I'm the gay one
Für Homosexuelle ist das Leben hart und besonders lesbisch sein ist in Deutschland immer noch tierisch schwierig, oder? Ich finde nicht.
Nach dem Abi geht das Leben los. Eine neue Stadt, studieren, und vor allem viele neue Leute. Man lernt sich kennen, man unterhält sich und irgendwann kommt sie immer, die Frage nach dem „Freund“. „Habt ihr einen?“ Ich lächle dann fein vor mich hin und lasse im Gespräch immer wieder Geschichten über „meine Freundin“ einfließen. Oft dauert es, bis der Groschen fällt. Die Reaktionen sind dann aber immer die gleichen: „Du bist lesbisch? Echt? Ist ja spannend…“. Auf die erste Begeisterung folgen meist interessierte Fragen nach dem Wann, Wo und Wie meines Coming-Outs, häufig begleitet von dem mitleidigen Satz: „Das ist bestimmt schwierig, oder?“
Danke der Nachfrage, aber nein, das ist es eigentlich nicht. Ich lebe mein Leben wie jeder andere auch. Ich bin noch nie ernsthaft beschimpft oder irgendwie benachteiligt worden. Eher im Gegenteil.
Ich komme aus einer Kleinstadt in Ostwestfalen, 15, 000 Einwohner, ein Handballverein, ein Gymnasium. Nicht unbedingt ideale Voraussetzungen für ein problemloses Coming-Out. Und doch hat es nie Probleme gegeben.
Nach dem ersten gemeinsamen Auftreten mit meiner Freundin waren wir zwei Tage DAS Gesprächsthema der Stufe – wie jedes andere Pärchen auch. Von da an galten wir meist als „süß“ und „Traumpaar“. Und das, obwohl ich, ungeschminkt , mit kurzen Haaren und einer natürlichen Abneigung gegen das Tragen von Röcken so manches Klischee vortrefflich bediene. Niemand wandte angeekelt den Blick ab, wenn wir uns auf dem Schulhof küssten und auch flüchtige Bekannte finge – Oh Wunder- nicht plötzlich an, unsere Gesellschaft zu meiden.
Nun kann man einwenden, dass es ja immer schwieriger für die Menschen ist, Leute, die sie kennen und mögen plötzlich als „die Lesbe“ zu sehen und „dementsprechend“ zu behandeln. Bei Fremden hingegen ist das etwas vollkommen anderes. Aber weit gefehlt…
Ich bin durch die unterschiedlichsten Städte Europas gelaufen, Arm in Arm mit einer Frau. Schräge Blicke gibt es wohl, aber erntet die nicht auch jeder, der grüne Haare hat oder schiefe Zähne? Das Ungewohnte erregt immer Aufsehen und auch ich schaue zweimal hin, sehe ich zwei Männer, die sich küssen. Häufiger als jene, die schockiert starren oder peinlich berührt wegschauen sind Menschen, die einem wohlwollend zulächeln. Vielleicht tun sie das, um sich besonders tolerant zu fühlen, vielleicht meinen sie es ehrlich. Wer weiß das schon. Es entspricht jedenfalls nie der so häufig beschriebenen Erniedrigung Homosexueller durch das direkte und weitere Umfeld. Eher kehrt es sich in die andere Richtung.
Ich habe von Menschen verschiedenster persönlicher oder unpersönlicher Bekanntheitsgrade Respektbekundungen bekommen – für eine Sache, für die ich eigentlich gar nichts kann.
Der Junge aus der Stufe über mir, der auf einer Party halbbetrunken vor mir steht und sagt: „Ich hab gehört, du stehst auf Frauen? Stimmt das?“ Als ich bejahe, folgt ein halb genuscheltes „Find ich gut, habe ich großen Respekt vor!“ Und weg ist er wieder. Eine Frau im Zug, die fast gerührt zuschaut, wie ich meiner schlafenden Freundin eine Strähne aus dem Gesicht streiche und die mir bei Aussteigen leise zunickt. Die Mädels aus meiner Volleyballmannschaft wollen unbedingt meine Freundin kennen lernen und sind hin und weg, dass wir öffentlich Händchen halten. „Das ist soo mutig“. Naja, eigentlich nicht. Eigentlich mache ich nur das, was für mich das normale ist. Meine Eltern, meine Lehrer, meine Freunde – sie alle stehen dem, was ich bin und wie ich es lebe, positiv gegenüber. Und ich fühle mich manchmal wie ein Hochstapler, der Lorbeeren einsammelt, die er sich nicht verdient hat.
