hib 10.07.2007, 08:55 Uhr 5 7

Helden und Mörder

Es gibt tausendmal mehr Helden und Mörder da draußen, als man glaubt. Ich habe heute welche gesehen.

Was wir voneinander wissen, ist immer nur das, was wir einander zeigen. Hinter all dem was man sehen kann, liegt eine leise Ahnung von dem, was keiner sehen soll. Aber die Luft um verhaltene Gesichter flimmert. Der Boden unter schleichenden Füßen bebt. Wenn Hände sich in Andacht falten, wären sie gern Fäuste. Wir wissen voneinander. Ohne uns sicher zu sein. Es gibt tausendmal mehr Helden und Mörder da draußen, als man glaubt. Ich habe heute welche gesehen.

Heute kam einer von rechts in der U-Bahn gerannt. Und griff sich ein schönes Mädchen bei den Lippen. An ihrem Kleid hingen schon überall seine Blicke. Die baumelten wie lose Klammern überall dort, wo sie hängen geblieben waren. Er sprach ihr mit seinem Herzen tief in den Hals. Das war ein einziges Schlagen und Hämmern in meinen Ohren. Und schlug sich am Oranienburger Tor den geschwollenen Kopf an der Tür bei der Flucht. Das schöne Mädchen holte tief Luft und lächelte in sich hinein. Es waren zwei stille Wünsche gewesen, die einander erfüllten.

Heute sah ich einen Mann ohne alles, der mit einem Jungen reden wollte. Laute Musik klapperte dem aus seinen Ohren. Und seine Augen suchten den Boden nach einem schönen Gedanken ab. Trotzdem hielt der Eigentümer des Nichts dem Jungen klimpernd einen Pappbecher vor die Nase, in den der jedoch nur einen Blick hinein warf. Der Mund des Mannes machte flehende Bewegungen. Der Junge hatte aber so gar nichts übrig für ihn. Und wollte ihn gerade wortlos vergessen. Da zischte etwas durch die Luft und ein Kopf trennte sich vom Körper. Aus den Augenwinkeln sah der junge Mann, wie unter ihm die Treppestufen zur Erde hüpften. Und wie seine Beine oben am Absatz gar nicht wussten, wohin sie gehen sollten. Sein Körper fiel in jede Richtung, so ganz ohne Führung, während sein Schädel die Bahnhofstreppe herunter rollerte. Unten angekommen, sah der Junge aus der neuen Perspektive heraus, wie der Mann oben sein Schwert einsteckte.

Heute traf die eine, eine andere, scheinbar ohne es zu wollen. Die zwei prallten gezwungen laut aufeinander und fielen sich gegenseitig auf die Zungen. Sie stellte sich die typischen Fragen zweier Menschen, die sich mit Absicht schon eine Weile nicht mehr gesehen hatten. Vermutlich hatten sie nie verstanden, dass in der anderen auch ein Herz schlägt. Sie suchten sich beide geblickte Fixpunkte, die nicht im Gesicht des anderen lagen und redeten deshalb schielend aneinander vorbei. Das sah eine dritte, die sich den Hals erst warm schüttelte. Bevor sie auf die beiden Blinden zulief und ihre Köpfe gegeneinander knallte. So sehr, dass nachdem sich der Staub gelegt hatte, sie eins geworden waren. Zwillinge, zusammengewachsen am Herzen. Die Dritte ging derweil ihres Weges, während die zwei anderen endlich verstanden.

Heute fielen Schüsse auf dem Alexanderplatz. Ein Mann mit grauem Gesicht übergoss sich mit dem Blut der Passanten. In seiner Brust klaffte ein großes Loch, durch das man den Fußweg hinter ihm sehen konnte. Er verteilte Kopfschüsse wie Äpfel und pflückte jedes Leben vom Baum. Niemand stellte sich ihm in den Weg, keiner wollte sein Herz mit ihm teilen. Und so stapelten sich die Körper zu großen Bergen, auf deren Gipfeln der graue Mann sich manchmal kurz zur Ruhe setzte. Und die Kerne in den Himmel spuckte. Da öffnete sich der Himmel einen kleinen Spalt und es fiel ein Regenbogen auf den grauen Mann. Der war nun plötzlich das Ende vom Regenbogen und sein Kopf füllte sich mit Gold. Da kamen die Leute angelaufen, die noch lebten. Und nahmen sich, was er über die langen Jahre hinweg an Schätzen gesammelt hatte. Während sie dann sein Gold in ihren Ohren versteckten, konnten sie plötzlich seine verstummten Hilfeschreie hören.

