girlcalledm 19.07.2009, 15:48 Uhr 25 2

Heimaturlaub

Oder: Wie Bier mein Leben rettete.

Eigentlich hatte ich mir geschworen, nie wieder auf so ein Bauernfest - die liebevoll "Night on Fire", "Waldfest" oder simpel "Zeltfest" genannt werden - zu gehen, nachdem ich mit 16 oder 17 zwei oder drei Mal auf einem war. Weil es einfach eine Zumutung ist, ein Selbstmord auf Raten. Und dennoch ließ ich mich von einer Freundin übrreden, doch hinzugehen, mal schauen, was sich so tut. Und außerdem war an jenem Abend in sonst in keinem Lokal in der Nähe was los.

Dreiundzwanzig Uhr Dreißig: Ankunft am Berg, an dem jenes Fest stattfindet. Aus Erfahrung und Selbstschutz hatte jede von uns vieren schon etwa drei oder vier Bier intus. Wir erreichen den Eingang, bezahlen. Der nette Feuerwehrjunge fragt mich, wie alt ich bin, zückt schon den Stempel, mit dem er Unter-Sechzehnjährige brandmarkt, damit sie keinen Alkohol ausgeschenkt bekommen. Ich weiß in dem Moment nicht, ob ich mich geschmeichelt oder beleidigt fühlen soll - gerade weil der Junge selbst bestimmt noch nicht das 18. Lebensjahr erreicht hat.
Eingang passiert, wir steuern den Berg weiter rauf, um uns ins Geschehen zu stürzen. Aus den Boxen der ersten Bar dröhnen schon Lieder à la "Tausendmal berührt", was uns sofort veranlasst, das nächste Bier zu bestellen und so weit wie möglich von der Begrüßungsmusik zu verschwinden.
Fern von der Bar und jede mit einem großen Bier beglückt, nehmen wir an einem Tisch Platz. Und im nächsten Moment bekomme ich schon von einem etwa 14jährigen Jungen, der nicht mehr stehen kann, ein Drittel von meinem Bier auf meine Beine geschüttet. Jawohl.

Wir sehen uns um und erkunden die Lage der anwesenden Gäste. Erschreckenderweise gibt einem der eine Teil der Anwesenden das Gefühl, auf einer Abschlussfeier von 14jährigen zu sein, die eine Bad Taste-Party veranstalten. Der zweite Teil ähnelt einer homogenen Masse wie es der Sand am Meer ist: Die Jungs und Männer haben sich in Jeans und Shirt mit coolen Aufschriften wie "Ich war als Kind schon Scheiße" oder "Ich bin schizophren - ich auch" und ca. einer Tube Gel pro Kopf in den Haaren in Schale geworfen. Die Mädchen und jungen Frauen tragen fast ausnahmslos Jeans und entweder ein schwarzes, hellblaues oder pinkes Top, bei dem die Brüste knapp vorm Rausspringen sind und sich noch ein köstliches Röllchen zwischen Shirt-Ende und Hosenbund zeigt. Jetzt weiß ich zumindest, warum mich jeder wie einen Alien angeschaut hat, als ich mit rotem Kleid über einer Leggins aufgetaucht bin. Zu viel für die Anwesenden.

Nachdem ich meinen letzten Schluck von meinem Bier genommen habe und noch auf die anderen warte, um die nächste Runde zu holen, erblicke ich ein ca. 15jähriges Mädchen aus meinem Ort, das sich gerade mit einem gleichaltrigen Jungen unterhält. Nachdem sie ihm ihre mit einem Push-Up raufgedrückten Brüste mit aller Gewalt fast ins Gesicht presst, weiß ich: Ich brauch sofort Bier!
Mit einem neuen großen Bier stehen wir in der Nähe der Bar und prosten an, ich selbst nicht nur über das Getränk glücklich, sondern auch deshalb, weil ich nicht mehr in der Nähe der 15jährigen bin, die nun wahrscheinlich ihren Busen schon im Gesicht des Jungen hatte. In dem Moment wusste ich noch nicht, dass ich demnächst auch das Opfer eines flirtsüchtigen Minderjährigen sein würde.

"Seas! Wea bistn du?" (="Hallo! Wer bist denn du?"), werde ich von hinten von einem Jungen mit einem Shirt mit der Aufschrift "Lieber 5 vor 12 als keine nach Eins!" angesprochen und spüre schon seine Hand auf meiner Hüfte. Ich mache einen Schritt zurück um von seiner Hand loszukommen, schaue ihn entgeistert an und drehe mich wieder zu meinen Freundinnen zurück. Innerlich hoffe ich, dass der Typ abrauschen wird. "Und va wem bist du? Wem gheastn du o?" (="Und von wem bist du? Wem gehörst du an?" = "Wer ist dein Vater?" - keine Ahnung, warum diese Frage für manche so wichtig ist...) Glücklicherweise werde ich im nächsten Moment von meinen Freundinnen weitergezogen, die alte Schulkameraden getroffen hatten. Ich nehme einen großen Schluck von meinem Bier.

