EGJchakuza 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 1

Guten morgen, Jimmy

Die meisten Menschen werden von ihrem Wecker aus dem Schlaf geholt. Oder äußerst liebevoll von ihrem Ehepartner mit Küsschen, ein paar netten Worten.

Oder von ihren kleinen Kindern, wenn diese morgens ins Schlafzimmer kommen und fröhlich auf dem Ehebett herumtoben. Die meisten Menschen. Anscheinend gehöre ich nicht zu dieser Spezies. Ein unglaublicher Durst und ein Geschmack im Mund, als hätte mir ein Straßenhund in Selbigen geschissen, weckt mich. So muss ein Tag beginnen, ja. Guten Morgen, Jimmy! Ich richte mich in meinem Bett auf und greife nach den Zigaretten. Ich ziehe eine aus der verbeulten Packung, stecke sie in meinen Mund, zünde sie an und ziehe einmal. Es geht nicht. Ich könnte mich übergeben, also drücke ich die Zigarette wieder aus. Auf der Toilette stelle ich fest, dass sogar mein Urin irgendwie nach Asche und Rauch riecht. Angewidert von mir selbst schaue ich den Spiegel, während ich mir die Hände wasche. Verdammt, ich bin zweiunddreißig doch sehe aus, als wäre ich Ende vierzig. Wie dem auch sei. Ich steige in die Dusche und muss erst mal kotzen. Nachdem ich geduscht habe, ziehe ich mich an und mache mir einen Kaffee.

Ich blicke auf die Uhr, es ist 23:21 Uhr. Ich muss langsam echt los, denke ich mir als die Tür aufgeht und Babe mit irgendeinem Typen in die Wohnung stolpert.
„Ey Dad! Hast du Kippen?“, lallt sie. Ich werfe ihr die Schachtel Kool´s entgegen, nehme meine Jacke und verlasse die Wohnung ohne ein Wort mit ihr gewechselt zu haben. Wie das sooft vorkommt. Eigentlich immer. Auf dem Weg zur Arbeit, als ich im Bus sitze, muss ich an den Typen von Babe denken. Er war bestimmt schon fünfundzwanzig. Ich will mir gar nicht vorstellen, was er mit meinem Mädchen macht. Dummerweise habe ich mir meine Phantasie noch nicht aus dem Schädel gesoffen. Babe kommt jedes Wochenende mit anderen abgefuckten Jungs nach Hause. Ich weiß, dass sie Drogen nimmt. Ich weiß nicht genau was sie alles nimmt. Ich weiß auch nicht, ob sie weiß, dass ich es weiß. Das tut aber nichts zur Sache, sie macht was sie will seitdem Sam nicht mehr bei uns ist. Seit Vier Jahren sehe ich zu, wie meine Tochter immer weiter abrutscht. Sie geht nicht mehr zur Schule, obwohl sie eine ausgezeichnete Schülerin war. Sie schrieb sehr gute Noten, und musste nicht einmal besonders viel dafür lernen. Sogar Klavier spielte sie eine Zeit lang. Ich liebte es, Abends mit Sam bei einem Glas Wein im Wohnzimmer zu sitzen, während Babe uns etwas vorspielte. Ich war so stolz. Wir waren so stolz. Aber das ist die Vergangenheit. Die Vergangenheit war schön, ich war glücklich. Die Gegenwart jedoch ist nur noch ekelhaft und kaum zu ertragen. Und was bringt die Zukunft?

