Domo 11.05.2005, 02:31 Uhr 4 0

Hast du Netz?

Irgenwie ist echt kaum noch Zeit. Dauernd trällern Handies, weil eine extrem wichtige Nachricht übermittelt werden muß. Schnell, schnell, schnell!

Irgendwie geht ja alles immer schneller. Das weiß ich natürlich schon länger, aber Hrundi V. Bakshi hat mir das neulich erst wieder so richtig vor Augen geführt! Das alles immer schneller geht, ist nicht wirklich eine neue Feststellung und genauso wie sich schon der alte Römer drüber aufgeregt hat, dass die Jugend immer sittenloser und unverschämter wird, bietet auch die Aussage, dass alles immer schneller geht, keine neue Erkenntnis. Darüber regt man sich ja nun auch schon ewig auf. Was andererseits aber auch gar nichts daran ändert, dass es nun einfach mal so ist. Ist das schlimm? Nein, es ist halt so und ganz normal. Aber manchmal ist es halt auch schon nervig. Und was hat jetzt Hrundi V. Bakshi damit zu tun? Hrundi V. Bakshi ist der unglaublich trottelige indische Schauspieler, der in „Der Partyschreck”, von Peter Sellers verkörpert, die Party eines Filmproduzenten zu einem chaotischen Ereignis und damit zum Heidenspaß für alle, außer dem Filmproduzenten selbst werden lässt. Na, und eben dieser Hrundi V. Bakshi erobert auf der Party mit seinem trotteligen Charme das Herz einer netten und süßen Französin, die er dann am frühen Morgen auch nach Hause bringt. Dort gibt er ihr seinen Cowboyhut, den er von seinem großen Western-Idol geschenkt bekommen hat und sie meint, er könne sich den Hut wieder bei ihr abholen kommen, wenn er ihn braucht, vielleicht in der nächsten Woche irgendwann. Wenn das mal nicht eine schöne Art ist, ein Date abzumachen! Aber für die nächste Woche! Nicht gleich mit rauf, schnell eine Tasse Alibi-Kaffee runtergestürzt und dann gesext bis die Sonne wieder tief am Firmament steht. Und das in den hochpromiskuitiven Sechziger Jahren, wo es doch eh einer mit dem anderen getrieben hat. Und dann noch aus dem Munde einer Französin, wo doch wirklich jeder weiß, dass die Franzosen die Liebhaber schlechthin sind und keinem amourösen Abenteuer widerstehen können. Das ist so und ich weiß es genau, ich habe ja auch meine Portion gallisches Blut in den Adern. Ob das heute wohl auch noch jemand so machen würde? Erstmal ein bißchen smooth, abwarten was geht und nicht gleich in irgendwas reinstürzen? Auf jeden Fall würde man heute sicher gleich die Handynummern austauschen und sich dann auf jeden Fall gleich nachdem man gegangen ist, eine nette kleine sms schicken. Und spätestens am nächsten Tag irgendwo eine Tasse Kaffee trinken. Und zwei Tage später wäre man zusammen. Für eine Weile jedenfalls. Das mit der sms bringt mich dann auch gleich zu meinem Handy. Mal ehrlich, seit ich eins hab, kann ich auch nicht mehr ohne das Teil leben und weiß schon gar nicht mehr, wie das früher ohne ging. Man hat sich irgendwo verabredet und wenn einer zu spät kam, hat man ihm die Knochen im Leib verflucht und gewartet. Heute komme ich zu dem verabredeten Treffpunkt, der andere ist nicht da und gleich wird das Handy gezückt und nachgefragt, wo der andere steckt. Könnte ja was passiert sein. Deshalb ist es auch immer wichtig, Netz zu haben. Vor ein paar Jahren bin ich mit meinen damaligen Kollegen auf Betriebsausflug gewesen. Ich war damals noch überzeugter Handyhasser und fand die Teile einfach nur gruselig. Heute benutze ich das Ding alle fünf Minuten. Jedenfalls, wir mit dem Bus durch die Gegend gefahren und überall, wo wir hielten, hatte direkt jeder sein Handy in der Hand und den Satz auf den Lippen: „Hast du Netz?” „Nö! Du?” „Ja, ich hab!” Schön! Das war dann klar! Und heute fühle ich mich irgendwie nackig, wenn ich nicht immer erreicht werden kann. Könnte ja was sein, das nicht bis später warten kann. Na gut, aber manchmal muß man sich ja auch wirklich wichtige Dinge mitteilen, so dass ich dem Teil ja seine Darseinsberechtigung in meiner Hosentasche auch gar nicht absprechen will. Die Schnelligkeit der heutigen Zeit hat da ja durchaus auch ihre guten Seiten, man kann mit einem Handy im Falle einer Verspätung schon einige üble Mißverständnisse aus dem Weg räumen. Und wie schnell man sich über e-mails austauschen kann, ist schon auch eine äußerst coole Sache. Früher in der Schule hatte ich eine eine Brieffreundin in Amerika. Das war immer superspannend, wenn man zwei Wochen auf einen Brief gewartet hat, nachdem man selber einen hingeschickt hat. Heute kann ich auf meine mail innerhalb von fünf Minuten eine Antwort haben, wenn der andere auch gerade am Rechner sitzt. Das ist echt eine prima Sache. Immerhin können sich fast schon richtige Gespräche entwickeln. Von einem Chat will ich da mal gar nicht erst anfangen. Aber mal im Ernst, ich finde e-mails verdammt schön und ich maile gern. Aber ich muß auch zugeben, dass man halt auch einfach schon ungeduldig wird mit den Dingern. Man erwartet halt auch immer gleich eine schnelle Atnwort. Schick mal irgendwo eine Anfrage per e-mail hin. Wenn du nicht innerhalb einer halben Stunde die Antwort hast, fragst du dich doch gleich, was die dort denn treiben. Überhaupt schreibt man dann ja die mails auch oft erst kurz vor knapp, weil’s ja so schnell geht und der andere ja gleich antworten kann. Und wehe, das passiert nicht gleich! Abgesehen davon war ein Brief natürlich auch schön. Wenn du dann irgendwann mal ein Blatt Papier in der Hand hattest, von dem du wußtest, dass da jemand vor ein paar Tagen mit seiner eigenen Hand Wörter drauf geschrieben hat, die für dich gemeint waren. Und dann ist das Blatt Papier wirklich in echt um die halbe Welt gereist. Das hatte irgendwie auch schon wieder was abenteuerliches, mal ganz abgesehen von dem Aspekt, dass das alles einfach persönlicher war. Aber ich maile trotzdem gerne, ich geb’s ja zu.

