Herr Kowalski mochte nicht im Regen gehen
Und ich kann es nicht besonders leiden, wenn mir jemand in der U-Bahn seinen Rucksack in die Nasennebenhöhlen schiebt.
Entschuldigung, ist hier noch frei? Danke. Wissen Sie, ich kannte mal einen, der war Ihrem hier sehr ähnlich. Ich erinnere mich noch, wie er da saß, der Herr Kowalski, etwas umständlich zwar, auf
einer Arschbacke nur, die Eier eingeklemmt auf kaltem Unterboden, doch das war
nicht sein eigentliches Problem. Es goss in Strömen und Herr Kowalski mochte
keinen Regen. Um ihn herum bildete sich bereits eine dunkelbunte Pfütze, die er
steif und fest zu ignorieren schien ohne eine Mine zu verziehen, obwohl die
Pfütze sich immer weiter ausdehnte und auch an Tiefe gewann. Er tat keinen
einzigen Schritt, weder vorwärts noch rückwärts, weder aus der Pfütze heraus
noch um sie herum noch in sonst eine Richtung. Und so wurde er nass und nässer.
Gummistiefel wären definitiv von Vorteil gewesen, doch die besaß Herr Kowalski
nicht. Auch keinen Schirm. Nicht einmal einen wasserfesten Hut. Der hätte an ihm
auch recht albern ausgesehen, ähnlich albern wie Gummistiefel, obwohl es die in
wunderschönen und Herrn Kowalskis Äußeres aufgreifenden Farben gab, mit und
ohne Musterung, mit verschiedenen Schafthöhen und unterschiedlicher Besohlung. Ich
selber trage abwechselnd zwei Paar schöner Gummistiefel. Die einen haben
Streifen und changieren von lichtem Grün zu pudrigem Rosé. Das andere Paar, mit
einem nicht ganz so hohen Stiefelschaft ausgestattet und daher für weniger
starke Regentage mit niedrigerem Pfützenstand sehr gut geeignet, besitzt
Flecken in der Form und Farbe, wie sie Leoparden auf ihrem Fell zur Schau
stellen. Das passt, denn das Fell von Leoparden und artverwandten Raubkatzen
ist sehr gut imprägniert und dadurch ein sehr guter Schutz gegen die raue
Natur, zu der auch Regengüsse zählen – genau wie meine raubkatzengemusterten
Gummistiefel. Ich hatte mal einen Kater, der muss in seinem Familienstammbaum
auch einen echten Wildfang gehabt haben, denn dieser Kater – ich nannte ihn
Tüte, weil er kurz nachdem ich ihn abgemagert und ausgemergelt aus einem Feuer
gerettet hatte, ihn mit Schlagsahne und Eigelb aufgepeppelt und ihm mit
Brandsalbe die offenen Pfoten versorgt hatte, als erstes vor Angst in eine herumliegende
Plastiktüte flüchtete – trug in seinem Fell ebenfalls dieses raubtierähnliche
Fleckenmuster, das unseren überzüchteten Stubentigern über die Jahre der
Domestizierung irgendwie abhanden gekommen zu seien scheint und einem reinen
Streifenkleid gewichen ist. Tüte hatte beides, wilde Flecken und domestizierte
Streifen. Genau wie meine Gummistiefel. Also wenn ich einen rechten von dem
einen Paar und einen linken des anderen anziehen würde, könnte man mir eine
gewisse Ähnlichkeit mit Tüte nachsagen. Was ich natürlich nicht tat und auch
zukünftig nicht vorhatte, also das Tragen zweierlei verschiedenfarbiger
Gummistiefel an unterschiedlichen Füßen. Es sei denn, ich verlöre den einen der
Streifenstiefel oder den anderen der gefleckten. Aber warum sollte ich. Ich
trage entweder die gestreiften oder die gefleckten. Punkt. Es ist ja nicht so,
dass ich keine Wahl hätte, so wie Tüte. Der hatte keine Wahl, weder bei der
Färbung und Beschaffenheit seines Beinkleides noch bei der Wahl seines Retters.
