Garthoffs 10.06.2010, 10:26 Uhr 2 3

Hippo Hungaricus

Ungarn exportiert europaweit die meisten Nilpferde, behauptete NEON in "Unnützes Wissen". Ein Trugschluss.

BUDAPEST. Ungarn ist für viele Klischees bekannt, süßen Wein, scharfe Salami, Balaton und Piroschka, in jüngster Vergangenheit auch durch drohenden Staatsbankrott und rechtsradikale Paramilitärs. Aber Nilpferde als Exportprodukte erster Güte? Das sprengt dann doch den Rahmen der magyarischen Vorstellungskraft.

„Leider ist diese Nachricht auch für uns neu“, entschuldigt sich Anna Szentkuti, Mitarbeiterin der Pressestelle im Ungarischen Regionalentwicklungsministerium. Auch weitere Anfragen bei diversen ungarischen Zoos brachten keinerlei Erkenntnis. Vielleicht lag es auch an der grammatikalisch leicht unkorrekten Betreffzeile, dass sich die Tiergärten in Schweigen hüllten.

Wie aber kann das sein: Ungarns eine Nilpferd-Macht und keiner weiß davon? Die Suche scheint im Sande zu verlaufen, als eine E-Mail vom ungarischen Zweig der WWF zumindest eine erste Spur liefert. Und so stehe ich eines sonnigen Freitagsmorgens vor den Toren des Budapester Zoos und mache mich auf die Suche nach der Wahrheit. Geradewegs führt mein Weg zum Nilpferdgehege, um Ungarns angeblichen Exportschlager mit eigenen Augen zu sehen.

Seit 1893 sind die trägen Paarhufer ohne Unterbrechung im Budapester Zoo zu besichtigen. Der legendäre „Jónás“, erstes Nilpferd des Zoos, lebte hier von 1893 bis 1917. Als ebenso legendär gilt „Arany“. „Arany“ bedeutet Gold und 14 goldige Nachfahren waren ihm zu verdanken. Eine seiner Nachfahren, die auf den schönen Namen „Kincsem“ (mein Schatz) hörte, verbrachte ganze 45 gebährfreudige Lebensjahre im Budapester Zoo. Wenn das Geheimnis also gelöst werden kann, dann nur hier.

Am Gehege angekommen traue ich jedoch meinen Augen kaum. Statt der erwarteten Nilpferdherde fläzen sich gerade einmal zwei Nilpferde im flachen Wasser herum und erquicken sich am Nichtstun. Eines der beiden dreht ab und zu seine Ohren, was lustig aussieht und mich schmunzeln lässt, das andere kann sich nicht einmal dazu aufraffen. Träge liegen sie beieinander und ich fühle mich verschaukelt, von NEON, vom Budapester Zoo, von der Nilpferd-Legende.

Ausgefüllt mit dem Verlangen, der Wahrheit nun kompromisslos auf den Zahl zu fühlen, stürme ich zum Informationsbüro und verlange Zoltán Hanga zu sprechen, den Pressebeauftragten des Zoos. Seinen Namen hatte ich vom WWF zugesteckt bekommen. Hanga kommt zehn Minuten später, Safari-Outfit, Sandalen, die schulterlangen und mit grauen Strähnen durchsetzten Haare zum Zopf gebunden. Er wirkt auf Anhieb sympathisch. Als ich ihm mein Anliegen vortrage, lächelt er und lädt mich in sein Büro ein. Dort beginnt er zu erzählen und straft allen Legenden Lügen.

„Aus Budapest stammen einige der 'vornehmsten' europäischen Nilpferdfamilien, so könnte man gewissermaßen und spaßeshalber die verwandtschaftlichen Beziehungen der Nipferde beschreiben, die in den europäischen Zoos leben“, erklärt mir Hanga lächelnd, während ich absolut nicht zu Scherzen aufgelegt bin. Fakten will ich haben – und langsam rückt er damit auch raus. „In den Venen der 202 erfassten Nilpferd-Individuen fließt zu einem Großteil ungarisches Blut, nahezu in allen Ecken des Kontinents leben die Ur-Urenkel der ehemaligen Bewohner des hauptstädtischen Zoos.“ Wie war das nochmal mit Export? Von wegen!

Das 2008 vorgestellte Nilpferd-Stammbuch listete insgesamt 202 Individuen in 76 europäischen Zoos auf. Der gesamte europäische Nilpferdbestand kann laut dem Stammbuch auf 31 „Stammesväter“ zurückgeführt werden, die aus der afrikanischen Wildnis nach Europa gelangten und die mich in Fortführung der Ereignisse an diesem Freitagmorgen in den Budapester Zoo führten. Unter den Stammesvätern waren vier in der ungarischen Hauptstadt zuhause: neben dem schon erwähnten „Arany“ noch „Bandi“ (Verniedlichung der ungarischen Version des Namens Andreas), Mombassa und Nairobi.

Unter den 31 Dynastiegründern sind die Gene von Nairobi und Mombassa beim größten Teil des gegenwärtigen Nilpferdbestands nachweisbar, doch auch Arany und Bandi ließen sich nicht lange bitten und schossen ihre Gene ebenfalls fleißig aus der Hüfte. Wahrscheinlich beschwingt vom Flair Budapests entwickelten die Paarhufer eine besondere Lust auf Vermehrung und werden nicht zuletzt deswegen von den Fachleuten geschätzt. Anders ausgedrückt: Ungarische Nilpferde beherrschen Europa!

Der wirkliche (und wohl auch einzige) König des Nilpferdexports ist indes nicht das Land an der Donau, sondern Israel. Der beliebte Safaripark Ramat-Gan hat im vergangenen Jahr mehr als ein Dutzend Nilpferde ins Ausland verfrachtet, unter anderem nach Kasachstan, Russland, Vietnam, die Ukraine oder die Türkei. Grund dafür war die hohe Geburtenrate des Zoos. (http://www.hagalil.com/archiv/2009/11/04/nilpferde/)

Einen großen Profit bringt das Nilpferdgeschäft indes nicht ein, betont Zoltán Hanga vom Budapester Zoo: „Es gibt keinen wirklichen Handel zwischen den Zoos. Der Transport von Nilpferden dient eher der Aufrechterhaltung der Population.“ Von den zwei Schönheiten, die es im Wasser des Budapester Zoos ruhig angehen lassen, ist indes keine neue Generation zu erwarten. Tücsök („Grille“) und Jusztina – so heißen die beiden Grazien – sind Mutter und Tochter.



Die ausführliche Pressemitteilung zum Thema findet sich auf der Homepage des Budapester Zoos: http://www.zoobudapest.com/magyar-szarmazasu

Das Langenscheid-Wörterbuch Ungarisch/Deutsch-Deutsch/Ungarisch kostet 10,95 €.

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2 Antworten

Kommentare

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    Knallharter investigativer Journalismus! ; ) Find ich gut!

    10.06.2010, 11:45 von ...niemand...
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    Lustiger Artikel und schön, dass Du das wirklich nachrecherchiert hast.

    Den letzten Satz finde ich am besten.

    10.06.2010, 11:28 von nuehle
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