samoainsel. 29.01.2008, 19:47 Uhr 24 11

Hochzeit der Kulturen

Oder: Mein Wedding lebt!

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„Wedding wird jetzt „In““, sagt sie, „steht in der '030', jaha!“. Meine Freundin lächelt mich mit ihren grüngelben Augen an und ich muss schmunzeln. „Jaha, das hat meine Mutter schon immer gesagt“ erwidere ich.

Ein wenig muss ich mit den Augen rollen, während vor meinem inneren Auge ein Kurzfilm und Zusammenschnitt abläuft. Neunzehn Jahre Wedding. In den Straßen zwischen Aldi, den Osramhöfen und dem durch die Gangsterrapper von Shok-Muzik bedingt berühmt-berüchtigt gewordenen Nauener Platz aufgewachsen, weitergezogen, im Wedding geblieben: hoher Ausländeranteil, sozialschwacher Bezirk, Drogendealer auf der U-Bahnlinie 9, ominöse Männercafés, geschlossene Fußball Fanclubs und „Kulturvereine“, die mit verhängten Schaufenstern ältere Damen meiner Nachbarschaft nervös und skeptisch werden ließen.

Dennoch. Die dreckigen Straßen und die Kinder, die den Tag über zu Hause kein zu Hause fanden, weil die Mütter überfordert, oder die Kinder glücklicher zwischen Gogo-Spielfiguren und Bordsteinkante waren, sie hielten mich nicht von meinen Spaziergängen als fünfjährige ab, die mich in den nahegelegenen Bioladen zwei Straßen weiter, oder aber zu meiner besten Freundin um die Ecke führten.

Der Dreh und Angelpunkt für die alternative Berlin-Wedding Szene der 90er war der Bioladen. Nicht nur meine Babysitterin und Mutter meiner bis heute besten Freundin wurde dort zwischen Biobananen und Sambaschokocreme aufgegabelt, auch den Besitzer des kleinen, verräucherten Ladens angelte sich meine Mutter, und zauberte sich dadurch einen Funken glücklicher Momente in ihr Leben, die ihr das manchmal recht anstrengende Dasein als Öko-Pfarrerin und 68er-Relikt erleichterten. Es war eine schöne Zeit zwischen dreckigen Klos auf halber Treppe, Tauben in Mietskasernen, peinlichen Vokuhilafrisuren der besten Freundin und esoterischer Selbstfindung einiger befreundeter Eltern, die ihrem Leben einen neuen Sinn zu geben suchten.

Von Picaldi, Handyghettoblastern und Wedding65 als Statussymbol auf der Jacke wurde damals noch geträumt von den Kindern, die schon damals schreiend und mit erhabener Mine die Straße regierten. Angst vor den großen Jungs und ihren Mädchen war mir nicht fremd, häufig wechselte ich bei meinen Spaziergängen die Straßenseite, wenn mir Menschen aus der Ferne nicht ganz koscher erschienen. Nicht ganz koscher war auch mein Salami-Frühstücksbrötchen, das ich nach meiner abgeschlossenen Kindergartenkarriere auf der jüdischen Schule nicht mehr in meiner dunkelblauen Tupperdose mit in die Schule transportieren durfte. Ein harter Verlust.

Standortwechsel. Berlin Mitte. Jeden Morgen gegen sieben Uhr dreissig klingelte einer der netten Busfahrer an unserer Tür, der mich und einige andere Kinder zur Schule und nachmittags wieder nach Hause transportierte. Mit den Jahren musste ich begreifen, dass sich Berlin Mitte nicht nur zu meinem persönlichen, neuen Dreh und Angelpunkt entwickelt hatte, sondern auch für Touristen und Neureiche Latte Macchiato-Trinker. Berlin Mitte wurde schick, angesagt, aufpoliert, der Vorzeigebezirk unserer Stadt. Einige Kilometer daneben lag meine Heimat und wartete darauf, wie ihr Nachbar entdeckt und zum Superstar gemacht zu werden, doch nichts geschah.

Ich beschloss, mich für meinen Bezirk zu schämen. Immerhin wohnte mein Vater im Herzen des Superstars, in einem damals noch löchrig zerbombten Haus zwar, aber dort, wo die kulturelle und künstlerische Hauptschlagader der Stadt pochte, und mit der Zeit an Kraft und Besucherinteresse gewann. Bedrohlich nah kam mir die naive Einsicht, dass der rote, alte Wedding durchdrungen war von ungebildeten Arbeitern, die zwischen Bierflasche und Unterschichtenfernsehen ihren Alltag und ihren Lebensabend verbrachten. Da saß ich in meiner 138qm² großen Wohnung, zwischen Holzspielzeug und zahlreichen Bücherregalen, neben meiner Mutter, die sich auf ihren intellektuellen Höhen der Theologischen Exegese befand und sich den Platz für die zwölf Meter Bücherregale und die zwei Balkone nur leisten konnte, weil uns die Mitte Berlins Ruhm und Ehre vorweggenommen hatte. Der rote Wedding schien mir wie eine unangenehme Begleiterscheinung meines doch sonst recht angenehmen Lebens. Im Wedding wurde geschlafen und gewohnt, aber was hieß das schon. Gelebt wurde in Mitte und bei Freunden zwischen Prenzlauerberg und Schöneberg.

Mit Vierzehn hatte der Wedding seinen Höhepunkt der Unattraktivität für mich erreicht, und zeitgleich meine Mutter ihren Höhepunkt ihres Engagements für den Wedding. Diese zwei Pole vertrugen sich nicht gut, und je häufiger meine Mutter mich darin bestärkte, den Kiez und die „ganz besondere Atmosphäre“ zu leben, bestärkte ich mich darin, mich möglichst stark davon zu distanzieren. Der Pastorentochterstempel passte mir nicht. Der Dialog zwischen Christen, Moslems und sowieso der ganze Multikulti-Krempel, den meine Mutter da Woche für Woche veranstaltete, imponierte mir insgeheim zwar enorm und ließ mich stolz auf meine Mutter werden, nach außen hin blieb der Wedding aber, was er schon immer gewesen war: verdammt uncool. Mit den seltsamen Gestalten aus dem Wedding, die mir all die Jahre nie ein Haar gekrümmt hatten, wollte ich nichts zu tun haben. Meine Mutter begann, sich mit Herz und Seele für den neuen Kiez, in den wir nach vierzehn Jahren zogen, einzusetzen und zu begeistern.

Nicht nur meine Mutter war begeistert vom aufsteigenden Bezirk, der mit seinem „ganz besonderen Charme“ seine eigene kleine Szene schuf und wachsen ließ, nicht nur mein Vater war schon immer stolz darauf, noch eine Tochter aus dem roten Wedding zu haben, auch die Medien und die Popwelt wurde plötzlich auf ein Phänomen aufmerksam, das sich als Ghetto HipHop aus dem Untergrund in den Mittelpunkt der jugendlichen Klatschblätter geboxt hatte, und die Kinnladen einiger geschockter Mütter in Richtung Fußboden klappen ließ, die derart gewaltverherrlichende Musik auf den Computern ihrer Kinder finden mussten.

Plötzlich war das Ghetto Kult, und der Gangbang Hurensohn Slang angesagt. Bei Juristensöhnen und Ärztetöchtern war noch immer der gebildete Umgangston hip, der von den Eltern gelehrt und derweil zum sich selbst Anpreisen sowie gut Verkaufen kräftig in der Schule geübt wurde. Dennoch veränderte sich etwas in mir. Sobald mir das realitätsfremde Frohnau zu sehr auf die Nerven ging begann ich, mit recht dumpfen Kommentaren à la : „Im Wedding wird nicht geredet, im Wedding wird geschossen“ um mich zu werfen, und mir dadurch den Sie-kommt-aus-dem-Asi-Bezirk-Stempel aufdrücken zu lassen, und mich dadurch recht gut von der Schickimickiwelt zu distanzieren, die mir fremder war, als mein Zuhause , das es doch eigentlich nie sein sollte.

Ein Spaziergang zwischen den Straßen der Kindheit und Jugend, von Bezirk zu Bezirk, auf der Suche nach Heimat und Selbstidentifikation. Und plötzlich bleibe ich auf der grauen Straße vor meiner Schule in Frohnau stehen, neben meiner Freundin, die mich mit ihren grüngelben Augen angrinst und das sagt, was meine Mutter mir schon immer prophezeit hat : „In Zeiten, in denen die Mieten in Prenzlauerberg und Kreuzberg überteuert werden, der Friedrichshain langsam aber sicher durch Touristen und Studenten aus allen Nähten platzt und in Mitte kaum mehr Einheimische verkehren, wird aus dem dreckigen Loch mit den wunderschönen Altbauten und den schönen türkischen Märkten, bunten Farben und Menschen, ein Szenebezirk – langsam, aber sicher.“

Ein kleines Stückchen selbstüberzeugter und ein Krümelchen sicherer, dass Mütter am Ende ja irgendwie doch immer Recht haben, grinse ich über meine eigene Dummheit in mich hinein, die mich in noch jüngeren Jahren von oben herab auf die Arbeiterklasse blicken ließ, die mir meine wunderschöne Altbauwohnung mit Stuck und Parkett als Schülerin noch bezahlbar lässt, weil das Geheimnis der Schönheit des Bezirks und der leise wehende Szenetrendwind unter dem Aushängeschild der Sozialschwachen Gegend verdeckt bleiben.

