Bender018 27.04.2012, 10:16 Uhr 27 14

Grillen! Grillen!

Eine Genussreise zu Saisonbeginn.

Die Fenster sind geöffnet. Frühling wabert durch die Küche.

Ich nehme den Topf vom Herd. Erst einmal Dampf ablassen. ..

Schüsseln klappern gegeneinander. In meiner kleinen Küche ist definitiv viel zu wenig Abstellfläche. Die Schüsseln sind randvoll mit bunten Zutaten – sie spiegeln die Farbenvielfalt und Lebensfreude wieder, die nach dem grauen kalten Winter wieder für Frohsinn sorgen.

Ich öffne den Topf und halte mein Gesicht darüber. Dampfpeeling für Sparfüchse. Sorgsam entnehme ich eine Knolle nach der anderen. Die Wärme, die sich in meinen Handflächen ausbreitet, ist so angenehm wie die ersten Sonnenstrahlen im Frühling, die den Körper berühren. Vorsichtig entferne ich die braune Hülle und ein kleines gelbes Sonnenbällchen kommt zum Vorschein. Behutsam lege ich es auf das vorbereitete Brettchen und  erschaffe aus einem Bällchen viele einzelne Scheiben.  Sie sind nicht allein – sie fügen sich in einer rotgetupften Schüssel wieder zu einer Einheit zusammen.

Hinter mir zischt es. Die richtige Temperatur ist erreicht. Kleine rosa Vierecke, die von winzigen weißen Fäden durchzogen sind, verändern langsam ihre Farbe. Rosa weicht Rot. An der Oberfläche bilden sich mikroskopisch kleine Bläschen, die die Vierecke zum Tanzen bringen, wenn sie platzen.  Ich rüttele an der gusseisernen Tanzfläche der Vierecke und erfreue mich an ihrer wirren Choreographie. Sie schwitzen - welch betörender Duft! Als die weißen Fäden verschwunden und die Knusperquadrate satt und prall und müde vom Tanzen sind, erlaube ich ihnen, sich neben den Sonnenbällchenscheiben auszuruhen.

Acht verschiedene Kräuter wurden im Elektrokarussell so lang im Kreis gedreht, bis sie kopflos wurden und wild durchgemischt am Boden des Fahrgeschäfts landeten.  Auch sie bekommen einen Ehrenplatz im rotgetupften Zielhafen der lukullischen Köstlichkeiten.

Dickbäuchige Zeitgenossen in Rot, Gelb und Grün mit lustig gebogenen Hüten stehen auf Messers Schneide. Durch flinke Finger und kalten Stahl verwandeln sie sich in filigrane, schmale Einzelgänger, die endlich befreit werden von den weißen Pünktchen, die an ihrer Innenseite lange ihren Bestimmungsort gefunden hatten. Durch einen kleinen Schubs von mir, gesellen sich die langen, knackigen Farbensingles zu den Sonnenscheiben, Tanzquadraten und Karussellfahrern.

500 Gramm weiße, sämige und kühle fermentierte Milch tropft gemächlich in ein bereitgestelltes Gefäß. Ein Sommergewitter aus platzregenartigen Tropfen Öls, das in Verbindung mit Eiern, Senf und kleinen eingelegten Gürkchen und Kräutern zum Stocken gebracht wurde, ergießt sich über die weiße Masse, taucht in sie ein und macht es sich dort bequem. Ich gönne ihnen keine Ruhe. Mit kräftigen Bewegungen aus dem Handgelenk schwinge ich den Metallbesen durch die Schneelandschaft bis eine glatte, einheitliche Oberfläche entstanden ist.

Dann ist es soweit: Auch die weiße Soße findet ihren Weg zu den Wartenden in der rotgetupften Schüssel. Sie verbindet alles und jeden. Niemand kann vor ihr weglaufen. Sie umarmt die Sonnenscheiben, reicht den Tanzquadraten ihre Hand, benetzt die Karussellfahrer und kleidet die bunten Schlanken neu ein. Das Werk ist vollbracht!

Ich öffne die Balkontüre. Wohliges Gelächter umschließt mich. Die Sonne zwinkert mir zu. Auf einem Gitter brutzeln die Würstchen wie im Fegefeuer. Noch besitzen sie eine vornehme Blässe. Doch sobald sie genug Hitze abgekommen haben, verwandeln sie sich in Strandschönheiten mit Haut wie von der Sonne geküsst. Kleine Fetttröpfchen, die es nicht mehr aushalten, lassen sich gehen und stürzen beherzt  ins rotglühende Kohlemeer. Es zischt und flammt kurz auf, bevor sie zu kleinen wirbelartigen Rauchwölkchen gen Himmel aufsteigen. Das Steak liegt majestätisch auf der Grillfläche. Es pfeift fröhlich vor sich hin und stört sich nicht an den Hitzestreifen, die ein zartes Muster vom Rost auf ihm abbilden.

