Quentin_Konstantino 06.05.2008, 22:23 Uhr 9 3

i wish i was someone better - brs

...

Ich hatte es geschafft. Es war nicht einfach, die 100.000 Pfanner-Eistee-Deckel aufzutreiben, es hatte mich Schweiß, Tränen und viel Blut (mitunter mein eigenes) gekostet, aber die Mühe hatte sich gelohnt. Endlich würde ich ihn persöhnlich treffen. Nachdem ich es schon so oft erfolglos versucht hatte, spielte mir das Schicksal diese Chance einfach so in die Hände. Ausgerechnet ein Eisteekonzern, seit Generationen die Todfeinde meiner Familie, offerierte mir diese Gelegenheit. Und ich wusste sie zu nutzen.

Wenn ich so zurückdachte, schien tatsächlich mein gesamtes Leben und alle Erfahrungen, die ich gemacht hatte, auf dieses eine Ereignis zu zielen: Mein Geburtsort Knutingen, wo ich unter dem Zeichen des großen Wagen zur Welt kam, meine Mutter Ursula, die häufigen Besuche unserer Verwandten am Nordpol, die bei mir früh diagnostizierte Zoophilie und nicht zuletzt meine Vorliebe für Bärlauch. All das bekam plötzlich einen Sinn.

Eine Woche, bevor ich meine Reise antreten sollte, konnte ich nicht mehr richtig schlafen. So würde ich nun doch endlich nach Berlin fahren. BERLIN! Nachts wälzte ich mich stundenlang im Bett herum, stellte mir jede einzelne Sekunde des Treffens vor, spielte einzelne Passagen vor und zurück, varrierte hie und da und ergötzte mich an meiner Vorfreude. Das kleine Geschenk, das Knut von mir bekommen sollte, behielt ich schon seit dem Tag, an dem ich von meinem Gewinn erfahren hatte stets in meiner unmittelbaren Nähe. In der besagte Woche legte ich es nicht mehr aus der Hand, um es nicht etwa in der Aufregung zu vergessen. Wenn ich jetzt daran zurückdenke - das wär echt was gewesen, hätte ich es nicht dabei gehabt...

Wegen meiner schlaflosigkeitsbedingten Müdigkeit und gleichzeitiger noch nie erlebter Euphorie war ich nur bedingt aufnahmefähig und erinnere mich an den Tag der Ankunft in Berlin nur sehr lückenhaft. Ich weiß noch, dass mich am Bahnhof bereits zwei Pfanner-Repräsentanten erwarteten. Ich erkannte sie an ihren überdimensionalen Tetrapack- und Eisbärenkostümen. Unmittelbar nachdem ich aus dem Zug ausgestiegen war, stürmten sie auf mich zu, stießen Menschen und Gepäckwägen um und verloren dabei signifikante Teile ihrer Kostümierung. Bei mir angekommen, warf man mir erst einmal eine Halskette aus exotischen Hülsenfrüchten um, um mich anschließend auf das überschwänglichste zu Umarmen. Nach der wortlosen aber umso rabiateren Begrüßung schulterte mich der Tetrapack, wonach ich das Bewusstsein verlor.

Weitere Erinnerungsfetzen beinhalten eine Stadtrundfahrt in einer von einem wütenden Polen gezogenen Rikshah, einen Blick auf den Pariser Platz von der Quadriga aus - jetzt ohne Rikshah aber dennoch in der Gegenwart des wütenden Polen - so wie eine Mahlzeit in einem thailändischen Schnellimbiss mit den verkleideten Pfanner-Repräsentanten. Zumindest hoffe ich, dass sie verkleidet waren. Ansonsten evoziere ich trotz aller Anstrengungen nur ein diffuses Bilderwirrwarr aus meinem Geist.

An das vielgepriesene Abacus Tierpark Hotel erinnere ich mich ebenfalls nur insofern, dass der Zusatz "Tierpark" im Namen meine bereits in Mitleidenschaft gezogene Psyche noch weiter aus dem Gleichgewicht brachte. Ganz nah war ich ihm, so nah wie noch nie zuvor.

Nun hieß es Ruhe bewahren. Ich saß in meiner Suite auf der Bettkannte, Ellenbogen auf die Knie gestützt, den Blick auf die weiß gestrichene Wand. Weiß wie sein Fell. Ich ging ins Badezimmer, drehte den Wasserhahn auf und hielt mein Gesicht unter das eiskalte Wasser. Langsam kehrte Ruhe in mein Bewusstsein. Eine Ruhe wie schon seit Monaten nicht mehr.