„Endstation.“, hallt es aus den Lautsprechern im Bus, der nach Pisse stinkt genauso wie diese ganze Stadt. Genauso wie mein Leben.
Als ich vor der Stempeluhr stehe und meine Karte anstarre, kommt Rob und reißt sie mir aus der Hand. „Es ist Fünf nach Zwölf, Jim! Die Nachtschicht beginnt um Zehn!“
Ich schaue auf den Boden und sage Rob, dass ich das wüßte, und dass es mir Leid täte.
„Jim. Du bist momentan einfach nicht mehr tragbar. Es tut mir Leid. Ich weiß ja, dass zur Zeit alles beschissen läuft bei dir, aber ich muss dich entlassen. Die da oben machen mir nämlich Druck. Du weißt, dass ich das nicht gerne tue, aber...“, Rob redet immer noch, als ich ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren die Fabrik wieder verlasse.
Es fährt kein Bus mehr, perfekt. So muss das laufen. Du wachst mit einem Kater auf, deine Tochter kommt vollgepumpt mit Drogen nach Hause und du verlierst deinen beschissenen Job. Jetzt muss ich den ganzen Weg zurück laufen. Als wäre das alles noch nicht genug, fängt es jetzt auch noch zu regnen an. Gott liebt mich!
Das Industriegebiet sieht bei Regen noch trostloser aus, als es ohnehin schon ist. Wie mein Vater immer zu sagen pflegte, wenn ich als kleiner Junge mit aufgeschlagenen Knien zu ihm kam. „Es könnte immer noch schlimmer sein, mein Sohn“. Danke Dad! Dieser Satz hat mir geholfen mein Leben auf die Reihe zu bekommen, echt. Das Traurige ist, dass ich obwohl ich selbst einen so miesen Vater hatte, meiner Tochter kein Besserer sein kann. Ich bin schon bis auf die Knochen nass und ich friere. Kurz mache ich mir Sorgen, dass ich krank werden könnte. Doch dann fällt mir ein, dass ich soeben meinen scheiß Job verloren habe, und es deshalb schlichtweg egal ist.

Endlich bin ich zu Hause und ziehe mir trockene Klamotten an. Ich setze mich mit einer Flasche Whiskey auf die Couch und lege ein Video ein. Dasselbe Video wie jeden Tag. Es ist Babe´s siebter Geburtstag. Sam, Babe, einige von Babe´s Schulfreundinnen und ich singen Happy Birthday. Babe pustet die Kerzen auf der Torte aus und stellt sich dabei nicht sonderlich geschickt an. Alle lachen und Sam schneidet die Torte an. Ich filme das Ganze und Sam wirft mir lächelnd einen Kuss zu. Sie ist so wunderschön. Spätestens jetzt kommen mir immer die Tränen. So auch heute. Ich will doch einfach nur in Ruhe trauern, den alten Zeiten nachheulen, aber das Gestöhne aus Babe´s Zimmer lässt das nicht zu. Ich setze die Whiskeyflasche an meinen Mund und trinke sie in einem Zug halb leer. Ich stehe auf, gehe den Flur entlang und trete Babe´s Tür ein. Beide schauen mich verdutzt an und Babe schreit, dass ich mich verpissen soll. Babe versucht, ihren nackten, verschwitzten Körper mit der Bettdecke zu verhüllen. Ich greife mir die Nachttischlampe und schlage dem Typen fünf seiner von dem ganzen Chemiedreck schon ganz faulen Zähne aus. Er liegt am Boden. Ich sage ihm, dass er sich anziehen und dann verschwinden soll. Das macht er dann auch. Ich setze mich wieder auf die Couch, drücke auf die Playtaste des Videorekorders und trinke weiter. Babe kommt ins Wohnzimmer. Inzwischen hat sie sich etwas angezogen. Sie ist wütend auf mich und schreit. „Ich hasse dich, Jim! Warum kannst du nicht einfach sterben!?“
Jim. So nennt sie mich immer, wenn sie wirklich sauer ist.
„Das frage ich mich auch, Babe.“, antworte ich ihr ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen.
Das bringt sie noch mehr in Rage. „Samantha ist tot! Wann bekommst du das endlich in deinen dummen Schädel, Jim?!“ Sie schaltet den Fernseher aus, rennt aus dem Zimmer und knallt die Tür hinter sich zu. Wie recht sie doch hat, mich zu hassen.
Nach einigen Stunden gehe ich in ihr Zimmer, um nach dem Rechten zu sehen. Sie schläft. Wenn man sie so sieht, könnte man denken, dass alles in Ordnung sei. So friedlich schläft sie, so unschuldig sieht sie aus, fast glücklich. Auf dem Boden sehe ich das Fixbesteck liegen. Ich nehme es nicht mit. Das würde keinen Sinn machen. Ich habe sie verloren. Vor vier Jahren habe ich nicht nur meine Frau verloren, sondern ebenso meine Tochter. Ich habe alles verloren!

