kleinepiratin 22.03.2010, 23:11 Uhr 3 1

Gutmensch

...

Die fröhlichen Geigen stimmen den neuen Morgen an,
an dem Hotel Mama mit ersteinmal einen Ronnefeldt-Tee in einem Kristallglas auf dem Silbertablett serviert.
Ich stehe auf, stolziere über Spuren meiner alten Kindheit und lasse den Flokati auf meinem Boden die Sehnsucht nach Kindheitsnähe spüren, die ich mir nicht eingestehe.
Stirb, Flokati, Stirb.
Meine Hände reißen Faser für Faser entzwei, trennen den Teppich in noch hässlichere Stücke.
Seiden hängt der Faden von der Decke, hält meine Laune am Laufen. Bloß nicht reflektieren ist das Motto, ich bin Woyzeck im Wahn. Die Erbsen, die ich aß, hat Mutter gekocht, also ist sie schuld an allem.
Sie schreit nicht, wenn ich Fehler mache. Warum also sollte diese also solche bezeichnen?

Ich habe die Wahrheit in meinem Kopf, in meiner Welt, meinem Zuhause.
Ich kann sie nur noch nicht ausformulieren. Ich bin schließlich noch ein großes Kind, sagt Mutter.
Aber ich denke, nein ich weiß es: Ich bin erwachsen.
Den Gleichaltrigen bin ich weit voraus.
Deshalb kann ich auch in der Obhut der Familie leben, mein Gehirn besitzt genug an Weitblick. Ich brauche keine wilden Jugendreisen, keine unreifen Eskapaden.
Lieber lebe ich ruhig. So kann ich mich meinen Gedanken widmen, sie fließen lassen und sehen, wann ich mein großes, starkes Werk verfassen werde.
Mutter macht den Rest schon. Und das alles, dieses unnötige am-Leben-Gehalte durch Konsum und krankhaftes Amusement, das habe ich auch nicht nötig.

Im Herzen bin ich ja doch irgendwie Avantgardist.
Diese Menschen da draußen, die wissen doch gar nicht, wie wichtig Familie bald sein wird.
Es ist alles ungewiss, aber eines, eines ist sicher:
Es gab das dritte Reich, also wird es auch einen dritten Weltkrieg geben.
Aller guten Dinge sind drei. Nicht wahr.
Der große Sturz der Politik wird uns nicht allzu spät ereilen, man sieht es doch schon am kränkelnden System des Kapitalismus. Jenes und die Weiterführung dessen hetzt doch unnötigerweise die Sozialisten auf, diese krumme Untergrundorganisation. Und die Urananreicherung spitzt die kritische Lage weiter zu.
Ich will nicht allzu sehr ausschweifen, außerdem müsste den halbwegs allgemeingebildeten Menschen doch bekannt sein, wie es um die heutige Weltsituation aussieht. Nicht wahr.
Pflegt also eure Familien und zeugt viele Söhne. Männer, zeigt eure Stärke, denn auf euch und das Y-Chromosom kommt es an!
Präimplantationsdiagnostik ist am Rande bemerkt übrigens eine hilfreiche Methode vor dem Kinderkriegen.

Nun habe ich von dieser ganzen Klugschwafelei doch einen Spaziergang nötig.
Aber bloß nicht auf die großen Straßen, nicht in die Menschenmassen, nicht in das laute Gedrängel. Ich bevorzuge den Park mit dem Weiher, wo ich gelegentlich selbstmörderisch zu sinnieren pflege, denn das Leben nützt eigentlich doch nichts. Wir sind Parasiten, wir Menschen.

Ich gehe also stolz die Treppe hinunter, die Hand leichtfüßig tänzelnd auf dem hölzernen Geländer, und begebe mich zur Tür. Ein Schritt nach draußen, die Füße strammen Schrittes voreinandergesetzt. Ich trample mit Genuss auf euren Normen und Werten herum. Im Herzen bin ich eine moderne Astrid-Lindgren-Figur, nur hakt mit anders ausgerichteten Idealen. Sie verstehen schon. Nicht wahr.
Im grauen Wintermantel, den ich aus berechtigtem Trotz gegenüber des langen Winters trage (denn der Klimawandel kommt spätestens nächstes Jahr), laufe ich durch die Kleinstraßen, als hätte ich ein Ziel. Ich schaue dabei ausschließlich auf den Boden. Menschen in die Gesichter zu schauen, wäre ja auch unnötig. Was bringt mit denn das? Ich habe Sie, und Sie und Sie doch eh beim ersten Lidschlag durchschaut. Deshalb kann ich mich auch nicht verlieben, ich erkenne Fehler und Makel, nervtötende Macken schon in den ersten Sekunden einer flüchtigen Begegnung. Ich durchschaue schlicht und ergreifend die Menschheit.
Schönheit finde ich zum Beispiel heutzutage auch an so vielen Ecken, dass sie für mich gar nicht mehr besonders und somit auch nicht mehr schön ist. Das einzig wahrhaftig Schöne, was mich in meinem Leben reizt außer meinen Gedanken, sind französische Chansons.
Nicht die Texte sind reizvoll, die sind meist hohl und sinnlos; sondern vielmehr ihr Klang vermag Gefühle in mir zu wecken. Der Klang meines Herzens.
Ich bin so berührt gewesen, als ich zum ersten Mal Edith Piafs ehrlicher, gebrochener Stimme lauschen durfte. Diese damalige Andächtigkeit in meinem Blick kann ich mir selbst durchaus sehr gut vorstellen.
Im Hintergrund von Edith Piafs ergreifendem Gesang verblasste das Mädchen, dem ich vorspielte, es zu lieben. Es vergötterte mich, aber ich war ihm eindeutig zu weit voraus. Geradezu überlegen.
Ich sage ja, ich bin Avantgardist.