Heute fuhr eine Frau im Supermarkt einen flotten Reifen. Sie kurvte um die Gefriertruhen und redete sich den Gummi von den Zähnen. Sie hatte niemanden dabei, der ihr zuhören hätte müssen. Und so warf sie ihre Sätze fröhlich durch die Regale hindurch, mitten hinein in die hungrigen Bäuche der Einkäufer. Dabei suchte sie mit ihrem schnellen Lachen immer wieder nach welchen, die nicht schnell genug wegschauen konnten. Wen sie erwischte, mit dem ging sie drei vier Runden um die Truhen und erklärte, wie ungerecht die Welt ist. Dass Manfred nämlich immer abhaut und sie sich um das Kind kümmern muss. Und dass sie gerne viel Wurst essen würde. Aber alles für Brei draufgeht. Dabei kämpfte ihr schnelles Lachen mit langsam dicken Tränen. Und man war froh, wenn sie nicht vor einem in der Kassenschlange stand. Oder gar hinter. Auf dem Heimweg schließlich traf ich Manfred oder einen, der ihm ähnlich sah. Ich steckte ihm meine Faust so tief in die Nase, dass er nie wieder niesen konnte.

Heute habe ich mich mal gehen lassen. Ich fand das war an der Zeit. Ich hastete durch die Stadt mit gierigen Blicken und fasste allerhand Frauen an, manchen gefiel das sogar. Anderen erzählte ich nur was über ihre Kleidung. Dann schlug ich den Leuten ohne Gesicht am Alex ein paar Konturen in die fahlen Visagen und schubste den Bratwurstmann um, der krachend in seine Würste fiel. Im Saturn klaute ich einen Großbildfernseher und eröffnete ein Kino draußen vor der Tür. Für jeden seinen ganz eigenen Film. Dann sprach ich den Mitte-Penner an und lies mir seine Lebensgeschichte erzählen. Ich lies sie mir am Arsch vorbei gehen, was ein Luxus ist, und kletterte den Fernsehturm hinauf. Dort oben sprühte ich ein Liebesgedicht für meine Freundin, die jeden Nachmittag nach der Arbeit hier vorbei muss. Dann nahm ich mir einen Fallschirm und fiel auf die Scientologen in der Gontardstraße hinein. Die Gehirnwäsche tat mir gut, auf Seifenlauge flutscht das Universum besser durch die Windungen. Und so stahl ich noch zwei Äpfel, teilte mit einem schönen Mädchen an der Haltestelle und traf mich selbst an der Weltzeituhr, weil es Zeit war. Abends frage ich mich dann, was ihr wohl von mir denken müsst.

Heute habe ich alles dafür getan, um ich selbst zu sein. Und morgen mache ich dann all das, wozu ich heute nicht den Mut hatte.

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5 Antworten

Kommentare

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    Ungewöhnlich für dich.

    aber der leise Humor steht dir sehr sehr gut.

    23.02.2008, 17:09 von touchthesky
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    mhm hab den text grad erst entdeckt und möchte meinen, der ist auch ganz töfte!
    herrliches kopfkino:)

    13.08.2007, 17:50 von Anschowi
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    Ich mag Deine Sprachbilder.

    10.07.2007, 17:45 von clara.tornova
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    Hmmmmmm...dann wir das aber ein fauler tag morgen...

    10.07.2007, 11:50 von cosmokatze
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    Wunderschöne Bilder baust du da mit deinen Worten in die Luft! Gefällt mir - sehr!

    10.07.2007, 10:04 von 7Sterntaler
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