hey_hey_wickie 19.03.2008, 07:38 Uhr 2 1

Hamburg, 27. März 2006, gegen 23 Uhr

Schon seit Stunden lese ich bei Kerzenschein. Meine Augen schmerzen; und ich habe es satt hier zu sitzen, während um mich herum das Chaos tobt.

Im Dunkeln ziehe ich mir zwei Jacken und Schuhe an und schnappe mir meine Taschenlampe. Die brauche ich, damit ich mir im Treppenhaus nicht den Hals breche.

Die Nacht hier draußen ist beinahe hell, obwohl es in der ganzen weiteren Umgebung keinen Strom mehr gibt. Die kompressorbetriebenen Scheinwerfer der Feuerwehr sind stark. Ich gehe um die Ecke, drücke mich an einem RTL-Übertragungswagen vorbei und bleibe in gemessenem Abstand zum eilig errichteten Bauzaun stehen. Gefallene Kräne haben sich in Häuserdächer und den Asphalt gefressen. Nur wenige Menschen sind hier unterwegs; die Szenerie ist ruhig. Der Tod hat alles stillgelegt. Ich gehe wieder.

Am anderen Ende meiner Straße herrscht dagegen Volksfeststimmung. Etliche Schaulustige haben sich auf den Weg hierher gemacht, diskutieren die Geschehnisse, frieren. Angespannte Polizeibeamte bewachen die Straßensperre hinter der Menschenmenge. Niemand darf hier durch, das Gebiet ist evakuiert worden. 380.000-Volt-Stromleitungen liegen dort auf der Erde. Auf den Hochspannungsleitungen, die nicht abgerissen wurden, hängen in unvorstellbarer Höhe Teile eines Wellblechdachs. Sie sehen aus wie Wäschestücke auf einer Leine, nur metallen, kalt. Ein Typ spricht mich an. Er versucht mich anzugraben indem er alles besser weiß. Dann will er mit mir gemütlich irgendwo ein Bier trinken gehen. Das gibt mir den Rest. Ich lasse ihn unter Weglassung von Höflichkeitsfloskeln stehen und ziehe ab nach Hause.

Es dauert lange, bis ich schlafen kann. Um fünf stehe ich senkrecht im Bett, weil alle elektrischen Geräte in meiner Wohnung gleichzeitig anspringen. Aha, wir haben ein Stromprovisorium. Später gehe ich raus, sehe alles zum ersten Mal bei Tageslicht. Ich wage mich weiter vor in den Norden, den es auch übel erwischt hat. Kein Haus blieb unversehrt, überall liegen Trümmer herum. Die großen alten Bäume, die die Gärten in dieser Gegend geprägt haben, stehen nicht mehr. Dass es hier gestern abend keine Verletzten oder gar Toten gegeben hat, grenzt an ein Wunder.

Hamburg, 27. März 2006, gegen 19 Uhr: Ich sitze am Küchentisch und bin froh, dass ich nicht jetzt erst einkaufen gegangen bin. Es gewittert, gießt in Strömen, stürmt. Mein Haus bebt plötzlich unter einer starken Erschütterung.

Hinter meinem Rücken treibt ein Tornado sein archaisches Spiel.

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    Krieg, Bombenterror, Science-fiction - alles hatte ich erwartet, aber keinen Tornado. Klar, die Überschrift hatte ich übersehen, weil mir das Datum hier im Rheinland nichts sagt. Eine beklemmende Schilderung, aber für mich auch ein kleines Lehrstück über die Vergänglichkeit von Nachrichten.

    Das Wetter. Wie Herr Wickert sagen würde :-)

    15.04.2008, 10:04 von Tarot
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