"Heeee! Schnööö! De Jungen Zillatola spün scho!" (="Heeee! Schnell! Die Jungen Zillertaler spielen schon!"), schreit neben mir ein etwa 17jähriges Mädchen, das gleich darauf mit einer Schar Gleichaltriger an uns vorbei läuft. Neugierig, warum so junge Mädchen von einer offensichtlich Volksmusik-Gruppe so begeistert sind, folgen wir den der Gruppe zur großen Bühne, auf der tatsächlich drei nicht mehr so junge - wie der Name einen meinen lässt - Männer in Lederhosen und mit Ziehharmonika, Bass und Gitarre stehen. Vor der Bühne tanzt schon jene Gruppe, die uns zuerst so lautstark auf die "Jungen Zillertaler" aufmerksam gemacht hat. Dahinter stehen Menschen im Alter zwischen 14 und 70 auf den Tischen, klatschen mehr oder weniger im Takt mit und singen lauthals zu den Texten der drei jungen Musiker. Erst jetzt bemerke ich, was die "Jungen Zillertaler" singen: "Auf da Bruck [=Brücke], trara, da liegt die Barbara, ganz zerdruckt, trara, von ihr'm Hawara [=Typen]. Und sie hofft, trara, dass nu [=noch] oft, trara, er sie druckt, trara, auf da Bruck!" Ich weiß sofort: Bier her!

Den Ernst der Lage erkannt, stürmen meine Freundinnen und ich sofort zur nächsten Bar und kehren mit einem neuen großen Bier und Tequila - obwohl wir alle vier davon normalerweise abgeneigt sind - zurück zu dem Tisch, an dem wir anfangs saßen. Dort hat sich mittlerweile ein junges Pärchen im wahrsten Sinne des Wortes breit gemacht, das gerade dabei ist, sich halb aufzuessen. Glücklicherweise war nicht genau zu erkennen, ob deren Hosen schon offen waren, denn der Anblick, den wir so hatten, genügte uns schon. Ich nahm mehrere große Schlücke von meinem Bier und hoffte, dass es zu regnen beginnen würde, damit die Taxis schon früher fahren würden.

Bei einer Bar, die zu unserer Überraschung gerade ein Lied von den Sportfreunden spielt - was an jenem Abend wie ein Wunder ist-, kommen wir erleichtert zum Stehen. "Heee... seawas, do siagt ma wieda amoi oane!" (="Heee... hallo, da sieht man wieder mal jemanden!"), schreit jemand und begrüßt eine meiner Freundinnen mit Bussi links - Bussi rechts. "Jo mei, wo hostn du higheirat, wei ma di nia siagt!?" (="Ach, wo hast denn du hin geheiratet, weil man dich nie sieht!?" = "Bist du durch die Heirat umgezogen?"), fragt jene junge Dame meine 22jährige Freundin, die mindestens so schockiert aussieht wie ich in dem Moment. Ich nehme einen großen Schluck von meinem Bier und ziehe meine Freundinnen weiter.

In der nächsten Bar, die wir erreichen, werden zu unserer weiteren Überraschung Oldies gespielt. Wir wussten, dass wir an unser Ziel angelangt waren: dort könnten wir zumindest überleben, bis die ersten Taxis fahren würden. Mittlerweile spüre ich beim letzten Schluck von meinem Bier schon den Alkohol in meinem Blut und beschließe, nun mal eine Trinkpause einzulegen. Nachdem mich ein weiteres Mal ein etwa 17jähriger auf eine derbe Art und Weise anflirtet, stürze ich jedoch abermals zur Bar um mir ein Bier zu besorgen.

Ein Uhr fünfundvierzig. Ich danke innerlich Gott oder wem auch immer, dass es leicht zu regnen beginnt und der Wind immer stärker wird. Mit meinen Freundinnen mache ich mich auf den Weg zum Parkplatz, um ein Taxi zu erwischen. Gemeinsam mit sechs etwa 16- bis 18jährigen Jungs finden wir Platz in einem kleinen Heimbringerbus. Der 18jährige, der neben mir sitzt, meint schließlich: "Owa do ko ma song wos ma wü - geil woa's scho, des Festl!" (="Aber da kann man sagen, was man will - geil war's schon, das Fest!") und schaut mich an. Mit einem gezwungenen Lächeln nicke ich so freundlich wie möglich und bete ein weiteres Mal innerlich, dass wir bald das Haus meiner Freundin erreichen.

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25 Antworten

Kommentare

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    Ja, solche Feste sind klischeegeladen. Und ja, viele Klischees sind wahr. Und ja, Ballermannmusik und Hüttengaudi ist nicht jedermanns Geschmack, meiner ganz sicher auch nicht. Aber musst du das in deinem Text so schreiben, als wären Jugendliche vom Dorf durchweg versoffene Proleten? Wenn Spruch-T-Shirts und Speckrollentops gerade "in" sind, wirst du sie auch in jeder Stadt finden. Das ganze ist mir zu sehr pauschalisiert.

    Aber den Mundart in der Story find ich gut.

    30.03.2010, 11:38 von wiesenknopf
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    wirklich witzig und auf den punkt gebracht!
    kommt mir sehr bekannt vor.

    15.01.2010, 15:48 von voyadaisy
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    also ich find solche Dorffeste immer witzig, die nimmt man doch eh nicht ernst. man geht hin, tanzt, säuft und hat einen abend lang urige musik, dann kann man ja am nächsten morgen wieder in ne riesen-disse gehen.
    erwartungen nicht zu hoch, jede menge alkohol, freunde - dann läuft das. auch noch mit 21! ;)

    12.01.2010, 19:57 von DaisysLeftShoe
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    Sehr fein beschrieben! Ich kenne das ganz gut als externer Beobachter. Habe mir mein Studium mit Coverrock finanziert und immer fleißig die Gitarre in Hallen und Zelten geschwungen.. ;)
    Insofern kann ich Dich beruhigen, das ist wirklich deutschlandweit ein Phänomen des ländlichen Raumes und das Gleiche. Wir waren recht viel unterwegs und ich denke, das man das als Teil der Kultur unseres Landes bezeichnen kann. Sollte man also kennen... ;-)

    09.01.2010, 11:05 von Klive
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      @Klive hat ja ganz witzige "kenn ich"-momente, aber es nervt wirklich, dass sich die autorin für besser zu halten scheint, nur weil sie jetzt vermutlich in deutschen großstädten mit anderern ex-landeiern in roten kleidern und leggins trinkt und da vermutlich becks-besoffen indie-rock mitgröhlt anstelle des "fliegerlieds". das gäbe einen ähnlichen text her, wo sich dann der vermeintliche dorftrottel darüber aufregen könnte, wie cool sich da alle fühlen und wundert, dass sich einige vor lauter selbstdarstellung nicht den stock aus dem arsch kriegen. da gibt's genau so schlimme klischeetypen und -tussies.

      und das problem, dass besoffene 15jährige manchmal prolliger und peinlicher und fertiger sind, hat auch nix mit der dorfherkunft zu tun.

      hätte jetzt also ganz gerne noch mal einen text, wie sich die protagonistin in so'nen arschcoolen berliner in-laden wirft ;-)

      10.01.2010, 18:24 von I_want_to_be_Kloot
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    klar, das phänomen ist bekannt! ich kenne das allerdings von der gegenseite, habe mir mein studium mit einer coverrockband finanziert. es ist interessant, dass sich diese feste auch überregional nicht unterscheiden. ob das jetzt baden, westerwald oder hildesheimer land ist. wir hatten jedenfalls immer spaß mit einer gewissen vorhersehbarkeit des geschehens... ;-)
    aber ernsthaft: auch wenn man persönlich vielleicht anderes bevorzugt sind diese feste traditioneller bestandteil der kultur in teilen unseres landes. große teile der bevölkerung wohnen eben im ländlichen raum.

    03.01.2010, 13:16 von Klive
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    klar, das phänomen ist bekannt! ich kenne das allerdings von der gegenseite, habe mir mein studium mit einer coverrockband finanziert. es ist interessant, dass sich diese feste auch überregional nicht unterscheiden. ob das jetzt baden, westerwald oder hildesheimer land ist. wir hatten jedenfalls immer spaß mit einer gewissen vorhersehbarkeit des geschehens... ;-)
    aber ernsthaft: auch wenn man persönlich vielleicht anderes bevorzugt sind diese feste traditioneller bestandteil der kultur in teilen unseres landes. große teile der bevölkerung wohnen eben im ländlichen raum.

    03.01.2010, 13:16 von Klive
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    Hollerberg?

    02.01.2010, 09:00 von caless
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      @[Benutzer gelöscht] Hier in Köln heißt das Karneval.

      26.12.2009, 17:40 von eurafrika
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    Schoppefescht, Beachparty (mitten im Wald!?), Dancenight in...(man setze beliebig alle möglichen Käffer dahinter), jaja wer kennt es nicht?

    Wunderbar amüsant zum Abendbrot gelesen.

    22.12.2009, 17:56 von Villja
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    SELBST SCHULD. WENN MAN SICH FÜR WAS BESSERES HÄLT: EINFACH NICHT HINGEHN.

    21.12.2009, 19:22 von KingKonschdi
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