In diesem Moment klopfte es an meine Zimmertür. Als ich aufmachte, sah ich mich einem kleinen, adrett gekleideten Herren gegenüber. Er eröffnete mir, dass ich nun den lieben Knut sehen könne, wenn ich möge. Der liebe Knut habe jetzt seinen Mittagsschlaf gehalten und würde erst in einer halben Stunde wieder in das öffentliche Gehege geführt. Wenn ich mich beeile, könne ich den lieben Knut also sogar unter Ausschluss der Öffentlichkeit treffen. Nach dem Satz kicherte er ohne einen für mich ersichtlichen Grund.

Ohne meine Antwort abzuwarten, deutete er mir an, ihm zu folgen und führte mich zum Fahrstuhl. Im Fahrstuhl begann ich wieder ein bisschen unruhig zu werden. Nacheinander leuchteten rote Zahlen im Display oberhalb der Tür auf
"6"
"5"
"4"
"3"
"2"
"1"
Nach dem ein rotes "E" aufleuchtete, hielt der Fahrstuhl aber wider erwarten nicht. Stattdessen fuhr er immer weiter hinunter. Und immer schneller, wie mir schien. Doch bevor ich ernsthafte Überlegungen zu diesem merkwürdigen Umstand anstellen konnte, hielt der Aufzug bereits. Nach dem sich die Türen geöffnet hatten, sah ich einen von Fackeln erleuchteten Gang, der sich in der Ferne verlor.

Der kleine Mann sagte, ich müsse von hier aus alleine weiter, er habe noch wichtige Geschäfte zu erledigen, von denen ich nichts verstünde. Den lieben Knut würde ich am Ende des Ganges finden. Schulterzuckend trat ich aus dem Aufzug, welcher sich hinter mir sofort mit einem lauten, metallischen Schlag schloß. Etwas unorthodox erschien mir diese Art mit Preisausschreibenssigern umzugehen schon, aber das Ziel war alle Strapazen dieser Welt wert.

Ich begann zu laufen. Endlich war es so weit. Endlich! Schneller, immer schneller, bis die Fackeln an den Wänden zu einem einzigen feurigen Band verschwommen, immer schneller, die Tritte hallend in der Dunkelheit, schneller und schneller, bis mein Atem alles zu übertönen schien, und der Gang hörte und hörte und hörte nicht auf. Und dann doch.

Ich war an einer Eisengittertür angelangt. Sie führte in einen großen, von Tasgeslicht durchfluteter Käfig. Der Boden war übersäht von zerrissenen Zeitungen und leeren Vodkaflaschen. Und inmitten des Chaos, mit dem Rücken zu mir, saß er.

Ich öffnete die Tür, trat hinen und schloß sie wieder. Er war groß geworden. Der süße Knut, mit seinem weißen, buschigen Fell und den großen schwarzen Knopfaugen. Kuschelknut, das kleine liebe Eisbärbabybärchen.

"Ich wusste, dass du kommen würdest.", unterbrach er meine Gedanken. Er drehte seinen massigen Körper, erhob sich und blickte mir von unten in die Augen. Langsam beugte er seine Hinterpfoten und setzte zum Sprung an. "Aber wenn du glaubst...".

Weiter kam er nicht. Ein wohliges Schauern durchfährt mich jedesmal, wenn ich daran denke. Die Wärme des Sandelholzgriffes in meiner Hand. Die fließende Bewegung, mit der meine Hand das pelzige Viech anvisiert. Der erst leichte und dann immer stärkere Druck des zeigefinders auf den Abzug. Der Rückstoß, der einem einen kleine Eindruck der tatsächlichen Energie vermittelt.

Endlich vorbei.

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9 Antworten

Kommentare

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    haha..echt gelungen...

    24.05.2008, 17:36 von Minimalistin
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    LOL
    Ich hätte nicht gedacht, dass der Text von IRGEND JEMANDEM gelesen werden wird, v.a. bis zum Schluss. Und dann wird er auch noch empfohlen...
    Vllt sollte ich doch mehr Zeug hier veröffentlichen...

    23.05.2008, 00:09 von Quentin_Konstantino
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    nach berlin und knutingen konnte es ja nur um knut gehen. gähn. aber schön geschrieben ;)

    07.05.2008, 00:31 von NeonBlond
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