MisterGambit 26.10.2011, 15:31 Uhr 128 115

Hallo, siebenmilliardster Mensch

Irgendwas möchte ich dir sagen. Wenn du es nicht verstehst, kein Problem. Ich verstehe es auch nicht.

Hallo. Ich habe heute im Radio von dir erfahren. Irgendwas möchte ich dir sagen. Wenn du es nicht verstehst, kein Problem. Ich verstehe es auch nicht.

Ich fange einfach an:

Eine meiner frühesten Erinnerungen: Benjamin Blümchen stapft ungelenk durch einen kunterbunten Tierpark. Im Schlepptau ein unerträglich naiver kleiner Junge. In zeitlupenartigem Tempo sprechen die beiden miteinander. Schwer, auszumachen, wer von beiden der Hohlere ist. Auf dem Baum ein zylindertragender Vogel mit Monokel, im Büro der Zoowärter, Herr Tierlieb. Alles ist super, alles ist schön, Probleme sind übersichtlich, Karla Kolumna ist die freche Reporterin, die berichtet, was sowieso niemanden interessiert.

Gott, wie habe ich diesen schnappatmenden fetten Scheißhaufen, diesen dämlichen Jungen und die gesamte Serie gehasst.

Eine andere Erinnerung. Es ist Spätherbst, ich bin vier oder fünf und sitze schmollend in der Ecke, weil ich Elefanten sehen möchte, die ich, trotz Benjamin-Blümchen, liebe. Mein Vater packt mich ein, wir fahren in den Zoo, es sind kaum Tiere da. Aber die grauen Riesen, elegant, kräftig, schwer, laut stapfen sie durch den verwitterten Park. Melancholische Riesen. Die Augen lugen suchend durch den kantigen Schädel, mit angelegten Ohren spielen sie sich Baumstumpfe hin und her. Meine Mutter ist nicht dabei. Sie sagt später, sie erträgt nicht den Anblick gefangener Tiere.

Das fällt mir immer dann ein, wenn ich an einem Bahnhof auf den Anschlusszug warte, andere Wartende überteuerten Kaffee aus Pappbechern schlürfen, Kopfhörerstöpsel um die Wette dröhnen und ich mich in das gelbe Planquadrat am Rand des Gleises stellen muss, um gemeinsam mit den anderen aussätzigen Selbstzerstörern zu rauchen. Nachmittags ist es voll dort, eng an eng qualmen wir um die Wette, solidarisch gibt man sich Feuer, keiner wagt es, über die gelbe Linie zu treten. Wenn doch, kommt einer der freiwilligen Helfer mit Schal und Brille und bezichtigt uns, asozial zu sein und keine Rücksicht zu nehmen. Ich wünsche mir ein gelbes Planquadrat für Arschlöcher. Nicht nur an Bahnhöfen, überall sollen sie sich eng an eng drängen und sich mit ihren Hinweisen auf Ordnungsübertritten wärmen.

 

Damit man sie auch dann erkennt, wenn sie sich auf dem Weg zum Quadrat befinden, sie sich selbst darauf hinweisen können, wohin sie gehören, könnte man Ihnen Namen geben. Nicht Herr Tierlieb, aber ähnlich plakativ. „Herr Homofürst bitte an Gleis drei zum Arschlochquadrat. Die kleine Wichsfresse hat eine  BMI-sprengende Familienkohorte beim heimlichen Pommesessen im Stadtbus erwischt und möchte ihrem Unmut Luft machen.“

Und dann stehen sie alle beieinander und beschweren sich über flatratesaufende Teenager und Langzeitstudenten und Niedriglohnversünderer und Raucher und Quereinsteiger und sinnsuchende Menschen im Allgemeinen und über Temposünder und über die Formel 1 und über Facebook, über den Kommunikationsverlust zwischen den Menschen, über den Werteverlust einer konfessionell ungebundenen, entpolitisierten Gesellschaft und überpolitisierte Menschen, Billigflieger, teuren Sprit, gierige Bänker, inkompetente Politiker, aidskranke Afrikaner, faule Griechen, gemeingefährliche US-Soldaten, bombenbewehrte Islamisten. Regen sich auf über Angela Merkels Mundwinkel und über Guido Westerwelle an sich und über die Buchpreisbindung und das TV-Programm und das alle ja sowieso nur noch vor ihren Rechnern sitzen, anstatt wie früher den ganzen Tag lächelnd und fröhlich in der Öffentlichkeit herumzuspringen, wo man sie überwachen kann.

Wenn sie Glück haben, kommt Karla Kolumna in ihre Mitte, stellt kesse Fragen und erhält erleuchtende Antworten darauf, was an dieser Welt falsch läuft und dass ein Ruck durch die Gesellschaft gehen muss.