Nach ein paar Stunden Schlaf stehe ich auf. Wieder mit einem Kater, wieder mit diesem schrecklichen Geschmack im Mund. Das erste Mal seit Monaten bin ich tagsüber wach. Das erste Mal seit Monaten sehe ich die Sonne, das Tageslicht. Das Licht ist viel angenehmer als die Neonröhren in der Fabrik. Trotzdem kann ich meine Augen kaum öffnen. Babe´s Tür steht offen. Normalerweise schläft sie um diese Zeit noch. Ich entdecke einen Zettel, der an ihrer Tür hängt. Ich reiße ihn ab und lese:

„Ey Jim,
ich wollte dich nicht wecken, also schreibe ich dir einfach. Ich habe ein paar Klamotten eingepackt und habe mir etwas Geld von dir genommen. Ich kann so nicht weiterleben. Ich muss weg. Ich fliege morgen weg und komme nie wieder zurück. Wohin ich gehe werde ich dir nicht sagen. Ich wollte mich nur verabschieden. Ich wünsche dir alles Gute. Vielen Dank für alles, Dad! In Liebe Babe.“
Guten Morgen, Jimmy.
Ich habe noch nicht bis zum Ende gelesen, da breche ich schon zusammen. Ich sitze im Flur und kann wegen der ganzen Tränen nichts mehr sehen. Sie ist sechzehn, sie ist heroinabhängig, und sie ist jetzt...wer weiß wo! Ich weiß, dass sie nicht lange überleben wird.
Ich kann nicht mehr klar denken. Ich krieche in die Küche und hole eine Flasche Vodka aus dem Eisfach. Hastig drehe ich den Verschluss auf und fange an zu trinken, bis die Flasche komplett leer ist. Die Tränen rennen über mein Gesicht. Ich öffne den Schrank, nehme den Whiskey heraus und sehe meinen Revolver. Mit Whiskey und Revolver lasse ich mich auf einen Stuhl fallen. Ich trinke und trinke. Ich bin schon so betrunken, dass ich für eine Sekunde vergesse, was überhaupt los ist. Leider fällt es mir im gleichen Moment wieder ein. Plötzlich kann ich nicht mehr atmen, ich kriege keine Luft mehr, mir wird heiß. Ich reiße mir die Klamotten vom Körper und renne in mein Schlafzimmer. Nackt sitze ich auf meinem Bett, in einer Hand den Whiskey, in der anderen die Waffe. Ich nehme einen letzten großen Schluck und lasse die Flasche auf den Boden gleiten. Ich liege einfach nur da und weine. Ich weine so sehr, dass mein Hals vom Schluchzen schmerzt. Ich schiebe mir den Lauf der Waffe in den Mund und beiße auf den kalten Lauf. Ich spanne den Hahn, bewege meinen Zeigefinger zum Abzug und schlafe ein.

Im Halbschlaf bemerke ich, dass irgendjemand auf meinem Bett auf und ab springt.
Ich öffne langsam meine Augen und sehe die kleine Barbara, wie sie in ihrem rosa Pyjama und mit großen, leuchtenden Augen immer wieder ruft:
„Ich hab heut Geburtstag! Ich hab heut Geburtstag!“
Im ersten Moment, noch vom Schlaf benommen, verstehe ich nicht sofort was das soll. Ich drehe meinen Kopf zur Seite und neben mir liegt Samantha. Sie lächelt mich an, gibt mir einen Kuss und sagt nur: „Guten Morgen, Jimmy.“

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