Junger_Faust 27.07.2010, 15:11 Uhr 6 5

Helgas Bank am Fluß

2. Du willst verstehen was der seltsame Mann sagt? Dann schalte deinen Kopf aus.

Genaugenommen war es ein Tag wie jeder andere. Sie war nur kurz im Supermarkt, Abendessen kaufen. Bis ihr plötzlich das unwahrscheinlichste
passierte, dass sie jemals erlebt hatte. Sie traf auf einen Mann, der nicht nur seltsam angezogen war, sonder auch ganz eigentümlich sprach und was er sagte, war noch viel eigentümlicher. Er sprach von Dingen, über die sie noch nie nachgedacht hatte, noch nicht mal im Ansatz und nun kam dieser alte, seltsam gekleideter Herr und erzählte ihr etwas, dass ihr Leben von Grund auf ändern sollte. Die ganze Situation war so – Abstrakt? Ja, so dachte sie, Abstrakt war die Situation und ganz und gar verwirrend. So versuchte sie das, was die meisten Menschen tun wenn sie etwas erleben, dass sie nicht verstehen können: Verdrängen, vergessen, aus dem Gedächtnis streichen.

Aber wie? Jedes mal wenn sie um eine Ecke ging machte sie sich darauf gefasst, mit dem alten Mann zusammenzustoßen. Mehr noch: Sie wünschte es sich von ganzem Herzen. Es gab doch noch so viele offene Fragen! Doch es passierte nichts, so wie meistens nichts passiert wenn man nichts anders tut als darauf zu hoffen. Bis zu diesem Montag.

Sie hatte sich den Tag frei genommen, denn die Sonne schien und sie hatte noch einige Überstunde zum abbummeln. Sie fuhr an den Stadtrand, parkte ihr kleines Auto und ging spazieren. Sie wanderte die uralten, moosbewachsenen Treppen herunter, langsam und mit einer Hand am rost-rotem Geländer. Sie suchte den Platz, von dem sie wusste dass es dort ein wenig Schatten geben würde und eine kleine Bank auf die sie sich setzen konnte. Eine Bank die so stand, dass sie gradewegs auf den Fluß schauen würde.

Als sie den Platz erreichte, war sie sehr enttäuscht denn sie sah schon von weitem, dass schon jemand da war. Ihr war mit einem mal ganz jämmerlich zu mute, so als würde all ihr Lebensglück aus dem sitzen auf dieser Bank bestehen. Sie fühlte sich von der Welt verraten.

„Liebe Helga, ich bitte dich meine Unverschämtheit nicht zu strafen, aber es scheint mir doch so wunderlich, dass an solch einem schönen Tage, ein Regenstrom in deinem Kopfe herrschen kann? Die Augen wie verengte, zornge Blitze und die Hand geballt wie Donnergrollen, wie kann das sein, so saget mir, obwohl doch die Sonne warm und hell, die Welt beleuchtet?“. Helga erstarrte. Auf der Bank, der Mann der sie so aus der Bahn geworfen, so verwirrte, erfreut und geängstigt hatte. Da war er wieder. Saß auf einer Bank und sah auf den Fluss.

„Ich hatte so sehr gehofft...“, fing sie an aber sie hatte mit einem Mal einen dicken Kloß im Hals. Sie versuchte es erneut. „So sehr gehofft, dass ich dich Wiedersehen würde.“

„Dann wolltest du Fragen über Fragen stellen, rasch wie die unaufhaltsamen Stromschnellen, die Frage nach dem „Wer“ und „Wie“ und dem „Warum“. Fragen die dir helfen aufzuklären, was die eigenen Gedanken dir verwehren. Was der eigen Geist nicht zu entschlüsseln dir vermag? Ist es nicht so, du dummes Kind?“, unterbrach er Helga und winkte ihr mit der Hand und deutet auf die Bank. Sie setzte sich vorsichtig neben ihn. „Du nennst mich dummes Kind? Du bist sehr ungerecht alter Mann.“, flüsterte sie und sah ihn flüchtig von der Seite an. Er trug eine grüne Filzjacke und auf dem Kopf eine altmodische, dunklen Kappe. Er beachtete Helga nicht, er saß nur da und beobachtete die Herbstblätter die im eiligem Tempo in den Wellen des Flusses schwammen. Für einige lange Momente saßen die beiden schweigend nebeneinander. Dann nahm der alte Mann behutsam ihre Hand. Sein Blick ruhte noch immer auf den Fluss als er leise zu sprechen anfing.