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24 Antworten

Kommentare

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    hehe schön geschrieben, hat mich hin und wieder an "hundert jahre und ein sommer" erinnert, wenn du es nicht kennst könnte es dir vielleicht gefallen :)

    oh und als oller ex-moabiter bin ich ja mal gespannt wann es dort so weit ist... aber ich glaub das daaaauert noch^^

    05.02.2008, 00:04 von lamorata
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    Ich glaub ich muss die mal verhauen =)

    03.02.2008, 18:46 von Alice.In.Wonderland.
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    Aber wieso musstest du den text für die Startseite denn so heftig kürzen??? :( Schade!

    03.02.2008, 18:45 von Alice.In.Wonderland.
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    einfach klasse!
    ich hab es wirklich genossen deinen text zu lesen..

    03.02.2008, 02:47 von elvaliente
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    schöner text! ich komme aus der studentischen touristenhochburg friedrichshain und hatte auch große vorurteile dem wedding gegenüber.... bis ich anfing dort zu studieren. ist alles nicht so übel, wie es oftmals gemacht wird! schreibst jedenfalls gut... mach weiter. ;)

    03.02.2008, 00:26 von scratch.your.name
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    Schöner Text. Meine Begrüßung im Wedding, 2 Männer vor mir nachts auf meinem Heimweg:"Naja, dann hat der sich sein Ohr abgeschnitten, damit er in ´nen andern Trakt verlegt wird." Zwei Tage später nachts eine Schießerei vor der Haustür. Morgens raus aus der Tür und plötzlich überall Bullen.
    Ich mochte das nicht Szenige, aber auch ich habe öfters lieber mal die Straßenseite gewechselt. Manchmal hat man schon komische Gestalten gesichtet. Das ist besonders und noch etwas: man trifft noch echte Berliner. Das ist im restlichen Berlin ja auch eher mal die Ausnahme.

    03.02.2008, 00:01 von eskimomuc
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    Na sowas - mein Wedding :-)
    Ich habe ein paar Monate da gewohnt und bin genau bei diesen alternativen Bioladen-Intellektuellen gelandet, die du beschreibst *g* Klasse, ich dachte schon, meine liebgewonnene Vermieterin (hab zur Untermiete gewohnt) wäre eine Art Einzelphänomen...
    Ich fand es jedenfalls immer klasse im Wedding und hab mich auch nie wirklich unwohl gefühlt - nichtmal, wenn ich mitten in der Nacht von irgendeiner Party kam und von der Ubahn-Haltestelle aus zu Fuß gehen musste... Meine Berliner Freunde wohnen in Kreuzberg, Prenzlberg, Wilmersdorf, und da isses natürlich auch nett - aber der Wedding hat mir jedenfalls nicht geschadet ;-)
    Schöner Text, hat mich zum Schmunzeln gebracht!

    02.02.2008, 22:53 von tinki
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    Ich danke euch allen ganz herzlich für die netten und unterschiedlichen Kommentare..
    WICHTIG ___ für die, die gerne auch längere Texte lesen.. Der Text wurde für die Startseite etwas gekürzt, falls jemand Interesse daran hat, die vollständige Version zu lesen, ist sie auf meinem Profil unter dem selben Titel mit dem Vermerk "ungekürzte Version" zu finden. Ist etwa eine Seite länger, könnt ja mal schauen.. Ist etwas persönlicher und nicht ganz so konzentriert auf den Wedding..

    Vielen Dank also nochmal, eure netten Kommentare retten mir mein grandios beschissenes Wochenende. :)

    02.02.2008, 16:19 von samoainsel.
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      @samoainsel. Jaa, unterstützt die Samoainsel und besucht ihre Webseite...da gibt es nicht nur geschrieben Poesie sondern auch fotografierte...

      03.02.2008, 16:18 von Seiltaenzerin76
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