Mag sein, dass das dicke Ende noch kommt. Vielleicht werde ich eines Tages verprügelt, geschnitten, angespuckt für meine sexuelle Orientierung. Bisher hatte ich allerdings nie das Gefühl, nicht leben zu können wie ich möchte. Ich habe nie darauf verzichtet, meine Meinung zu sagen - weil ich nie erlebt habe, dass diese irgendwie darauf zurückgeführt wurde, mit wem ich ins Bett gehe. Ich habe nicht versucht, mich zu verstecken. Diejenigen, die nicht damit leben können, dass ich Frauen küsse, können mir eh gestohlen bleiben.
Ich dränge mich aber auch nicht auf, ich lebe einfach. Ohne ständig darüber nachzudenken, ob das, was ich tue, Aufsehen erregen könnte oder mir Ärger einbringen. Für mich ist das, was ich tue, normal. Keine großen Überlegungen wert. Vielleicht habe ich deshalb gegenüber meiner Homosexualität bis jetzt vor allem eins erfahren: Respekt. Und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ich damit in diesem Land ganz alleine dastehen soll."Wichtige Links zu diesem Text"
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Kommentare
Echt ein sehr schöner Artikel, zumal er mir genau aus der Seele spricht :) Ich bin auch homosexuell, hatte zwar bisher noch keinen festen Freund, bin aber trotzdem was dieses Thema betrifft sehr offen und verheimliche auch nicht meine Identität, weil ich wie du finde, dass es dazu absolut keinen Grund gibt.
30.08.2009, 14:49 von DeepdragonEs sollte echt mehr solcher Leute wie du geben. ;-)
Da kann man nur froh sein, dass sich alles ändert - auch die Gesellschaft. Freut mich, dass ihr "bedingungslos" akzeptiert werdet.
22.07.2009, 00:45 von PlatinengelDanke der Nachfrage, aber nein, das ist es eigentlich nicht. Ich lebe mein Leben wie jeder andere auch.
Sehr schön.
Toll geschrieben! ;)
I'm the gay one too. Ich hatte nie damit Probleme, obwohl in Polen viele Leute nicht tolerant sind. Und gestern ist etwas passiert, was mich wirklich geschockt hat. Ich habe meine Freundin geküsst und ein "Mädchen" mich geschlagen hat. Meine Nase tut mir weh und ich fühle mich depressiv. Ich will hier nicht mehr leben...
31.05.2009, 20:41 von Mart_Dhaha, klasse.
14.05.2009, 18:48 von NeonBlondHäufiger als jene, die schockiert starren oder peinlich berührt wegschauen sind Menschen, die einem wohlwollend zulächeln.
11.05.2009, 11:35 von Cola_im_KnieIst das nun positiv oder negativ?
Ich bin nämlich auch von der Sorte Mensch, weil ich selbst eine Beziehung hatte, die schräge Blicke auf sich zog (mit einem sehr viel älteren Mann) und deswegen weiß, was man alles zu hören bekommen KANN, bei dir ists ja gott sei dank nicht so, sei froh, das zehrt irgendwann echt an den Nerven wenn man sich immer rechtfertigen muss...
Du kannst dich gluecklich schaetzen, nicht alle sind so tolerant ;)
17.04.2009, 18:27 von denlicyca@[Benutzer gelöscht] Ja, schön ist es, wenn so selbstverständlich damit umgegangen wird und frau nur gute Erfahrungen gemacht hat. Und ich finds klasse, dass hier alle so tolerant sind.
01.11.2008, 20:10 von LibertaAber wenn wie hier beschrieben, alle nur gute Erfahrungen gemacht haben, dann frag ich mich, ob ich mir die vielen Hasstiraden im Netz – von Einzelpersonen, ganzen Gruppen, auch und grade von Christen, die sich ja die Nächstenliebe auf die Fahne geschrieben haben (aber nur dann, wenn die Nächsten so sind, wie sie sich das vorstellen) – einbilde? Warum werden Lesben und Schwule mit Pädophilen verglichen; werden sie als krank bezeichnet und nach Möglichkeiten gefahndet, diese Krankheit auszurotten (als kleines Beispiel Christival)? Gehen die Rechten nicht immer noch Schwule klatschen? „Schwule Sau“ ist das Lieblingswort numero uno auf unseren Schulhöfen, um zu provozieren und Schlägereien vom Zaun zu brechen. Kampflesben sind natürlich immer diejenigen Lesben, die äußerlich von allen als lesbisch erkannt werden. Muss sie sich jetzt HighHeels anziehen und ihre Haare wachsen lassen, damit sie unsichtbar wird bzw. sichtbar als Hetera durchgeht? Wie viele Lesben und Schwule haben selbst in unseren „aufgeklärten“ Zeiten Angst, sich zu outen in der Familie und im Beruf?