In Wahrheit möchte ich das nicht, in Wahrheit gönne ich niemandem so ein gelbes Planquadrat, im Grunde soll jeder denken und essen und rauchen, was er möchte. Aber dann setze ich mich in den Zug, voll mit pöbelnden Fußballfans, denke „Verbrennen soll man sie“, höre das Gelaber irgendwelcher Studenten über ihre letzten Referate, schmatzende Elefantenfamilien beim Verzehr einer ganzen Kamps-Theke und wünsche mich zurück in mein kleines Raucherquadrat, in dem die Welt in Ordnung war, denn lieber würde ich gerade auf Facebook checken, welcher meiner Freunde kacken war und wie vielen das gefällt, möchte lieber giftigen Rauch in meine Lunge ziehen und billigen Kaffee saufen, meine Kopfhörer aufsetzen. Und im Radio erfahre ich, dass gerade der siebenmilliardste Mensch geboren wurde. Du. Wo sollst du noch hin, frage ich mich: ist die Welt nicht eigentlich zu voll?

Bei den Rauchern: voll

Bei den Arschlöchern: voll

Im Zug: voll

Auf Lampedusa: voll

In Berlin: voll

Auf dem Arbeitsamt: voll

Wo wäre denn noch Platz?

Im Internet passt immer noch ein Profil mehr dazwischen, in meiner Freundesliste kommt es auf eine Statusmeldung mehr nicht an, in Benjamin Blümchens Tierpark war auch immer Platz. Da würde ich an deiner Stelle hingehen, denke ich, da kommt niemand und sagt, du musst eine Bildungsmaßnahme ergreifen, weil du zu langsam sprichst oder denkst, da behelligt dich niemand mit täglichen Katastrophennachrichten, da heißt keiner Herr Homofürst und ist ein Penner. Es ist zu unser beider  Glück  nicht meine Aufgabe, das zu entscheiden, sondern deine Aufgabe und ich wünsche dir, dass man sie dich selbst treffen lässt, dass dich niemand für zu dumm verkauft.

Wenn du es nicht gleich herausfindest, wird das vermutlich okay sein.

Ich weiß bis heute nicht, wem ich mehr ähnele. Dem dämlichen Benjamin Blümchen, der zu langsam für diese Welt ist, darum in seinem bunten Park haust, dem Elefanten im Zoo, der abgestorbene Ideen von links nach rechts schiebt und den lauten macht. Oder einfach nur allen anderen in der Welt, die gänzlich von gelben Linien umrundet ist. In der jeder hoffen muss, dass noch ein Platz für ihn frei ist.

Es gibt Hoffnung: Meine Mutter hat ein Mal gesagt, sie erträgt den Anblick gefangener Tiere nicht. Aber sie ist bis heute weder blind noch verrückt geworden.

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128 Antworten

Kommentare

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    Ich schmeiß mich weg! Dabei ist es doch gar nicht gut vor dem Schlafengehen den Puls so hoch zu treiben.

    Dieser dämliche Benjamin Blümchen! :D

    07.10.2013, 01:02 von Tora
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  • 0

    Mag ich sehr (: Irgendwie kommt der mir bekannt vor. Also entweder ich hab den schonmal gelesen oder du warst bei nen Slam im mittelfränkischen Raum.

    09.12.2012, 00:24 von VonGruenwald
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  • 0

    Wow.

    22.06.2012, 04:51 von lebenslust
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  • 1

    ich lese den text jetzt schon zum 5. mal und er ist immer wieder so unglaublich gut :)

    11.03.2012, 15:25 von niemalsnimmer
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    BAM! Mag ich.

    21.11.2011, 21:48 von Tinkerbell-Melancholia
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    mir fehlt in deinem text irgendwie die brücke zwischen den kindheitserinnerungen, dem hass der erzählenden person auf so vieles und den wünschen an den siebenmilliardsten menschen. ganz viele dem neugeborenen sagenswerte dinge werden angeschnitten, aber diese stränge verlieren sich alle irgendwie. mir fehlt da ein bisschen die komprimierung und der wesentliche punkt. weißte wie das ich meine? ;-)
    geht es nun darum, dass wir menschen ja ein trauriger haufen sind? oder dass dieser traurige haufen zu groß ist? oder dass wir alle gefangene in einer tristen gesellschaft sind? und was sollen dann nochmal die elefanten??? :D

    20.11.2011, 19:35 von mongolenbraut
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    Endlich mal was erfrischend anderes.

    17.11.2011, 18:43 von vele
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    Ich mag Planquadrate

    15.11.2011, 10:34 von Jingeling89
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    Hast du diesen Text zufällig vorletzte Woche Mittwoch auf nem Poetry Slam in Osnabrück vorgetragen? Ich dachte schon bei der Überschrift, dass ich den Text doch kenne :p

    14.11.2011, 22:43 von Smiley14
    • 0

      ja, das war ich

      15.11.2011, 11:39 von MisterGambit
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