturen in die einer hineingeboren wurde. Und dafür lohnt es sich zu kämpfen und einzustehen, zusammenzuhalten.


Ich werde jetzt auch nicht daher kommen und sagen, nur weil ich jeden zweiten Tag Pad Thai esse, bin ich jetzt ThailänderIn. Aber ich darf doch sagen, ich fühle mich der Essenskultur diesem oder jenem Land näher. Und da fängt für mich die Differenzierung dieser Kulturen an. Dieser Begriff umfasst so viele verschiedene Bereiche des Lebens, dass man sie nicht in einem einzigen Begriff unterbringen kann. Jeder für sich darf, sollte und muss doch entscheiden können, mit wem und womit man sich identifiziert. Ich kann den blauen Stein aus dieser Religion nehmen, weil sie mir am ehesten zusagt, bei Beerdigungen keine schwarzen Klamotten, sondern bunte zu tragen und über das Leben der verstorbenen Person lustige Anekdoten zu erzählen, lachen, die Freude haben, diesen Menschen gekannt zu haben anstatt den Tod zu betrauern. Ich kann den dunkelgelben Stein dieses einen Landes nehmen, weil ich nicht pikiert bin, meinen nackten Körper zu zeigen. Ich kann den grünen Stein nehmen, weil er für Hoffnung und Glück steht. Jeder Stein, jede Farbe steht für etwas, was ich mir vorstelle, wie ich es interpretiere. Und deshalb kann ich mir doch meine Identität so bauen wie ich will, egal wie es im Pass schwarz auf weiß steht. Und wenn jemand nur seine schwarz, rot und goldenen Bausteine nehmen will, soll er wenigstens lernen zu teilen. Ansonsten wird er irgendwann einsam vor seinem kleinen “Kunstwerk” sitzen und sich ewig fragen, wie es wohl mit noch mehr Farben aussehen würde. Die, die sich diese Frage nicht mehr stellen wollen, haben sowieso schon verloren.


Und für diejenigen, die jetzt denken, dass das ein kleiner, naiver inhaltsloser Beitrag von einem unerfahren Kind durch die rosarote Brille geschrieben ist; Die denken, “damit will jemand die Welt verbessern” oder etwas zur Gesellschaft “beitragen”, ein Träumer:

Ja, es ist naiv. Ja, es ist zu klein im großen Ganzen gedacht. Zu wenig durchdacht. Aber waren es nicht die Träumer, die Großes schaffen?

Stellt euch vor, nur ein Mensch wird durch diesen Beitrag einen seiner Bausteine mit einem anderen Kind tauschen und die Kiste teilen oder nur einmal kurz darüber nachdenken, dann war es das doch wert. Dieser kleine naive Beitrag. Ich werde zumindest am Ende einen größeren und bunteren Turm meiner Kultur vor mir stehen haben als du ihn je haben wirst. Einen Turm, der mit meinen Vorstellungen und Werten nicht zum Einstürzen zu bringen ist.

Denn das bin ich, ich mit meiner eckigen und bunten Identität. Und scheiß’ darauf, was du davon hältst.


4 Antworten

Kommentare

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    Kulturen formen und erweitern sich durch äußere Einflüsse anderer Prägungen. Man sucht sich nichts aus sondern nimmt sein Umfeld wahr und gestaltet seine Lebensblase durch dessen Ausprägungen. Kannst sein was du willst, aber die Einflüsse deines direkten Lebensumfeldes entgehst du nicht und das sind halt kulturelle Bedingungen unserer Gesellschaftsform. Um andere Kulturbausteine dauerhaft mit aufzunehmen und nicht nur den Schirm der überzogenen Selbstherrlichkeit zu tragen, weil man als exotische Schneeflocke so kulturoffen einfach anders sein will, muss man in anderen Kulturen leben und deren gesellschaftlichen Wertesysteme erlernen. Alles andere sind Touristen, die sich was aus dem Urlaub mitbringen und nun kulturell erleuchtet ihr deutsches Wohnzimmer mit einer Buddhastatue schmücken. 

    12.06.2019, 09:44 von Bergfenster
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  • 2

    Wo fängt denn Identität an und wo eine, meine Kultur? Und
    verdammt, gibt es diese überhaupt? Ich glaube nicht. Ich glaube es gibt
    sie in der Form nicht, dass es eine “deutsche” oder “indische” oder
    “türkische” Kultur gibt. Es gibt Traditionen, die vielleicht eher
    chinesisch oder mexikanisch sind. Es gibt durch ein Land geprägte
    Praktiken, Rituale, sowie Nationalgerichte und Sprachen.

    Und genau DAS macht eine Kultur aus. Und es ist echt witzig, dass du zuerst behauptest, es gebe keine Kultur und dann Argumente bringst, die für die Existenz von Kultur sprechen.
    Der Rest deines Textes ist einfach nur wirres OneWorld-Gefasel. Aber kommt davon, wenn man immer noch mit "Bausteinen" spielt, obwohl man schon viel zu alt dafür ist.

    11.06.2019, 17:57 von mirror87
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    Aber waren es nicht die Träumer, die Großes schaffen?
    glaubst du das wirklich, oder hast du das in der Wendy gelesen?

    22.05.2019, 16:34 von Sir_Tobi
    • 0

      Du bist ein schlechter Troll. Kann Lapsus besser. 

      12.06.2019, 09:45 von Bergfenster
    • 0

      gibt es denn gute Trolle?

      12.06.2019, 10:33 von Sir_Tobi
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