zzebra 07.11.2008, 00:10 Uhr 5 3

Herr Z. geht (ebenfalls) einkaufen

Ein Artikelartikel. Na und? Fiel mir eben so ein. Weil nicht nur das Konsumieren, sondern auch das Kommentieren schwer auf den Lenker geht

Manchmal denk ich mir, ich bin im falschen Film, Eingang verwechselt, Vorspann verpasst, baff, Seite aufgeklickt, einen vor den Latz geknallt bekommen, bloß weil ich auf anderen Stoff eingestellt war, schwerere Kost, vielleicht was zum Nachdenken mal, ohne gleich an Polygamie mit einer Dosenwurst zu denken. KONDITIONIERT. Kapiert? Als Affe vor einem Käfig Menschen oder umgekehrt, was soll das? Buschtrommeln, Geigen, Harfen, Querflöte, alles schön und gut, ich mag Trompete. Warum schreibt nicht mal einer was über Trompeten? HÄ? Sie scheppert so schön. Man bläst nicht in sie, man spukt hinein, das schafft dann krachende hohe Töne, die manchmal passen, oder auch nicht. Danach wird sie entsaftet und das Beste dran: es interessiert keinen! Kein Aas will das nach dem Auftritt wissen, wenn der Sabber unten rausrinnt. Klar? In Ordnung, zugegeben, ich hab keine Ahnung von guter Musik, ich hör nur, was mir gefällt. Aber ich kann leider nicht vorher entscheiden, dass mir das, was ich gelesen haben werde, vorher gefallen hat. Bingo? Check? Ein-Euro-Stück reingeschoben? Gut. Sag ich eben was zu Einkaufszentren. Ist gerade in.

Sie gleichen Bunkern. Man findet nie den optimalsten Parkplatz. Man kauft letztendlich mehr als man kaufen wollte. Man geht meistens linksrum. Man findet nie die große Liebe in ihnen. (Warum eigentlich nicht?) Man will dort nur zum Einkaufen gehen, und doch geht man manchmal auch pinkeln. Man kann sich nicht vorstellen, dass ein EINKAUFSCENTER so wahnsinnig spannend sein kann, dass man nicht noch einen analytisch fundierten Text mehr über das Verhalten gelangweilter Vorstädter bei der Überlegung "mehr schieben oder weniger tragen" verfassen könnte, aargh. Man findet so gut wie nie eine Kassiererin, die man auf einen Drink einladen würde und wenn, dann ist man garantiert nicht derjenige, der bei der Dame der Erste, der Abgefahrenste oder der mit dem besten Ich-werd-dich-vögeln-Spruch auf dem zusammengekniffenen Scheiß-Warteschlangen-Gesicht ist. Tschuldigung. Der Einkaufswagen war schuld.

Sie liegen oft am Stadtrand. Dorthin geht man zum Einkaufen. das ist einfach so. Es werden Säusellieder von der Decke wie aus ner emotionalen Sprinkleranlage geträufelt, auch das ist zum Kotzen. Na und? Es gibt genug Dinge im Leben, die zum Kotzen sind. George W. Bush's Außenpolitik etwa, oder dass mein Nachbar ein paar Häuser weiter seine Tochter schlägt, he, he, ich habe nicht erwähnt, was er sonst noch so tut... bin ich der einzige Straßenmoralist im Viertel? Das Maul ist schwer aufzumachen, wenn einem gleich eins drauf gehauen wird, wenn man mal disharmonisch trompetet. Unerwartet, gell? Und was zum Henker soll bloß immer die alte Oma in solchen Geschichtchen, immer muss ne alte Oma für eine Alibi- oder gar Schluss-Pointe herhalten, he, passt bloß auf, dass die nicht bald die Schnauze voll haben und das streiken anfangen, die ganzen Omas, und dass sie einfach keine Einmachkirschen mehr kaufen oder fallen lassen, bloß damit ein paar Leute kreischen und aufjaulen. DANN SEHT NÄMLICH IHR ALT AUS! JAWOLL!

"Cool bleiben!" "Ja?" "Bleib schön cool..." "Leg das Blech wieder zurück.... gaaanz langsam, hörst du? .... Leg sie einfach wieder dahin, wo du sie eben hergenommen hast. Keiner tut dir was, Baby, hörst du? Schau dir alle an, wie sie gucken, es ist in Ordnung. Lass sie gucken. Sie reißen nur die Augen auf, spitzen die Ohren, und in vierzig Jahren fällt den ersten der Arsch ab. Denk daran. Denk an nichts anderes. Und bleib vor allem COOL, ok? Bis dahin ist noch ne Menge Zeit, also leg sie wieder hin, überleg genau, was du tust, du willst das doch nicht wirklich, nicht wahr? Du magst nur ein bisschen der Idiotie der heutigen Zeit erliegen, lass dich nicht ablenken, bleib cool, und leg die verdammte Dose wieder ins Regal zurück, da sind viel zu viele Kalorien drin...."