Mit der Zeit bin ich an einer Bank angekommen, die ich als meine Lieblingsbank zu bezeichnen pflege. Ich setzt mich hin. Ich ziehe dabei den Hosenstoff an den Knien hoch und gebe beim Hinsetzen einen erleichternden Seufzer von mir.
Dann beginnt die übliche suizidale Phase.
Ich habe keine Wahl, wenn ich geboren werde, denke ich dann. Und deshalb wähle ich auch nicht. Die Politik heutzutage ist sowieso immer der selbe schwarze Brei. Nicht wahr.

Wo wohnte wohl Edith Piaf?
Wie gern würde ich an ihrem Grab weinen und in der HIngabe meinen inneren Frieden suchen.
Stattdessen sitze ich auf einer Bank in diesem schrecklichen Land. In dieser schrecklichen Stadt.
Dann verfluche ich das Geld und seinen Einfluss. Daraufhin entsinne ich mich der Natur und ihres schönen Klanges, sowie ihrer Kraft und der Geborgenheit, die ich früher in der Natur so oft empfand. Später jedoch trampelte meine mutter auf meien Gelüsten und Träumen herum.
Sie ließ mich nicht der sein und werden, der ich sein und werden wollte.
Aus berechtigtem Trotz sitze ich nun hier, wie jeden Tag. Im Wintermantel, wie jedes Jahr um diese Zeit, in der Hoffnung, dass sich irgendetwas ändert, damit ich meinen Mantel ablegen kann.
Ich Schneemann. Und sei es wenigstens der Klimawandel, der mein eisiges Herz schmelzen lässt.

Ich habe lange nachgedacht und bin nun überzeugt, dieser Welt ein Zeichen setzen zu müssen.
Ein gebrochener Mensch stirb aufgrund der heutigen äußerlichen, schlechten Einflüsse.
Diese verdammte Gesellschaft. Ich sehe schon die Schlagzeilen.
EInen Abschiedsbrief braucht es nicht, denn Menschen, die über ein halbwegs akzeptables Allgemeinwissen verfügen, werden es schon verstehen. Nicht wahr.

So stehe ich also auf, habe im Gegensatz zu den Anderen ein vernünftiges Ziel vor Augen: Den Weiher. Er ist mein Werkzeug, das mir hilft, der Welt meine Meinung mitzuteilen.
Ja, ich setze ein Zeichen! Ich renne, ich springe, ich plantsche, ich schwimme in meiner Kindheit. Jedenfalls fühlt es sich so an.
Und jetzt weiß ich genau, was ich will. Ich sinke also auf den Grund des Weihers hinab, für alle Menschen tot. Aber ich werde wiedergeboren. Die Menschheit braucht schließlich Avantgardisten wie mich, gerade jetzt in dieser Zeit vor schweren Zeiten. Nicht wahr.
Ich werde da sein. Ich bin gut.

1

Diesen Text mochten auch

3 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] Dir ist aber schon bewusst, dass ich da durch einen Menschen spreche, der ich selber nicht bin, oder? ;)

      25.01.2011, 20:21 von kleinepiratin
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0


    EIn paar MOnate später hier die Antwort:

    Ja klar ist das unlogisch mnit der Astrid-Lindgren-Figur, und natuerlich wuerde ein Gutmensch nicht von der Klippe springen! Aber der in der Geschichte ist ja auch keiner...

    19.01.2011, 00:12 von kleinepiratin
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] "jemand der Anhänger von Astrid Lindgreen ist, würde sich niemals das Leben nehmen!"

      ist ja der hammer.

      "ein Gutmensch würde auch nicht von der Klippe springen!"

      ist ja noch mehrst der hammer.

      19.01.2011, 00:30 von __ickse
    • 0

      @__ickse versteh nicht, was du damit meinst, "ickse".

      25.01.2011, 20:20 von kleinepiratin
    • 0

      @kleinepiratin ?!
      als ob man 'selbstmörder - ja/nein' so abpauschalisieren könnte.

      25.01.2011, 20:27 von __ickse
    • 0

      @__ickse jawoll, recht hast du. Ich war mir nur der Meinung hinter dienen Worten nicht ganz sicher.

      25.01.2011, 20:28 von kleinepiratin

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare