Tweet07 11.07.2007, 11:21 Uhr 3 1

Heute früh im RE 3

Eine Zugfahrt, die ist lustig, eine Zugfahrt, die ist schön.....

Ich fahre jeden morgen nach Berlin. Nicht dass ich das besonders gerne mache.
Eher nicht. Nein.
Ich mach das halt, weil ich muss.

So wie viele, viele, viele andere auch jeden Morgen.
Jeden Morgen und Nachmittag.
Hin und zurück.
So viele, dass man sich jeden Morgen einen Sitzplatz wortwörtlich „erkämpfen“ muss.

Das fängt schon an, bevor der Zug überhaupt auch nur annähernd in die Nähe des Bahnhofs kommt. Jeder hat ja seinen Platz. An dem man ihn jeden Morgen findet.
Ich hab natürlich auch meinen Platz. Und wehe da steht einer!
Der Warteplatz ist entscheidend. Schließlich hängt es von ihm ab, wie schnell man die Zugtür erreicht. Und somit ist der Warteplatz verantwortlich.
Dafür, dass man dann auch sitzen kann im RE3.
Dafür, dass man neben möglichst umgänglichen, hygienischen Menschen, die nicht mit einem reden, sitzen kann.
Der Warteplatz hat also jeden Morgen eine große Aufgabe.

Auch sehr, sehr wichtig ist, dass man immer dieselbe Tür nutzt.
Das hängt natürlich auch mit dem Warteplatz zusammen. Ist ja logisch.
Man benutzt also immer seinen Platz und sein Zugabteil.
Das machen die vielen, vielen, vielen anderen natürlich auch.
Die sind ja nicht blöd. Die haben den tollen Trick auch raus.

So nun stehe ich also auf meinem Platz. Hat sich kein anderer getraut sich hier hinzustellen. Und das ist auch gut so.
Ich beobachte die Leute. Das mach ich gerne. Ist nämlich manchmal spannender als Kino.
Die Leute sind natürlich jeden morgen die gleichen.
Das ändert sich an manchen Tagen. Aber nur geringfügig.
Das macht das Beobachten noch spannender. Ich frag mich nämlich ab und an mal, was die Leute, die Montag noch ordentlich mit Hemd und Krawatte zur Arbeit gegangen sind, dazu bewegt, heute im Schlabberlook durch Berlin zu crusen.
Es ist mir ein Rätsel.
Wer hätte auch gedacht, wie schnell ein Mensch von „Oho“ zu „Bäh“ werden kann. Na ja ich weiß jetzt das so was von Montagfrüh bis Dienstagfrüh dauert.
Ganz schön schnell, oder?

Tja jetzt kommt leider der Zug.
Heute mal ohne Verspätung.
Auch schön.
Bedauerlicherweise muss ich dafür meine schöne Beschäftigung unterbrechen.
Geht aber gleich weiter, wenn ich nämlich sitze.
Dafür muss ich aber, wie eingangs schon erwähnt, erstmal was tun.

Der allmorgendliche Kampf um den ach so begehrten Sitzplatz fängt an.
Meine Strategie: dicht hinter dem Großen hinterher, der drängelt immer schön.
Das klappt in der Regel jeden Morgen. Glück für mich.
Wenn der Große nicht da ist, such ich mir einen anderen.
Hat gestern Nachmittag leider nicht funktioniert. Bin hinter einer viel zu netten und zu kleinen Person eingestiegen. Die kannte das bestimmt noch nicht.
Tja Pech für mich.

Ich sitze. Hat wieder geklappt. Der Große macht seinen Job echt gut. Muss man ihm lassen.

Jetzt sitz ich also. Und muss mich entscheiden. Ich tue nämlich zwei Dinge gerne im Zug. Schlafen und kucken.
Heute früh entscheide ich mich für kucken. Das geht nur, weil’s heut Kaffee zum Frühstück gab. Also kucken. Wer ist denn heut so da.
Ach ja… die beiden Bauarbeiter. Die fahren jeden Morgen zusammen zur Arbeit, steigen aber unterschiedlich aus. Heißt also, sie arbeiten nicht zusammen, kennen sich aber trotzdem irgendwoher. Der eine ist der besagte Große und der andere ist eher klein und schüchtern und irgendwie sieht er immer zottelig aus.
Der Große hat eine Brille und liest immer die Bild. Manchmal les ich mit. Wenn ich nahe genug dran sitze.
Dann der Frauentrupp. Die sind immer zu sechst oder auch mal mehr oder weniger. Und quatschen in einer Tour. Na ja Weibsen halt. Ist jetzt natürlich nicht negativ zu verstehen, bin ja auch eine.
Da hängt noch so’n Typ im Sitz rum. Den kenn ich auch. Ich glaub mit dem bin ich zusammen zur Schule gegangen. Hmmm vielleicht auch nicht. Wer weiß. Der ist jetzt aber nicht jeden Morgen dabei.

Hauptbahnhof. Hier steigen immer alle aus. Dann ist es schön still für drei Minuten. Nächster Halt. Ich muss raus.

Schnell zur S-Bahn rennen.
Also ich würde jetzt ja eigentlich nicht rennen. Im Gegensatz zu den anderen, plane ich so, dass ich nicht zu spät komme. Egal welche S-Bahn ich nehme.
Aber da nun alle rennen und hetzen mach ich das halt auch.
Bin ja da flexibel. Na ja und Gruppenzwang halt.
Ich fühl mich eben besser, wenn ich auch mit renne.
S-Bahn erreicht.
Gleich bei der Arbeit.
Neun Stunden durchhalten.
Und dann wieder ab nach Hause.
Mit dem RE3.

Dann geht das ganze rückwärts.

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3 Antworten

Kommentare

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    grandiose situationsbeschreibung, erleb ich auch jeden morgen.
    am besten ist die passage "Ich sitze. Hat wieder geklappt. Der Große macht seinen Job echt gut. Muss man ihm lassen." ich musste erstmal laut loslachen :)

    11.07.2007, 12:03 von girasole
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    Haha - wirklich treffend beschrieben! Sehr schön. :o)

    11.07.2007, 11:47 von Lenulitschka
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