Zurück zum spannenderen Konsumtempel. Da schnappt man sich einen Wagen, lenkt ihn durch die Phalanxen vollgestopfter Regale, schmeißt was rein und das Drinreingeschmissene wieder aufs Band, von da wieder in den Wagen und nachher in den Kofferraum. Aha. Na und? Zu Hause kramt man alles zusammen und trägt es in die Wohnung und verstaut es wieder in Regalen. Das ist so aufregend wie das Zuklappen einer Klobrille, nur mit dem Unterschied, dass man nach Letzterem LÜFTEN kann, ja? Wie, was? WAS ICH DAMIT SAGEN WILL? Ja, zum Himmel, wie soll ich das wissen, hab ich den ersten Artikel in die Welt gesetzt oder ein anderer? Bin ich Henne? Ei? Ich reagiere nur. Mein Name ist Hase oder: Reiner Reflex.

Irgendwann steht man also dann am Laufband und glotzt wie seinerzeit bei Rudi Carrell Spagetti, Hühnerkeulen, Tomatenmark, Brühwürfel, Klosteine, Nasenspray, Erdnussbutter und so weiter und so langsam fort geruckelt an, schön, gääähn, das kennen wir alle, was könnte man mit dieser Feststellung Tiefgründiges erzählen wollen? Das dass Einkaufsleben scheiße ist? Ist es. Oder ist es nicht. Das ist keine Frage der Anstellung, sondern der Einstellung, Himmel, also warum belässt man es nicht einfach dabei und langweilt den Leser einfach mit einer weiteren gefühlvollen, fein pointierten Liebes-Reißbrettgeschichte, warum muss es nun ein ödes Einkaufscenter sein? Sind wir auf dem Rummel?

Neulich hab ich mir gedacht, ich kauf mal was Originelles ein im Supermarkt und frage an der Info, ob sie Zeit hätten. "Gerade nicht", sagte eine etwas gereizte dickliche Dame, ich solle später wiederkommen, bei ihr sei im Moment die K... am Dampfen und alles gehe drunter und drüber. "Fein", sage, "wann 'später'?" Sie guckt mich gestresst und entnervt an und schreit mir doch lauthals - ich konnte ihr Zäpfchen vibrieren sehen! - über die Schulter und einem wohl zwei Kilometer hinter mir stehenden Mitarbeiter zu: "AAALFONS. WANN HAST DU ENDLICH MAL ZEIT FÜR MICH???" In Ordnung, denk ich mir, auweia, die dicke und Alfons haben mächtig Probleme mit der Zeit grad, vielleicht sollte ich es doch >später< probieren und droll mich in die Muße-Abteilung, da geht es auch ganz nett zu, kauf ich mir ne Tube Muße, von Dosenzeit bekam ich ohnehin letztens Pickel.

Ich habe IMMER einen Einkaufswagen dabei, ohne Einkaufswagen ist man ein verdammter klugscheißender neo-yuppie-yahi-schreiender Konsumentennomade, nichts weiter. Einkaufswagen muss einfach sein, den hat jeder, den haben alle, ohne den ist man quasi der einzig Nackte in einer Heerschar an- wie aufgezogener Zwangsneurotiker. Dass einem einer was in den Achilles oder in den Südpol rammt, das ist nun mal einfach so, damit muss man leben. Dagegen könnte man Knöchelschuhe und eine Arschplastikkappe tragen, aber, hey, wäre dann Einkaufen noch prickelnd? Wo bliebe da die Romantik? Könnten sie gleich von Neonlicht auf Darkroomspot umstellen. (Obwohl... das wäre mal was, oder? Grabbelshopping, He he he...) Scheiß politische Korrektheit. Wer sagt, man muss Ansprüche bedienen? Wo steht, man müsse gefallen? Was heißt das schon, so eine Ansammlung an rechtsspaltigen Quadrätchen, das ist wie Zwangskastrierung. Leben wir für billige Einkaufswagenbelletristik?