„Es ist nicht „ungerecht“ zu sagen, was die Wahrheit ist, oder ist es ungerecht was die Maus zum Adler spricht? Die Maus sagt sie habe Todesangst, das ist die Wahrheit und diese ist von solcher Klarheit das auch der mächtige Adler sicht nicht vor ihr zu verschließen vermag, ob doch wohl er die Maus mit blutgen Fängen reißen wird. Ein dummes Kind, dass bist du wahrhaftig, aber was sind Kinder anderes als dumm und unerfahren? Die Menschen lernen mit den Lebensjahren und du bist nicht alt für mein´ Begriff. Du machst dich selber alt durch zu viele Fragen und keiner kann dir darauf Antwort sagen. Was zwingt dich mit so unheilvoller Kraft der Antwort nachzustürzen wie ein Stein der Lawine? Was zwingt dich zu so trauriger, verschlossener Miene? Es ist nicht wichtig das du verstehst, du gutes Kind, es ist wichtig das du fühlst bevor es dir ein andrer nimmt.
Die Antworten die wichtig sind, die findest du in keinem Buch und auf keiner Zunge dieser Welt.“

„Aber ich frage mich doch nur, was mit mir passiert ist an diesem Tag! Ich fühle, dass du mehr bist als jeder Mensch den ich kenne, ich fühle dass auch ich mehr sein kann als das was ich zu sein glaube, aber ich v e r s t e h e nicht! Ich verstehe überhaupt nichts! Du sagst ich bin die Liebe? Das verstehe ich einfach nicht. Bin ich verrückt? Gibt es dich? Bin ich Tod? Im Koma? Träume ich und wache nicht mehr auf? Was ist das, was bist du, was sagst du mir und warum. Ich verstehe nichts. Absolut nichts.“

„Was sollst du auch verstehen können, wo es nichts zu verstehen gibt? Da wo es keine Sonnenstrahlen für dich zum sehen gibt, wo das Hirn den Müßiggang liebt, da wo weder Ton noch Tastsinn dir einen Ausweg schenken, da wo weder Mutter, Lehrer, Pfarrer lenken? Wo kein Zwang ist zwing dich nicht. Bedenke auch, dass aus Zwang so selten Gutes kam, doch die Freiheit schon immer die reichsten Wege für sich nahm.“

Es war nur ein Wimpernschlag oder ein ganzer Tag, eine Woche, ein Jahr den Helga die Augen schloss. Als sie die Augen wieder öffnete war er nicht mehr da."Wichtige Links zu diesem Text"
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6 Antworten

Kommentare

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    Einmal bitter hier entlang... http://www.neon.de/kat/315970.html

    29.07.2010, 11:27 von Junger_Faust
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    Ich bekomme beim Lesen das Gefühl, dass du dir beim Schreiben zu viel Mühe gibst. Mir fehlt die Leichtigkeit.
    Ein schönes Thema, aber ein Text muss nicht per se verschlüsselt, geschwollen und undurchsichtig sein um gut zu sein.

    28.07.2010, 14:47 von SpotlessMind1988
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      @SpotlessMind1988 ich weiß was du meinst. teil 1 ging mir leichter "von der hand". bei teil 3 wirds sicher wieder besser.

      28.07.2010, 16:27 von Junger_Faust
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    Hmm, was sagt mir das ... vielleicht, dass man getrost die Finger von Religion lassen kann und sollte, solange man kein Bedarf danach hat ? Falls das die Aussage ist, die kann ich unterschreiben.

    28.07.2010, 09:42 von Cyro
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    freut mich das es euch gefällt!

    28.07.2010, 09:31 von Junger_Faust
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    :)
    überwältigt wie beim letzten Mal.

    28.07.2010, 08:16 von Daner
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    man.. ich will helga III bis unendlich lesen! ;)

    27.07.2010, 16:15 von Novel
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