Jakob_Schrenk 06.12.2012, 13:39 Uhr 366 20
NEON täglich

Hate it!

Was tun gegen digitale Aggressivität?

Ich hasse wirklich das Wort Shitstorm und habe mich bisher über meine Journalisten-Kollegen, die es in betroffenen/beleidigten Artikel verwendet, gerne lustig gemacht. Dann habe ich vor ein paar Tagen auf Facebook gesehen, dass sich einige meiner Freunde sehr über einen Artikel erregen, der auf Brigitte.de steht. Meine Freunde schrieben sinngemäß, der Artikel sei das ekelhafteste und verachtenswerteste, was sie je gesehen hätten. Also ging ich auf Brigitte.de. In dem fraglichen und sehr kurzen Artikel geht es darum, dass Männer ab einem bestimmten Alter nach Meinung der Autorin nicht mehr Skateboard fahren sollten, weil das albern wirke. Die These ist nicht besonders originell, man hat sie schon öfter in Bezug auf andere Utensilien, die man nun mal eher Jugendlichen zuordnet, gehört (es gibt zum Beispiel ein ganzes Buch mit dem Titel: „Wenn ich mal groß bin: Das Lebensabschnittsbuch für die Generation Umhängetasche“, in dem sich der Autor auch über NEON aufregt). Was ich wirklich völlig irre finde: Der Artikel hat über 2400 Kommentare, in denen die Verfasserin offenbar auf teilweise unfassbare Weise beschimpft wird. Über dem Artikel stehen fünf Richtigstellungen, Entschuldigungen, neue Richtigstellungen und neue Entschuldigungen der Brigitte-Redaktion, die sich offenbar genötigt sah, die ganze Behandlung des Artikels und seiner Kommentare so transparent und öfffentlich zu machen, als habe das ganze Ding eine globalpolitische Bedeutung.

Natürlich fühle ich mich wie ein Opa, wenn ich solche Sachen schreibe, aber immerhin: Sascha Lobo sieht das ganz ähnlich: Lobo schreibt: „Hass gab es natürlich schon immer. Aber zu den größten Problemen des Netzes gehört, dass die digitale Version des Hasses ausgerechnet um den Teil reduziert ist, der für den Hassenden anstrengend ist: die Konfrontation von Angesicht zu Angesicht. Ja, das ist ein Problem, und ja, das Internet macht es einfacher, Hass auszukübeln. Wer das leugnet, weil er das Internet zu verehren glaubt, der hat nicht nur das Netz nicht verstanden, sondern die Welt ebenfalls nicht.“

Ich denke, es geht nicht nur darum, ein paar Journalisten bei Brigitte (oder bei NEON) vor gerechtfertigter Kritik oder so zu schützen. Ich finde es auch ganz gut, wenn Journalisten einstecken müssen, wir teilen ja auch oft genug aus. Aber man findet ja hundert andere Beispiele von, jetzt sage ich es schon wieder, Shitstorms. Ich wundere mich ja manchmal auch über den Ton, der auf NEON.DE so herrscht. Was also tun? Lobo klingt ein wenig hilflos und sehr rührend, wenn er schreibt: „Ein Schulfach Interneterziehung wäre ein Anfang, dazu ein Aufstand der Nichthassenden, ebenso wie alle anderen Maßnahmen, die zu einer digitalen Herzensbildung beitragen, einer sozialen, nicht bloß technischen Online-Kompetenz also.“ 

Was meint Ihr, was könnte man tun? Gibt es mehr Möglichkeiten als nur ein Appell zu mehr Anstand? Oder ist die Realität nun halt mal so, wie sie ist, und man muss es halt ertragen? Oder übertreibe ich hemmungslos das Problem? Was sind eure Erfahrungen mit dem Hass? 