Man hat sich so nen fahrbaren Gitterrostkäfig geschnappt, weil man nicht JEDEN TAG hinrennen will, weil man nur ZWEI Arme hat, auf die nur eine Fertigpizza, ne Packung Drehtabak, ne Ketchupflasche und ne Fliegenklatsche für Rotzgören passt, die man das nächste Mal damit in die Flucht schlagen kann, wenn man zu Verstand gekommen ist, weil man eingesehen hat, dass ein Einkaufswagen kein Hemmschuh, sondern ein neuzeitlicher Bollerwagen ist, ohne den ist nämlich Ebbe, Alter. Ansonsten fliegt einem bloß was zwischen die Füße und man wird doof angemacht, warum man keinen Einkaufswagen mit sich führt, und ganz ehrlich, jede noch so abgeschürzte, mies bezahlte Regalauffüllerin und sei sie des niedersten angedachten Ranges dort, hat da das verdammte Recht, danach zu fragen, dazu sind die Dinger nämlich da, die Einkaufswagen, nicht die Auffüllerinnen, es sei denn, man geht wie ein Penner in nen Supermarkt, um nur so einen abgerissenen Alibirettich oder gleich gar keinen Artikel zu kaufen, sondern nur, um einen zu schreiben.

Boah, da kriegt man ja Plack, wenn man so Dramatisches über das Verhalten desorganisierter Mitteleuropäer am Rande des untergehenden Originalitäts- wie fahlen Ereignishorizontes aufschnappt. Was ist das schon, so ne Einkaufstour? Ein Drama in sieben Akten? Na gut, irgendwann zahlt man, steht wie ein Idiot rum, macht das, was alle machen, aber ich fahr auch U-Bahn und mach keinen Krimi draus und im städtischen Hallenbad hab ich mir auch gedacht, wow, warum steht jetzt keiner am Beckenrand und pullert rein, warum nicht? Hätte ich in meinem nächsten Artikel anbringen können, war wieder nichts. Mensch, am Warenlaufband des Lebens schaut man den Leuten quasi in den DARM. Versteht ihr? Kein Mensch mag etwas über den Darminhalt eines spätherbstlichen Durchschnittskonsumenten mit kürzlich kuriertem Blinddarmdurchbruch lesen, das wär nicht mal KLOLEKTÜRE, hätt ich mein Ideal Standard Ort vernetzt!!!

In der Zeit des Kassiergässchens, dieser verlorenen Halbwelt mit Trollen, Monstern und Dinosauriern (sorry, Oma, aber ich mag dich auch mal in eine meiner Geschichtchen packen) da lächelt man grundsolide und bescheiden oder auch nicht, dann lässt man es, nen Furz drauf, da reißt man ein blödes Witzchen, schenkt sich nen Kommentar wie "Alte, siehst du vielleicht scheiße aus heute..." oder "Praller Fettsack, der ganze Dosenfraß in deinem Wagen macht dich auch nich schlanker...", aber man sagt trotzdem nix, man schweigt still aus dem Munde, weil man hier zum EINKAUFEN ist, nicht zum MOSERN, auch nicht zum SCHREIBEN: Geschrieben wird zu Hause, hinter der Tastatur, aber da ist die Situation schon längst abkassiert und Geschichte. Klar?

Einundachtzig Neunzig bitte. Bar oder EC-Karte."Wichtige Links zu diesem Text"
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5 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ich glaube ich hätte Angst dir in der Realität zu begegnen. Wirkst sehr aggresiv. Finde den Text aber nicht schlecht.

    28.12.2008, 23:13 von Poverina.
    • 0

      @Poverina.
      Brauchst du keine Angst zu haben, ich schreibe hier nur, denn, wie ich oben schon sagte:

      Soll für jeden etwas dabei sein. Ich kann alles bedienen. Diesmal war es eben diese Schiene.

      *zwinker*
      :)
      zz.

      30.12.2008, 11:30 von zzebra
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  • 0

    großartig.
    Vom Schreibstil ein Gefühl wie Achterbahn fahren, ansonsten sehr amüsant. Gefällt. ;o)

    09.11.2008, 15:35 von FrauMueller_XIV
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      @oceaneyes
      Soll für jeden etwas dabei sein. Ich kann alles bedienen. Diesmal war es eben diese Schiene. Alles eine Antwort der Geschmackssache;)
      zz.

      09.11.2008, 16:38 von zzebra
  • 0

    Schließe mich an.

    Übrigens haben Honigmelone und ich die nächste Woche schon zur Themenwoche "Deutsche Bahn" erklärt. Nicht verpassen, aufzuspringen - auf den Zug.^^

    07.11.2008, 10:22 von sophietrauer
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