Dabei hatte er ausgesprochenes Glück, an mich geraten zu sein. Es hätte ihn
auch richtig schlimm treffen können. Er hätte ganz und gar verbrennen können
und nicht nur fast, oder ein anderer Mensch, ein weniger tierlieber, als ich es
war, hätte ihm einfach eins mit dem Spaten über den verqualmten Kopf mit den
verbrannten Schnurrhaaren ziehen können, statt seinem Wimmern zu folgen und ihn
zwischen glühenden Restwurzeln und dampfendem Dreck hervorzufischen. Ich
hingegen, ich nahm mich seiner an, ohne auch nur eine Minute zu zögern. Obwohl
ich keine Gummistiefel trug an diesem Tag. Es regnete ja auch nicht. Hätte es
geregnet, dann wäre womöglich gar kein Feuer ausgebrochen, in das der arme
Kater, das kleine Häufchen Elend, geraten wäre. Oder der Regen hätte das Feuer
rechtzeitig gelöscht noch bevor das Tierchen halb darin verkohlt wäre. Aber es
regnete nicht. Darum trug ich auch keine Regen abweisenden Schuhe. Als ich Tüte
fand, kleideten mich Sandalen. Ich kann wunderbar Sandalen tragen, denn ich
habe schöne Füße. Eine Sandale setzt einen schönen Fuß voraus, zwei Sandalen
natürlich auch entsprechend zwei schöne Füße, auch wenn nicht viele in diesem
Land meine Meinung dazu zu teilen scheinen, geht man nach der Wahl ihrer
Beschuhung in Bezug auf die Beschaffenheit ihrer Füße, da sich diese nicht
selten in einem recht unordentlichen Zustand befinden und sie selbige dann auch
gerne in noch unschönere Sandalen stecken. Unschöne Füße in unschönen Sandalen
gehören verboten. Auch unschöne Füße in schönen Sandalen. Für unschöne Füße sind
Gummistiefel die bessere Alternative zu Sandalen, egal, ob schön oder nicht. Auch
bei nicht vorhandenem Regen. In diesem Fall schützen sie den Träger nicht vor Nässe
sondern die Mitmenschen vor einem unästhetischen Anblick. Ich fände es manchmal
ganz angenehm, wenn wir uns alle mehr um das Wohl unserer Mitmenschen sorgten.
Nicht, dass ich jetzt meinem Nachbarn, der im Übrigen über ein sehr unschönes
Paar Füße verfügt, die ich einmal die Woche unfreiwillig zu Gesicht bekomme, da
er es sich zur Angewohnheit gemacht hat, seine überaus sprießfreudigen
Zehennägel im gemeinsam genutzten Hausflur zu beschneiden, und zwar immer genau
dann, wenn ich morgens mit noch leerem Magen meine Wohnung verlasse, um zur
U-Bahn zu eilen, ständig meine Gutmenschattitüde aufdrücken müsste. Aber ab und
an sorge ich für ihn, indem ich ihm ein bis zwei Flaschen Bier mitbringe oder,
wie erst kürzlich, ihm einen nagelneuen Fußabtreter vor die Tür lege, nachdem
er meinen mehrfach malträtiert und damit etwas überstrapaziert hatte und sich
mittlerweile ein kleiner Berg Schmutz unter meinem Abtreter anzusammeln begann,
der nicht allein von mir stammen konnte. Ein Schmutzberg, der jeden
Mittwochmorgen von unserer nicht ganz billigen Hausputzmannschaft gewissenhaft umreinigt
wurde. Wenigstens entfernten sie die abgetrennten Fußnägel meines Nachbarn von
den Treppenstufen. Dafür war ich jede Woche überaus dankbar und zahle gern die allmonatliche
Erhöhung der Nebenkosten, Posten für Hausreinigung. Manchmal frisst auch die
Katze von Gegenüber die Nägelreste noch vor dem Reinigungstrupp. Katzen und Hunde
mögen abgestorbenes Gewebe, das weiß ich, denn der Hund meiner Cousine – der
leider erst vor kurzem verstarb und Herr Kowalski hieß, was ein recht
ungewöhnlicher Name für einen Hund ist, aber weil er auch ein recht ungewöhnlicher
Hund war, passte der Name dann doch irgendwie – der liebte es, wenn man sich
die Fingernägel feilte. Dann legte er einem seinen riesigen Kopf mit den Langen
braunen Schlappohren auf die Knie, und mit stechendem Blick hypnotisierte er
die Nagelfeile solange, bis man das Schmirgeln unterbrach, innehielt und ihm
die Feile vor die Nase hielt. Etwas unappetitlich anmutend und für mich als
Mensch auch in keiner Weise nachvollziehbar, beschnüffelte Herr Kowalski erst
genussvoll das Feilwerkzeug um es dann in ganzer Ausgiebigkeit abzulecken. Das und
Pansen mochte Herr Kowalski. Aber er mochte nicht im Regen gehen. So, hier muss ich raus. Es war nett, mit Ihnen zu plaudern.