Und lesbisch und obendrein noch feministisch geht ja schon mal gar nicht, da sind verbale und welche Pech hat, auch körperliche Angriffe nicht weit.
Sind die Sätze: Bissel Lesbisch find ich geil .. oder "Ihr braucht ja nur mal einen Mann, der euch mal richtig durchfickt" usw. alle nur Hirngespinste?
Leider haben wir keine Zahlen, wie viele Lesben vergewaltigt werden, weil sie Lesben sind. Das liegt alleine schon daran, dass sie unter die Statistik "Frau" fallen und sich als solche auch gedemütigt fühlen... wen interessieren da noch lesbische Gefühle?
Warum wird denn gefragt: Wie ist denn der Sex so unter Lesben? Fragen Lesben die Heteropärchen ebenso interessiert auch nach ihrem Sex? Glaube eher nicht und das hat bestimmte Gründe.
Redet ihr euch die Welt hier schön?
Toleranz allenthalben und alle lieben sich und lassen sich so sein, wie sie sind?
In den USA ist die Gewalt gegen Homosexuelle um 6 % gestiegen seit dem Vorjahr. Insgesamt zählte das FBI 1512 Angriffe, die eine sexuelle Ausrichtung hatten (absolute Dunkelziffer wie immer)
Präsident Bush erklärte zu einer geplanten Gesetzesinitiative, die es leichter machen würde, Hassverbrechen als Bundesvergehen zu verfolgen, er würde sein Veto einlegen, sollte dieses Gesetz sich auch auf Homosexuelle, Transgender und Bisexuelle beziehen.
Noch deutlicher geht’s nicht.
Das sind nur zwei Meldungen von gestern. Wer genau hinschaut, sieht es ständig und überall, ob offen oder subtil. Nein, es sieht alles andere als rosig aus, 21. Jahrhundert hin oder her. Es mögen zwar Ansätze und auch der Willen da sein, uns zu tolerieren, aber unter der Oberfläche brodelts. Heterosexualität ist nach wie vor die „Normalität“ und alles andere wird beäugt, angefeindet, totgeschwiegen oder frenetisch bejubelt.
@Liberta Fair enough.
01.11.2008, 21:59 von systemAber ich habe diesen Text basierend auf meinen Erfahrungen (und den Erfahrungen einiger fFreunde) geschrieben. Vielleicht ist es nur ein kleiner Ausschnitt homosexueller Lebenswelt, aber es ist der, den ich bis jetzt (im zarten Alter von 21, geoutet seit ich 16 bin) mitbekommen habe. Es geht hier nicht um allgemein gültige Aussagen und ich "rede mir die welt nicht schön" - Ich gebe sie so wieder, wie ich sie erlebe.
das ist wirklich schön.
02.02.2008, 17:43 von adornoirdazu sagen muss man aber, dass viele menschen (obwohl beides stichgenau unter "homosexuell" fällt) immer noch unbegründet unterschiede zwischen schwul und lesbisch machen. so ist wahrscheinlich in jenen köpfen die tatsache, dass sich eine frau zu einer anderen frau hingezogen fühlt, natürlicher und nachvollziehbarer als wenn zwei männer sex miteinander haben. desweiteren existiert schwul nach wie vor als schimpfwort. lesbe hingegen wird in diesem kontext nie gebraucht. es ist eine seltsame halbtoleranz, die deutschland immernoch durchzieht.
ansonsten hat mir dein text sehr gut gefallen, vor allem deine einstellung dazu ist löblich, sehr positiv.
egal ob auf der arbeit, beim cafeklatsch mit freundinnen oder bei der wohnungssuche - meine homosexualität war auch noch nie ein problem. thema ja - aber immer sehr erfreulich. meine eltern wohnen in einem 5000 seelen ort und ich in einem städchen mit ca. 95.000 einwohnern.
22.01.2008, 17:43 von park_feemein leben ist schön. und meine beziehung kann ich voll und ganz genießen und ausleben.
juhu:-)