Mir wird ein kühles Bier gereicht, während ich den Kartoffelsalat auf Tellern verteile. Ich proste meinen Freunden zu, beiße in ein knuspriges Würstchen und freue mich, dass endlich die Grillsaison begonnen hat.


Tags: Diminutiv, Grillen, Appetit, Yeah!
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27 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Macht Appetit auf Würstchen.

    Dabei bin ich schon immer Vegetarier...

    07.08.2012, 11:14 von coronaria
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  • 0

    Wie erst jetzt mit grillen anfangen? Pff Amateure, angegrillt wurde hier Ende Februar.

    03.05.2012, 10:27 von 0dB
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  • 0

    Jetzt hab ich Hunger :)

    02.05.2012, 09:18 von DubbDubbReloaded
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  • 0

    Find ich gut, gestern wurde hier auch gegrillt. Aber komm: Paprika im Kartoffelsalat?

    01.05.2012, 19:59 von Dahumm
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  • 1

    Entgegen einiger meiner Zeitgenossen, finde ich deinen Text echt gelungen. Jeder hat auf dieser Plattform das Bedürfnis seine tiefsten inhärenten Hoch- und Tiefpunkte nach außen zu kehren und sich mitzuteilen. Und das ist ja auch ihr Zweck.

    Trotzdem ist es schön, ab und zu zwischen dem ganzen: "Du und Ich - unsere Lovestory ist die außergewöhnlichste [...]" einfach mal ein anderes Thema angerissen zu sehen.

    Besonders schön fand ich: "Dickbäuchige Zeitgenossen in Rot, Gelb und Grün mit lustig gebogenen Hüten stehen auf Messers Schneide." Schönes Bild.

    In deiner Kartoffelsalatpoesie steckt mehr Romantik und Freude als in so mancher Liebesgeschichte hier.

     

    01.05.2012, 14:12 von Schniebline
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  • 3

    Ich kann damit leider auch nicht soviel anfangen. Mir ist das zu gewollt schöngeistig. Diese ganzen Umschreibungen und Wortneuschöpfungen, nur um solch profane Dinge wie Kartoffeln, Schinken, Paprika, Strunken u.s.w.
    Überhaupt? Was sucht denn Paprika in Kartoffelsalat? Und außerdem wird der doch auch vorbereitet, und nicht erst zubereitet, wenn die Würstchen schon auf dem Grill liegen.
    Egal, darüber kann man sicher trefflich streiten.

    Diese umschreiberei gelingt oft nur auf Kosten der Logik.

    30.04.2012, 09:11 von Tanea
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    • 0

      Dann geht's um die Wurst...

      28.04.2012, 09:23 von sailor
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  • 3

    Ein Herz für diese vergnügte, vor Koch- und Lebensfreude strotzende Geschichte.

    27.04.2012, 15:07 von Jackie_Grey
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  • 2

    Ist mir auch ein bisschen zu Kochbuch-Romantik...Fleisch kaufen, Fleisch auf den Grill, kein Tamtam, bissl herbes de provence drauf, wenn's fast schwarz ist ist's gar, reinhauen, Bier hinterher, rülps und gut. Diese Haute cuisine beim Grillen ist total abschreckend. Ich würd die/den Grillmeister mit dem Steak verhauen, und es dann normalkonform wie oben beschrieben, grillen. Die Würstchen auch.

    27.04.2012, 15:01 von LeyluraLegbreaker
    • 0

      Die Zubereitung eines Kartoffelsalats gehört für dich bereits zur Haute Cuisine? Lustig, dann fühl ich mich geehrt.

      27.04.2012, 16:03 von Bender018
    • 0

      Mit Haute cuisine mein ich ja nicht das Kochen ansich, sondern die Art wie du es im Text beschreibst. Hält mir dieses eher spiessige Bild eines Perfektionisten vor Augen, und damit kann ich in der Tat überhaupt nix anfangen ;) Kochen macht spass wenn's schmutzig wird, Sachen nicht so 100 prozentig werden, Anekdoten entstehen etc...nicht mein Ding, dein Ding.

      27.04.2012, 16:09 von LeyluraLegbreaker
    • 0

      Diese deutsche Effizienzesserei ist aber auch nicht gerade erstrebenswert, finde ich...

      28.04.2012, 09:23 von sailor
    • 0

      Och, Rostbrätel nach Thüringer Art eingelegt muss schon. dazu grobe, frische Bratwurst und Senf. Passt...

      28.04.2012, 14:48 von Marvbaer
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