"Heißer Herbst" 1977
Unten am Strom donnern Güterzüge über den Bahndamm.
Oben in den Wäldern am Hang über der Stadt schimmert ein Schmutzfilm aus Staub auf Efeu im Sonnenschein. Ich bin Neun und sitze auf einem Felsen über einem See. Weil ich mich langweile, schmeiße ich Steinchen gegen die Steilwände eines stillgelegten Steinbruchs.
Den Hang hinunter, über steile Gassen, verwinkelt, verbaut, auch ein wenig verschandelt. Unter meinen Füßen wölbt sich dunkler Asphalt, wie ein satter, schwarzer Brei. Ein Andreaskreuz am Übergang. Ein Kaugummiautomat am Eck.
Ich setze mit einer Fähre über den Strom. Sie schiebt sich durch das Wasser. Das Wasser schiebt sich. Die Hügel am Horizont schieben sich in meinen Blick. Alles schiebt sich, nur ich steh still.
Eine Seitenstraße in der Stadt. Nachmittags. Die Straße leer und nüchtern. Ich betrete ein schlichtes Bürogebäude. Eine Sekretärin begrüßt mich freundlich. Sie bringt mir Limonade, spricht mit mir und wendet sich wieder ab. Ich sitze auf einem Stuhl im Vorraum neben einem Fernschreiber, der Lochstreifen ausspukt, trinke meine Limo und betrachte versonnen die ausgespukten Lochstreifen.
Geschäftige Männer grüßen mich. Ich beobachte sie und sie beobachten mich im Vorübergehen. Dann bin ich allein. Ich suche die Toilette, öffne die Tür zu einem Büro - ein aufgeräumter Schreibtisch. Kein Mensch da.
Ich laufe hastig aus dem Gebäude, suche einen Busch, stell mich in eine Hecke und pinkle zufrieden. Mein Strahl trifft auf einen Stiefel. Erschrocken erblicke ich einen uniformierten Beamten mit einer MP in der Hand. Der Mann steht hinter einem Zaun und schaut fassungslos an seiner Uniform herunter.
Ich flüchte auf die Straße, wo ein Polizeiräumpanzer um die Ecke biegt. Also ziehe ich mich hastig in das Gebäude zurück und laufe meinem Vater in die Arme, der mich fragt, wo ich gewesen sei.
„Ich war nur pinkeln.“





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