onchela 05.12.2010, 13:36 Uhr 0 0

Hinter Türen mit kitschig bunten Namensschildern, dahinter verschwinden Menschen

Wenn ich alt bin möchte ich nicht, dass man meine altes schrumpliges Gesicht mit Kinderschminke bunt anmalt.

Wie so oft komme ich in ein Seniorenheim, wie man es jetzt nennt. Bitte nicht Altenheim nennen, das war früher einmal...

Vor der Eingangstür begegnet man den Bewohnern, die noch mobil sind. Ob mit Stock, Rolator oder Rollstuhl, wer sich noch auf den Beinen halten kann nutzt die Chance dem Wohnheim zu entkommen.
In der Eingangshalle ist es Dunkel. Wie eigentlich immer. Zwar scheint draußen die Sonne, aber man hat die schweren Gardinen vorgezogen. Warum weiß ich nicht.
Nachdem man sich einen Weg durch die Masse an alten Menschen gebahnt hat, die in der Eingangshalle sitzen und warten, erreicht man den Aufzug. Der Aufzug bringt einen auf die vielen Etagen des Seniorenheims.
Man muss genau zuhören was die nette Damenstimme sagt, um zu wissen auf welcher Etage man sich befindet. Aber eigentlich ist es auch egal wo man aussteigt. Es sieht überall gleich aus!
Die Gänge sind eintönig düster, die Wände mit dunklen dreckigen Stellen übersät. Es riecht unangenehm nach Desinfektionsmittel, Fäkalien, dem Essen der letzten Tage, Tod.
Ein Zimmer neben dem Anderen gereiht, an den Türen Namensschilder, groß bunt und kitschig. Die Namensschilder sind groß, riesengroß. Daneben ein Foto der Bewohner, damit diese zweifelsfrei den Zimmern zugeordnet werden können. Nicht das es ausreichen würde, dass die Senioren mit einem Anstecker auf dem Rücken versehen sind, der Auskunft über Namen und Zimmernummer erteilt. Wir befinden uns schließlich im größten und teuersten Altenheim der Stadt, da kennen die Pflegekräfte ihre Schäfchen nicht!

Die herum sitzenden Menschen warten. Warten, dass es Frühstück gibt oder Mittagessen oder Abendessen. Sie warten auf die Malstunde, die Gesangsstunde oder die Gymnastikstunde.
Der Tagesablauf sieht immer gleich aus. Geweckt werden, gewaschen werden, Frühstück, Beschäftigung laut Plan, Mittagessen, Mittagsruhe, Kaffee und Kuchen, freie Beschäftigung – was in der Regel herum sitzen und vor sich hin schweigen bedeutet – bis zum Tagesabschluss, dem Abendessen.
Als älterer Mensch wird man gewaschen! Man bekommt das Essen püriert, man soll nicht erkennen, was man da zu sich nimmt. So kann es jeden Tag das selbe mit einem anderen Geschmacksstoff geben.
Die Getränke werden angedickt, damit man sich auf keinen Fall daran verschluckt und gegebenenfalls ins Krankenhaus müsste, denn das würde wieder mehr Aufwand für das Personal bedeuten. Und Zeit ist knapp, denn Zeit ist Geld. Pro Bewohner und Tätigkeit werden jeweils zwei Minuten eingerechnet.
Zweiminuten in denen man gewaschen, gefüttert, beschäftigt wird.
Für länger dauernde Anliegen oder einen Gesprächspartner ist keine Zeit. Das wurde leider nicht mit gebucht...