Kommentare
Ich muss immer ein wenig aufpassen, dass ich nicht aus Symptahie zum Autor aufgrund vorheriger Texte, einem Text mit Gewalt etwas Gutes abzugewinnen versuche. Meine Herzen/Empfehlungen fallen i.d.R. sehr spontan ODER nach reiflicher Überlegung/Abwägung. Mir fällt selbst grad auf, dass das sicher normal und somit nicht erwähnenswert ist, dennoch: Hier ist es eine Mischung aus beidem, klingt merkwürdig, ist aber so. Ich hatte den Eindruck, dass dieser Text einfach ein Ventil war, für viel angestautes, noch nicht verarbeitetes. Als ob etwas rausgeschmissen werden musste, was dabei eine leicht hysterische Eigendynamik entwickelt hat. Und JETZT ist wieder Platz und Raum um den Rest zu sortieren. Insofern setze ich große Hoffnungen auf den nächsten Text, denn bei diesem fehlt mir irgendwie merkwürdigerweise diese ganz spezielle sasalische Touch, auch wenn er ja mit drin stecken MUSS. Fazit für mich: ein Text zum Einwirken lassen.
23.09.2012, 14:54 von Mrs.McH
Sorry, ich hatte gerade meine Parodie.
23.09.2012, 15:07 von SasaliPassiert jedem mal :)
23.09.2012, 15:09 von Mrs.McHHast du den Text am Stück geschrieben? Ich habe ihn nun mal mit normaler Geschwindigkeit gelesen und musste schon aufpassen, dass der Fokus beim Erzählstrang bleibt. Als Experiment ganz nett und im Stil stringent. Etwas bernhardinisch, also weniger im hündischen denn im autorischen Sinne. Nur ohne den Vernichtmus.
22.09.2012, 20:33 von quatzatDass es dem JM gefällt, kann ich nachvollziehen. ^^
Achsoja: Changieren, ist das ein Wort? Und einmal steht da abeisen statt abweisen.
der bernhard ist bestenfalls ne politisch interessante gestalt. über seine qualitäten als schritsteller kann man sich ja streiten ....(hörte ich mal so) ;)
23.09.2012, 00:46 von GluecksaktivistinJa, der Text ist ein Stück und ich hab ihn auch mit normaler Geschwindigkeit geschrieben, dabei aber ein wenig das Hirn schweifen lassen, denn eigentlich sollte der Text eine ganz und gar andere Richtung einschlagen, aber kaum hab ich mal eine Sekunde nicht aufgepasst, hat er sich irgendwie verselbstständigt und nun ist er das, was er eben ist. Und nochmals ein Ja, denn changieren ist ein Wort, das meine Oma gerne und oft benutzte, weil sie nicht mehr so richtig gut gucken konnte und dann oft nicht genau erkannte, ob ein Ding nun schwarz oder blau ist oder doch ein dunkles Wasandres, und weil sie sich und uns das nicht eingestehen wollte, sagte sie dann immer, das changiert zwischen und. Es gibt da auch diesen schönen Autolack, den wichtige Menschen gerne auf ihre wichtigen Autos packen, der nennt sich "Perlnutt" oder so, und der schimmert dann in allen möglichen Farben in der Sonne, da weiß man auch nie genau, ob es nun Blassrosa oder Babyblau ist. Nun ja. Und das kleine w hat sich so gelangweilt, da hab ich es spielen geschickt und dann wohl irgendwie vergessen, es aus der Spieleecke wieder abzuholen. Ich gehe es gleich mal suchen...
23.09.2012, 09:52 von SasaliDas mit dem changieren mag ich.
23.09.2012, 21:45 von quatzatchangieren gibbet..und berhard hätte aus dem text einen satz gemacht, also so schlimm is et auch nicht!
24.09.2012, 12:46 von MaasJankommt drauf an, was man sich so tagsüber stundenweise so anhören muss ;)
24.09.2012, 13:06 von GluecksaktivistinAlso bei der ausführlichen Beschreibung der Gummistiefel war ich kurz davor abzubrechen. Ich hab dann zwar noch weitergelesen, aber irgendwie finde ich die Pointe unlustig.
21.09.2012, 19:02 von topfbluemchenIch will mal wieder so nen Champagnergossenbettlersteine-Text. (Weiß nicht mehr, wie der hieß, aber so einen, den will ich!)
:)
ich habe abgebrochen....und den rest in maximal 10 sekunden überflogen.
22.09.2012, 15:06 von GluecksaktivistinFantastisch. :D
21.09.2012, 17:50 von schmetterlingslachenDas hat ja schon was von Logorrhoe.
21.09.2012, 15:16 von nyx_nyxgroßartig! und so wie ich es am liebsten mag, ohne absätze!
21.09.2012, 15:01 von MaasJanDa müssen wir nochmal drüber sprechen, der Herr. Ich versichere Dir: DIE TUN NICHT WEH! Statt dessen echt gut. Das ist sicher Empfindungssache, aber sie schaden auch nicht. Kein bisschen. Schau:
23.09.2012, 14:41 von Mrs.McHHat's wehgetan? Störts?
Komm, ehrlich jetzt!
Keine Absätze müssen auch mal sein, immer nur auf hohen Hacken macht krumme Füße.
23.09.2012, 15:08 von SasaliJa, es geht auch mit ohne.
23.09.2012, 15:09 von Mrs.McH