JackBlack 28.01.2013, 14:33 Uhr 18 27

Hafenzähne

„Du machst das gut.“, nickte er. Seine Hand verschwand unter meinem Pullover.

Gewaltig dröhnten die Sirenen des Schiffes durch die stille Landschaft.

Einige Möwen, vermutlich lebte nicht mehr eine davon, ließen sich torkelnd auf der Reling nieder. Ich starrte auf den gewaltigen Bug, den ein Pragmatiker in einem verhaltenen Rostrot hatte anstreichen lassen. Schwere Schiffe erinnerten mich immer an meinen Vater. Der war bäuchlings in der Badewanne getrieben, als sie ihn fanden. Noch Jahre später träumte ich davon, wie sein bartelnbehangener Bauch im Wasser getrieben haben musste – so viele Tage lang, dass die Haut so aufgetrieben und stückern ausgesehen hatte wie Käsebruch.

Als das Schiff in den Hafen trieb, hatte ich mich längst an alles gewöhnt. An den Schnee, der sich wochenlang in die Erde geätzt und die Bäume erstickt hatte. Tote Bäume, die in den Stämmen morsch oder hohl waren, sattgefressen an Kälte und der schrecklichen Blässe des Winters. Nun hatte Tauwetter eingesetzt, man konnte es noch nicht so recht sehen, aber hören. Wie aus unzähligen Wasserhähnen tropfte und tröpfelte es. Die Welt wurde gewrungen wie ein nasses weißes Totenhemd.

Neben mir auf der Mauer saß ein Mann, dessen Namen ich mir nicht merken wollte. Er trug eine Mütze tief ins Gesicht gezogen und seine Augen waren von einem mehr als verhangenen Blau. Sie bluteten Wasser, während er mich gönnerhaft ansah und sich immer wieder den Grind aus den Mundwinkeln leckte. „Du machst das gut.“, nickte er. Seine Hand verschwand unter meinem Pullover.

Meine Hand stillte seinen gewaltigen Landschaft. Sie war warm und sie machte es gut.

Mutters Hände hatten es auch immer gut gemacht. Ganz flink waren sie in allem gewesen. Ich ging die Dinge langsamer an. Der Matrose gab krähende Geräusche von sich. Sein Adamsapfel war spitz und tanzte unter seinem dünnen Schal. „Erzähl irgendwas, ich will deine Stimme hören.“, keuchte er.

„Mein Goldfisch ist tot“, flüsterte ich, „ich habe ihn ertrinken lassen.“ Meine Stimme klang dünn. Alles an mir war dünn geworden. Dünn und spröde wie ein verwelktes Blatt.

„Weiter!“, stöhnte der Matrose.

„Ich habe mir überlegt, dass man tote Fische nicht beerdigen kann. Das wäre so, als würfe man Menschenleichen in den Fluss. Nicht ihre Asche, sondern ihr Fleisch, an einem Stück, während es noch Schuhe trägt. „

„Gleich spritze ich in deine Hand!“

„Noch nicht, bitte!“ Ich sagte es flehentlich, wohlwissend, die Sache damit zu beschleunigen.

Weil ich es gut gemacht hatte, belohnte mich der Matrose mit einem heißen Kakao.  Das Hafencafé war überheizt und die vielen älteren Herrschaften, die dort überwinterten, rührten ein anhaltendes Klimpern in ihre Suppenschüsseln und Kaffeetassen. Sprechen tat eigentlich nur die Kellnerin. Als der Matrose bezahlte, grinste er sie lüstern an. Für vierzig Cent Trinkgeld gab sie die Hafenzähne breit entblößt an ihn zurück.

Sicher machte auch sie ihre Sache gut.

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18 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Kakao?

    Ist die minderjährig?

    Blöd?

    Oder Künstlerin?

    31.01.2013, 04:18 von Winterwanderer
    • 1

      PS:

      Wenn Du behaupten könntest, das sei Deine Geschichte, also die einer minderjährigen Künstlerin, das bei #Aufschrei kundtust, kommst Du in die nächstbeste Talkshow.

      Die Zeiten sind danach, die Welle muss man mitreiten.

      Das Gekreische der Harpyien übertönt ohnehin den Gesang der Schwäne.

      Also, Schwänchen, kreische!

      31.01.2013, 04:25 von Winterwanderer
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  • 0

    Der Absatz mit dem Schnee und den toten Bäumen ist grandios. Der Rest ist auch hervorragend. Besser geht's kaum.

    30.01.2013, 08:45 von Bender018
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  • 0

    Gestern, als mein Abo aufblinkte, las ich es, und konnte es einfach nicht herzen. Es war mir irgendwie zu, ja, traurig und zu krass. Allerdings ist es ja genau das, was dich und deine Art zu schreiben ausmacht - du schaffst es, durch deine Texte immer eine Stimmung zu transportieren. Und mindestens das gehört gewürdigt. Ich hab bislang noch keinen deiner Texte gelesen, wo ich nicht reinkam, auch wenn mir das Thema vielleicht nicht bei jedem gefiel. Aber das macht das Mögen eines Textes ja auch nicht aus.
    Für mich gehörst du zu den besten Schreibern auf Neon, wenn nicht gar die beste.
    So, genug der Lobhudelei :-)

    29.01.2013, 12:50 von topfbluemchen
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  • 1

    ziemlich heftig - sowohl Sprache wie auch Handlung

    28.01.2013, 23:00 von SteveStitches
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  • 0

    So besonders, so schön. Danke. Du machst deine Sache gut.

    28.01.2013, 22:46 von Jimmy_D.
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  • 2

    Hach... mehr geht grad nicht, aber wohltuend zu lesen und das Leseherz wurde seit langem mal wieder richtig... befriedigt!

    28.01.2013, 20:06 von Mrs.McH
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  • 2

    Doppelherz fänd' ich hier übrigens mal sehr nützlich.

    28.01.2013, 18:18 von Fieseise
    • 1

      Da sind ja auch 15% drin, also schon hafencafétauglich. Den Landschaft fand ich irgendwie zu arg doppeldeutig, Text und vor allem Überschrift aber sonst gelungen.

      28.01.2013, 19:04 von EliasRafael
    • 0

      15% sind Tanztee und ich mag den Landschaft in all seiner Doppelherzdeutigkeit.

      29.01.2013, 00:01 von Fieseise
    • 0

      Vielleicht bist du ja der Seebär...

      29.01.2013, 00:21 von EliasRafael
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  • 0

    Gewaltiger Artikel und die Überschrift ist grandios. "Hafenzähne", welch wunderbarer Begriff.

    28.01.2013, 17:56 von Henry.Kafur
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  • 1

    She's back. The queen is back.

    28.01.2013, 17:11 von cosmokatze
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  • 0

    endlich!

    28.01.2013, 15:14 von mo_chroi
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