Jeden Tag gibt es einen genauen Plan was unternommen werden soll, dass die Alten beschäftigt sind.
Da wird gesungen und mit bunten Tüchern gewedelt. Zu besonderen Anlässen wird auch die Schminke ausgepackt. Dann wird den Menschen ihre schrumplige alte Haut bunt angemalt. Hinzu kommt, dass eine übereifrige Schwester mit hoher schriller Stimme Kinderlieder trällert. Jeder Anwesende im Raum darf jetzt seinen Nachbarn an der Hand nehmen. „Wir sind jetzt lustig“ ist das Motto.
Ich glaube, wenn ich mal alt werden sollte und in so einem Etablissement unterkomme werde ich keine Lust haben mich amüsieren zu müssen, wenn der „Stundenplan“ dies so vorsieht!

Am nächsten Tag sollen die Hausbewohner ihr Fingerfertigkeit schulen, damit diese nicht ganz verloren geht. Es wird gebastelt. Clownsgesichter werden ausgeschnitten oder Girlanden gefaltet. Und wieder ist das Motto: „Bitte lachen und so tun, als hätten wir unheimlich viel Spaß!“ Ergänzend zu dieser Bastelstunde – die pädagogisch bestimmt sehr wertvoll ist – wäre es vielleicht auch sinnvoll den Senioren einen möglichst eigenständigen Tagesablauf zu ermöglichen. Sprich eigenständiges waschen, Zähneputzen, essen und die alltäglichen Kleinigkeiten die noch so anfallen. Natürlich mit Unterstützung, sofern das nötig ist! Aber ich bin nur ein Rettungssanitäter der davon keine Ahnung hat...(auf Nachfrage wird mir dann erklärt, dass dies den Kostenrahmen sprengen würde)

Es ist wieder so ein Tag an dem eine ältere Dame, die im Krankenhaus für einige Tage war, zurück ins Seniorenheim kommt. Wir fahren sie mit unserem Krankentransportwagen dorthin. Während der Fahrt unterhalte ich mich mit ihr. Sie heißt übrigens Frau Spier.
Frau Spier berichtet von Ihrer Kindheit und Jugend im Krieg. Nachdem ich einiges über die Nachkriegszeit von einer Zeitzeugin erfahren habe erkundige ich mich nach ihren Enkeln. Sie hatte zuvor von Ihrem Mann berichtet der ein Soldat war aber glücklicherweise gesund zurückgekehrt war. Ihr Miene hellt sich auf. Man merkt das sie sehr stolz auf die Enkel ist. Natürlich auch auf ihre Tochter und den Sohn, die ihr diese wunderbaren Enkelkinder geschenkt haben. Allerdings sind diese wegen dem Arbeitsplatz und dem Lebensgefährten aus der alten Heimat weggezogen und nicht mehr so oft bei Frau Spier wie sie das früher noch waren. Aber dennoch wird oft telefoniert und jeder weiß vom anderen Bescheid.
Nachdem ich dann genauestens über den Berufe der Tochter, die Ausbildung des ältesten Enkels, die Fußballmannschaft eines anderen Enkels und über noch vieles vieles mehr Bescheid weiß zeigt sie mir stolz ein Foto ihrer Lieben. Die ältere Dame lächelt, sie scheint sehr Glücklich zu sein.
Sie bedankt sich bei mir für dieses Gespräch.
Ich scheine neben den Telefonaten mit der Familie ein der Wenigen gewesen zu sein, die sich länger als zwei Minuten mit ihr beschäftigt hat.

Wir sind am Seniorenheim angekommen.

Im Seniorenheim angekommen melden wir uns an der Information und teilen der Empfangsdame mit, dass wir Frau Spier direkt in den 3. Stock in ihr Zimmer fahren würden.
Frau Spier hatte uns bereits mitgeteilt, das sie Zimmernummer 13 im 3. Stock bewohne.
Dort angekommen helfen wir der netten älteren Dame noch in ihren Schaukelstuhl, stellen das Gepäck ab, schenken ein Glas Wasser ein und verabschieden uns.

Auf dem Flur begegnen wir der zuständigen Pflegefachkraft. Sie murmelt vor sich hin 3-13 ist wieder da. Sie muss noch gefüttert werden.

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