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366 Antworten

Kommentare

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    Oller Hut, aber ich nehme Abstand sobald ich merke, auch nur einer hatet mit mir. Dann krieg ich sofort Mitleid mit dem, den ich fies annöle und schwenke um. Das heißt Shitstorm ist insofern schon ein passendes Wort, denn jeder Mob mit Moralkeule in der Faust war, ist und bleibt eine stinkende Suppe Heuchelei. Es ist ekelhaft, wenn alle auf einen gehen. Egal aus welchem Grund und sei er noch so gut.

    11.01.2013, 20:39 von Boahmaschine
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      die einstellung find ich gut und vorbildhaft.

      11.01.2013, 21:06 von nnoaa
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    sascha lobo ist eine feiste bockwurst.

    21.12.2012, 21:47 von libido
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    Haha. Natürlich verdient das Wort des Jahres, "Shitstorm" etwas Aufmerksamkeit, wieso auch nicht, gibt ja im Moment nicht viel anderes, über das man reden könnte. Aber das ist alter Wein in neuen Schläuchen, nicht? Man könnte sagen "Shitstorm" ist das, was man früher "Skandal" genannt hat. Nur hört sich Shitstorm etwas cooler, etwas zeitgemässer an. Und der wesentlichste Unterschied zu früher, falls man an einen Appell denkt, ganz im Sinne von "Diese Jugend von heute", es gibt keinen.
    Jakob_Schrenk ist ja Journalist, der hat sicher schon Leserbriefe erhalten und ich weiss, dass solche Leserbriefe nicht gerade in den allerschönsten Farben geschrieben sind und manch einen Redaktor erröten liessen. Aber die Redaktion konnte diese Leserbriefe zensieren, oder gar nicht veröffentlichen oder was auch immer damit machen. Facebook und Internet sind unmittelbar, etwas zu löschen, dass im www steht, eine schwierige Sache (wenn man nicht die Kontrolle über die Server hat) und dass Problem ist keines in dem Sinne. Es ist kein Problem über die Unmenschlichkeit des Menschen, über fehlende Erziehung oder über eine Verrohung der Gesellschaft. Es ist vielmehr Zensur die wegfällt.

    11.12.2012, 16:52 von denkanstosser
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    Die Quintessenz dessen,was Lobo sagt ist ja nun leider, dass es weniger am Internet, sondern am Menschen liegt. Und eben jener hat sich in seinen dunklesten Tiefen seit Jahrtausenden kaum verändert.
    Wir bleiben,was wir sind. Egozentrisch, Indifferent, geistig und sozial schlichtweg plump.


    08.12.2012, 20:30 von Myselfandme
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  • 1

    Smoke shit inside the Storm and smile

    07.12.2012, 23:35 von SteveStitches
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    Wie sind eure Erfahrungen mit Hass.

    Hihi. Unpassend, aber ich konnte nicht anders.

    Ich befürchte im Übrigen, dass die Realität nun mal so ist, wie sie ist, um dich zu zitieren. Auf jeden Fall zeigt das Ganze, dass die Sensibilität im Internet echt völlig fehlt. Vielleicht brauchts noch ein paar Jahrzehnte..

    07.12.2012, 12:58 von halbkindmf
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      BOA! DER FALSCHE LINK! So ein Scheiss.

      07.12.2012, 12:59 von halbkindmf
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      DAS war, was ich meinte... :(

      07.12.2012, 13:02 von halbkindmf
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      Ich möcht jetzt auch Kuchen - Kuchen für alle!

      09.12.2012, 19:00 von Dalek
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    Das "Problem" bei digitaler Kommunikation ist doch nicht neu. Die gesamte Schiene der nonverbalen Kommunikation ist nicht existent (Mimik, Gestik etc.). Auf der anderen Seite interpretieren wir "Dinge" in das geschriebene hinein, die aus unseren Erfahrungen resultieren, die wir in unserem Leben gemacht haben. Wir glauben nur das, was wir kennen. Der eine nimmt etwas als einfache Kritik, der andere sieht es als Angriff. Außerdem benutzen wir das unpersönliche Internet als Ventil, leben Triebe (Hass, Anprangerung) aus, die wir im "realen" Leben nicht ausleben können. WIr begeben uns zurück in die Steinzeit. Ich denke Aufklärung und Information wären ein erster Weg. Kurse in der Schule einzuführen, um das Thema transparent zu machen ist eine gute Idee.