Irgendwie geht alles immer schneller und irgendwie fühle ich mich immer getrieben und bin froh für jeden Fetzen Zeit, den ich erwischen kann. Seltsamerweise ist dann aber doch auch wieder genug Zeit da, um sie so richtig zu verplempern. Wobei ich damit jetzt nicht meine, mittags irgendwo auf einer Wiese zu liegen und mir die Sonne auf meinen käsigen Bauch scheinen zu lassen. Nein, da hänge ich dann doch manchmal ewig vor der Glotze! Und dass, wo ich doch nur vier Programme habe. Aber selbst mit einer begrenzten Programmauswahl kann man beim zappen noch oft genug irgendwo hängen bleiben und schon sind schon wieder ein paar Stunden weg und ich habe was geguckt, was ich eigentlich zuerst gar nicht sehen wollte und es dann doch interessant fand. Was natürlich auch seine guten Seiten haben kann, indem man vielleicht mal was entdeckt oder lernt, was einem andernfalls total entgangen wäre. Trotzdem war es echt eine weise Entscheidung, als ich mir keinen Kabelanschluß genommen habe! Ich käme ja gar nicht mehr von dem Ding los, das mir aus den tiefsten Schlünden der Hölle geschickt worden ist, um mir meine letzte Zeit zu rauben, die ich wirklich sinniger vergeuden könnte. So sind aber wenigstens meine GEZ-Gebühren nicht verschwendet. Wahrscheinlich bin ich einer der wenigen Menschen in diesem Land, die auch für was gezalht haben, was sie wirklich gesehen haben.

Aber was ich wirklich schlimm finde in unserer schnellen Zeit, das ist, dass durch die ganze Geschwindigkeit viele Werte verloren gehen. Klar, was für Werte? Ein Freund von mir, der sich auch ziemlich für Kampfsport interessiert hat mir vor einiger Zeit von einer Annonce in so einem Kampfsportheftchen erzählt, in der dafür geworben wurde, dass man in kürzester Zeit in irgendsoeiner Kampfkunst zum Meister ausgebildet würde. Ist ja vielleicht auch nur so eine Zucker-um-den-Bart-schmier-Lockmethode, aber wer fällt denn auf so was rein? Haben die denn alle niemals Karate-Kid geguckt? Okay, die Filme bestechen jetzt wirklich nicht durch ihre technische Rafinesse, wenn das Karate-Kid auf wackeligen Beinen abstruse Techniken präsentiert, aber es ist doch einfach beeindruckend, wie der alte Meister Miyagi stundenlang in der Gegend rumhockt und versucht, mir seinen Stäbchen eine Fliege zu fangen. Oder wenn er seinem Schüler was beibringt, indem er ihn ewig einen Zaun streichen lässt. Der Mann hatte einfach noch Zeit, das, was er gemacht hat in Ruhe zu machen. Und irgendwie kommt es mir immer mehr so vor, als hätten wir die Zeit halt irgendwie nicht mehr. Hmm, wenn ich ehrlich bin, ich bin ein unglaublich ungeduldiger Knochen. Ich hasse es zu warten, will die Antworten auf meine mails oder smse direkt und nicht erst morgen. Ich habe ja auch einfach nicht mehr so viel Zeit wie früher, dann muß es halt auch schnell gehen. Ich geb’s ja zu! Aber man braucht doch einfach auch seine kleinen Refugien. Irgendwas, das man in Ruhe macht und einfach nur so. Zum Glück gibt’s für so was ein Klo, da haben wenigstens wir Männer mal stundenlang Zeit und Ruhe. Dort brauche ich echt kein Handy, obwohl ich auch schon gemerkt habe, dass es selbst da einige nicht mehr ohne aushalten und ich mal auf einem öffentlichen Klo mitgekriegt habe, wie einer auf der Schüssel noch telefoniert hat. Zuerst habe ich nur seltsame Laute gehört, dachte schon da wäre was passiert und wollte nachfragen, ob auch alles in Ordnung sei, als die Person anfing zu reden und sich die für mich zunächst undefinierbaren Laute als Zustimmungsbrummen zu erkennen gaben. War dann wohl doch ein wichtiges Gespräch. Na, vielleicht lassen sich einige Telefonate, für die man wirklich Ruhe braucht mittlerweile auch nur noch auf dem Klo führen. Vorausgesetzt man hat Netz!

4 Antworten

Kommentare

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    Coole Pointe. Aber dazu muss der Text kürzer (habe die einzigen beiden Absätze genutzt, um den Textabschnitt dazwischen auszulassen und habe nichts vermisst).

    13.05.2005, 21:47 von Numark
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    Ich habe mir die Zeit genommen bis zum Ende durchzuhalten und habe zwischendurch sehr gelacht.

    11.05.2005, 23:20 von sabbelwasser
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