    07.12.2012, 12:32 von Tata1331
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    Was ich nicht verstehe, ist, wie man angesichts dieses grundsätzlichen Problems jetzt den Brigitte-Artikel diskutiert... Püh

    07.12.2012, 12:26 von LudwigMartin
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    Interessant - bei der Überschrift hatte ich schon geplant, den Lobo-Artikel hier zu verlinken. :-)

    Ich finde, er hat ziemlich recht in seiner Bestandsaufnahme. Und ich sehe überhaupt nicht ein, daß man sich eine Elefantenhaut zulegen, ergo zum Sozialkrüppel werden sollte.
    Das Problem, daß sich per Internet gegenseitig fertiggemacht werden kann, IST evident. Und das ist traurig, weil es als Medium so faszinierend viele Möglichkeiten birgt bzw. schon unverzichtbar ist.

    Ich muß aber dazu sagen, daß neon bei Weitem nicht Ausmaße erreicht. Trotz meiner Meinung oben hat hier die Überempfindlichkeit einen guten Platz gefunden, den die Redaktion verteidigt.

    Wenn sie damit Ausuferungen (shitstorms) verhindert, find ich das auch in Ordnung.

    Im Gegensatz zu vielen anderen Foren finde ich neon auch sehr nachvollziehbar, übersichtlich und relativ transparent: man kann sich Profilbilder, Namen und persönlichen Stil gut merken - so daß Ausfälle mit Absender verbunden in Erinnerung bleiben - und das über Zweitaccounts hinweg!

    Mit Leuten, die mir aufgrund meiner geäußerten Empfindungen z.B. Krankheit unterstellen, nehme ich beispielsweise dann weniger ernst.

    Hier also mal ein Lob: Umhängetasche hin oder her - neon ist ein gutes Beispiel für Netzkultur.

    07.12.2012, 12:21 von LudwigMartin
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      du sagst es

      07.12.2012, 12:25 von Jakob_Schrenk
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      Diese Shitstorms bei Facebook/WKW/StudiXY find ich da viel übler, weil die ja zum Teil im RL weitergeführt werden. Wo schon Menschen zum Selbstmord gemobbt wurden.

      07.12.2012, 12:33 von Tanea
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      WKW?

      07.12.2012, 12:51 von halbkindmf
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      Wer kennt Wen. Kennste nich?

      07.12.2012, 12:52 von Tanea
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      ne :) sowas aber auch. wieder was gelernt. Is das was gutes, oder was schlechtes? was ich ja unterste Schublade finde ist Jappy, aber das geht jetzt voll am Thema vorbei. .

      07.12.2012, 12:54 von halbkindmf
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      Ist halt wie Facebook, aber für einfache Leute. Haben hier fast alle    ^^

      07.12.2012, 12:56 von Tanea
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      Jappy, da sieht schon die Begrüßungsseite so nach Fickbörse aus ...

      07.12.2012, 12:58 von Tanea
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      Ist Facebook nicht für einfach Leute;)? Hm, vielleicht schwappt die WKW-Welle ja hier auch irgendwann an.
      Hihi, ja, mehr ist zu Jappy auch nicht zu sagen....;)

      07.12.2012, 13:00 von halbkindmf
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      Jappy, Jappy yeah !

      07.12.2012, 13:07 von Tanea
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      oj, Jappy, oh, jajajajappy!

      07.12.2012, 13:10 von halbkindmf
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      Yappy ist eigentlich ein irres Beispiel, daß Vernetzung keine Bildungsgrenze besitzt. So anstrengend ich das finde, aber in meiner Arbeit war das mal die einzige Möglichkeit, einen 'Klienten' zu erreichen.

      07.12.2012, 22:24 von LudwigMartin
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